So untauglich wie das Gewissen eines Bourgeois

So untauglich wie das Gewissen eines Bourgeois
@Don Alphonso: Mir ist nicht ganz klar, worüber Sie sich eigentlich beschweren, mal abgesehen von den stilistischen Überdrehungen, sprich: Fehlern – sie sollten den Text noch mal redigieren. Juckt es Sie wirklich was eine Großtante von wem auch immer dazu sagt? Oder wollen Sie allen Ernstes glauben machen, dass die Doppelmoral nun endgültig der Unmoral gewichen ist? Oder weinen Sie gar einem bairischen Viktorianismus nach? Wo wäre der Oskar Wilde, der uns darüber erhebt, oder der D. H. Lawrence, der uns mit diesem versöhnte? Zugegeben: der andere Oskar, der Maria Graf, hat ein wenig von beiden.
Der eingangs von Ihnen zitierte Francois Villon – ich liebe ihn –, jedenfalls ist der definitive Kontrapunkt zu dieser oder jener Heuchelei, zu all der gespielten Pikanterie wie ernst gemeinte Bigotterie. Allein, dass es diesen gab, macht mir den Menschen sympathisch. Die Herrschaft des Pöbels erscheint so als Herrschaft der Libido. Und da gibt es nur den einen wahren Herrscher unterm Götterhimmel – Pan. Bei mir hängt dieser als ein Stahlrelief, einst geschaffen von einem Künstler aus dem Harz. Sein Künstlername war Jasin – hab ihn leider aus den Augen verloren. Nach vorne dem stilisierten „bösen Engel“ zugewandt, mit dem Rücken dem „Guten“. „Bipolarität“ betitelt. All die anderen Götter sind so untauglich wie das Gewissen eines Bourgeois oder der barocke „Pan“, wie von katholischen Künstlern dem christlichen „Teufel“ abgerungen.

Vom Initiationsritus zum Puff
@Savall: Don Alphonsos Ironie glaube ich schon zu verstehen. Doch ob der vielen moralisierenden Beiträge kommen mir so manche Zweifel. Daher meinen verstärkenden Einwand mit Villon und der Herrschaft des Pöbels als solche der Libido. Die „Herrschaft des Pöbels“ wird vielleicht auch den Puff wieder rehabilitieren, bevor er diesen überflüssig macht.
Der Link von Wievie weist da in die richtige Richtung.
Doch zuvor müssen wir uns über einige Dinge vergewissern. Das was der Don hier beschreibt, ist ein klassischer Initiationsritus. Die Jünglinge im Patriarchat sollen so zu Männern reifen. Das Gute daran ist der Ritus, denn dieser ist wohl älter als der älteste Puff. Initiationsriten sind älter als das früheste Patriarchat. Stammen sie doch noch aus der Zeit der sog. Gynokratie, der Anbetung der Fruchtbarkeit auf dem Acker, wie im Schoß der Frau. Das waren sexuelle Massenevents – zur Ehre der Fruchtbarkeitsgötter, wie der Frau.
Unter der ersten Klassengesellschaft, welche laut Engels mit der Unterdrückung der Frau zusammenfiel, veränderte sich auch dieser Ritus. Die Frau wurde zur Ehefrau, und zwar in dem Maße wie die geschlechtliche Beziehung zur Familie. „Famulus“, das war bei den Römern der Haussklave. Bei den antiken Griechen z.B. war die Ehefrau faktisch die erste Sklavin. Ohne Begleitung durfte sie z.B. nicht mal auf die Straße. Und auch die Bildung war ihr verwehrt. Als solche dann kaum noch geeignet für die Befriedigung der sexuellen wie auch geistigen Lüste ihrer Herren. Der Herr bevorzugte, wenn nicht gar junge Männer, die Dienste von Huren und Hetären, bzw. eben die von Sklavinnen. Hetären waren meist gebildete Frauen, freigelassene Sklaveninnen, verdiente Bettgenossinnen. Nicht wenige Philosophen verklärten den Eros im Umgang mit diesen. In der Liebe zur Weisheit z.B. wie man sie Sokrates nachgesagt, sehr zum Ärgernis seiner Frau, der Xanthippe (vgl. mein: Was dem Manne sein Orakel). Den Huren blieb das Geschäft mit der rohen Lust, nicht unähnlich darin dem Schicksal der Kriegsbeute. Seit dieser Zeit erhält der Soldat seine oft erste sexuelle Erfahrung auf dem Schlachtfeld, nach der siegreichen Schlacht, oder eben in den Armen einer Hure, welche nicht selten eine vormals vergewaltigte Beute ist.
Ironie wie Kritik sollten sich d a r a u f kaprizieren, nicht auf die guten oder schlechten Dienste der Huren, oder die wohlfeilen der Ehefrau. Und, und das halte ich für wichtig, gerade für die Ehefrau:
In der bürgerlichen Ehe prostituiert sich Frau! Sehr zur Unlust beider. Und das ist der Grund wohl auch für, warum so viele Männer den Puff aufsuchen. Sie suchen dort paradoxerweise die Beziehung, die sich mit ihrer Frau nicht einstellen will. Wie auch, ist Frau doch dort immer noch die „Hure“/die erste Sklavin. Dass das eine wie das andere eine Illusion ist, die „Beziehung“/die Liebe/ja der Eros – hier wie dort – das ahnen nicht wenige. So werden sie Zyniker. Und die Kosten für den Puff ziehen sie der Frau vom Haushaltsgeld ab.

