Die längste Stunde des Finanzkapitals, oder auch: die Wahrheit darf nicht unterliegen!

Auf jeden Fall aber, denn so sieht es aus, eine sehr unruhige Zeit. Allein dieser Beitrag wurde nun zum 2. Mal gehackt. Irgendwer marschiert da in meinem Blog herum, als wärs sein eigener. Egal wie oft ich das Passwort ändere. Das sieht verdächtig nach einem sog. „Regierungstrojaner“ aus. Leistet da die Bundesregierung gar schon „Waffenhilfe“ an das islamofaschistische Regime in Ankara?
Oder kämpfe ich hier bereits gegen den türkischen Auslandsgeheimdienst MIT, welcher ja bekanntlich aufs engste verbunden ist mit BND und CIA? Ein Kampf ganz sicher wie David gegen Goliath.
Und ich weiß natürlich, wie das enden wird. Nicht anders als der Klassenkampf in der Türkei – mit Opfern, mit vielen Opfern.

Doch lass ich mich so wenig wie die dortigen Massen von der solidarischen Pflicht abhalten. Wer einschüchtert, muss in seine Schranken verwiesen werden. Das ist die derzeit wichtigste Lehre – aus Istanbul wie Tunceli. Die Wahrheit darf nicht unterliegen.

Heinrich Heine und Nazim Hikmet scheinen in den Massen aufzuerstehen
Oder auch: Die längste Stunde des Finanzkapitals

Ein Kommentar zur Revolution in der Türkei
Mit den ersten Aktionen in Griechenland beginnend, zeigt sich die aktuelle revolutionäre Bewegung, in Bezug auf ihre Inhalte, wie aber auch und besonders in ihren Aktionsformen, als schnell radikalisierend. Was wir derzeit anhand der beginnenden Revolution – und davon dürfen wir reden: von einer Revolution – in der Türkei beobachten, übertrifft alles, was wir bisher erlebt haben – in Griechenland, Tunesien, Ägypten, Libyen, Spanien, Portugal, und nicht zuletzt Iran. (Syrien spielt da vorerst noch eine unrühmliche Ausnahme, denn da blamiert sich gegenwärtig nicht nur das Kapital, sondern auch die „revolutionäre Bewegung“.)

Facebook wie Twitter werden weiterhin genutzt, aber zunehmend schon ersetzt. Ja es scheint so, dass eine einzige revolutionäre Massenbewegung auf einen Schlag die ganze Fragwürdigkeit einer „revolutionären Technologie“ aufdeckt. Wo die Massen, wie in Istanbul, eine eigene Zeitung herausgeben, dort zersetzt sich nicht nur ein ganzes Regime in kürzester Zeit, dort entwickeln sich die Keime einer neuen Gesellschaft. Eine ganze Epoche wird umgewälzt. Die vom Kapital behauptete „Informationsgesellschaft“ wird von den revolutionären Massen in eine produktive Gesellschaft neuen Stils verwandelt. Innerhalb weniger Tage wird uns vorgeführt, wie revolutionär Dialektik ist.

Nicht Online, Print ist man dabei. Und die Zeitung ist nicht mehr nur „kollektiver Organisator wie Propagandist“ der Bewegung, wie dies Lenin einmal bezüglich der Rolle der Prawda feststellte, nicht mehr nur Bildungsorgan, wie zu Marxens und Engels‘ Zeiten. Sie kennzeichnet sowohl die Idee der Revolution, deren Fahne sie verkörpert, wie auch eine neue Praxis von Produktion in der Revolution. Stolz präsentiert sie sich als Ausweis der Partei der Revolution. Wo physische und virtuelle Wirklichkeiten in der vom Kapital behaupteten 2. Moderne als ununterscheidbar erscheinen wollen, da zeigt sich ein solcher Gegensatz in der Bewegung der Massen in einer völlig neuen Qualität. Ohne Mühe überwindet sie nicht nur die darin verborgene Aporie der bürgerlichen Warenwelt, sondern auch eine bisher behauptete und solchermaßen allzu eindeutige revolutionäre Realität. Der Widerspruch zwischen Masse und Führung, zwischen Tagesinteressen und Klasseninteressen, zwischen Gegenwart und Zukunft, und erst der zwischen der bürgerlichen Produktion und Konsumtion scheint der revolutionären Massenbewegung kein allzu großes Kopfzerbrechen zu bereiten.

