Den Widerstand nicht ans Internet delegieren

Den Widerstand nicht ans Internet delegieren
Ich stimme Ihnen in fast allen Punkten zu; der Artikel spricht mir aus der Seele. Doch kann ich das nicht so rundherum als positiv ansehen. Denn will mir doch als ein Hauptproblem der Internetkultur erscheinen, dass die Menschen Gefallen daran finden, anonym zu bleiben. Das verstärkt die Tendenz der Atomisierung der Gesellschaft und schwächt den sozialen, den möglichen, Widerstand.
Auf der anderen Seite senkt diese Anonymisierung eine wichtige Hemmschwelle für den Widerstand: die Angst so vieler Menschen ihre Meinung zu sagen, wo sie sich doch oft als nicht befugt betrachten.
Das Internet arbeitet solchen Arbeitsteilungen entgegen. Spezialistentum wird so noch schneller obsolet.
Damit die positiven die negativen Seiten überwiegen, muss weiterhin der soziale Widerstand politisch – massenwirksam – organisiert werden, nicht an das Internet delegiert.

Spezialistentum meiden, doch nicht von allem etwas wissen
@Nico: Vielleicht habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt: Eben genau jenes Spezialistentum, wie Sie es auch kritisieren, könnte mithilfe des Internets schneller obsolet werden. Und das ist gut so!
Und selbstredend muss massenwirksame Politik betrieben werden, aber eben keine massenangepasste, also letztlich opportunistische Politik. Nicht akademisch, aber theoretisch sauber müssen sie agieren, diejenigen, die glauben, die Massen irgendwo hin führen zu müssen/dürfen. Auch das wird durch das Internet leichter, denn die Massen haben die Möglichkeit schneller und auch einfacher deren Argumente zu überprüfen.
Es sollte aber doch das Niveau möglichst hoch sein, weil sonst zu viele im Trüben fischen. Schlechte linke Politik, wie niedriges linkes theoretisches Niveau, ist immer ein Einfallstor für Provokateure, Geheimdienste und politische Scharlatane.
Die RAF wäre da für mich das beste Beispiel.
Theoretiker sein, wäre daher heute mehr denn je kein Zertifikat für eigenes Spezialistentum, sondern eher eine diesbezügliche Aufforderung jedes Spezialistentum zu meiden und zugleich doch so zu schreiben, dass nicht der Eindruck entsteht, man wüsste von allem etwas. Denn so wie ersteres falsches Wissen ist, ist letzteres völlig wertloses, nämlich gar keines.
Mehr denn je gilt es von den Massen zu lernen, von ihren heroischen wie von ihren bescheidenen Seiten, nicht aber von ihren fehlgeleiteten, opportunistischen.

Mit dämonischer Kraft
„Wissen organisieren“, wie es Prof. Koentges ausdrückt, scheint mir ein Beleg dafür, wohin es das „Spezialistentum“ gebracht hat. Mag sein, dass man Wissen organisieren kann, nur ist das, was man da organisiert hat, eben nicht einfach „Wissen“. Es ist ein spezielles Wissen, ein solches, das man, wissentlich oder nicht, längst schon auch vor der eigenen ideologischen Matrix gefiltert hat. Es ist letztlich das, was man schon immer glaubte, gesucht zu haben. Und positivistisch wird das dann als gesellschaftlich verantwortbares Wissen verkauft. Und man findet es dann auch, das woran man glaubt, das, was man glaubt verantworten zu können. Und das nennt sich dann „Wissenschaft“.
Genau diese Art von Wissenschaft steht nun vor ihrer ultimativen Krise. Genau genommen hat sie mit Einstein (vielleicht auch nach Einstein) begonnen. Aber Einsteins Unglaube an das, was heute die diversen Quanten-, oder auch Stringtheorie(n) an Wissen vorgeben, weißt daraufhin, dass mit gängigen wissenschaftlichen Methoden diesen Problemen kaum noch nachgegangen werden kann.
Auch Einsteins Schwanken in Fragen des „Relativismus“, seine dann doch erst späte Kritik an Mach, machen deutlich, dass wohl auch Einstein schon von der Krise erfasst war.
Das Internet macht diese Krise einerseits perfekt, denn es schreiben in Wikipedia zum Beispiel sog. seriöse Spezialisten wie auch eine ganze Menge Scharlatane, doch das eigentliche Problem ist, dass der Unterschied schwindet. – Und das ist die Krise!
Gleichzeitig wächst die Macht derer, die bisher gar keinen Zugang hatten, zu dem Einen wie auch zu Anderen. Es wächst die Macht der Masse, um da wieder mal auf Ortega zu referieren.
Noch sieht es so aus, als blühe noch einmal das Spezialistentum auf, aber das ist wie mit einer tödlichen Krankheit. Kurz vor dem schrecklichen Ende, sieht der Patient so verteufelt gut aus, als ginge es wieder aufwärts.
Natürlich kann man sagen, dass der Ausgang offen ist. Doch denke ich – nicht wirklich.
Das Internet, welches Ende und wessen Ende es auch immer bereitet, es tut dies gründlich.
Die Klassengesellschaft (wie darunter die arbeitsteilige schon) steht schon lange auf der Agenda des Abschusses. Noch hat das Kapital den kapitalen Schuss (durch seine Gegner) zu verhindern gewusst. Doch es stärkt damit zugleich seinen todbringendsten Feind, sich selbst.
Mit dem Internet erstarkt es noch einmal als dämonische Kraft, doch diesmal nicht um seine Gegner zu besiegen, da sich selbst.

