So billig wie willig

Den letzten Beitrag: „Wer die Prostitution nicht will, muss den Kapitalismus bekämpfen, wurde trotz zweimaligen Versuches nicht freigeschaltet.“ Ein erstaunlicher Vorgang! Ich habe eine Anfrage gestartet. Ich bin gespannt, was jetzt passiert. Was mir allerdings bisher schon aufgefallen war, ist, dass der Blogger Don Alphonso meine Beiträge nicht mehr kommentiert.
Nachtrag: Nun wurde er doch freigeschaltet, ja gleich zweimal. Doch reichlich spät.

So billig wie willig
Worauf beruht die gegenwärtige, die bürgerliche Familie? Auf dem Kapital, auf dem Privaterwerb. Vollständig entwickelt existiert sie nur für die Bourgeoisie; aber sie findet ihre Ergänzung in der erzwungenen Familienlosigkeit der Proletarier und der öffentlichen Prostitution.“ (Manifest der Kommunistischen Partei, Proletarier und Kommunisten, MEW, Bd. 4, S. 478)
Ich empfehle wieder mal die Lektüre, bei Gelegenheit, und dies hier von mir, ganz bescheiden: so-bleibt-das-fleisch-so-billig-wie-willig.

Auf ewig die Jungfrau
Schon auffallend, Herr Wolf, wie Sie angeben Prostituierte zu kennen, sich aber beeilen, zu erklären, dass sie deren „Dienste nicht in Anspruch“ nähmen. Ich glaube, das Problem, das Sie quält (als verdrängtes erotisches Thema womöglich), verraten Sie im letzten Satz; in der dort nämlich geäußerten Verachtung gegenüber dem „sowas“. Wie steht es eigentlich mit Ihrer Selbstachtung? Bzw.: sehen Sie sich dazu in der Lage, den zu vermutenden Mangel daran, auf erotische Weise zu kompensieren? Ich denke, dass die gesellschaftlich notwendige Aufgabe der Prostitution (ohne dass die Gesellschaft, bzw. die Akteure sich diesbezüglich bewusst sein müssen!) eben genau darin liegt, solche, im bürgerlichen Leben leider all zu oft unterlassenen Kompensationen, zu ermöglichen. So betrachtet, wäre die Prostitution ein unverzichtbarer Bestandteil der Psychohygiene in unserer doppelmoralischen Welt. Für nicht wenige müsste der Gang zur Prostituierten auf Krankenschein ermöglicht werden. Die Prostitution zu verbieten, käme daher dem Selbstmord solcher Gesellschaften gleich.
Ein „verlebtes Gesicht“, Herr Wolf, haben u. U. auch Frauen, die sich nicht explizit prostituieren. Aber aufopfern. Zum Beispiel in der Familie, u.a. ob der kostenlos zu erbringenden Liebesdienste dort. Sie bemerken gar nicht, wie Sie die bürgerliche Ästhetik aufs Glatteis führt. Schön soll es sein, das Weib, unverbraucht, trotz der Überbelastung. Strahlend, auch dann, wenn es in Wirklichkeit unendlich leidet. Auf ewig die Jungfrau, trotz ihrer fortgesetzten Schändung.

Das erotische Thema finden!
Vielleicht sollten Sie das von mir nochmal lesen, Herr Wolf, um zu verstehen, was ich überhaupt gesagt habe. Finden Sie Ihr erotisches Thema!

Spuren im Gesicht
liest sich für mich wie „verlebt“! „Ausdruckslos„, sagten Sie nicht nur nicht, sondern, es ergäbe aus Ihrem Text auch keinen Sinn!

Wer die Prostitution nicht will, muss den Kapitalismus bekämpfen
@Ross Dorn: Entschuldigen Sie, dass ich jetzt erst auf Ihre Frage eingehe (das war doch eine Frage?). Aber auch als Atheist kann man sich der Weihnachtsgeschäftigkeit nicht ganz entziehen. Obwohl ich gestehe, dass ich an solchen Tagen, nicht nur wegen des schlechten Wetters, lieber in die Sauna ginge (ich meine jetzt wirklich Sauna, nicht FFK-Club oder dgl., obwohl ich da keine Berührungsängste zu habe!)

