Die Antwort eines Marxisten

Wie die wahren Sieger die Geschichte fortschreiben
Dabei auf Ihren letzten Beitrag rekurrierend: Am Beispiel Stauffenberg sieht es so aus, als wäre Benjamin widerlegt. Denn zeigt sich doch, dass es gerade die Niederlage der Gruppe um Stauffenberg war, die die Besiegten posthum zu Siegern machte. Und wie der Mythos die Geschichte zu besiegen drohte. Tatkräftig hierbei offenbar unterstützt durch – die Sieger. Doch so wenig es einen preußischen Widerstand vor oder mit Stauffenberg gegeben hat, der ein antifaschistischer gewesen wäre, sowenig war auch ein Nachkriegsdeutschland ein antifaschistisches. Und darin liegt vermutlich der geheime Grund für den allzu bereitwillig unterstützten Mythos um den Grafen Stauffenberg seitens der Sieger wie der Besiegten. Der Geldadel um Stauffenberg und die Schwerindustrie um Hitler bildeten die zwei Seiten in jener gewissermaßen „dialektischen Einheit“ zwischen preußischen Junkern und deutsch-nationalem Bürgertum. Während der deutsche Geldadel (incl. nicht unwesentlicher Teile des preußisch-deutschen Offizierscorps) vom Preußischen Dünkel beseelt blieb, radikalisierte sich die deutsche Schwerindustrie (samt dem Rest des deutschen Staatsapparats) in Richtung faschistischen Rassismus. Doch endgültig Feinde wurden sie erst als sie beide gleichermaßen vor der Geschichte blamiert dastanden. Doch zeigt sich dahinter auch die List der Besiegten.
Es wundert mich dennoch nicht, dass die alte DDR, Gott hab sie selig, gerade infolge ihres Versuchs den preußischen Nationalismus noch mal auszubeuten, dann eben nicht gewissen Neugroßdeutschen Kreisen – von Strauß bis Herrhausen – zum Opfer fiel, sondern dass dabei beide deutsche Teilstaaten unwiderruflich Geschichte wurden. Nach Ackermanns saloppen Eingeständnis‘ lässt sich der Mord an Herrhausen (resp. der Siegeszug von Goldman-Sachs in Europa) als sichtbares Zeichen für einen offenbar notwendig gewordenen 2. Waffengang interpretieren. Der Mythos ist besiegt. Und ein Benjamin behält Recht. Zeigt sich doch gerade an diesem komplexen Bild der dennoch relativ konstanten Machtverhältnisse innerhalb wie außerhalb der atlantischen Achse wie die wahren Sieger die Geschichte fortschreiben.

„Hart wie Kruppstahl“
@Der Mersch: „Heute werden Schützenpanzer produziert, morgen Marzipankartoffeln…“ Dieser Aussage kann man im Prinzip nicht widersprechen, doch bedeutet das mitnichten, dass das Kapital blind seiner Bestimmung folgt. Eben getrieben von der Notwendigkeit in jeder Situation zu überleben, sich zu reproduzieren, herrscht innerhalb der Klasse auch Klassenkampf. Nicht unwesentliche Teile der deutschen Industrie, besonders die die auf den Export ihrer Produkte in den damals brodelnden europäischen Osten angewiesen waren, waren ebenso wie die exportorientierten Teile der Landwirtschaft, völlig abhängig geworden von der „Eroberung des Ostens“, wie Hitler ihnen das versprach. Die Subventionspolitik, Nachtigall ick hör dir trapsen, führte nicht zum Erfolg, sondern nur zur Verarmung der deutschen Bauern (welche diese zur Hauptmacht Hitlers werden ließ) und zu nationalistischen Aufständen unter den Völkern des Ostens. Die bolschewistische Revolution brannte dem Kapital in den Eingeweiden. Und die Kemalistische (Konter-)Revolution in der Türkei änderte nichts an der Sympathie der meuternden Bauern und Arbeitern mit dem Bolschewismus. Im Balkan herrschte permanenter Bürgerkrieg, in Ungarn die Konterrevolution, in Griechenland die Korruption (!). Die Schwerindustrie, stellvertretend sei hier mal nur Krupp genannt, lieferte nicht nur das Stahl für die landwirtschaftlichen Maschinen (für den Osten), sondern eben auch und vor allem für die Waffen – gegen den Osten. Und sie lieferte den Geist, den ein Hitler so beseelte („Hart wie Kruppstahl“). Ergo: Das Kapital bleibt dabei nicht unschuldig, es macht sich schmutzig.