Die bewusste Masse, nicht die schicksalsbehaftete
@Nico: Ich wage es und nenne mich als Beispiel. Ich bin ein Arbeiterkind, ein Bauernenkelkind. Wahrlich darauf bin ich nicht stolz, das ist nur Schicksal. Aber es gibt noch ein weiteres Schicksal, das selbstgewählte, das im Widerstand entstand. Mein Schicksal nämlich, trotz oder gar wegen meiner theoretischen Bildung, dieser Herkunft nicht untreu geworden zu sein. In gewisser Hinsicht!
In Bezug auf jene „gewisse Hinsicht“ bin ich vielleicht ein wenig stolz, denn das kostet Kraft. Ich verachte den Kleinmut, wie ich ihn all zu oft gerade in diesen beiden Klassen, denen meiner Vorfahren, begegnet bin. Ich fürchte die Gewalt und die Brutalität, die mit diesem Kleinmut einhergeht. Und ich erachte es als meine ehrenvolle Pflicht zu beweisen, dass es auch anders geht.
Solidarität, statt Konkurrenz, Geist statt brutale Gewalt, Klassenstolz statt Kleinmut. Aber all das verdanke ich nur meiner theoretischen Bildung, bei einem störrischen, sich unaufhörlich plagenden, Geist.
Von der Sorte gibt es in meiner Klasse mehr als genug, muss es ja auch geben, bei soviel Leid und verzweifelter Wut. Bei soviel unterdrückter Leidenschaft.
Diese Leute spreche ich an, nicht die dumpfe Masse. Nur auf diese Weise kann ich meiner Klasse treu bleiben, eben nicht, indem ich in dieser aufgehe, mich ihr anpasse, ein Teil von ihr werde, mich von ihr unterjochen lasse. Diesbezüglich bin ich vermutlich kein guter Kommunist.
Die Masse, so wie ich sie meine, ist zunächst und vor allen Dingen eine bewusste Masse. – Unterschätzen wir diese nicht. Und darin unterscheide ich mich in gewisser Hinsicht auch von dem von mir oft erwähnten Ortega. Für ihn ist die Masse mehr Schicksal als Bewusstheit.
Auch der Spezialist ist bei ihm ein Vertreter der Masse, ein negativer Vertreter gar, denn Halbwissender. Ihr Verführer, wie ihr Opfer.
Die bewusste Masse konnte er nicht entdecken, dazu hätte er Marxist sein müssen.

