Alles wider bester Absicht

Alles wider bester Absicht
Also ich bin ja jetzt wirklich FAZ-Leser, Online-Leser. Nicht vielleicht aus Leidenschaft, dennoch aus guter Überlegung. Und was ich sehe, ist, dass es gerade innerhalb der FAZ-Leserschaft weniger die Doktoren, wenigstens die Ausgewiesenen, waren, die da den Sturm anführten, sondern quasi der übliche Durchschnitt. Als Leserkommentator kenne ich inzwischen so einige Kandidaten darunter. Und festzustellen glaube ich, dass die FAZ-Redaktion gewaltig unter dem Druck einer bisher eher seltenen „Verschwörung“ zu leiden hatte.

Konservative wie Revolutionäre waren sich weitgehend einig: Das Plagiat muss weg! (vgl. mein: „Im Phasenübergang verloren gegangen“). Nun könnte man sagen: Jede Zeitung hat die Leserschaft, die sie verdient (man sehe nur „Die Zeit“ mit ihrem rechten bis rechtsliberalen Publikum). Dennoch glaube ich, dass auch eine Redaktion von einer Leserschaft positiv beeinflusst werden kann. Allerdings nur im Rahmen ihrer Generallinie.

Das Interesse der FAZ liegt doch auf der Hand. Es ging ihr, wie der Bundesregierung auch, um Schadensbegrenzung. Dabei hatte sie vielleicht das Gespür doch noch rechtzeitig, nämlich dass je länger man den Schaden zu begrenzen sucht, dieser umso größer wird. Aber genau diese Meldung war es, die die FAZ von ihren Lesern zurück bekam.

Es mögen nur Nuancen sein, die sich da in einer FAZ solchermaßen widerspiegeln, dennoch waren es die, die ihr am Ende die Linie im Falle Guttenberg vorschrieben. Ja auch gar im Negativen. Auch dem Bashing konnte sie sich nicht enthalten. So zu sehen u. a. unter den Guttenberg-Witzen und vergleichbaren Kommentaren. Da verlor die FAZ nicht nur die Contenance, sondern definitiv auch die Führung gegenüber dem Publikum (darin nicht unähnlich vielen „Linken“, „Unbrauchbare Instinkte – für Linke“). Ja, sie wich von ihrer Generallinie ab – der Suche nach Schadensbegrenzung.

Alles in Allem kann man sagen, dass der Einfluss des Online-Publikums nicht unerheblich war, allerdings nur auf der semantischen/politischen Ebene, weniger auf der faktischen, der „wissenschaftlichen“. Und genau darin zeigt sich ein unerwartet positives „basisdemokratisches“ Element, wenn man das mal so nennen darf. Und dies gerade gegenüber einer FAZ-Radaktion, die dem fast hilflos ausgeliefert war.

Diese Hilflosigkeit kommt natürlich aus ihrer Ambivalenz (vergl. auch: „Die bevorzugte Option“, gerade weil von der FAZ nicht gesendet!), ob ihrer konservativen Grundhaltung. Der Konservative wird durch die Aufspaltung seines akademisch-staatstragenden Habitus in eine kritische und dann wieder staatstragende Haltung geradezu systemisch überfordert. Guttenberg hat die Konservativen maßlos irritiert und somit diesen Staat geradezu revolutionär („In der Wirkung eine revolutionäre Massenaktion“) in Frage gestellt. Natürlich alles wider bester Absicht.

Eine denkwürdige Kapriole zugunsten der revolutionären Dialektik
@Marco Settembrini di Novetre: Sie haben natürlich recht. Es gibt da wesentliche konservativere Blätter, wie zum Beispiel „Die Welt“. Dennoch lese ich zum Beispiel eine Frankfurter Rundschau aus Prinzip nicht, weil deren Strukturen den Unterschied zwischen Information und Ideologie kaum noch erkennen lassen, bzw. gerade die wichtigen Nuancen (in den informativen wie auch ideologischen Aspekten, dazu weiter unten) darin erst gar nicht erscheinen. Die Frankfurter Rundschau ist das Feuilleton einer pseudolinken kleinbürgerlichen Gemeinde, welche sich geradezu sektenhaft nach außen abgekapselt hat.