Wohl eher ein Hinterwäldler
@DerMersch: Auch wenn das jetzt vom eigentlichen Thema etwas abweicht, aber mich beschäftigt das auch aus persönlichen Gründen. Ich komme nämlich aus dem katholischen Bayern. Doch obwohl auch in dem Werk eines Ludwig Thoma Platz für Aufsässigkeit zu sein scheint, allerdings weniger der eigenen Obrigkeit gegenüber als der „fremden“, ist mein Favorit unter den bayrischen Literaten doch, sie dürften es ahnen, Oskar Maria Graf. Und genau dieser hat den katholischen Bauern, so liebevoll wie kritisch, beäugt wie beschrieben. Ja, ein Nazi will er nicht sein, der katholische Bauer, aber ein Menschenfreund ist er deswegen noch lange nicht. Ihm blieb der Nazi fremd, wohl auch, weil dieser sich antiklerikal schmückte, bzw. ganz offen den lokalen Machthaber okkupierte, und damit eines Gottes Ordnung auf den Kopf stellte. Der Schuldirektor, der Pfaffe, nicht selten der Arzt, auf jeden Fall aber der Polizist, nicht selten immer schon verhasste Fremde, das waren dann die wenigen lokalen Renegaten.

Die Nazis waren diesbezüglich dennoch so wenig erfolgreich, denn auch ein Bürgermeister durfte den Stammtischen nicht den Respekt verweigern, und mal fürchteten sie, mal bewunderten sie diesen „keltischen“ Querkopf, sodass sie selbst den Graf, den Oskar Maria, lange schonten. Sie hofften ihn gar zu gewinnen, jenen Prototypen von einem bayrischen Anarchisten. Solange, bis dieser die Nazis endlich anflehte, ihn auch „zu verbrennen“.

Ich vermute jetzt mehr als ich darüber was weiß, nämlich, dass die bayrischen Kleinbauern damals noch mehr Selbstversorger als Exporteure waren, somit auf den Handel in Richtung Osten nicht so angewiesen, bzw. sich diesen – den Großgrundbesitz jetzt mal ausnehmend – nicht leisten konnten. Und Bayern war ja zu dieser Zeit noch selber so was wie ein deutsches Entwicklungsland, ein deutscher Südosten quasi. Seit mehr als 1000 Jahren von Raubrittern beherrscht. Manche nannten sich auch „von und zu Guttenberg“.

Die künstlich niedrig gehaltenen Milchpreise, wohl zugunsten eines notorisch unterernährten Proletariats, dürften aber auch diesen Schaden zugefügt haben, und somit den Hass geschürt auf die „preußischen Sozialisten“. Und dass die Nazis sich frech Nationalsozialisten nannten, dürfte die Verachtung noch gesteigert haben. Der Erfolg eines Franz Josef Strauß in Bayern, lange nach dem Krieg, ist jedenfalls in der Hauptsache dieser (dann durch Strauß demagogisch genutzten) Gleichsetzung von Rot und Braun geschuldet. Dennoch: Eier, Käse und Butter waren in Bayern immer schon so teuer, dass gerade die armen Bauern, welche die bayrische Masse repräsentierten, solche Kostbarkeiten in die Städte lieferten, als selber zu verzehren. Auf den Märkten dort begegneten ihnen aber weniger der Proletarier als der städtische Bourgeois, der ihnen ihre Produkte billigst abhandelte. So nichtsahnend ein bisschen sozialistisches Bewusstsein nebenbei auch in diese sture Köpfe pflanzend. So zumindest berichtete man mir bzgl. meiner Oma, väterlicherseits, die täglich Eier und Butter (für Käse war der Hof zu klein) – auf dem Kopf tragend, 11 Kilometer weiter – ins hessische Gelnhausen exportiert habe. Und die viel weltoffener gewesen sein soll als zum Beispiel der Opa. Sie starb auch erst nach ihm, obwohl er sie nie geschont hatte. Bildung scheint doch der Gesundheit zuträglicher zu sein als der fette Schinken den mein Opa, diesbezüglich privilegiert, allzu gerne genoss. Die Leute werden dort nicht sonderlich alt, vor allem nicht die Männer.

Doch als die Nazis den Bauern die ersten russischen Kriegsgefangenen andienten, verloren die wohl ihre Zurückhaltung. Meine Mutter, die selber Tochter auf einem nicht gerade kleinen Bauernhof war (hauptsächlich lebte man dort aber von der Schmiede), wusste mir von den geradezu kannibalischen Exzessen auf den Höfen zu berichten.

