Das Wunderkind von heute

Zensur: Den letzten Satz hat die FAZ verschämt unter den Tisch gekehrt. Schade eigentlich, denn die Rede ist da von „Missbrauch“, nicht unbedingt von sexuellem übrigens!
Oder geht es ihr gar nicht um den frühkindlichen „Missbrauch“, sondern um das so früh wie mögliche „zu Profit machen“?

Stelle den Text, dann noch mal mit dem folgenden Vorspann in Andrea Dieners Blog (Zwischen Gesetz, Moral und Remix: Das Plagiat):

Das „Wunderkind“, das so früh wie möglich Profit machen möchte
Ich habe zu diesem Thema auch einen Leserkommentar geschrieben, den die FAZ leider um den letzten Satz gekürzt hat.
Nun ja, vielleicht hat die Redaktion da was missverstanden, denn ich habe definitiv nicht von „sexuellem“ Missbrauch gesprochen (das Wortspiel sollte doch unter die künstlerische Freiheit fallen!).
Oder sie mag es nicht, wenn ich hier laut über das „Wunderkind“ nachdenke, welches da so „früh wie möglich Profit“ machen möchte. Ich bringe den Text daher noch mal – ungekürzt – hierher, zumal er ja passt.

Das Wunderkind von heute
Wenn ich mir bei „Feuchtgebiete“ vorgestellt hatte, dass uns da eine profitgeile Kulturindustrie den letzten Cent aus der Tasche ziehen möchte – mit allen Mitteln, auch den abgestandensten -, so klingt das hier nach Satanismus, dem „ein tatsächliches Kind zum Opfer“ gebracht wird. War das nun etwa gar keine Vorlage für einen Lektor, wenn es den gegeben hat, sondern eher eine für den Staatsanwalt? Gleich ob dieses Mädchen das selber geschrieben hat, oder ein ganzes Heer von Erziehungsgehilfen da mit rein gemischt, geprägt sind deren Spuren doch deutlich, nämlich ins „Material“ – der Autorin selbst. Wir unterhalten uns über die Verwahrlosung der Jugend, vor allem dort, wo wir es offenkundig haben wollen – in den unteren Klassen – und bemerken gar nicht, den Zerfall der Bürgerlichkeit von oben. Wenn ein Mozart noch, als das Wunderkind seiner Zeit, die Welt der Erwachsenen zu überraschen vermochte, sie zu amüsieren, ja sie zu belehren gar, so sind unsere heutigen „Wunderkinder“ – Wunderwaffen, in den Händen einer Erwachsenenwelt nämlich, die diesen Kindern nichts zu bieten hat, ja selbst zu hinterlassen nichts mehr hat, außer ein Vorbild, das es längst nicht mehr ist. Ein Wunderkind ist heute, das frühkindlich erlebten Missbrauch so früh wie möglich zu Profit macht.

Die Zeitschiene zur Distanz ist unhintergehbar
@Schusch (vgl. Andrea Dieners Blog): Sie haben natürlich recht, nur war das auch nicht von mir so gedacht. Sollte ich mich da missverständlich ausgedrückt haben?

Nun, in „Feuchtgebiete“ wird ebenso wenig Literatur angeboten, bestenfalls so was wie Versatzstücke aus einem Tagebuch, was besser nie veröffentlicht worden wäre. Nicht wegen der darin geschilderten (und wie ich aus erster Quelle weiß) mehr oder weniger autobiografisch nachempfundenen Szenen (nicht mal wegen des Stoffes, der nichts anderes ist als Pornografie), sondern wegen der darin erkennbaren fehlenden Distanz vom Autor. Wenn da nun, wie bei Hegemann, distanzlos über die Vergewaltigung eines 6-Jährigen berichtet wird, ist das ja nicht nur ein Fall für den Staatsanwalt, u.U, sondern eben schlechte Literatur, die daher nicht umsonst in die Rubrik „Pornografie“ gesteckt werden muss.
Und natürlich, Pornografie unterliegt gewissen Kontrollen, die in solchen Genres offenbar mit Erfolg unterlaufen werden.

