Erdogan wurde gehypt bis es schmerzte

Erdogan wurde gehypt bis es schmerzte
Während die Bloggerszene – ich gehöre auch dazu (so betitelte ich am 2. März 2017, hier in Ihrer Kolumne, und schon ziemlich entnervt einen Leserkommentar: „Erdogan wird solange verharmlost bis es zu spät ist“, bzw. schon am 11.09.2009: „Erdogans sanfte islamische Revolution im Schlepptau der Faschisten“) – sich die Finger wund tippte, um ihrer diesbezüglichen journalistischen Pflicht nachzukommen, wurde Erdogans Türkei offiziell wie medial gehypt bis es schmerzte. Dass da vor allem in Moscheen investiert wurde (finanziert auch aus Saudi Arabien) und nicht in Produktionsstätten, hatte ich schon als Information sehr früh, nämlich von Verwandten meiner türkischen Ex-Frau aus der Türkei (der damals von mir veröffentlichte diesbezügliche „Brief aus Istanbul“, den ich auch so betitelte, ist aus meiner Webseite merkwürdigerweise verschwunden, wie auch andere Beiträge zur Türkei).

Merkels „Schuld“
„Die Merkel ist schuld“ – eine völlig verkürzte Sichtweise. Der Kanzlerin Handeln wird von des Kapitals Interessen gelenkt. Und besonders der Rheinmetall-Yücel-Deal zeigte wie sehr die Türkei von geo-strategischem Interesse ist, und zwar für Europa offenbar mehr als für die USA; und daher kann dort regieren und Porzellan zerschlagen wer und wie will. Die Seidenstraße-Achse geht nur über den Bosphorus. Und gerade auch dieser Deal, wofür man gar einen prominenten deutsch-türkischen Journalisten ein Jahr in türkischen Gefängnissen brummen ließ, ein sauberer Deal, einer der den Deal säuberte, zeigte, dass diese Achse auch militärisch zu verstehen ist. Der Handelskrieg Trumps, nicht nur in Bezug auf die Türkei, offenbar abgesichert durch eine mehr oder weniger heimliche Kumpanei mit Putin, zielt, strategisch klug, so klug, dass er ganz sicher nicht von allein darauf gekommen ist, auf die ökonomischen Reserven und Hilfstruppen dieser Achse. Merkels „Schuld“ ist vielleicht ihr diesbezügliches Verschleierungsbemühen.

Vielleicht Opfer seiner Eitelkeit
Ja, Herr Seidl, ich weiß was er in früheren Jahren für die TAZ und gewisse „antideutsche“ Gazetten geschrieben hat. Mal abgesehen davon, dass ich die Verirrungen dieser „Antideutschen“ in keiner Weise teile, ich habe mich damit auch schon auseinandergesetzt, lese ich Yücels Auslassungen eigentlich als Satire, als satirische Verhöhnung eines bekannten deutschen Spießertums. Zu dieser Zeit war das das Synonym für recht eigentliche Kapitalskritik. Auch diesen Ersatz teile ich nicht, obwohl der Spießer evident ist. Allerdings ist er nicht nur deutsch. Also, was wollen Sie mir sagen, dass der Deal deswegen nicht stattgefunden hat, oder dass Yücel es verdient hätte in türkischen Gefängnissen zu verrotten, oder dass sie gar meine Vermutung teilen, dass er in diesen Deal irgendwie eingeweiht war? Ich muss das vermuten, weil ich ihn für keinen Dummkopf halte, der da so mir nichts dir nichts Erdogans Schergen in die Hände läuft. Aber vielleicht machte ihn auch seine Eitelkeit zum Opfer.

faz.net/aktuell/feuilleton/brief-aus-istanbul/brief-aus-istanbul-erdogan-ruft-den-finanz-dschihad-aus

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