Den Menschen (der Zukunft) zum Opfer

Den Menschen (der Zukunft) zum Opfer
Nun ja, ob man nach Massimo Finis „Nero“ (siehe auch: Die Evidenz des Aberglaubens) von einer „Abrechnung mit Nero“ noch sprechen sollte, möchte ich damit mal in den Raum werfen. In diesem Zusammenhang würde es sich vielleicht lohnen, mal zu prüfen, inwieweit Nero wirklich und tatsächlich als „Urheber“ eines „goldenen Zeitalters“ erscheint. Dies definitiv auch im Kontext der Frage, inwieweit anders ein Abendland geworden wäre, für den Fall, dass Alexander der Große weiter nach Westen und eben nicht nach Osten marschiert wäre.

Wäre dann womöglich die ganze Epoche des sog. Mittelalters erst gar nicht entstanden? Wie immer wieder von Altertumsforschern keck in den Raum geworfen wird. So wie dieser Tage auch wieder mal im Anschluss an eine alte Alexanderverfilmung (mit Richard Burton als Alexander) – auf ARTE, glaube ich.

Nun ja, was ich vielleicht glauben möchte, wäre, dass ein römisches Reich sich so nicht hätte entwickeln können. Dennoch darf nach dem rationalen Kern einer solchen Option gefragt werden. Alexander war ein orientalischer Held. Nur diese Sache mit dem „Gordischen Knoten“, dem Mythos also, muss da herhalten für eine diesbezügliche gleich doppelte Legende: die von der Schaffung eines Abendlandes durch Alexander, wie auch die diesbezüglich eines abendländischen Alexanders überhaupt.

Doch Alexander war durch und durch anti-abendländisch. Er war eben ein Fürst seiner Zeit. Ein Barbarenfürst also. Dass er von Zeus abstammte, das glaubte er ganz sicherlich, ohne da als wahnsinnig hätte gelten zu müssen. Ein durch und durch homerischer Held also. Bar jedes modernen Bewusstseins. Alles was er tat, tat er für sich. Daher vertilgte ihn auch die wirkliche Geschichte. Alexandria wurde erst nach seinem Tod, infolge der Ptolemäerherrschaft in Ägypten, zum Dreh- und Angelpunkt einer sog. neuen Welt, einer, die im Nachhinein dann als abendländisch imaginiert wird. So besehen wäre Ägypten und nicht Makedonien die Wiege des Abendlandes.

Anders bei Nero. Dieser suchte wohl die alten Bühnen auf, doch dort spielte kein antikes Theater mehr. Das macht ihn zur wahrhaft „tragischen Gestalt“ (vgl. hierzu Zizek Definition des Tragischen in der „Parallaxe“). Nur er – eben n u r er – repräsentierte noch jenes antike (Vor-)Bewusstsein. Sein „goldenes Zeitalter“ kann daher auch verstanden werden als der Moment des versuchten Rückgriffs eben auf diese Zeit, als Neuanlauf in einer Geschichte, die für einen kurzen Moment – vielleicht mit Nero zusammen – inne zu halten schien. So als wollte sie überlegen, ob diese Richtung ihr überhaupt passt.

Der Grund dafür könnte in der möglichen Erkenntnis dieser Zeit liegen, einer Erkenntnis, der man sich damals vermutlich nur auf mythischen Bahnen zu nähern gewusst haben dürfte, nämlich dass die „Zivilisation“ vorerst da nur als Leihgabe (jener möglichen Zukunft) am Horizont auftaucht.

Wollen wir einen Kaiser, dessen Würde in seiner göttlichen Abstammung liegt, oder wollen wir eine Würde, eine solchermaßen abstrakte Würde dann, die von nun an über jeden Kaiser hinweg zu vererben wäre (vergl. hierzu auch Ernst Jüngers Definition dessen, was den Unterschied macht zwischen Orient und Okzident, im: „Der gordische Knoten“)? Das war wohl die insgeheim gestellte Frage.

Nun, da wir wissen, welche Version sich durchgesetzt hat, ist es ein leichtes, sich diesbezüglich erhaben zu fühlen. Doch bedenken wir, vor welchem Epochenbruch wir da womöglich gerade stehen. Und welche Fragen wir uns da stellen.

Auch damals dürfte das Volk schon unter dieser Zukunft gelitten haben, ohne das Leiden aus der Vergangenheit verkraftet zu haben, geschweige denn dieses verarbeitet. Eine Philosophie der Sozialgeschichte war noch nicht geboren. Und im Angesicht der damit geahnten nur Verdoppelung des Leids, erscheint eine jede Vergangenheit als „goldenes Zeitalter“.

Die tragische Gestalt eines Nero wird da eigentlich nur durch die traurige Farce eben jener Verkennung der eigentlichen, und solchermaßen schon historisch verbürgten, Wahrheit überboten. Dass das Volk den Nero feiert, anstatt ihn und seine ganze Gesellschaft zur Hölle fahren lassen zu wollen, diese Gesellschaft also dem Feuer zu übergeben, wie es womöglich nur die Christen getan haben, macht daraus ein Melodrama. Die römischen Massen waren ihres Nero würdig, wie wohl auch umgekehrt.

Vor diesem Hintergrund erscheinen dann wohl nur die Christen als die authentischen Künder einer neuen Zeit. Wenn auch diese noch in antiken Farben. In der Farbe eines höllischen und solchermaßen noch dunklen Feuers und eben nicht in denen eines reinen Lichts.
Sollten sie wirklich Rom angezündet haben, dann hätten sie so genau die Feuer gelegt, die dann auch in den folgenden Jahrhunderten noch die Geschichte verdunkelten.
Und was dann das folgende „finstere Mittelalter“ sprichwörtlich „unvermeidlich“ hätte gemacht.

Gut einundeinhalb Jahrtausend später, nachdem die Brände der Inquisition erloschen waren, die Asche der Scheiterhaufen die Horizonte der Menschen also nicht mehr verdunkelten, konnte nun das Licht einer neuen Zeit mit jedem gewöhnlichen Morgenrot zusammen aufleuchten. Die Zivilisation war endlich geboren. Doch auch diese noch frische Geburt bedarf offenbar weiterhin der Härtung in den Feuern der Zeit. Kein kühles Morgenrot seitdem ohne die darauffolgende Hitze der Nacht. (Unvergessen auch der unvergleichliche Sydney Portier „In the Heat of the Night“, durch dessen Persönlichkeit gerade auch das nicht enden wollende Epos einer so langen dunklen Geschichte, durch die Verkürzung in der Form einer modernen Kriminalgeschichte, nicht nur das Wesen dieser eigentlichen Geschichte erhellt, sondern eben auch die Endlichkeit dieser, solchermaßen dann grotesken „Kriminalgeschichte“.)

Noch brennt sie die Welt, so als wären Neros menschliche Fackeln einfach nicht zu löschen.
Und das ist es, was für mich die wahre Gestalt eines Nero ausmacht. Er zündet die Fackeln auf antiken Bühnen, doch im Angesicht einer neuen Zeit, ohne dessen (und damit sich) bewusst sein zu können, ob des so vorgestellten doppelten Dramas. Auf barbarischen Bühnen zelebriert er im Angesicht der historisch noch zu überwindenden Barbarei die barbarischen Feuer eines Menschenopfer, den Menschen (der Zukunft) zum Opfer.

faz.net/blogs/antike/archive/2011/11/11/der-bekannte-nero-in-neuem-gewand-eine-literarische-abrechnung

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