Das Erotische Thema finden

Ein Scheitern war wieder mal unvermeidbar
Ein wirklich guter Beitrag. So fühl ich mich angeregt zur Öffnung eines Blickwinkels gar auf mich selber. So habe ich die Erfahrung gemacht, dass man Beziehungen, resp. Beziehungsprobleme, nicht wirklich ausdiskutieren kann. Nicht nur, weil man da sehr schnell in die allbekannten Beziehungskisten verfällt, sondern weil sich unsere Alltagssemantik, so metapherreich sie auch sein mag, nicht für eignet. Denn letztendlich geht es weniger um das Verstehen von Gefühlen, als um die Akzeptanz, den sog. Respekt. Um das Fühlen von Gefühlen. Um das Ertragen, ja den Genuss, von extremer Nähe.

So könnte ich rein theoretisch die Gefühle eines Pädophilen verstehen, aber eben nicht respektieren. Ich fühle sie nicht. Und welche Kunstform mich da bewegen könnte, von ab zu gehen, will ich erst gar nicht wissen. Dennoch: den gleichen Graben finden wir zwischen uns allen. Kein Gefühl ist uns so nahe, wie das zum eigenen Kind, denn dies Kind fühlen wir selber (daher auch die instinktive Ablehnung eben des Pädophilen, die entsetzliche Angst, allein schon bei dem Gedanken an einen solchen, soweit wir nicht selber ein jener sind). Alle anderen Gefühle bedürfen der Übersetzungshilfe. Denn hier bleiben wir „Fremde“, sind wir der jeweils „Andere“.

Mann und Frau sind sich keinesfalls ähnlich. Sie ziehen sich nur an. Vielleicht gerade ob ihrer Unähnlichkeit, ihres nicht gelüfteten Geheimnisses. Meistens jedenfalls. Doch diese Anziehung beruht auf sexuellen, letztlich aber auf sozialen Motiven. Anfänglich wohl aber der Neugier geschuldet. Der Lust an der Erotik, der Liebe zur „Wahrheit“, wie der antike Philosoph gesagt hätte. Wie fühlt er sich an, dieser ganz andere Körper? Gesehen habe ich ihn schon, aber wie schmeckt er? Wobei das erotische Motiv aber schon ein übersetztes wäre, ein Kunstprodukt einer schon relativ hohen Kultur. Doch lässt mich dieser Satz gerade erschauern, ob des Gedankens, wie ich da des Menschen Geschichte tiefer treibe! Denn das sexuelle Motiv reicht in der Regel nicht weiter als bis zur Kopulation. Reproduziert sozusagen nur unseren vorgefundenen genetischen Code. Und wo dann weitere Motive fehlten, wäre dieser nie geändert worden. Liegt da der Gattung Homo womöglich wahrer Grund? Sind es die Gefühle, die uns schufen? Bevor wir uns solcher erst zu vergewissern verstanden?

Die Liebe hingegen ist eine gern gebrauchte Metapher. Aber eine den sozialen Motiven geschuldete. Ein im Kern ideologischer Begriff, der mehr verschleiert als erklärt. Dennoch: wir „lieben“ (bevorzugen) das, was uns ähnlich ist, nicht das was uns fremd bleibt. Und darin liegt eine nicht unwesentliche Quelle des Konflikts. Denn so negiert die Liebe die Sexualität und verwirrt die Erotik. Sexuell hingezogen fühlen wir uns dem Fremden, doch lieben können wir nur das Nichtfremde. Unser erotisches Thema (unser Wahrheitsbedürfnis/unsere Identitätssuche) befindet sich da irgendwo in diesem Spannungsfeld.

Die Poesie mag uns dabei helfen, die da katastrophisch vorgezeichnet erscheinen wollende intersexuelle Kommunikationssuche einer befriedigenden Lösung zuzuführen. Denn ein solchermaßen verwirrtes „Objekt“ wie „Subjekt“ der „Begierde“ ist eben nicht immer gleich willig, wie wir besonders auch aus eigener Erfahrung wissen. Und ja: sie ist nützlich. Diese Erfahrung machen nicht wenige von uns. Unvergessen die ersten Liebesbriefe.

Doch fühlen tun wir uns nur in der Berührung. Im Moment der Berührung. Ein im hohen Maße ästhetischer Moment. Zu dem wir uns womöglich selbst verführen müssen. Die Fähigkeit zur Selbstverführung ist vermutlich aber abhängig vom Ausmaß an eigener Phantasie. Und genau diese befindet sich im Dauerkonflikt mit den jeweils sozialen Normen. Obsessionen gelten schon als abnorm, wenn sie mehr als einen Partner (zur gleichen Zeit) erforderlich machten. Eyes Wide Shut lässt grüßen. Und genau darin liegt die Quelle der Zerstörung jeder noch so raffinierten Kunstform, nicht nur in der sexuellen Sphäre. Wir verharren im Moment der höchsten Verwirrung. Das Subjekt verfängt sich in seinen Aporien.
Die Lücken bleiben. Die Spannungen wachsen. Die Liebe bleibt unerfüllt. Ein Scheitern war wieder mal unvermeidbar.

Das Erotische Thema finden
Hallo Herr Schoenbauer, schön auch Sie hier wieder mal zu treffen. Ich widerspreche Ihnen ausdrücklich nicht. Ich denke aber, dass man nicht sagen sollte, es ist so oder so. Das Thema ist komplex. Ich zum Beispiel habe schon im Alter von 5 Jahren wissen wollen, wie sich dieser völlig andere Körper da anfühlt. Um Triebabfuhr konnte es da noch nicht gehen, wie Sie sich vielleicht denken können, sondern um diese quasi erotisch inspirierte Neugierde. So fühlte ich mich zum Beispiel meiner damals gleichaltrigen Cousine „in Liebe“ hingezogen (ich fand sie hübsch, vor allem aber mütterlich), hingegen war ich „voll des Begehrens“ gegenüber einer anderen Angebeteten (die war so ein „freches Luder“). Ich hatte da eine verwegen klare Vorstellung von Sexualität. Woher auch immer. Ohne mir dabei aber das Triebgefühl vorstellen zu können.

Auch vor diesem Hintergrund habe ich daher das Dreiecksverhältnis von Sex (Begehren und diesbezügliche Ambivalenz), Liebe (ersehnte Nähe, mit der Option der Überwindung der Ambivalenz) und Erotik (Neugierde, auch Distanz zu sich selbst, Überwindung eines übertriebenen Narzissmus, Erkennen des eigenen „erotischen Themas“) auf diese ganz bestimmte Weise beschrieben. Dieses Dreiecksverhältnis zu verstehen, ist meiner Meinung nach das Hauptanliegen jener „Erotischen Intelligenz“, wie sie Jack Morin in seinem gleichnamigen Buch behandelt (und die zu besitzen/zu erwerben ich für notwendiger halte, als die sog. kognitive). Ich mache jetzt bewusst ein wenig Werbung für das Buch. Mir hat es immer wieder geholfen, nicht nur – doch besonders – bei Beziehungskrisen. Etliche meiner Freunde profitieren da im Moment von, hoffentlich; ich habe das Buch nämlich in deren Umlauf gegeben.

Übrigens, und das jetzt an Alle: Sie werden mich im Moment nicht auf meiner Website finden. Die ist verschwunden. Möglicherweise wurde ich da gehackt. Ein Freund kümmert sich im Moment darum und versucht die Seite wieder herzustellen. Hoffentlich gelingt es ihm.
Grüße

faz.net/blogs/skurril/archive/2012/09/19/kunsttherapie-die-sprache-jenseits-der-sprache

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