Marcel Reich-Ranicki gestorben

Marcel Reich-Ranicki gestorben
Und hier (siehe auch unten) das, was ich schon einmal sagte. Am 28.01.2012. Und was ich jetzt als Nachruf erneut poste. Damals wollte es die FAZ nicht freischalten!
Auch diesmal will es die FAZ nicht tun. Versuche es ein 2. Mal!

Nachtrag (19.09.2013): Das 2. Posting fruchtete auch nicht. Das 1. wurde sogar inzwischen entfernt. Und über dem 2. steht nun auch: Diese Lesermeinung wurde vom Moderator noch nicht freigegeben.
Schirrmacher lässt sich nicht erweichen. (Und einem Leserkommentar entnehme ich, dass Reich-Ranicki-kritische Beiträge gar nicht erst freigeschaltet werden!)
2. Nachtrag (20.09.2013): Jetzt ist auch das 2. Posting verschwunden. Schirrmacher macht keine halbe Sachen.

Warum?
Das zeigt nicht nur, welch merkwürdiges Verständnis von Kritik ein Herr Schirrmacher in Bezug auf den Literaturkritiker Reich-Ranicki hat, sondern viel mehr noch in Bezug auf sich selbst. Auf den Intellektuellen Frank Schirrmacher und dessen Verhältnis zur konkret-historischen Person Reich-Ranicki.

Ich vermute mal, dass Reich-Ranicki in seinem Leben und erst recht jetzt nach seinem Tod, nützlich war und ist – als der Mythos Reich-Ranicki. Als Literaturpapst, als quasi großbürgerliche Vorzeigegestalt. Als Modell eines postfaschistischen Literaturbetriebs. Als dessen Inkarnation. Und somit als unnahbarer Aristokrat des Denkens. Fern jeglichen realen Bezugs des deutschen Volkes hierzu. Denn ein Reich-Ranicki ist die Mahnung höchstpersönlich an dieses Volk, nämlich, dass es immer verführbar bleibt, und somit einer solchen aristokratischen Gestalt bedürfe. Negativ gewendet, bedeutet das natürlich, dass Reich-Ranicki in doppelter Hinsicht missbraucht wurde:
Als eine, den Faschismus – auf historisch nicht erklärbare Weise – überlebt habende Ikone und als ein Beleg dafür, wie der Faschismus damit, zumindest in Deutschland, ebenso wenig auf erklärbare Weise überwunden ist. Reich-Ranicki ein mythische, eine metaphysisch überhöhte und damit beschädigte Gestalt.
Ja als konkret-historische nicht erwünscht. Also geradeso, als hätte Reich-Ranicki die Hitlerbarbarei doch nicht überlebt.

Dennoch: anhand seiner Person lässt sich eine Art Widerstand gegen den Faschismus ablesen, der nicht nur erfolgreich war, sondern auch intelligent geführt. Und deshalb vielleicht erfolgreich. Er war nicht nur Jude. Er wurde als verfolgter Jude Kommunist. Er musste es. Nicht nur weil er Jude war. Nicht nur ob seiner Schulung durch Tucholsky und Brecht, nein, viel mehr, weil ihm die geistige Welt des Marxismus faszinieren sollte. In dieser Welt nun lebten der Deutschen Dichter und Denker. Und wenn schon eine Ikone, dann des Marxismus. Selbst nachdem er sich vom Kommunismus abgewendet hatte, abwenden mussten, nachdem der antisemitische Alltag auch diesen wieder eingeholt hatte, nachdem aller Geist aus diesem entwichen war.

Doch dann zeigte er seine ganze Leidenschaft für das Ganze und Große in der Form des Kritikers. Des Literaturkritikers. Dort traf er dieses sog. Volk der Dichter und Denker an dessen empfindlichsten Stelle. Dort übte er Rache für den an ihm begangenen Betrug. Dort rechnete er ab – mit dem Pöbel, dem „arischen“, wie mit den feigen Intellektuellen. Dort wie hier. Diesseits und jenseits von Mauer und Stacheldraht. Von nun an sein ganzes langes Leben lang. Fast könnte man glauben, dass er deshalb so alt auch wurde.

