Wo bleibt die Kritik des Patriarchats?

Wo bleibt die Kritik des Patriarchats?
Dennoch möchte ich annehmen, dass es so etwas wie den „weiblichen Blick“ gibt, nur ist der eben auch nicht immer der ein und derselbe. Auch dieser ist abhängig von Habitus und Klassenzugehörigkeit, sprich: Sozialisation und Interesse. Und die 68er Bewegung mag im Lichte der weiteren Geschichte betrachtet, nehmen wir da die (wenigen) befreienden Elemente der dieser dann folgenden Popkultur, den Frauen genutzt haben, soweit wir sie auf eine sexuelle Revolution kaprizieren, doch gemacht wurde sie hauptsächlich von Männern. Und gerade am Fall Fassbinder lässt sich nachvollziehen, wie selbst der klarste Blick auf die deutsche Gesellschaft das Patriarchat nicht in Frage stellt; und woran Fassbinder persönlich dann auch gescheitert ist. Sein Versuch die „Macht des Juden“ am Beispiel eines bekannten Frankfurter Juden als Stück auf die Bühne zu bekommen, scheiterte eben nicht nur an dessen sprichwörtlichen Macht, sondern viel mehr noch an der falschen Perspektive, die sich mit einer antisemitisch aufgeladenen Kapitalismuskritik zwangsläufig einstellt. Entgegen allen Versuchen ihn zu rechtfertigen (siehe: dieterwunderlich.de/Fassbinder_mull_stadt_tod, letzter Zugriff: 05.06.2014), behaupte ich, dass es sehr wohl Antisemitismus ist, wenn man die Kapitalismuskritik am Beispiel „des Juden“ als Skandal sozusagen betreibt. In Frankfurt herrscht das Kapital, wie im Rest der Welt; und das ist kein „Skandal“, sondern die, wenn auch zu kritisierende, Realität. Und diese Herrschaft ist weder religiös, noch national, noch „rassisch“ konnotiert. Diese Art von Kapitalismuskritik spiegelt lediglich die (männlich konnotierte) Konkurrenz unter den Kapitalisten wider, wie im Übrigen jede theologisch inspirierte Religionskritik dies tut.

Es blieb dann Frank Zappa vorbehalten, den Niedergang der Popkultur lakonisch zu konstatieren und damit auch das Ende der sexuellen Befreiung, die mit dieser eine Zeit lang einherging. So befände sich der Popmusiker, jetzt mal aus dem Gedächtnis zitiert, die Hälfte seiner Zeit beim Frisör und die andere Hälfte im Filmstudio – zwecks Erstellung von Videoclips, lästerte er. Und diese Kritik kennzeichnet gewissermaßen auch den Niedergang des Films. Geprägt von den Interessen der Marketingindustrie, will heißen: von den Interessen der Manipulation der Massen, gerade in Bezug auf die Einflussnahme auf das „Unbewusste“ (oder „Halbbewusste“, wie Sie zutreffend erkennen) verliert der Film seine Bedeutung. Und so wie die Werbung zunehmend ohne Text auskommt, so der Film ohne seine bis dahin enthaltene explizite Propaganda. Selbst die interessantesten Filme erscheinen einem sinnlos, wenn die gesellschaftliche Relevanz des Themas und damit das Subjekt als geleugnete Realitäten in Erscheinung treten. Wie will man zum Beispiel die Geschlechterdifferenzierung behandeln, wenn man den zunehmenden Kampf der Geschlechter nicht thematisiert, und damit die Evidenz des Patriarchats – eben nicht nur im Orient? Dass Krimis so an Bedeutung gewinnen, ich erlebe das selber an meinem gewachsenen Interesse an diesem Genre, liegt sicherlich auch daran, dass die darin gebotene Propaganda noch eine Angriffsfläche bietet.

Letztlich sind wir innerhalb einer bürgerlichen Gesellschaft geblieben, daran hat sich die ganze bisherige Geschichte, nicht nur die der 68er, nutzlos abgewirtschaftet; und daher bleibt auch das Patriarchat bestehen. Gleich wie sehr man dies auch durch Gender-Mainstream-Semantik und dergleichen zu beschönigen sucht.

Ja schlimmer noch: Wir erleben gerade, wie die letzten Bastionen eines bürgerlichen Feminismus in den reaktionärsten Kreisen dieser Gesellschaft Einlass finden. Schauen wir uns nur den Schulterschluss des Schwarzer-Netzwerkes mit den sog. Jakobinern (zu der auch ein Sarrazin gehört) nur an. Von der Kriegermutter von der Leyen mal ganz abgesehen.

In Deutschland herrschen die Konservativen, gleich wie sozialdemokratisch deren Rhetorik auch sein mag. Und wer den „weiblichen Blick“ auf die Gesellschaft will, muss den bürgerlichen – diesen konservativen – bekämpfen, gleich ob dieser in männlicher oder in weiblicher Verkleidung daher kommt. Und dies bleibt immer eine Kritik des Patriarchats.

blogs.faz.net/10vor8/2014/06/04/der-weibliche-blick-ein-maennlicher-mythos

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