Der Spezialist in seiner Doppelrolle: Kommunismus oder Barbarei
@Sebastian: Was sich mit dem Internet zeigt, ist der Zipfel, der uns da aus der Zukunft gereicht wird. Der Mensch hat damit technisch eine Stufe in seiner Entwicklung eingeleitet, die mit der aktuellen Gesellschaftsordnung in jeder Hinsicht im Widerspruch liegt und doch sie zugleich zu unterwandern sucht.
Das Spezialistentum ist ja nur eine Erscheinung der Klassengesellschaft, welcher die viel ältere Arbeitsteilung zugrunde liegt, die da mit der neolithischen Revolution wohl ihren Anfang nahm. Eine Arbeitsteilung, die nicht nur die Klassen hervorbrachte, sondern auch die Entfremdung der Geschlechter, und somit eine Sicht der Dinge auf die Welt projizierte, die man heute als männlich konnotiert annimmt.
Auch die Wissenschaft ist hiervon betroffen. Wir sehen die Dinge so, wie man(n) sie sehen kann und/oder will, wie eine bestimmte Klasse als ihrem Interesse zugehörig empfindet.
Die Spezialisten sind das fachliche, will heißen: scheinbar neutrale, Medium hierfür. Ohne diese Spezialisten sind wir gewissermaßen blind.
Nur im Hinblick auf diese Zukunft, deren Zipfel uns da gerade von den Spezialisten, den IT-Spezialisten im ganz besonderen Maße, gereicht wird, sieht das so aus, dass wir auch diesbezüglich schon erblindet sind, fachidiotisch geblendet sozusagen.
Wenn die einen sehen, dass da eine lichte Zukunft lauert, sehen die anderen die völlig verdunkelte. Beide Sichtweisen löschen sich gegenseitig aus. Das ist alles was Spezialistenwissen dazu noch leisten kann. Das aber ist genau der Grund, warum die Spezialisten obsolet werden. Keiner braucht solch esoterisches Orakel noch. Und doch spiegelt sich darin die Klassenscheidung innerhalb der Spezialisten wider, deutet es sozusagen aus, wer Feind, wer Freund sein könnte – aus der Perspektive der unterdrückten Klasse.
Die Zeit der Verunsicherung aber, und in der leben wir gerade, zwingt alle Menschen, all die, die mit diesem Internet sich nun vertraut machen, selber zu schauen, ihre eigenen Augen zu benutzen, ihren eigenen Verstand zu schärfen.
Und das alleine führt schon dahin, dass eine gewisse Grundweisheit (zivilisatorische Grundleistung), die, die da ein Kant noch mal aufklärerisch geschönt, in die Welt posaunte, niemanden mehr interessiert: die Welt an sich, die Dinge an sich, oder auch die angebliche Vernunft (das „organisierte Wissen, jene „zivilisatorische Leistung“ also) ist nicht zu schauen. Sie gibt es offenbar nicht!
Die Menschen müssen Teil haben an dieser Welt, um sie zu sehen, um sie zu begreifen, um in ihr zu leben, um sie zu verändern. Und sie verändern sie, in dem Moment, wo sie sie zu begreifen suchen.
Und das verändert auch die Spezialisten, treibt sie weiter auseinander. In einerseits die, die keinen Sinn für überhaupt eine solche Perspektive haben, wo doch ihre Privilegien gefährdet sind, ihr Wissenskapital entwertet wird, und in die, die das Wissen immer noch als erstrebenswert ansehen, selbst zu dem Preis, dass es sie eben ihre privilegierte Stellung kostet.
Während ersteres zwangsläufig diktatorische Gelüste entwickeln, werden letztere demokratisiert, zu Führern der Massen.
Das Internet ist und bleibt ein Werkzeug, das wir erstmals beherrschen müssen, um uns nicht völlig versklaven zu lassen. Von den Werkzeugen? Nein, von denen, die das Werkzeug erschaffen haben um es zu diesem Zweck zu benutzen.
Von denen, die es zu gebrauchen suchen, eben nicht zur Befreiung des Subjekts, sondern zu dessen völligen Zerstörung, „Atomisierung“.
Das Subjekt muss also erkennen, in welch gefährlicher Lage es ist, um daraus einen Ausweg zu finden.
Einen der sich nicht gegen die Technik richtet, sondern mit ihr geht. Diese nutzt.
Ob es dabei wirklich vonnöten sein wird, dass a l l e wissen, wie das Internet funktioniert, kann dabei vorerst noch unbeantwortet bleiben, denn es wird uns eben nicht möglich gemacht werden, in der Spezialistenwelt, in der Klassengesellschaft, aber, dass dieses Internet dazu geeignet ist, unser Denken zu verändern, unser Hirn neu zu programmieren, unser Sein zu untergraben womöglich, unser Werden zu manipulieren, scheint mir doch die allerwichtigste, und solchermaßen anzupackende, Herausforderung zu sein.
All das, was die letzten 5000 bis 10000 Jahre vielleicht zu vernachlässigen war, nämlich der Umstand, dass wir fremdgeleitete, sich selbst entfremdete, Wesen sind, und dies trotzdem eine kulturelle Revolution nach der anderen möglich machte, oder vielleicht gerade deswegen, wird jetzt auf einmal von sehr großer Bedeutung. Es scheint nämlich damit zu Ende zu sein.
Es geht nämlich nicht (mehr allein) um die Frage: will ich Hammer oder Amboss sein?, sondern darum, ob ich noch Mensch sein darf.
Die Ausbeutung des Menschen hat unter der Lohnarbeit einen Punkt erreicht, wo sie mit herkömmlichen technischen Mitteln bald nicht mehr rentabel sein wird. Lohnarbeit ist so wie sie ist in absehbarer Zeit wirtschaftlich obsolet. Dort wo die Arbeitsmittel menschliche Arbeitskraft beinahe völlig ersetzen, kann kein Mehrwert mehr generiert werden. Das Kapital beginnt sich sozusagen selber aufzufressen („autokannibalisiert“ sich – Robert Kurz), um sich zu verwerten.