Man muss die Zeitungswelt der herrschenden Bourgeoisie vor deren inneren „Hauptwiderspruch“ analysieren. Und dieser zeigt sich auch als einer zwischen Katholiken und Protestanten. Ja, so unglaublich das klingt: im 21. Jahrhundert nach jenem Christus, auf den sich da alle berufen, gibt es noch einen solchen Widerspruch!

Dieser Widerspruch tritt u.U. auf als einer zwischen Konservativen und Liberalen (der Widerspruch zwischen Sozialdemokraten und Christdemokraten hat für mich nur noch Vergangenheitswert), doch in der Hauptsache als der zwischen einem plebejisch/bäuerlichen/subproletarischen (bayrisch-katholischen) Mob und einer sog. gebildeten Klasse (welche sich eben jenem Mob auch als „linkes“ Feuilleton einer FAZ oder als die ganze „Rundschau“, oder als die „Süddeutsche“ darstellt) wobei jene Klasse ja gar keine „Klasse“ ist – auch und schon gar nicht im übertragenen Sinne -, wie wir nicht erst seit Guttenberg wissen).

Dieser Widerspruch aber wurde in dem Feldzug um Guttenberg versucht auf beiden Seiten zu bedienen. Darin sah ich übrigens die größte demagogische Gefahr, gerade für eine authentische linke Kritik. Eine Merkel gab das Stichwort, indem sie erwähnte, dass sie keinen akademischen Mitarbeiter, sondern einen Minister engagiert hätte (so hat sie es nicht gesagt, doch so kam richtigerweise an) und die Meute tobte.

So hatten wir die Causa Guttenberg genau dort, wo sie konservativem Denken wieder mehr nutzen sollte als schaden. Der (konservative) Mob wurde bedient, hingegen der Akademiker sollte geopfert werden. Das hatte schon was von einem gewissen „Antisemitismus“, welcher im Übrigen von einem Herrn Sinn in jenem Bankster-Bashing 2008/2009, völlig zu recht, wie ich denke, skandalisiert wurde. Da er den Grund dafür aber nicht nennen konnte oder wollte, zog er seinen Einwand wieder schnell zurück.

Die Herrschenden haben es gelernt, Teile von sich zu opfern, wenn das Ganze es erfordert. Das musste auch ein Herr Sinn lernen. Die brutalst-möglichste Version hiervon, haben uns die Nazis vorgeführt. Seitdem wird darüber geschwiegen – die FAZ ist da ein gutes Beispiel für, sie scheint das Thema Antisemitismus auf dem Index zu haben. Von staatlichen Aufträgen bis hin zur Verstaatlichung beherrschten die Nazis das ganze pseudosozialistische Repertoire. Ja überhaupt war es genau das, was damals anstand, in der ersten großen systemischen Krise des Finanzkapitals. Und so ganz nebenbei wurden die primitivsten Instinkte der kleinbürgerlichen/kleinbäuerlichen aber auch großer proletarischer Massen bedient.

Nicht nur das potentielle Kriegsopfer – gleich ob im Inland (Kommunisten/Juden…) oder im Ausland (Russen, Polen…) -, wurde da der Meute zum Fraße vorgeworfen, sondern auch der Intellektuelle, welcher per se des Bolschewismus (wenn nicht schon zuvor des „geistigen Judentums“) verdächtigt war. Das war schon immer das „sozialistische“ Element im deutschen (bürgerlichen) Nationalismus. Auch ein Bismarck konnte damit umgehen. Der Kapitalismus ist per definitionem die Herrschaft über die Massen. Die (despotische) Herrschaft „der Massen“ ist u. U. nur eine notwendige Option.