Nun zu Ihrer Frage: wie sollen Sie mich sehen? Ich weiß nicht, wie Sie mich überhaupt sehen. Ich selbst sehe mich da völlig bei mir. Wenn Sie da mal in meinem Blog etwas schmökern, sagen wir mal unter den Stichworten: Eros, Sex, Liebe, aber auch unter: Borderliner, Schwarzer, Brüderle, Pädophilie, Lolita…, werden Sie sehen, dass ich nicht nur viel zu dem „Schmuddelsandwich zwischen Prüderie und Pornographie“ (auch so Schlagworte) zu sagen habe, sondern irgendwie immer dasselbe. Aber ich sag’s mal ganz deutlich: Ich verurteile die Machtausübung gegenüber Dritten, ganz generell, ganz besonders gegenüber Schwächeren. Dennoch ist die Macht ein unverkennbarer Ausdruck unserer Gesellschaftlichkeit, und somit auch Teil des sog. erotischen Spiels (welche ja diese Gesellschaftlichkeit, wenn auch paradox zuweilen, abbildet). Doch schlimmer noch als Machtausübung, ist die Unterdrückung der Lust/der Machtgelüste u.U. Ich denke, dass leider allzu wenige sich ihres erotischen Themas bewusst sind/bewusst sein wollen, welches nämlich mit der Ambivalenz zwischen Macht und Ohnmacht spielt (im Idealfall!)

Wäre das Bewusstsein in diesem Bereich ausgedrückter, gäbe es nicht nur weniger Verbrechen, sondern auch besseren Sex. Denn gerade weil der Übergang zwischen harmlosen und weniger harmlosen sexuellen Orientierungen und Wünschen oft so fließend ist, wäre ein (selbst)bewusster Umgang damit wünschenswert.

Nehmen wir den Fall Edathy, weil’s so schön passt (ich hab mehrfach dazu was geschrieben). Nicht, dass seine sexuellen Wünsche auf legale Weise nicht erfüllbar sind/nicht erfüllbar sein sollten, ist das eigentliche Problem, ja nicht einmal, dass er solche Wünsche hat, denn diese führen jeden Psychotherapeuten schnell dorthin, wo dieser Mensch unendlich leidet, also in seine eigentlich lustlose Hölle, sondern, die Doppelmoral im Umgang damit. Die Instrumentalisierung, genau genommen. Während die Geheimdienste solche Gelüste benutzen, um diese Politiker erpressbar zu machen, ja die ganze Politik zu missbrauchen, also während das in der Politik ganz schmerzfrei behandelt wird, wird auf der offen rechten Seite dieses Thema aus denselbigen schmutzigen Absichten instrumentalisiert. Und ganz nebenbei läuft’s wie gehabt. Es wird medial skandalisiert, und so schnell wie möglich unter den Tisch gekehrt. Im Bett sind sie alle wieder zusammen – die Moralischen wie die Unmoralischen. Das England dieser Tage lässt grüßen.

Eine solche Gesellschaft vorausgesetzt, und nicht eben diese, die ich bevorzugen würde, erfordert einen klugen Umgang mit dem Thema Prostitution. Solange wir diese Gesellschaft haben – und für meinen Geschmack haben wir sie schon viel zu lange -, werden wir ohne die Huren nicht auskommen. Wer die Prostitution nicht will, muss den Kapitalismus bekämpfen. Doch wer die Prostitution bekämpft (heißt auch: die Prostituierten abfällig behandelt, oder sich über die Freier erhebt), statt den Kapitalismus zu kritisieren, macht sich in meinen Augen verdächtig.

blogs.faz.net/stuetzen/2014/12/18/sex-macht-gewalt-und-moral

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