Viel wichtiger ist das Monster unter unser aller Oberfläche

Den folgenden Leserkommentar habe ich noch als Blogeintrag in diesem FAZ-Blog (Nachtrag: meine Beiträge wurden hier wohl nachträglich gelöscht) hinterlegt. Meine Kritik, die ich dort mit „“Merkels Christenmensch und das „volle Boot““ betitelt habe, wirkt dort allerdings ziemlich verloren, ob der zumeist ungeheuerlichen bis liederlich-philisterhaften Einträge der Leser. Daher habe ich dort „Die Blamage des Subjekts“ noch nachgeschoben (Die Diskussion, dann zum Teil mit alten Bekannten, wen sollte es wundern?, schaffte ich aber erst mit dem Beitrag „Wie lange noch haben wir die Möglichkeit den Chauvinismus durch Solidarität zu ersetzen?“):

Die Blamage des Subjekts
Die Leute, was die Leserkommentare im Übrigen hier deutlich belegen (einschließlich, ja ganz besonders, der „Gutmeinenden“/der „Verständnis“ zeigenden) haben noch nicht begriffen, dass die Grenzen obsolet sind. Und damit die Nationalstaaten, die Regierungen, die Klassen, ja die ganze auf Verwertung des Werts angelegte Wirtschaftsweise. Diese können wir uns nicht mehr leisten. Wenn wir nicht beginnen für den Bedarf zu produzieren, werden wir bald keine Möglichkeit mehr dazu haben. Ob der ausgeplünderten Ressourcen an Natur und Mensch. Die Profitmaximierung ist unwiderruflich blamiert. Doch des Konsummenschen Verblendet-sein macht aus der Blamage der Profitmaximierung die Blamage des Subjekts.

Wie lange noch haben wir die Möglichkeit den Chauvinismus durch Solidarität zu ersetzen?
Ich bin jetzt doch sehr überrascht zu erfahren, dass in einem FAZ-Blog der Blogger/die Bloggerin nicht selber moderiert und damit natürlich auch persönlich Stellung bezieht. Für mich wäre das einer der Unterschiede zu den Leserkommentaren, wo sich die Leser, mehr oder weniger unter sich seiend, über einen redaktionellen Beitrag unterhalten. Darüber hinaus empfinde ich es, auch und gerade angesichts der doch sehr polemischen Blogeinträge seitens der Leserschaft, als sehr ungeschickt, Frau Hayali durch einen Moderator/eine Moderatorin gewissermaßen zu schützen. Das, was hier stattfindet, und zwar ganz offensichtlich, ist politischer Kampf. Und diesen sollte man niemanden abnehmen, der sich in diesen begibt. Er muss authentisch geführt werden um ernst genommen zu werden.
Ich empfinde einen Großteil der Angriffe als sehr aufschlussreich. Mir zeigen sie mehr als diesen Leuten möglicherweise bewusst ist, wie sehr doch ihr Rechtfertigungsdruck ist. Angesichts des sehr aggressiven Tones und des vorgegebenen Selbstbewusstseins, überrascht mich das sehr. Sollte das „Konsumsubjekt“, entgegen meiner Diktion, doch so etwas wie ein Bewusstsein ob seiner politischen Schwäche haben, und dieses Bewusstsein nur ständig zu verdrängen suchen? Wie auch immer, es reicht nicht aus, um die Totalität der Problemlage(n) auch nur annähernd zu erfassen. Auch Sie, Frau Hayali, und jetzt spreche ich Sie persönlich an, haben dieses Bewusstsein nicht. Sie haben eine emotionale Diskussion begonnen und sie dann auch bekommen. Das rechtfertigt aus meiner Sicht die vielen falschen Reaktionen nicht, aber es verweist auf einen Diskurs, der komplett überfordert scheint. Auch wenn Sie dabei an die „Intelligenz“ appellieren. Denn natürlich weiß hier jedes Kind, dass man einen Ingenieur nicht für ein Jahresbruttogehalt von knapp 35000 € bekommt, nicht in Deutschland; doch wenn dieser Migrant ist, dann schon. Und das ist natürlich das wahre Interesse des Kapitals an dieser „Völkerwanderung“. Doch die Antwort kann nicht lauten: Migranteningenieure raus, sondern: lass uns zusammen kämpfen, für die Menschenrechte, wie für den höheren Lohn, gegen die Lohnsklaverei und Kriegspolitik! Doch das wäre ein Klassenkampfargument, das auch Ihnen fremd scheint. Die überwiegend konservativ eingestellten Kritiker haben das instinktiv erfasst und Sie gewissermaßen „intelligent“ aufs Glatteis geführt.
Daher auch womöglich das Eingreifen der Moderatorin, was ich, wie gesagt, für falsch halte. Wir sollten drüber nachdenken, was hier gerade vor unseren Augen zerbricht. Ich habe es kurz angedeutet, wenn auch noch sehr abstrakt. Wir befinden uns mittendrin in einem gigantischen Umwälzungsprozess. Innerhalb dessen wird es zunehmend schwerer die Grenze zwischen Frieden und Krieg zu erkennen (auch der Papst scheint das so zu sehen, wenn er erklärt, dass wir uns schon mitten drin in einem neuem Weltkrieg befinden; ich beziehe mich eher selten auf ihn, aber ich sehe das ähnlich!), wie überhaupt Grenzen fließend werden. Der Versuch derer, die davon noch nicht in aller Härte betroffen sind, also unser aller Versuch hier, sich dagegen zu schützen, ist so verständlich wie sinnlos. Wenn wir das nicht bald erkennen, und daraus ganz andere Schlüsse ziehen, als wir bis dato tun, wird dieser Krieg, sollte er noch nicht voll ausgebrochen sein, irreversibel. Er wird sich dann in einen gigantischen Weltbürgerkrieg verwandeln. Das transnationale Kapital hat das auf seine Weise gewissermaßen adaptiert; und es führt daher ja auch den „War on Terror“ mal wie einen gewöhnlichen Krieg, mal wie einen Bürgerkrieg. Die „neue Weltordnung“ dabei als strategisches Ziel ausrufend, ohne den Wahnsinn eines solchen Strebens auch nur annähernd erfassen zu können.