Im Prinzip werden (seit dem) auch alle Kaderprobleme der Herrschenden vor dem Hintergrund einer solchen Fragestellung gelöst. Man könnte es auch zynischer formulieren: Ab wann ist ein politischer (oder auch wirtschaftlicher Kader!) tot nützlicher als lebendig? In nicht wenigen Fällen wird sich für den toten Kader entschieden!

Selbst das von Ihnen genannte GuttenPlag wurde von der FAZ ganz gezielt so gebraucht. Vor dem Hintergrund es FAZ Motivs der Schadensbegrenzung.

Ich sah die Chance einer Kritik im Fall Guttenberg sehr wohl. Denn selten geworden sind da Staatskrisen, ja revolutionäre Systemkrisen. Dennoch: unter den gegenwärtigen Kräfteverhältnissen, lauern die größten Gefahren genau dort, wo ein „Sieg“ am einfachsten zu erreichen wäre. In der Mobilisierung der Massen. Mit meinen Beiträgen habe ich daher gezielt gegen den Strom gebürstet. Ohne die Massen dabei zu beleidigen, was nicht selten passiert, wenn Linke gegen die Massen agieren. Ich sehe daher die Chance einer revolutionären Kritik erst noch kommen – in der Aufarbeitung des Skandals nämlich. Die Bourgeoisie möchte das Thema natürlich damit beerdigt sehen. Das darf ihr nicht gelingen! Nicht wenige meiner Beiträge wurden daher von der FAZ – und werden auch weiterhin – vor diesem Hintergrund unterdrückt.

Die Rückmeldung der Leser auf meine Beiträge, auch und gerade auf die, die erst nach massiver Wiederholung gesendet werden (ich kommentiere das gelegentlich) bestätigt mich dahingehend, dass selbst die Konservativen unter den Lesern es honorieren, wenn man sich nicht opportunistisch in ihren Strom begibt. Was man auch so interpretieren kann, dass die Redaktion der FAZ wohl im Fall Guttenberg die Führung verloren hat; denn diese beugte sich dem Strom. Dass sich die FAZ geärgert habe über das Plagiat gar aus ihrer eigenen Zeitung, halte ich ebenso für nebensächlich, bzw. fragwürdig, wie übrigens die Tatsache, dass offenbar noch keiner jener Abgekupferten Strafanzeige gegen Guttenberg gestellt hat. Hier scheint „Blut“ (die Schmiere an der konservativen Seilschaft) doch dicker als Wasser zu sein. Auch aus diesem Grund, denn das stößt gerade den Konservativen so befremdlich auf, halte ich das für eine denkwürdige Kapriole zugunsten einer revolutionären. Für mich ist es die Systemkrise des Kapitals (welche natürlich durch das Internet beschleunigt wird), welche da der eigentliche Grund für den Sturz eines Guttenberg darstellt! Wie gesagt: Im Phasenübergang verloren gegangen.

P.S.: Ich finde es übrigens nicht witzig unter meinem Namen (Nicknamen: Devin 08) Beiträge zu posten, die so definitiv nicht von mir sind. So frage ich mich, was mein Zitat, ohne es als ein solches gekennzeichnet zu haben, mit einem WMBlog zu tun hat, unter dem es hier gesendet wird. Wer sich an meinen Beiträgen stört, dem sollte es auch nicht an Mut fehlen, sich mit diesen auseinander zu setzen. – Offen!

Ein Anschlag auf den guten Geschmack
@Marco Settembrini di Novetre: Ich gestehe, dass es mich enttäuscht, dass Sie mir jetzt mit diesem Standardeinwand kommen.

Ich unterstelle jetzt mal ganz ins Positive, dass sie dem allgemeinem Bedürfnis nach einem etwas konkreter beschriebenen Klassenbegriff das Wort reden. Ich gebe zu, dass die Epoche des Finanzkapitals, spätestens gar seit der „Globalisierung“ einen solchen einfordern mag. Dennoch sehe ich alle bisherigen diesbezüglichen Versuche (von Max Weber bis Bourdieu, siehe auch: „Schichtenorakel“) als grundsätzlich gescheitert an, wenn auch in Teilaspekten durchaus als hin und wieder nützlich.