Nicht „kompakte Masse“, gleich einer physischen Entität, wollen sie sein, sondern eine Bewegung in ihrer ganzen sozialen und intellektuellen Vielfalt. Wenn ich den Brief jenes Vaters an den Sohn lese, wie dieser Tage in der FAZ, dann erkenne ich darin nicht nur eine abstrakt geäußerte revolutionäre Selbstkritik, wie sie von einem sozialistischen Intellektuellen verfasst sein könnte, und wie sie nicht selten nur geheuchelt ist, sondern, und das lese ich auch in solch „Bittschriften an Erdoğan“ – die nämlich alles andere als Bitten sind! – wo dieser nämlich unmissverständlich aufgefordert wird, „kein Gas auf ihre Kinder zu werfen“, Dokumente einer völlig neuen revolutionären Praxis und Geistigkeit. Ich sehe Belege bzgl. eines Menschenbildes, wie es von Heinrich Heine oder von Nazim Hikmet entworfen hätte sein können. Solche Briefe ersetzen die lyrischen Pamphlete einer einst ausschließlich intellektuellen Vorhut.

Nazim Hikmets „Leben. Wie ein Baum, einzel und frei und brüderlich wie ein Wald, diese Sehnsucht ist unser!“ – höre ich aus solchen Briefen heraus. Die revolutionären Dichter scheinen in den Massen auferstanden. Nicht mehr nur, dass sich die geistige in eine materielle Kraft verwandelt, wie Marx und Engels das prognostizierten, auch umgekehrt: die materielle Kraft der Massen verwandelt sich in eine geistige Bewegung. Die Kritik der Waffe ist zugleich die Waffe der Kritik. Und obwohl zu befürchten steht, dass die Herrschenden nicht minder schnell daraus lernen werden, gibt es nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass die revolutionäre Bewegung, die sich da gerade vor unseren Augen aus einer Jugendbewegung in eine allgemeine verwandelt, aus einer Emanzipationsbewegung – einer „Kulturrevolution“ der Jugend und der Frauen – in eine soziale, welche zugleich die denkbare radikalste Kampfansage an die Kultur der Herrschenden – an eine herrschende Kultur – ist, zumindest so zwischen Istanbul und Tunceli, hinter dies einmal erreichte Maß zurückfällt. Der Pfeil der Zeit hat wieder einmal die Erde umrundet. Ja, er scheint sich gerade anzuschicken, Richtung Himmel abzudriften – um dort die Götter zu stürzen. Die Massen der Türkei, und wer hätte das gestern noch geglaubt, sind ab diesem Moment Avantgarde wie Hauptmasse, geistiger Führer, wie praktischer Organisator der revolutionären Bewegung. Ja sie verkörpern geradezu die ganze Idee jener neuen revolutionären Weltbewegung. Wenn ich mich nicht irre, dann erleben wir gerade den Beginn der längsten Stunde des Finanzkapitals – dessen hoffentlich letzte.

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5 Trackbacks

  • Von Wessen Freiheit am 11. Juli 2013 um 23:44 Uhr veröffentlicht

    […] oder Facebook. Die Techniken der einen wie der anderen scheinen immer ähnlicher. Wenn irgendwelche Hacker in meinem Blog herumspazieren, als wären sie da zuhause, ist das jetzt die „NSA“ oder die eine oder andere „Mafia“? Und genau dann scheint nämlich […]

  • Von Jahrzehnte Knast wären fällig am 15. Juli 2013 um 23:47 Uhr veröffentlicht

    […] Verschlüsselungen angedreht werden, welche gegen den wichtigsten Hacker, dem Regierungshacker http://blog.herold-binsack.eu/die-langste-stunde-des-finanzkapitals/, wirkungslos sind und damit auch gegenüber den privaten. Denn was die Einen können, können […]

  • Von Chefdemagoge Papandreous? am 16. Juli 2013 um 22:52 Uhr veröffentlicht

    […] zum Demagogen avanciert. Doch gleich zum Chefdemagogen? Nun, ich weiß nicht, ob Glezos immer eine revolutionäre Haltung eingenommen hat, Papandreou hat es garantiert nicht. Doch Glezos Mut scheint nun beiden […]

  • Von Spaltungslinie innerhalb einer möglichen revolutionären Bewegung am 28. Juli 2013 um 12:46 Uhr veröffentlicht

    […] gehört, bzw. zu den Chauvinisten. Sie repräsentiert die Spaltungslinie innerhalb einer möglichen revolutionären Bewegung. Einer, die Griechenland nicht nur aus dem Euro, bzw. der EU herausführen könnte, sondern aus dem […]

  • Von Beschmutzung des Andenkens an Heine am 20. August 2013 um 23:11 Uhr veröffentlicht

    […] des Andenkens an Heine Heinrich Heine hat gegen die Fürstenherrschaft getrommelt, für ein revolutionäres Deutschland, für […]

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