Wahrlich eine Wissenschaft – eine bürgerliche

Wahrlich eine Wissenschaft – eine bürgerliche
Bedenklich wird es schon, wenn die Suchmaschine den Zettelkasten völlig ersetzt. Ein Beispiel, wovon ich rede. So suchte ich dieser Tage Daten zu der Frage: „Wie viele Kommunisten mordeten die Nazis?“ – über Google. Was ich fand, auch nachdem ich die Frage mehrfach umstellte, z.B. auf „Verbrechen an Kommunisten durch die Nazis“, war zu 99 % das, was ich definitiv nicht gesucht habe, nämlich die Antwort auf die Frage: wie viele Kommunisten mordeten die Kommunisten selber (unter Stalin z.B.) Dass ich so nebenbei eine schöne studentische Arbeit über Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ fand, tröstete mich nicht so wirklich. Denn auch hierin fand ich die gesuchten Daten nicht. Also ging ich zu Metager mit derselben Anfrage. Was ich hier fand, war im Wesentlichen dasselbe, nebst einem wirklich interessanten Artikel im Spiegel, den ich empfehle, da er sich mit der Frage von Auschwitz und dem „Vergessen“ desselbigen auf sehr beeindruckende Weise auseinandersetzt.

Aber außer der erschreckenden Zahl von einer Million, die allein in Auschwitz gemordet wurden – vermutlich hauptsächlich Juden und andere „minderwertige“ Kriegsopfer -, fand ich auch hier nicht einen Hinweis, nicht den zartesten, auf meine Frage.

Kann es sein, dass es dazu gar keine Aufarbeitungen gibt? Oder stimmt mein Eindruck, dass hier eine entsprechend gefilterte Sicht der Dinge mir eben die Sichtung vernebeln soll?
Wie gesagt, auch hier finde ich alles zu der Frage nach den Morden an Kommunisten durch Kommunisten selber. Ein wenig zynisch ist das schon. Obwohl ich die Tatsache selber wirklich nicht leugne. Nur steht die auf einem anderen Tablett.

Ja, es scheint eine Wissenschaft zu sein. Mit offensichtlich auch demselben Geist – dem bürgerlichen. Und es schwant mir so langsam: Da haben wir unser Informationszeitalter, damit aber auch zugleich die einfachste Technik zur Deformation. Aus Information mache man Desinformation.

Ach ja: unter Wikipedia fand ich dann folgenden Eintrag:
Viele ihrer Anhänger und die ihrer Splittergruppen wurden verhaftet und bereits 1933, mit als erste in das Konzentrationslager Dachau oder die Lager im Emsland gesperrt. Sie wurden im „Dritten Reich“ systematisch politisch verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet, einfache Mitglieder genauso wie leitende Kader (zum Beispiel Ernst Thälmann oder Werner Scholem). Die KPD hatte im Kampf gegen die faschistische Diktatur von 1933 bis 1945 große Verluste zu verzeichnen.“ Auch hier wieder keine Zahlen!

Mein nächster Gang wird zur Deutschen Bibliothek sein. Mal sehen, ob ich dort fündig werde.

Was Zahlen manchmal auslösen
@Wersch: Danke für diesen Hinweis. Ich hätte es mir denken können, zumal ich mich mit diesem Wehler schon mehr als einmal auseinander gesetzt habe. Und auch ich bemerke diesen „sozialdemokratischen“, ja ich würde beinahe sagen, regelrecht pietätlosen Sarkasmus. Nun ja, von der Sozialfaschismustheorie bis hin zur Volksfront hat die KPD (die Komintern) eine Reihe Schlenker vollzogen, die auch dem revolutionären Marxisten nicht so wirklich einleuchten wollen.

Was mich im diesem Zusammenhang, und was jetzt nicht mehr das eigentliche Thema ist, denn dieses lautete ja: „Wie finde ich was, oder eben nicht?“, aber schon etwas irritiert, ist tatsächlich diese Zahl. Nicht dass ich sie bezweifle, vorerst hätte ich gar nicht mehr, als diese schnoddrige Bestätigung durch Wehler dessen, was vermutlich von den Kommunisten selber beziffert worden sind, aber ich dachte wirklich, es wären mehr gewesen.