Sich der Korrumpierung verweigern
@Tiger: Kann sein, dass ich das nicht immer von allen Seiten beleuchte. Doch für mich bedeutet das mitnichten, die Frau ausschließlich aus der Opferrolle zu sehen. Aus Opfern werden Täter, sobald sie die sie ausbeutenden Verhältnisse nicht mehr zu ändern wünschen. Eine Edelnutte ist im ökonomischen Sinne kein Opfer mehr, dennoch bleibt sie es soziologisch betrachtet. Und natürlich ist die Frau des Bourgeois, keine Lohnarbeiterin. Aber im Verhältnis zu ihrem Mann leistet sie Dienste an diesem. Liebesdienste, wenn auch womöglich überdurchschnittlich bezahlte.
Dass das die Frau per se nicht zum besseren Geschlecht macht, liegt dabei auf der Hand. Wo Unterdrückung korrumpiert, veredelt sie nicht den Menschen. Die Skandalgeschichte um Kachelmann scheint mir das wieder mal aktuell belegt zu haben. Gier und Sensationsgier paaren sich gerne. Und wo eine Alice Schwarzer für die Bild schreibt und für die Bunte agiert, da ist der bürgerliche Puffbetrieb nicht weit.
Eine deprimierende Feststellung, in der Tat. Doch da gibt es die Tücke der Dialektik. Für Frau und Mann erweist sich das Patriarchat am Ende als wenig lustbringend. Nämlich für beide Geschlechter frustrierend. Und nur da liegt die Quelle für eine mögliche Änderung.
Doch müssen dabei Frust wie Zynismus überwunden werden, muss das Subjekt (wie auch das davon „abgespaltene Nichtsubjekt“/ Roswitha Scholz) sich der Korrumpierung verweigern. Muss dem bigott-koketten Kapital die Lust vergehen.

Kriege für das Recht auf Lust
@Der Tiger: Eine Frau v. Leyen liebt diese Rolle vermutlich nicht so sehr wie sie sie nutzt. Gender Mainstreaming ist angesagt, nicht um die Frauen zu befreien, sondern um die Ausbeutung auch des Mannes zu optimieren. Oder um mit Bornemann auf Kurz zu referieren: Das Subjekt mag ja „männlich, weiß, westlich“ (Robert Kurz) sein, doch das Proletariat der Zukunft erscheint „androgyn“ (Bornemann/Das Patriarchat). Ein wenig anzüglich könnte man auch sagen: Frau verliert jetzt erst ihre Unschuld, wie Mann zum zweiten Mal. Und mit den Merkels, v. Leyens, Schwarzers u. a. zeigt man/frau uns, was ein weiblich regiertes Patriarchat alles so drauf hat. Es wird interessant sein, zu beobachten, wie die Finanzkrise sich zur sexuellen Krise ausdehnt. Nicht weil die Aufsichtsräte jetzt dort weiblich paritätisch besetzt sein müssen, nein: weil dort nicht ihre bevorzugten Sexualpartnerinnen sitzen werden. Und ständig in diesem Gender-Neusprech zu heucheln, statt sich dreckige Witze zuzurufen, das wird ihnen den Rest der Laune verderben.
Und so aggressiv das macht, könnte das die Quelle für neue Kriege bedeuten. Diesmal nicht für „Mehr Raum“, Energie oder Wasser, sondern wegen der Befriedigung, nämlich des eigentlichen Grundbedürfnisses – dem Recht auf Lust.

Was sich nicht von alleine erledigt
@Klaus: „Das mit dem Gender sollte doch „erledigt“ sein.“ Ihr Wort in Gottes Ohr!
@Perfekt57: Ich persönlich halte es für problematisch den wissenschaftlichen Sozialismus, qua „Kommunismus“ auf christliche Wurzeln zurück zu führen. Marx und Engels haben sich gerade damit wiederholt auseinandergesetzt, z.B., indem sie wie im Manifest der Kommunistischen Partei auf das „Gespenst des Kommunismus“ abheben. Und gerade der bürgerliche Philister ist ein begeisterter Sozialist, wenn es ihm die Taschen füllt. So beschweren sich ja auch nicht wenige Konservative über den „Sozialismus der Banken“, wenn der „Mittelstand“ ruiniert wird. Die „Enteignung der Enteigner“ (Marx/Engels: Die Expropriateurs werden expropriiert) ist bereits so normaler kapitalistischer Alltag geworden, wie die kirchliche Kritik am Wucher schließlich zu den deutschen Konzentrationslagern geführt hat.
Um dem Kommunismus heute Respekt zu verschaffen, will es mir unumgänglich erscheinen, diese Enteignungsmaschinerie des Kapitals zu denunzieren. Allerdings nicht als ordinären Raub, auf den Kirchen und auch gewisse „Sozialisten“ (ich denke da an all die Anhänger aus dem anarchistischen Lager, die sich auf Proudhon berufen) immer wieder abheben, sondern als Indiz für eine grundlegende ökonomische Tendenz, die letztlich in der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln enden muss. Und das Grundverbrechen eines solchen Kapitals liegt eben nicht mal darin, dieser Tendenz zu folgen, sondern sie strikt zu leugnen in seiner Ahnungslosigkeit. Und dabei dummdreist das gegenwärtige System als alternativlos zu verklären. Allerdings erledigt sich das Kapital auf diesem Weg nicht von alleine. Es muss seine Macht verlieren, es muss enteignet werden, und es müssen alle Wege zur Rückkehr an die Macht verschlossen werden. Und dazu bedarf es des wissenschaftlichen Sozialismus‘, wie des Klassenkampfes, der „Diktatur des Proletariats“. So zumindest nachzulesen im Manifest der Kommunistischen Partei.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2012/11/16/frauenkauf-jenseits-des-bordells

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  • Von Im Kreis der Mächtigen am 3. Februar 2013 um 14:41 Uhr veröffentlicht

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  • Von Es schützt sie unsere falsche Ideologie am 28. Januar 2014 um 17:00 Uhr veröffentlicht

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