Wer gut schreiben will, muss besser lesen

Wer gut schreiben will, muss besser lesen
Lange Zeit tat ich mir schwer in der FAZ.net als Leserkommentator. Nicht nur wegen der erzwungenen Kürze der Beiträge, sondern wegen der da vorgefundenen Kommunikationskultur. Lauter Autisten, dachte ich. Da erzählt einer was, und keiner geht darauf ein. Ich versuchte es dann doch, nachdem ich zuvor der ZEIT entfloh, und siehe da, es geht doch. Er ist wohl immer noch ein wenig holprig, der Diskussionsstil, doch er existiert. Ja, wir sind alle Schreibende. Und das ist gut so. Denn nur so ist es möglich auch all die anderen „Arbeitsteilungen“ zu überwinden, die ja nicht selten Klassenteilungen sind. Die Privilegien werden geschleift – der Reihe nach. Das bedeutet aber auch, dass der Schreibende, schon als Lesender mit mehr Professionalität zur Sache gehen muss. Er muss besser lesen, wenn er gut schreiben will. Und genau das ist der beste Weg Arbeits- wie Klassenteilungen obsolet werden zu lassen. Zumindest von unten her.
Und haben wir nicht gerade dort uns am meisten zu erzählen?

Das letzte Drittel gehört mir
@Lützenich: Ich möchte jetzt das Thema nicht wirklich wechseln, daher in aller Kürze.
Das „Lebendige“ (Sie bezeichnen sich ja als Liebhaber des Lebendigen!) mit Worten fixieren zu wollen, kann zur Hybris werden, oder zu einer Manie. Wie bei Heidegger, an den Sie mich stark erinnern. Jeder Begriff weicht vom Begriffenen ab. Niemals sind Dinge und Begriffe identisch. Die „Lücke“ (Zizek) dazwischen vermacht uns nicht nur das, was wir Freiheit nennen, sondern schafft Raum für die Wirklichkeit. Wie sie wirklich ist, die nicht Begriffene, die noch nicht Geschaffene.

Einer Idee nach (ich weiß jetzt nicht von wem) ist das Schreiben das Antilebendige schlechthin. Entweder man schreibt, oder man lebt. Auch wenn das vermutlich auf die Rolle der Semantik zielt – alles Geschriebene fasst per definitionem Vergangenes -, so denke ich, zielt das auf den Menschen selbst, auf den, der da schreibt – oder lebt. Solange wir schreiben, leben wir nicht.

Der Prototyp diesbezüglich wäre für mich Balzac. Der Gute (ich verehre ihn) war eigentlich viel zu jung für d i e Menge an Wissen, die er da zum Besten gab. Er war der Vielschreiber schlechthin. Vermutlich hauste er mehr in seiner Schreibstube als draußen, wo es lebt. Ein photographisches Gedächtnis soll er gehabt haben. Also ein Autist – vielleicht!? Und „Das Chagrinleder“ („Die tödlichen Wünsche“) wäre die diesbezügliche Parabel zu. Wo der „Alte Mann“ im Antiquariat dem angehenden Schriftsteller offenbart, dass man die Welt bereisen könne, indem man sie „äußerlich“ bereist, oder im Inneren des eigenen Kopfes. Aber hier offenbart sich ein Widerspruch. Der zwischen Wollen und Können, Tod und Leben. Und die Magie des „Chagrinleders“ wäre, diesen Widerspruch zu überbrücken. Doch jedes Wollen lässt das Leder schrumpfen. Das Können ist auf diese Weise unerreichbar.

Auch beim Lesen leben wir nicht – nicht unser eigenes Leben. Wir leben das Leben anderer. Erst wenn daraus Taten erwachsen, wenden wir uns dem Leben zu. Unserem Leben. Meinem Leben. So habe ich von Kind an die Angewohnheit, kein Buch zu Ende zu lesen. Das letzte Drittel gehört mir. Ganz allein.

faz.net/blogs/skurril/archive/2012/01/30/ich-bin-kein-leser-ich-bin-ein-schreiber

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