Sollte es den Nazis wirklich gelungen sein, diese damals stärkste aller Kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion völlig aufzureiben, indem sie vor allem den Kader liquidierte und das Parteivermögen kassierte? 1933 hatte die KPD etwa 360000 registrierte Mitglieder.

In Indonesien wurden unter Suharto wenigstens 500000 (man spricht auch von 1 Million) Kommunisten liquidiert, aber die Partei war trotzdem nicht tot zu kriegen. Auch Mao Tse-Tungs KP konnte sich auf dem langen Marsch sogar wieder aufbauen, obwohl sie teilweise völlig aufgerieben war. Das spricht nicht gerade für die KPD.

Was Zahlen manchmal auslösen, obwohl sie für sich genommen eher wenig erklären.

Jetzt wäre ich Ihnen noch sehr verbunden, wenn Sie mir Ihren Suchbegriff verraten. Denn das war ja mein Ausgangsproblem.
Mit freundlichen Grüßen

Endlich wissen wir, dass wir nichts wissen
@Mersch: Sie werden wohl recht haben. Das Zeitalter des Buches dürfte abgelaufen sein. Alleine schon aus dem Grund, da jetzt schon das vernetzte Wissen, und sei es auch nur die Vernetzung von „Halbwissen“/partiellem Wissen, dem genialen Einzelwissenden überlegen ist. Auch die technische Entwicklung bestätigt diese Richtung weiterhin, Stichwort: der Menschencomputer. Zu bearbeitende Wissensgebiete werden in kleinste Einheiten zerlegt, einzelnen Gehirnen zugeteilt und per Vernetzung mit anderen (kleinen) Gehirnen und in den Ergebnissen dann wohl den Quantencomputer übertreffend. Kein Papier kann einen solchen Denkprozess noch festhalten. Das wäre eine Endlosschleife, die drohte das Universum auszufüllen. Zumal es keine Endergebnisse gibt, keine, die für längere Zeit – sichtbar/lesbar – festgehalten werden müssten. Alles ist vorläufig, alles fließt. Darin Heraklit wie Sokrates definitiv bestätigend. Endlich wissen wir, dass wir nichts wissen, denn alles was wir wissen, liegt im Fluss einer unendlich scheinenden Gedankenwelt.

Das kreative Element jedes menschlichen Gehirns wird hier genauso ausgebeutet wie das Wissen sammelnde – alles Faktische ist eigentlich Nebenprodukt, Stoffwechselprodukt des Denkprozesses. Auf eine gewisse Weise wäre das gar auch das Ende der Klassengesellschaft, selbst wenn die Gesellschaft noch formal nach Klassen gegliedert wäre. Eine demokratischere Arbeitsteilung kann man sich gar nicht mehr vorstellen, jedes Hirn wäre gleich viel „wert“, oder auch gleich wenig, da Teilprozessor von einem ständig wachsenden, somit unendlich scheinenden Ganzen.

Bücher werden nicht so leicht verschwinden, dennoch wird deren Wert zunehmend antiquarisch, ein Wert in der Kunstgeschichte, da der Technik einer längst vergangenen Epoche gewidmet, neben der längst nicht mehr tickenden Pendeluhr an der Wand.

Als Vision dahinter stünde dann noch ein Telepathisches Zeitalter. Der Computer als Maschine (die technische Vernetzung des Ideenstroms) würde in dem Maße obsolet, als wir unsere Kommunikation auf telepathischem Weg fortsetzten. Ich bin sicher, dass daran schon gearbeitet wird. Und zwar genau von den Intellektuellen, die sich am Ende damit als erste überflüssig machen. Eine faszinierende wie gleichermaßen Angst machende Vision. (Ich hoffe, das war jetzt nicht all zu sehr am Thema vorbei mäandert?)