Was wir nämlich darin vorfinden ist keine Weiterentwicklung im Sinne der Theorie und Methode der Kritik der Politischen Ökonomie, wie sie Marx oder Engels noch beherrschten, sondern eine Soziologisierung des historischen und dialektischen Materialismus eben derselbigen, zuletzt gar im Stile einer Roswitha Scholz, die mit ihren „Differenzen“ („Differenzen der Krise – Krise der Differenzen“) genau die Klassen zu ersetzen sucht, welche ein Robert Kurz mit seiner „Krise des Subjekts“ zuvor schon ins Nirwana verbannt haben wollte („Philosophus Mansisses“, vgl. auch: „Es wird bald ‚zurück geschossen“, wo ich mich neben einer konkreten Kritik an jenen „Differenzen“ eben auch noch mit „Wechselwirkung“ und „Differenzierung“ im Besonderen beschäftige, wobei ich auf Engels berühmte Beschreibung der materialistischen Dialektik abhebe, welche ich an dieser Stelle gerne noch einmal wiedergebe:

Die politische, rechtliche, philosophische, religiöse, literarische, künstlerische etc. Entwicklung beruht auf der ökonomischen. Aber sie alle reagieren auch aufeinander und auf die ökonomische Basis. Es ist nicht, daß die ökonomische Lage Ursache, allein aktiv ist und alles andere nur passive Wirkung. Sondern es ist Wechselwirkung auf Grundlage der in letzter Instanz stets sich durchsetzenden ökonomischen Notwendigkeit.“ (Engels an Starkenburg, Marx-Engels Briefe über „Das Kapital“, S. 366)).

Es ist nämlich ein alter Vorwurf an den Marxismus – insofern wähne ich mich da mal ganz ungeniert in bester Gesellschaft -, nämlich dass dieser die Dinge so vereinfache. Da wo er Klassen vermutet, sind doch eigentlich nur Menschen – Leute eben, die so unterschiedlich seien, wie die Blumen auf diesem Planeten. Und die ganze Geschichte, wie die darin enthaltenen Kategorien, sei doch eigentlich nur „Projektion“.

Entschuldigen Sie diese direkte Bezugnahme zu Ihrer Kritik, denn wann auch immer Marx schon die großen wie grundsätzlichen Entwicklungslinien und gesellschaftlichen Strukturen darzustellen gewusst hatte (vgl. auch: „Spiegelverkehrtes Denken“), verübelte man es ihm, dass er sich nicht mit jeder Marotte eines jeden Kritikers gleichermaßen beschäftigt. Tat er es dann aber mal doch (z.B. wider eines gewissen Proudhons „Philosophie des Elends“, dann war ihm der Hass eben so sicher, wie seine sofortige und solchermaßen nachhaltige Verdrängung.

So führe ich Sloterdijks ignorantes „Plagiat“ („Die Sloterdijk-Debatte aus marxistischer Sicht“) eines Proudhons „Diebstahls-Theorie“ – Eigentum ist Diebstahl – auf denselben Verdrängungsreflex zurück, wie ihn eben auch den noch jungen (Anti-)Wikileaksaktivisten, namens Domscheid-Berg, erfasst haben mag, als dieser ausgerechnet Proudhons „Was ist Eigentum“ als das „bedeutendste Buch, das je geschrieben wurde“, einem konservativen wie gleichermaßen kritischen Publikum unter zu jubeln suchte.

Beiden ist Marxens „Das Elend der Philosophie“ offenbar so „unbekannt“, wie es eben auch ungelegen gekommen wäre, in ihrer beider „terroristischen“ wie auch „ökonomistischen“ Anschlag, nämlich auf die Grundsätze einer revolutionären Kritik (der politischen Ökonomie des Kapitals), wie eben auch auf den guten Geschmack – ganz generell.

