Jünger und Heidegger – in der philosophischen Schule der Scholastik gefangen

Eine interessante Debatte, in der wie schon erwähnten Publikative.org, um Ernst Jünger, hat mich zu folgender – heute wieder aktuellen – Rezension verleitet. Was ich an dieser Stelle nämlich noch nachzutragen hätte, wäre der Hinweis, dass auch die Kommunisten versuchten Jünger ins antifaschistische Lager zu ziehen. Gewissermaßen auf der Grundlage dessen „Nationalbolschewismus“ – eine ideologische Strömung, die heute wieder, unter aktiver Teilnahme der Staatsschutzorgane, eine gewisse Bedeutung zu bekommen scheint:

Jünger und Heidegger – in der philosophischen Schule der Scholastik gefangen
Gerade der „Arbeiter“ offenbart Jüngers philosophische Nähe zum faschistischen Korporatismus. Hier wird nicht der Arbeiter als Subjekt beschrieben, sondern die kapitalistische Maschinerie, das Objekt, verherrlicht. So überrascht es nicht, dass die darin beschworene „Gestalt des Arbeiters“ Kapital und Arbeit als Ganzes – als mystische Einheit – zu erfassen sucht. (Der Kapitalist selbst wird da zum Arbeiter.)
Aber nicht im marxistischen Sinne, als antagonistischer Klassenwiderspruch, als „dialektische Einheit“, sondern metaphysisch zur Gestalt hypostasiert; was mich an Spenglers „Untergang des Abendlandes“ denken lässt. Als Gegenthese gewissermaßen. Während Spengler das Abendland mit „dem Arbeiter“ eher untergehen sieht, für Spengler war die Bauernschaft die Grundlage seines morphologischen Geschichtsbildes, sieht es Jünger hier über sich hinauswachsen.

Genau genommen ist es die Vorwegnahme der postmodernen Verherrlichung der Maschine. Wenn man die ganze verschwurbelte Sprache mal weglässt, könnte man darin eines Jüngers diesbezügliche Vision erkennen. Was Jünger womöglich nicht erkannte, war die pervertierte Vorwegnahme einer solchen Vision durch den Faschismus. Oder vielleicht doch; und er scheute ob der grausigen Konsequenz hieraus? Getrieben von der Maschinerie des Kapitals, suchten eben gerade die Nazis den Prometheus erneut an die Hänge des Kaukasus zu schmieden. Die verschwurbelte Sprache, übrigens auch eines Heidegger, mag darin ihren Sinn haben.

Die bürgerliche Intelligenz quält sich mit einer akrobatischen Semantik, da sie die Dialektik nicht anzuwenden weiß. Sie begreift nicht eine Entwicklung, die ihre letzten Ursachen in den ökonomischen Verhältnissen hat. Dialektische Beziehungen werden von ihr in einen scholastischen Panzer gezwängt. So als wäre „Begreifen“ ausschließlich von der sprachlichen Form des zu Begreifenden abhängig. Die nicht begriffene praktische Bewegung von Klassen wird bei ihr zur rein sprachlichen Bewegung. Doch dort erstarrend.

Denn auch ein Jünger konnte nicht begreifen, dass der „Arbeiter“ als Subjekt nur über sich hinauswächst, und nur als solches enthält dieses eine gewisse Fähigkeit zur „Transzendenz“, wenn er sich aus diesem Panzer (der Einheit mit dem Kapital) befreit. Er missverstand den Philosophen Marx diesbezüglich völlig, diesen mit den Plattheiten einer bürgerlichen Sozialwissenschaft gleichsetzend, welche den Arbeiter nur als Objekt der Beschreibung, nicht aber als revolutionäres Subjekt zu erfassen vermag. Als Subjekt erfasste Jünger den Arbeiter auch nicht, doch als „revolutionär“ irgendwie schon. Eingebettet in ein technisches Etwas. Weder Objekt noch Subjekt. Auch das Heideggersche „So-Sein“, welcher dieser „Gestalt“ vielleicht am nächsten kommt, ist recht eigentlich eine Leihgabe des scholastischen Potenzbegriffes eines Thomasius. Während das Sein auf ein ordinäres immer schon So-Sein-Gewesenes reduziert wird, wird das Werden, welches Augustinus nicht zu erklären vermag in den Himmel transzendiert. Dort wo die „Zeit“ nicht existiert, somit auch kein Werden. Doch als Potenz unter den Engeln ist es dort irgendwie gut aufgehoben. Dass alles was ist, nur Werden ist, somit im Sein nur als „Lücke“ (im Zizekschen Sinne) wahrzunehmen wäre, geht dem Nichtdialektiker einfach nicht in den Sinn.

Die Dialektik im Sein, welche z.B. aus dem Arbeiter als „automatisches Subjekt“ ein „revolutionäres Subjekt“ werden lässt, muss dem Werden zugeschlagen werden und eben nicht der Formbewegung des Seins. Die darin enthaltene „Sprachmystifizierung“ erinnert stark an die Schwierigkeiten des Nominalismusstreits der Antike. Doch egal ob wir das Wasser Wasser nennen, um das Bild Heraklits zu bemühen, in das wir da steigen, wird es allein ob der Verschmutzung, die wir da eintragen, nicht mehr dasselbe sein; abgesehen davon, dass das Wasser, das wir da gerade verschmutzt haben, bereits woanders ist. Es ist also anderes Wasser, schmutziges Wasser, welches zumal noch woanders ist. Das Wasser, indem wir da gerade stehen, ist es jedenfalls nicht. Wasser und doch nicht Wasser. Wasser nur in einem ganz abstrakten Sinne. So abstrakt, dass die Veränderung darin nicht mehr enthalten ist. Und das ist es, was auch einem Jünger über den Verstand ging. Doch dass da etwas ist, was über die Naziglorifizierung des Arbeiters hinausgeht, das machte ihn womöglich zum Antinazisten.

Dass die Dialektik ihm aber nicht so fremd war, wie es scheinen musste, kann man dann an seinem Nachkriegswerk „Der gordische Knoten“ entdecken. Das einzige Buch, das ich für lesenswert halte. Ich jedenfalls, hab einiges daraus gelernt. Die Beziehung zwischen Orient und Okzident wird da als ein Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse im Denken und Fühlen der Menschen erkannt. Ein wenig mystisch bleibt die beschreibende Formulierung, nämlich, dass man nur unter sich graben müsste, um den Orient zu finden (als Metapher in Bezug auf die vermutliche Wahrheit, dass der Orient die „ältere Schicht“ ist, nicht so schlecht, doch stark an Spenglers morphologischen Gestaltungen anknüpfend).

publikative.org/2014/02/04/ernst-juenger-und-der-erste-weltkrieg

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