Der einfachsten Kreatur unterlegen
@Xena: Wenn wir das können, wissen wir längst auch, wie wir einen Schlaganfall verhindern. Oder Nicht? Vielleicht wird dieser Menschencomputer den Gesundheitscoach als App mitgeliefert bekommen. Dann vermutlich gar kostenlos – dem System zuliebe. Die Alternative wäre natürlich, was dann aber selbstredend die barbarische Version ist, dass die Teile so schnell ausgewechselt werden, dass das System keinen Schaden erleidet. Ich könnte mir auch vorstellen, dass so ein Menschencomputer, während er im Betrieb ist und soweit er als Fremdbestimmtheit daherkommt, so etwas wie ein Second Life darstellt (ohne sich das aber vorzustellen). Denn wir wüssten gar nicht, dass wir einen Computer sind. So im Stile der Matrix-Trilologie.

Ich würde mal sagen, und jetzt mache ich wieder marxistische Propaganda, denn ich rede hier im Stile des „Reiches der Freiheit“, von dem Marx immer sprach: Die sozialistische Version wäre die erstere, die, in der wir noch Subjekt sein können, wo wir also in unser Second-Life ein- und aussteigen können, wenn auch nicht in Form einer Subjekt-Objekt-Gegenüberstellung, also da Raum wie Zeit noch überwinden, bzw. Intellekt (Energie) aufwenden müssend. Dann nämlich gewissermaßen quantentunnelnd zwischen verschiedenen Wirklichkeiten.

In der barbarischen Version, das wäre eine jene, in der das Subjekt abgelöst wäre durch irgendeine Maschinenrealität, in der wir so gefangen wären, wie jetzt und unserer Klassenrealität. Allerdings dann irreversibel. Wir könnten nicht „quantentunneln“, sondern wären Teil einer verobjektivierten Welt, in der sich ein „Subjekt“ nur noch als Agent seiner Umwelt erkennt, ähnlich darin einem Cyborg. Selber Maschine, denkend, dennoch sich darin selber nicht bewusst sein könnend. Es wäre auch eine Form der Rückkehr in das Magische Zeitalter. In die dunkle Epoche der menschlichen Vorgeschichte.

Während sich der Vorzeitmensch allerdings von Geistern umgeben wie auch von diesen beseelt erkannte, wird dieses Nicht-Menschlein der barbarischen Zukunft, nicht mal mehr solches „fühlen“. Mehr Maschine als Mensch. Darin der einfachsten Kreatur unterlegen. Und doch immer noch voll des Gehirns, mit Hilfe dessen es mal glaubte, sich befreien zu können.

Doch eine „Anekdote der Geschichte“
@auxtroisglobes: Keine Frage, Sie sprechen mir aus der Seele. Trotzdem sehe ich mich als Marxist, was ich hier jetzt nicht näher ausführen möchte (siehe aber), lieber in der selbstkritischen Haltung, als in der des Opfers (einer Sozialdemokratie). Vielleicht nur das Eine: Die Opferhaltung (die Verinnerlichung des Opfer-Seins) führt nie zum Erfolg (zum Sieg/zur Korrektur von eigenen Fehlern), sondern nur zu weiteren Opfern/Verbrechen an Dritten/weiteren Fehlern (vgl. die längere Ausführung hier).

Eine diesbezüglich andere, ungleich tragischere, Variante können wir am Beispiel des Nahostkonflikts beobachten. Hier werden die (sich historisch, wie auch aktuell gegenseitig verstehenden) Opfer gar zu gegenseitigen Tätern und laufen Gefahr ihre (beiderseitige) historische Legitimation – als „anerkannte“ Opfer (nur die Juden sind als solche wirklich anerkannt) – zu verlieren (auch das SED-Regimes „rechtfertigte“ sich mit seinen Taten auf ähnliche Weise).

Erfolglosigkeit, die einem so gewiss ist, legitimiert nur zu weiterer Erfolglosigkeit, wenn kein Bruch mit der bisherigen Linie und Haltung erfolgt. Letztlich legitimiert nur der Erfolg selber.

Diesbezüglich kann ich einem Wehler nicht mal ganz widersprechen. Die unbeschreiblichen Fehler des SED-Regimes verurteilen die Geschichte der kommunistischen Bewegung Deutschlands, nachträglich, zur „Anekdote eben dieser Geschichte“.