Die konservative Antwort darauf ist historisch obsolet. Es gibt kein Zurück zu einen Kapitalismus der Privilegierten. Kein Kuschelkapitalismus a la „sozialer Marktwirtschaft“. Die revolutionäre Alternative scheint sich wie so oft erst ob eines irreversibel gewordenen Kriegsgeschehens anzubieten. Als Folge des Elends und der Zerstörung. Doch könnte das diesmal definitiv zu spät geworden sein. Denn, indem sich das Kapital auf diese Option mit aller Macht vorbereitet – es hat die Erfahrung zweier Weltkriege -, nimmt es die Vernichtung des ganzen Planeten in Kauf. Es denkt nicht daran, von der Weltbühne abzutreten; es inszeniert daher auf dieser Bühne diesen dennoch unvermeidbaren Abtritt als womöglich letztes und solchermaßen wahrhaftiges Drama. Das Auftreten solcher sog. „islamischer Staaten“, ob Al Kaida oder IS genannt, mahnt doch sehr an die sog. Apokalyptischen Reiter, welche mehr Teil der christlichen als muselmanischen Kultur sind. Es wird Zeit solchen Inszenierungen ein Ende zu bereiten.
Noch haben wir die Möglichkeit den Chauvinismus durch Solidarität zu ersetzen, den Aberglauben durch revolutionären Optimismus. Dem Kapital damit ins Handwerk pfuschend. Das Weltgemetzel vermeidend. Doch wie lange noch?

Alltagsbewusstsein oder Alltagsgeschäft?
Ich weiß nicht, ob Sie das nicht bemerken, Frau Detjen, wie unfair, ja unfein es ist, mir indirekt zu unterstellen, dass ich mehr Zeit hätte als Sie, wo es (mir) nur darum geht, sich nicht vom Alltagsbewusstsein dorthin treiben zu lassen, wo doch nur die Verlockungen des Alltagsgeschäfts des Kapitals lauern. Mit meinen Beiträgen habe ich daher bewusst mit des „Christenmenschen vollem Boot“ einer Frau Merkel begonnen. Es geht hier ganz offensichtlich nicht um das Schicksal der Menschen, von denen man jetzt behauptet, dass man es gut meint mit ihnen, so wie man es als „Christ“ überhaupt gut meint, sondern um die Verteidigung scheinbar angestammter Privilegien. Privilegien, die von Beginn an immer auf Kosten eben genau der Menschen ergattert wurden, die jetzt mit ihren „Booten“ zu uns flüchten. Zu uns flüchten, weil sie dort, wo sie her kommen, dank unserer auf Privilegien ausseienden Wirtschaftsweise, nicht mehr überleben können. Die Kriege, die dort geführt werden, wurden und werden weiterhin von unseren herrschenden Klassen, zu deren und zum Teil auch zu unserem Vorteil, angezettelt.
Allein schon daher, ist unser Hoffen auf den Kuschelkapitalismus hehrer Wahn.
Denn, und das scheinen wir noch nicht bemerkt zu haben: diese Einwanderungswellen haben sehr wohl was von einer „Völkerwanderung“. Und diese Völker werden irgendwann nicht mehr um den Einlass bitten!
Und da komme ich schon zu Herrn Haupts Einwand, den ich dann auch bei ihm beantworte.