Sie wären wohl verhungert, diese armen Geschöpfe, wenn sie sich nicht mit den Schweinen um die Gemüseabfälle hätten streiten dürfen. Allerdings schwört meine Mutter, dass i h r e Kriegsgefangenen anständig behandelt worden seien, angeblich wegen des Altruismus ihrer Großmutter, bzw. des ihres Vaters (den Vater beschrieb sie mir quasi als Philosophen, den das Schmiedehandwerk wohl zugrunde gerichtet hat, und der daher als Kriegsuntauglicher zuhause bleiben durfte – und seinen Kriegsgefangenen das Überleben sichern). Ich kann es nicht widerlegen. Ich glaube aber, dass das Schmiedehandwerk, wozu diese Gefangenen auch herangezogen wurden, wirklich ein zu hartes Handwerk war, sodass man diesen Sklaven einfach was zu essen geben musste. Und den einfachen Leuten dort dürfte die industriemäßige Vernichtung von Menschen durch die Kombination von Arbeit und Hunger doch unbekannt gewesen sein. Dazu fehlte ihnen auch die Phantasie. Doch all das macht noch lange keinen Antinazi, denn wohl eher einen Hinterwäldler.

Die Antwort eines Marxisten
Da hier gegen Marxisten polemisiert, dabei sich auf keinen einzigen eingelassen wird – Koselleck war ganz sicher kein Marxist, trotz gewisser Titel in seiner Themenauswahl – und dabei behauptet wird, dass Marxisten sich nicht als „Verlierer fühlten“, hier ein Statement, seitens e i n e s „Marxisten“:

Ich persönlich fühle den Verlust in gleich vielerlei Hinsicht, ohne mich allerdings mit den diversen marxistischen Strömungen zu sehr zu identifizieren. Geschichte wird von Menschen gemacht, und diese Geschichte ist es dann, welche die Menschen macht, welche die weitere Geschichte wiederum machen. Auch der Marxismus ist in Theorie und Praxis Teil hiervon. Das heißt: So sehr er auch die Geschichte zu prägen suchte und weiterhin sucht, letztlich bleibt dieser der Sieg. In diesem Sinne gehört der Marxismus – wie eben jede Theorie – immer zu den Verlierern.

Doch das ist dem Marxisten, als dialektischen und historischen Materialisten, kein wahrer Verlust, sondern erhoffte Bestätigung. Lautet doch dessen Hauptthese gegen jede Form idealistischen Denkens: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.

Verloren haben all diejenigen, die glaubten, den Marxismus selber über diese These erhaben zu machen. Also deren gesellschaftliches Bewusstsein sich nicht auf der Höhe eben jenes marxistischen Diktums befand. Und es glaubten dies nicht wenige. Der Niedergang der kommunistischen Weltbewegung ist somit ein notwendiger gewesen.
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Da der Marxismus aber eine Wissenschaft ist, bleibt es – den Marxisten – unbenommen, solche Irrtümer zu überwinden und den Marxismus entsprechend weiter zu entwickeln, die notwendigen Lehren daraus zu ziehen und verbesserte Antworten zu geben. Dabei wäre zunächst danach zu fragen, wie es zukünftig zu vermeiden geht, dass der Marxismus selber zu einer idealistischen Doktrin verkommt?

Doch solange es Klassen und Klassenkampf gibt, ist eine revolutionäre Theorie – revolutionär ist nur die Theorie, die sich selber ständig zu erneuern versteht – nicht tot zu kriegen. Der Kapitalismus selber, schafft nämlich täglich neu die Voraussetzungen dafür.

In diesem Sinne ist der Marxismus also nicht besiegt, nicht zu besiegen. Es sei denn, die herrschende Klasse träte freiwillig ab. Wovon wir einstweilen aber nicht überzeugt sein sollten.

Mein ganz persönliches Wirken, hier und anderswo, legt diesbezüglich hoffentlich nicht nur ein beredtes sondern belegtes Zeugnis ab.

faz.net/blogs/antike/archive/2012/09/16/nochmals-die-besiegten-von-livius-zu-walter-benjamin

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  • Von Ein Komplott, von wahrhaft bayrischem Zuschnitt am 15. Dezember 2013 um 15:21 Uhr veröffentlicht

    […] geistig nicht zurechnungsfähig. Ein Komplott, von wahrhaft bayrischem Zuschnitt, und wie es ein Oskar Maria Graf nicht hätte besser beschreiben […]

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