Er quälte die deutschen Geistesschaffenden, bis diese ihn hassten. Denn geliebt werden wollte er nicht. Nicht von ihnen. Ein Martin Walser muss ihm da sehr gelegen gekommen sein. Schirrmacher persönlich war es, der Walser zunächst exkommunizierte und dann wieder rehabilitierte. Auch die Kritik an Walser und dessen Antisemitismus ließ Schirrmacher unterdrücken. Jedenfalls die meinige.
Denn ich habe dem Walser nicht verziehen, und ich überlass dem deutschem Großbürgertum den Marcel Reich-Ranicki nicht. Das hat er nicht verdient. Und auch das spürt der Schirrmacher nur zu gut, wenn er meine Beiträge liest.

Reich-Ranicki war ein beredter Mensch, der dennoch wusste, wann er zu schweigen hatte.
Denn dieses Schweigen war ihm dann eine schärfere Waffe als seine klugen Worte in aller Regel das waren. Und er konnte nur schweigen, angesichts des ihm bestimmt klar gewesenen Missbrauchs seiner Person und seines Genies. Doch einmal noch begehrte er auf. Und er zeigte zur Überraschung all derer, die sein Innenleben nie begriffen, mit welchem Zorn er sich da aufgeladen hatte. Dass es ausgerechnet den Gottschalk dann traf, war so verkehrt nicht. Denn dieser steht für des deutschen Spießbürgers Unterhaltungssucht, wie für des heuchlerischen Großbürgers „Gutmenschentum“, um mal den Begriff aus dem konservativen Lager aufzugreifen. Denn hier passt er. Das ganze Theater war ihm zuwider.
Der Ekel war ihm ehe schon ins Gesicht geschrieben. Aber hier bebte der ganze gewaltige Körper. Und es bebte unter den Stühlen der noblen Gäste, als Reich-Ranicki seine Empörung bezüglich seines Missbrauchs in die Welt donnerte.

Und es war gesagt, was auch und gerade dem „linken“ Konservativen Schirrmacher so unangenehm gewesen sein musste. Mit diesem Auftritt ist sein Projekt der Re-Formierung eines aristokratischen Subjekts, eines großbürgerlich-konservativen-„aufgeklärten“ gestorben. Den „Antisemiten Walser“ konnte man gerade noch unter den Tisch kehren. Doch dieses Erdbeben des Juden Reich-Ranicki musste die gesamte literarische Welt erschüttern. Und das von Deutschland aus. Wie unnützlich!

Entlarvt es nicht nur den Spießbürger. Es entlarvt vor allem den Großbürger. Den Heuchler. Denn Frank Schirrmacher selbst.

Über die Macht der Worte und die Klugheit des Schweigens
Okay. In einem sind wir uns vermutlich einig: Auch ich glaube an die Macht der Worte. Doch auch diesbezüglich nicht selten enttäuscht, erarbeite ich mir gerade ein wenig mehr Realismus hierzu. Macht haben die Worte nur innerhalb des Kreises derer, die das eben so sehen. Ansonsten sind Worte Offenbarungen, Informationen, die der „Feind“ zu nutzen versteht. Dennoch, gerade ein Herr Reich-Ranicki ist es wohl, dem es gelingen kann, zu beweisen, dass Worte, kluge Worte, gar den Feind berühren. Sei es den jungen Nazischergen, den er beeindrucken musste, mit seiner „deutschen“ Sportbegeisterung, oder den Geheimdienstler aus den Reihen seiner damaligen eigenen Freunde, den polnischen Kommunisten, den er allerdings durch kluges Schweigen zu irritieren hatte. Denn dieser Geheimdienstscherge, er dürfte sich für einen guten Kommunisten gehalten haben, einer, der an die Worte glaubt, fürchtete wohl mehr diese Macht, als dass er ihr traute.

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  • Von Gewächshausintellektualismus am 3. November 2013 um 11:27 Uhr veröffentlicht

    […] des Kritikers. Doch selbst dem Starkritiker darunter ergeht es hierbei nicht besser als dem guten Marcel Reich-Ranicki. Aufregen ist erlaubt, ja erwünscht. Dabei wird das Volk um seine wahre Rolle gebracht. Es macht […]

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