Das Internet treibt diese Entwicklung einerseits auf die Spitze, andererseits deckt es mögliche Wege auf. Ist die Klassengesellschaft nun endlich völlig blamiert, dann wäre das die Option für die eine Möglichkeit, die klassenlose Gesellschaft, die, bzgl. menschlicher Arbeit, auch arbeitslose Gesellschaft, eine solche, wo der Mensch zum Menschsein gekommen wäre. Einem Wesen, das den antiken Philosophen immer schon als das einzig wirkliche menschliche erschienen wäre: das nur noch geistig arbeitende.- Die geistige Arbeit kann nicht aufgehoben werden, sie ist des Menschseins erste Bedingung!
Da wäre aber auch die zweite Möglichkeit. Sie wird notwendig, wo es den Menschen nicht gelingt, die Befreiung von Ausbeutung und Unterdrückung endgültig zu erlangen. Dann wird die Unterdrückung auf die Spitze getrieben. Eine kleine Minderheit entwickelt sich von den Superspezialisten zu gewissermaßen „Supernaturals“, also Übermenschen, und versklavt den übrigen Rest in einem Maße, wie es selbst die antike Sklaverei nicht gekannt haben wird. Diese Entwicklung wird in dem Maße möglich, wie die biotechnische Revolution sich am menschlichen Genmaterial versucht.
Es erübrigt sich beinahe zu sagen, dass solche Wesen aufhören Mensch zu sein. Denken wird ihnen dann nicht mehr verboten, es wird ihnen nicht mehr möglich sein.
Im Zeitalter des Internets ist der „Spezialist“ gewissermaßen „Hauptfeind“ wie zugleich auch wichtigstes, ja revolutionäres, Subjekt. Die Unterscheidung diesbezüglich muss der Klassenkampf leisten.
Ist er revolutionäres Subjekt, dann beginnt er als Spezialist abzusterben. Ist er Hauptfeind, dann versucht er sich mit der herrschenden Klasse zu verschmelzen, um sie letztlich auch zu übernehmen, als einzig noch existierendes (bürgerliches) Subjekt sie zu beerben.
Das wäre dann die ultimativ letzte Stufe einer Klassengesellschaft, die aber dann eigentlich keine mehr ist. Denn es wäre das Gegenstück zum Kommunismus – die Barbarei.

Modernistisch konnotierte Arroganz
@Prof. Koentges: Es will mir doch als ein alter Hut erscheinen, dass eine gegebene Generation von der ihr folgenden immer glaubt, dass diese mehr zerstöre als aufbaue. Was aus der Perspektive der betroffenen Generation wohl verständlich, aber für alle ihr folgenden Generationen nicht akzeptabel ist.
Ortega y Gasset habe ich ausgewählt, gerade weil er nicht der Meinige ist, sondern einer der ihren, der des Kapitals. Und selbstredend: all deren Ideologien sind „verquer“. Doch heißt das nicht, dass da Wahres nicht drin enthalten sei. Und nur eben dieses, das Fünkchen Wahrheit, finde ich bemerkenswert und daher zitierbar.
Um es klar zu machen: Selbst einen Sarrazin würde ich zitieren, hätte er auch nur ein Körnchen von diesem Funken an Wahrheit entdeckt.
Aber am bemerkenswertesten finde ich, und das zeigt, dass Sie immer noch an die Märchen der Aufklärung und eben nicht deren wahren Gehalte glauben, Ihre Annahme, dass nicht nur die Aufklärung, sondern eben die letzten 2500 Jahre an den Menschen in Afghanistan vorbei gegangen seien. Das ist wahrlich eine neue Spitze modernistisch konnotierter Ignoranz.
So besehen könnte man jeden Afghanen einfach ausstopfen und in irgendein Museum stecken. Keiner würde darin etwas Verwerfliches sehen, sind an dem doch die letzten 2500 Jahre, also geradezu alles was an westlicher Kultur so überlegen scheint, vorbei gezogen.
Und worüber regen Sie sich eigentlich wirklich auf, im Zusammenhang mit Wikileaks? Darüber dass diese „Halbaffen“ gefährdet sein könnten, oder einfach nur das Leben der kultivierten Besatzer?
Seien Sie sich dessen bewusst: Diese Menschen leben im gleichen Zeitalter wie wir, und sie denken auch in diesem Zeitalter. Oder woher glauben Sie kommen deren militärischen Erfolge, auch und gerade gegen die letzte Supermacht auf Erden?