Danke
Frau Detjen, war dann doch vielleicht ein wenig zu empfindlich, was ich normalerweise nicht bin. Doch die Atmosphäre hier hat sich wohl auf mich übertragen.

Was anderes als ein Bürgerkrieg ist der Krieg in Afghanistan?
Hallo Herr Haupts, ich verweise zunächst auf meine Antwort an Frau Detjen und gebe zu bedenken, zu Ihrem Punkt 1, dass diese „nepotischen Diktaturen“ von den herrschenden kapitalistischen Ländern künstlich am Leben gehalten werden. Denn diese sind diesem Kapital so hörig wie dienlich.
Zu 2. Den „Weltbürgerkrieg“ leite ich nicht von den „Bildern“ via Bildschirme ab, sondern aus der Analyse der konkreten historischen Situation. Dazu vorerst nur eines: wer die „neue Weltordnung“ anstrebt, spielt nicht nur mit dem Weltkrieg, sondern eben auch mit den Weltbürgerkriegen. Und was anderes ist zum Beispiel der Krieg in Afghanistan als ein Bürgerkrieg? Und all die anderen Kriege verlaufen nach dem gleichen Schema. Ganz aktuell in Syrien oder im Irak zu beobachten. Sie brauchen keinen Fernseher um Ihre Augen aufzumachen. Ich appelliere an Ihre Intelligenz.

Wenn der Chauvinismus die Sicht versperrt
Ich denke, dass ich alles gesagt habe, was es dazu zu sagen gibt, Frau Hamsen. Und zwar in klarem deutsch. Lesen Sie meine Beiträge vielleicht noch einmal. Wenn Sie es dann immer noch nicht verstehen, dann dürften Sie es nicht verstehen wollen, bzw.: dann ist es genau jener Chauvinismus, der Ihnen die Sicht versperrt. Sie könnten natürlich auch auf meinen Blog gehen und z. B. unter den Stichworten „Chauvinismus“/“chauvinistisch“/“Solidarität“, usw. usf. suchen. Alternativ könnten Sie auch unter den Stichworten „Pfahlbürger“/“Kleinbürger“ und dgl. suchen. Das passt nämlich auf viele hier. Dann gäbe es da noch eines Sloterdijks „Kristallpalast“, und wer da alles drinsitzt, bzw. glaubt, drin zu sitzen. Viel Vergnügen.
Mit freundlichen Grüßen

Viel wichtiger ist das Monster unter unser aller Oberfläche
Na ja, sich über das äußere Profil dieser Leute, oder auch über das psychologische, Gedanken zu machen, bringt nicht viel. Der Konsumbürger hat viele Facetten. Genauso gut könnte ich mir die sinnlose Frage stellen, ob jemand, der Fair-Trade-Produkte kauft, eher zum linken oder zum rechten Spektrum gehört. Viel wichtiger ist doch die Frage, inwieweit unter unser aller Oberfläche nicht das Monster lauert. Wenn eine Frau Merkel zum Beispiel sagt, dass es eine gute Christentat sei, den Zustrom von Migranten zu beschränken, und das auch noch instinktsicher unter Verweis auf das „Boot“, das da „voll“ sei, sollten wir uns selber prüfen! Denke ich da an ein größeres Boot, z.B. im Format eines Luxusliners, namens AIDA, und an das gute Essen, das zu teilen, mir sicherlich schwerfiele, oder an das Boot, das da gerade im Schwarzen Meer gekentert ist?

faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jugendorganisation-der-afd-jung-und-gar-nicht-naiv

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Ein Kommentar

  1. Am 6. November 2014 um 17:02 Uhr veröffentlicht | Permalink

    Diesen Kommentar erhielt ich von einer Freundin, die mich bat, ihn als Gastkommentar zu posten:

    Die Welt ist groß genug für uns alle, hat genug Ressourcen für alle. Nur unter welchen Bedingungen die Ressourcen verteilt, geteilt und abgeschöpft werden, das ist doch der Kuchen, um den es hier geht. Und angesichts der erweiterten Globalisierung in immer mehr Bereichen – wer weiß noch, wo welche Grenze zu ziehen ist? –, erwarte ich dann doch nicht eine solch bescheuerte „Verbalie“!

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