Die Kreaturen des Tiefen Staates sind unangreifbar

Der Mord an Daphne Caruana Galizia könnte einmal – quasi retrospektiv – als der Moment des Übergangs zur direkten Herrschaft dessen dechiffriert werden, was wir heute noch recht unbeholfen als den „Tiefen Staat“ bezeichnen. Aussehend wie ein „gewöhnliches“ Mafiaverbrechen, mit dieser „Overkill“-Dramatik, ist ein solcher Mord gerade auf Malta ein Signal, das zu überhören gar nicht mehr möglich ist. „Überall Gauner“, so die Ermordete. Ja, aber keine gewöhnlichen, würde ich respektvoll anfügen. Wäre ich ein Krimiautor, würde ich diese Gaunerinsel wie folgt beschreiben:

Es ist kein gewöhnliches Steuerparadies, das natürlich die Gauner anzieht, wie ein Magnet, sondern umgekehrt, die Gauner dort ziehen das Steuerparadies nach sich wie ein Flugzeug am Himmel die Kondensstreifen. Die Aristokratie des transnationalen Finanzkapitals leistet sich auf Malta gewissermaßen die Regierung eines eigenen Staates, eines bis dato noch parallelen. Die offizielle Regierung ist nur die Hülle, unter der, das heißt: in deren „Tiefen“, der eigentliche Staat residiert. Und die nicht eingezogenen Steuern, nämlich von dieser Aristokratie, drücken die Insignien deren Macht aus. Eine Macht, die sich den Rest der Welt tributpflichtig macht. Genau genommen nichts anderes, als wir eh schon hinter der Fassade unserer bürgerlichen Republiken annehmen, doch ob der dreisten Verschleierungen dieser Steuertricks, die von Europa offensichtlich nur geduldet werden können, schon von anderer Qualität.

Nicht nur ein Staat, sondern auch eine Festung, nämlich jenes Kapitals, das sich dort von den Mechanismen seiner eigenen Ökonomie abzusondern sucht: kapitalistische Raubökonomie auf einem Niveau, das die mittelalterlichen Raubritter vor Neid erblassen ließe. Vor solchem Kolorit trifft es sich auch gut, dass die katholische Kirche, über Jahrhunderte die Schutzmacht all dieser und jener Räuber, dort so fest verankert ist, und natürlich gegen Rom und solchermaßen in der Tradition gewisser Kreuzritterorden, also gegen das offizielle kirchliche Machtzentrum, ein wenig intrigiert, und zusammen mit den Auslegern der international tätigen Geheimdienste „jenes Kartell“ bildet, das ich einmal als das „größte Lügenkartell aller Zeiten, nämlich das aus „CIA, Vatikan und CNN“ betitelt habe („Was dem Manne sein Orakel“). So wie es aussieht, ist die Wahrheit derart ordinär prosaisch, dass ich da mit meinem Rückgriff auf die Dichtung eines Homers erheblich zu viel Perlen vor die Säue geworfen habe.

Wie auch immer, dieser Mord nun sprengt nicht nur jede Lyrik, sondern auch die offensichtlich falsche Romantik um diese Insel. Und wir verneigen uns vor dieser Frau und „schweigen“ mit „Hölderlin“ (Der wahre Dichter schweigt) für einen Moment, im Angesicht ihrer feigen Ermordung. Dieser Mord ist was Besonderes unter den „Staatsverbrechen“ der letzten Zeit, wenn auch nur einer unter unzählig vielen. Er dürfte die blasierten Köpfe dieses Europas, die da zu allem Überfluss einmal mehr Anteilnahme heucheln, ein wenig wackeln lassen. Die Kreaturen des „Tiefen Staates“ sind unangreifbar. Und das macht sie so nackt, wie jener Kaiser in seinen neuen Kleidern.

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