Fußnote 1) Ich halte es für bezeichnend, dass während die Word-Rechtschreibprüfung das Adj. „ökonomistisch“ nicht mal zu kennen scheint, Wikipedia.org die Beschreibung des Substantivs „Ökonomismus“ sofort mit der Kritik Poppers am diesbezüglichen marxschen „Historismus“, ergo: „Ökonomismus“ beginnen will, während eine leninsche Definition, wie zum Beispiel in „Was Tun?“ (siehe oben) quasi nur als Fußnote („polemischer Begriff“) erscheint. Hier scheut die herrschende Wissenschaft den selbstkritischen Bezug zu ihrer eigenen Ökonomie, also zu ihrem quasi systemischen Ökonomismus, ebenso wie der sprichwörtliche Teufel das Weihwasser. Was eines Poppers Unterstellung angeht, vergegenwärtige man sich das gerade oben dargestellte Engels-Zitat und man erkennt jene poppersche Bösartigkeit auf Anhieb. Vorausgesetzt man ist nicht selber bösartig.

Fußnote 2) Ich bedanke mich für die Entfernung der „Fälschung“. Ich erlebe auch diese nun nicht zum ersten Mal – in einem FAZ-Blog -, und vermutlich durch die gleiche Person – die „Handschrift“ scheint mir unverkennbar -, worin ich übrigens ebenso einen Anschlag auf den guten Geschmack erblicken will.

Der Guttenberg ist in Bayern unten durch
@Marco Settembrini di Novetre: O.K. Ich verstehe Ihren Ärger. Und ganz sicher, wird es nicht wenige geben, die Sie darin unterstützen. Doch genau die „kleinen Brötchen“, die werden zu oft gebacken. Doch freue ich mich natürlich, wenn Sie meinen Standpunkt in der Klassenfrage nicht in Frage stellen.

Was die Differenzen zwischen Katholiken und Protestanten angeht, da würde ich Ihnen zustimmen, wenn wir in der Zeit zurück kehrten, z. B. vor 1989. Bis dahin schien das Thema in Deutschland ausgestanden (bis auf Bayern, wo bis Dato ein Protestant niemals Karriere innerhalb der CSU hätte machen können, denn auch ein protestantischer Beckstein als Minister – zumal als Franke – ist eine „späte Geburt“). Die Mehrheit der Protestanten lebte nun mal im Osten. Und im Westen konnten daher ungestört die Katholiken in den christdemokratischen Parteien herrschen, wie sie wollten. Was übrigens der Minimalkonsens des Bündnisses zwischen der CSU und CDU war.

Dass dieses Thema nun wieder aufgebrochen ist, verdanken wir einer Nebenwirkung der Wiedervereinigung. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass in Deutschland nachwievor keine wirklich große politische Karriere außerhalb der beiden christlichen Kirchen geschmiedet werden kann – auch Sozialdemokraten haben da was in den Klingelbeutel zu werfen, siehe: Johannes Rau, seligen Angedenkens -, bleibt diesem alten Konflikt zwischen den Kirchen, gewissermaßen die alte Spannkraft erhalten.

Und ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, dass man in den katholischen Ländern Deutschland eher eine Frauenquote in den Führungsriegen des Kapitals austariert haben wird, als eine Quote zwischen Katholiken und Protestanten.

Wie auch immer: Dieses Thema ist quasi die Achillesferse des deutschen Kapitals. Und es ist mitnichten nicht mehr von Bedeutung. Wie bedeutend das noch ist, haben wir u.a. auch erlebt im Zusammenhang mit den Missbrauchsskandalen in den Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. Was ist bisher geschehen, von Staatswegen? Nichts!