Die Freiheit, die ich meine
Für all die, die über Völker räsonieren, deren Ideologie so verschlossen ist, dass sie ausländische Kritik nicht mehr zulassen, folgende Passage aus: „Die endlose Tragödie eines Volkes“ (letztmalig entnommen am 04.101.2010): „Die sowjetische Haltung gegenüber Amanullah war von der Überlegung diktiert, dass, weil in diesem Land keine Arbeiterklasse existierte, es weder die Möglichkeit noch Notwendigkeit gab eine Kommunistische Partei aufzubauen. In einem Brief an den sowjetischen Geschäftsträger in Kabul schrieb Tschitscherin, der Volkskommissar für Äußeres, u.a. folgendes: ‚Wir haben den Afghanen gesagt, dass wir keinen Augenblick daran denken, ihrem Volk ein Gesellschaftsprojekt aufzudrängen, welches nicht seinem gegenwärtigen Entwicklungsstadium entspricht.‘ Im übrigen ist festzustellen, dass Amanullah mit seiner eigenen Initiative im muslimischen Zentralasien mehr bewirkte als die sowjetischen Kommissare: Es begann eine Masseneinschulung in den Städten, auch für junge Mädchen; die Zwangsverheiratung der weiblichen Kinder durch die Eltern wurde abgeschafft, es wurde das Projekt einer frei gewählten Nationalversammlung ausgearbeitet, die sich nicht auf die traditionellen Stammeschefs stützte. (Dieses Projekt hatte keinerlei Ähnlichkeit mit der momentan konzipierten Versammlung unter Aufsicht der USA und des Westens und schon gar nichts mit der Rückkehr des greisen König Zahir). Die Frau des Emirs hatte selbst eine Kampagne gegen den Schleier begonnen und war unverschleiert in der Öffentlichkeit aufgetreten. Doch es ist eindeutig, dass das wesentliche Ziel Moskaus die Beibehaltung der Neutralität des Landes war, welche Sicherheit an einer sehr langen Grenze garantieren sollte.“
Die junge leninsche Sowjetrepublik war somit der erste und der letzte Repräsentant einer revolutionären Aufklärung, die dem afghanischen Volk nicht vorzuschreiben suchte, wie sie ihren Weg in die Moderne zu finden hätte. Die unerträglichen imperialistischen Einmischungen waren es, die der Engländer, dann die der neuen Zaren (der pseudosozialistischen „Neuen Bourgeoisie“ , die in den Wirren des 2. Weltkrieges die Macht übernahm), dann nun wieder die der US-Amerikaner, die dieses Volk erneut nötigten, sich abzuschließen, sich in die Berge zu verkrümeln und sich einer schon religiösen Ideologie zu öffnen, die ihr zuvor immer fremd gewesen war. Die Afghanen waren eines der aufgeklärtesten muslimischen Völker in Fernost. Und die Taliban, die das geändert haben, waren zunächst mal eine Kreatur des Westens, ein Fremdkörper im afghanischen Volk.
Wer heute von Aufklärung redet, meint nicht die bürgerliche Revolution infolge der Aufklärung, sondern die bürgerliche Konterrevolution im Schatten einer längst negativ gewordenen Postaufklärung.
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind längst nur Waffen im politischen wie wirtschaftlichen Geschäft, ein Mittel der politischen Intrige, Erpressung und Manipulation diverser westlicher Geheimdienste. Druckmittel im Kampf gegen den Freiheitskampf der Völker gegen kapitalistische Ausbeutung und imperialistischer Unterdrückung.
Mag sein, dass das afghanische Volk von der politischen Freiheit eines solchen Westens wenig versteht, aber es weiß mehr über persönliche Freiheit als jeder, der hier den Erben der Aufklärung mimt.
Die Freiheit, die ich meine, muss sich zunächst entschieden davon distanzieren, andere, im Namen der Freiheit, unterdrücken zu wollen. Denn die Freiheit ist immer die der anderen (Rosa Luxemburg).

faz.net/blogs/deus/archive/2010/10/01/das-internet-ein-konstruierter-leviathan

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