Die Überwindung der Sprachbarriere(n)
@Colorcraze: Ich lasse in meine Beiträge wohl auch eine ordentliche Portion Fantasie einfließen, aber in Sachen von Technik und diesbezüglichem Wissen agiere ich ganz gediegen, zumal das nicht unbedingt mein Metier ist. Also habe ich mir das nicht eingebildet, das mit der „Telepathie“, sondern gewissermaßen „angelesen“ (mehr ist es im Moment noch nicht). Während man bereits in der Molekularbiologie mit dem Begriff der Instantanität (einer quasi telepathischen Verschränkung, darin ähnlich der Verschränkung in der Quantenwelt) zu arbeiten scheint, zugegeben: noch relativ spekulativ (habe da mal einem hochinteressanten Vortrag eines bekannten Frankfurter Kernphysikers gelauscht, der da die Behauptung aufstellte, dass die darwinsche Vorstellung von Mutation und Selektion, eben ohne diese „Telepathie“ in der Natur, nicht mehr aufrecht zu erhalten wäre, ob der dafür viel zu kurz gewesenen Zeitspanne – nun ja: diesbezüglich hadere ich noch mit diesem Herrn und auch mit mir -, wird es diesbezüglich in der nächsten technischen Zukunft womöglich ernster. So überraschte mich Ende letzten Jahres eine Veröffentlichung des VDI (VDI-Nachrichten, 17.12.2010).

Unter der Rubrik „Diese Technologien werden unsere Zukunft prägen“ wird eben u.a. auch die „telepathische Kommunikation“ benannt, neben dem von mir bereits erwähnten „Menschencomputer“. Zunächst geht es noch darum Körperbehinderte darin zu unterstützen, die durch defekte Nervenbahnen (oder infolge anderer Erkrankungen) nicht mehr steuerbaren Körperteile per „Gedankenkraft“ zu bewegen. Es handelt sich offenbar um die Ersetzung der (vom Gehirn gesteuerten) Nervenbahnen durch direkte neuronale Energieströme. Und genau das ist der Einstieg in die „Telepathie“, wo die sprachliche Kommunikation ebenso „kurz geschlossen“ werden könnte.

Bedauerlicherweise habe ich die Print-Ausgabe nicht mehr, und auf die komplette Online-Ausgabe habe ich als Nichtabonnent keinen Zugriff (vgl.: vdi-nachrichten, letzter Zugriff: 16.02.2011).

Dass das im Übrigen Auswirkungen auf den philosophischen/ethischen wie auch (neuro-)physiologischen/psychologischen Diskurs haben wird, möchte ich bei dieser Gelegenheit nicht unerwähnt lassen. Denn was wäre der Mensch, was wäre dessen Bewusstsein (über und von sich selbst) ohne die Sprache, ohne die gesprochene und mehr noch ohne die geschriebene Sprache (vgl. Julian Jaynes’ „Der Ursprung des Bewusstsein“, ich erwähnte ihn schon), ja ohne diesen kleinen „Spalt“ zwischen den neuronalen Impulsen und deren „Abdrücke“ im Bewussten/Un(ter)bewussten. Auch ein Wolf Singer wird da noch ganz anders diskutiert werden.

Doch eröffnet sich hiermit ganz klar ein Weg zur Überwindung ganz anderer Sprachbarrieren. Und die (nichtsprachliche) Kommunikation mit anderen Arten (intelligenten Tieren, oder gar in der Zukunft noch zu entdeckenden „Aliens“) wäre denkbar. Diese Entwicklung halte ich bereits für unumkehrbar, zumal dahinter nicht nur die Gesundheitsindustrie steht, sondern die Sicherheitsindustrie wie letztlich auch die Raumforschung.

Bechtolsheim?
@Colorcraze: Meinen Sie den Bechtolsheim? Wenn ja, wo und wann hat er sich dazu geäußert? Das interessiert mich sehr!
Danke

faz.net/blogs/deus/archive/2011/02/14/altes-wissen-und-dessen-moderne-verwaltung

Im Anschluss an die öffentliche Debatte, hat mir der Leser Herr Mersch eine persönliche Email geschickt. Herr Mersch hat auf meine Nachfrage hin sein Einverständnis erklärt, dass ich diesen Emailaustausch der Leserschaft meines Blogs zur Kenntnis gebe:

Lieber Devin08,
Sophia, die verehrte Gastgeberin unseres Salons, reagiert bereits leicht gereizt, darum schicke ich Ihnen diese Nachricht lieber privatim, sie hat ja auch Recht, die Frage führt doch weiter weg vom Thema.
Wenn ich mich recht erinnere, war mein Suchwort bei Google:
„NS-Regime Opfer Kommunisten“, schon auf der zweiten Seite unten wurde ich fündig

Ich bin nicht so erstaunt über die vergleichsweise „geringe“ Zahl der liquidierten Kommunisten, der Mensch ist wandlungsfähig! Wer sich ins völkische Süppchen brocken ließ, durfte überleben, gilt fürs Zentrum genauso wie für Kommunisten und Sozis, aber eben nicht für Sinti und Roma, Juden und Behinderte. Ernst Jünger schreibt irgendwo sehr schön über einen vormals sozialdemokratischen Nachbarn, der ihn bei der Gestapo verpetzte, um sich bei den neuen Herren einzuschmeicheln. Und 1945 hatte dann ja bekanntlich jeder der 80 Millionen Deutschen einen der 500 000 Juden versteckt. Der Mensch ist ein Abgrund und es schwindelt einen usw. usf. Man hat sich arrangiert und gelegentlich profitiert und hinterher gejammert, als einem die Fliegerbomben aufs Dach geschmissen wurden (in Dresden jammert man ununterbrochen seit 66 Jahren). Ich finde Götz Alys „Hitlers Volksstaat“ in dieser Hinsicht sehr überzeugend.
Es gibt keine ideologische Front, die sich nicht aus Opportunitätsgründen überwinden ließe, denken Sie nur an Hitler als den großen Eingemeinder aller „Volksdeutschen“ nebst ihren Latifundien und Bauerngärten, und vergleichen Sie das mit seiner Südtirolpolitik. Insofern wundert mich die relativ „geringe“ Zahl der Kommunisten als Opfer in Deutschland nicht. Lassen Sie sich nicht von den Propagandatrommeln der DDR täuschen mit Antifa als Lebenslüge.
Gestern bin ich bei abendlicher Lektüre zufällig auf eine Zahl gestoßen, die mir unglaublich hoch erscheint, vor allem im Vergleich zu den drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die in deutscher Kriegsgefangenschaft umkamen bzw. ermordet wurden. Robert S. Wistrich schreibt in „Hitler and the Holocaust“, New York 2003 (p. 92) über Politkommissare der Roten Armee, die den Deutschen in die Hände fielen: „Some six hundred thousand of these officers were summarily shot by the Wehrmacht in the first few months of fighting.“ Halten Sie das für möglich? Demnach hätten nicht unerhebliche Teile der Armee aus Politoffizieren bestanden, was möglicherweise zur geringen Schlagkraft der Roten Armee in der Anfangsphase des Krieges beigetragen haben dürfte, neben der bekannten Schwächung durch Stalins „Säuberungen“ in den Rängen des Militärs.
Herzliche Grüße
Matthias Mersch

Hallo Herr Mersch,
nochmals vielen Dank, auch für diese Antwort.
In der Tat, ich will die Gastgeberin wirklich nicht verärgern. Ich hatte das gleiche Gefühl, wie Sie, als ich diese Zahl 20000 vernahm. Ich glaube darin eine nicht unwesentliche Ursache für das Scheitern des deutschen Kommunismus zu sehen. Dieses Thema muss aufgearbeitet werden. Oder die Sache des Marxismus, für die ich nach wie vor stehe, ist es nicht wert, verteidigt zu werden.
Ich denke, dass da Offiziere und Politkommissare zusammen geworfen sind. Nichts desto trotz dürften es sehr viele Kommissare gewesen sein, die da liquidiert wurden, zumal ja tatsächlich die Armee zuvor „gesäubert“ worden war, also wenig taugliche Offiziere noch gelebt haben dürften.