Ich rede daher ganz allgemein von „Missbrauch“, da ich annehmen muss, dass hier nicht nur die „eigenen Kinder“, die da nun zu Autoren gehypt werden, missbraucht werden – genau in diesem Moment -, sondern eben auch das Publikum.
Der womöglich darin verborgene, und solchermaßen literarisch geschönte, sexuelle Missbrauch, ist da nicht mal das Hauptproblem, denn hier wird die Jugend viel umfassender missbraucht, denn es wird sich hinter ihr versteckt. Nicht nur das Versagen ganzer Generationen, nein, das wäre eben eine konservative Kritik, sondern natürlich die sichtbar gewordenen Risse in der bürgerlichen Gesellschaft, werden da zur Kultur stilisiert. Und dahinter würde sich gerne auch eine konservative Kritik verstecken, wenn es ihr nicht so peinlich wäre. – Darin liegt auch der Grund für das Phänomen, dass Konservative in solchen Situationen wie Revolutionäre auftreten, bzw. vice versa.

Bis zu einem gewissen Alter, das Alter muss natürlich immer konkret definiert werden, sind die Erwachsenen, die „Erziehungsberechtigten“, nicht nur berechtigt, sondern eben auch verpflichtet, eben nicht nur die Jugend zu schützen, gegenüber Dritten, sondern auch gegenüber sich selbst. Und wenn das nicht schon in der Kindheit dieser Kinder geschehen ist, schlimm genug, ist es nie zu spät diesbezüglich etwas nachzuholen. Jugendliche werden nie erwachsen, wenn man sie darin nicht gefördert hat.

Die Eltern hätten solches verhindern müssen, oder es zum Anlass nehmen sollen, um sich endlich ihrer Verantwortung bewusst zu werden. Sie hätten die ersten Kritiker – die schärfsten Selbstkritiker – sein müssen!
Ich denke, wenn es je einen Grund für ein Todesurteil, wie zum Beispiel eines solchen gegen Sokrates, geben sollte, dann wäre dies jetzt der Fall.
Eine raffiniertere Form der Jugendverführung ist mir bisher nicht begegnet, und wenn ich richtig informiert bin, war genau das die Hauptkritik der Athener.

Die Jugend ist nicht harmlos, das war sie nie (ich war es auch nicht), aber eben genau deswegen nach wie vor schutzbedürftig.
Hier werden womöglich auch traumatische Erlebnisse von Jugendlichen (zugefügt durch Erwachsene – sehr wahrscheinlich) so mir nichts dir nichts als Literatur affirmiert. D a s ist der inkriminierte Gegenstand meiner Kritik.
Um es klar zu sagen: selbst wenn es „gute Literatur“ hätte sein sollen (was es nicht ist, vermutlich auch gar nicht sein kann! – Eine gewisse Zeitschiene zur „Distanz“ ist in der Regel unhintergehbar, auch der von Ihnen genannte „Marquis“, ich nehme an, Sie meinten „de Sade“, sprach ja recht eigentlich als ein nihilistischer Revolutionär, und selbst die Geschichten einer „Mutzenbacher“ im Märzverlag der 60er waren ja keine Anleitung zum Handeln, damals jedenfalls nicht, bestenfalls eine zur Revolte), ist eine Auseinandersetzung, eine kritische nicht zu umgehen, und schon gar nicht unter dem Hinweis, es sei doch gute Literatur.

faz.net/Plagiatsfall Helene Hegemann:Germany’s Next Autoren-Topmodel, 10.02.2010

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   
Dieser Beitrag wurde in Das Feuilleton und das Patriarchat veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

Ein Trackback

  • Von Was werde ich morgen noch sein? am 15. September 2010 um 22:06 Uhr veröffentlicht

    […] Denn das Kapital schafft es mit links, jede nur denkbare Perversion sofort zu vermarkten (vgl.: „Das Wunderkind von heute“). Oder anders ausgedrückt, mit meinen Worten: der dümmste Marktidiot mag sich vorkommen wie ein […]

Einen Kommentar hinterlassen

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.