Und auch die Causa Guttenberg, um mal wieder zum Thema zurück zu kehren, ist vor dieser christsozialen, sprich: hauptsächlich katholischen Seilschaft in Bayern zu verstehen. So wie die katholische Kirche eine geschlossene Gesellschaft ist, so ist es auch die CSU. Nicht nur die Kinder der Bayern werden dort „missbraucht“ – der ganze „Freistaat“ wird es doch, von der Kirche, wie von der CSU. Wer die Verhältnisse in den irischen katholischen Parteien beobachtet hat, der weiß auch, wie es in Bayern aussieht. Nicht anders!

Eintreten kann man, sowohl in die CSU als auch in die katholische Kirche. Aber austreten? Ich habe es getan. Das war gerade so, als erklärte ich meinen Austritt aus der deutschen Staatsbürgerschaft, der bayrischen, meine ich natürlich. Austreten bedeutet gleich Exkommunizierung. Und wer diese erlebt, kann sich in Bayern nicht mehr sehen lassen. Er wird dort betrachtet wie ein wildes Tier, das da einem Zoo ausgerückt ist. Ich weiß wovon ich rede, ich komme aus Bayern, wenn auch aus dem subalternen Franken. Und ich kann sowohl diesen Guttenberg-Stall riechen, wie auch jene ganze bigotte Gemeinde um ihn herum. All die Nachkommen seiner ehemaligen Hintersassen. Man gönnt ihm diesen Abstieg, so wie man vorher den Herrn Baron um seinen Glanz, und noch mehr um den seiner Frau, beneidet hat. Denn „die da oben“ mag so richtig keiner im Volk – dort.

Doch man ist auch Bayer und vor allem Katholik. Und daher soldatisch loyal bis zur Unkenntlichkeit – der eigenen Person, wie auch der Loyalität. Denn in aller Heuchelei. So glaube ich auch im Fall Guttenberg nicht so sehr an die Wirkung der sog. amerikanischen Seilschaft, obwohl er zu dieser gehört, via: Atlantik-Brücke. Auch ich habe darüber berichtet („Wie die Atlantik-Brücke womöglich ihre Probleme löst“).

Auch Strauß, unseligen Angedenkens, gehörte zu den Fans der USA. Doch er beutete den Fan-Club nur aus. Auch in Bayern ist man überzeugt von einem braven Soldatentum, von der Nibelungentreue innerhalb einer Seilschaft. Und man hat so seine Rituale, um diese zu erhalten. Schneidig ist man nicht, das wäre preußisch, dennoch fesch. Gut will jeder aussehen, das ist des Bayern ganze Eitelkeit. Und trotz die ihn umgebende Aura der Korruption wie der „fremden Einflüsse“ (seine Frau stammt von den Preußen ab!), hat der Guttenberg gefallen – in Bayern. Das Gefühl eine Wahl zu haben, kennt man in Bayern sowieso nicht. Es geht einem dort, wie inmitten jenes Gülle-Nebels, den die Bauern da regelmäßig über ihre Felder versprühen. Man kann ihn kilometerweit riechen. Widerlich! Ich glaube nicht, dass das irgendjemand schmeckt. Doch ohne diesen, kann man sich Bayern eigentlich nicht vorstellen. Er gehört dazu, wie der Weihrauchduft zur katholischen Messe. Alles hat dort ein besonderes Geschmäckle, einen besonderen Duft. Zwangsläufig, und schon immer.

Dennoch: In Bayern ist der Guttenberg unten durch. Denn mit Verlierern hat dort niemand Mitleid. Verlieren heißt: Bayern beleidigen. Wenn überhaupt, dann kann er nur noch in Berlin was werden. Dann muss er sich in Bayern aber nicht mehr sehen lassen.

Ich verstehe den Wunsch, eine solch bigotte wie gleichermaßen intrigante Welt der Vergangenheit zuordnen zu wollen. Doch in Bayern hat die Vergangenheit nie aufgehört.
Es mag daher sein, dass die bayrische Perspektive nicht völlig identisch ist mit der gesamtdeutschen. Und das merkt man vermutlich auch in meinen Beiträgen.

faz.net/blogs/deus/archive/2011/03/07/guttis-groupies-geben-gas

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