Es ist dies auch ein Ergebnis der stalinschen „Zickzacklinie“ (Trotzki), die immer mehr dem imperialistischen Pragmatismus seiner Gegner ähnelte (siehe Briefwechsel Churchill-Stalin-Roosevelt).
Ein Skandal nach dem anderen: Die Auslieferung von Kommunisten und Juden an die Nazis, nach dem Hitler-Stalin-Pakt (und Thälmann wurde hierbei nicht mal versucht frei zu bekommen). Dagegen die Installation dieser Quislinge um Ulbricht, Pieck und Co. (Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass Ulbricht, sprich: dessen Kurier, in Thälmanns Verhaftung verwickelt war.) Die Fehler an der Spionagefront. Schließlich und endlich die Annahme, dass die Deutschen den Vertrag nicht brechen würden. Stalin war völlig überrascht von dem Überfall.

In der Tat: die Armee war nicht bereit zum Krieg.
Ich stehe erst am Anfang der Aufarbeitung dieser Katastrophe, aber ich lasse mir das Thema nicht mehr vom Brot nehmen.
Doch bei dieser historischen Last, die Dialektik wird hier wirklich arg gequält, ist die Hauptfrage gegenwärtig, die nach den Formen der sozialen Revolution, im sog. Postimperialismus. Ich komme langsam dahinter, dass der Klassenkampf diesbezüglich sich gar verdichtet, entgegen allen Anscheins, und entgegen allen antimarxistischen Gekläffs.

Es könnte so aussehen, als dass die Barbarei, von der Marx und Engels sprachen, als Kontrapunkt zum Sozialismus, sich als das beides verbindende Element herausstellt.
Und womöglich wären wir schon mittendrin. Revolutionen erscheinen dann nicht unbedingt so wie wir sie gewohnt sind, so wie sich zurzeit in Arabien zum Beispiel darstellen, sondern als Teil eines globalen Verfallsprozesse, einer globalen Barbarisierung. Durchaus möglich dass wir so was wie einen schnellen Wechsel von Revolution und Konterrevolution bekommen, ohne das wirklich zu bemerken. Der Sozialismus sozusagen als Durchgangsstation zu einer dann immer schlimmer werdenden Barbarei. Und eine ganze Epoche lang, wird es nicht möglich sein, zu erkennen wohin das führt. Das macht die Sache nicht leichter, doch interessanter. Das Kapital merkt gar nicht, wie es vom Sozialismus eingeholt wird, und der Sozialismus merkt nicht, wie er zu einer Unterart des Kapitalismus wieder geworden ist. Also das, was wir die letzten 100 Jahre als Abfolge von Katastrophen wahr nahmen, als eine einzige Katastrophe.

Mir schwebt da Oskar Maria Grafs „Die Erben des Untergangs“ vor Augen, eine geniale Sicht auf ein solches Geschehen, und dies noch während des 2. Weltkrieges.

Die Theorie des Marxismus wird es unter solchen Bedingungen sehr schwer haben. Aber sie ist die einzige, die hierbei die Chance überhaupt hätte, den Faden der Geschichte nicht aus der Hand zu geben. Vorausgesetzt, sie wird verstanden und weiter entwickelt.
So, jetzt habe ich Sie genug beschwatzt.
Bis demnächst mal wieder.

Liebe Grüße Herold Binsack

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  • Von Lokomotive mit Atomkraft am 4. März 2011 um 18:51 Uhr veröffentlicht

    […] plötzlich mit Atomkraft zu laufen. Es könnte diesmal ein gewaltiger Schub werden, der gar die Abstellgleise zum Erzittern (der Link bezieht sich auf den Gedankenaustausch mit Herrn Wersch in diesem Blog, Stichwort: […]

  • Von Natur ist nur das, was wir nicht beherrschen am 17. März 2011 um 20:11 Uhr veröffentlicht

    […] der Klassengesellschaft, in der auch das echte Bewusstsein erst aufkam, ich sprach kürzlich davon, wird dieses magische Denken, die Beschwörungsformel nur überformt, in abstrakte Redewendungen. […]

  • Von Mit Thälmann wäre das nicht gegangen am 11. November 2013 um 01:15 Uhr veröffentlicht

    […] – sie hatte keine, wie wir wissen! -, war sie so schäbig wie antileninistisch. Ich denke, mit Thälmann wäre das nicht gegangen. Die Clique um Ulbricht hingegen war zu jeder Schandtat bereit. Für mich […]

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