Den Ostbonzen den Ulenspiegel vorspiegelnd

Den Ostbonzen den Ulenspiegel vorspiegelnd
Zwei Dinge sollte man bei Brecht nicht übersehen: Er hatte seine besondere Geschichte mit dem Kommunismus – schon immer. Ich fühle ein wenig ähnlich: emotional eigentlich Anarchist, aber im Kopf zu 100% Marxist. Und zweitens, wenn er in den Westen gegangen wäre, wäre er im Westen verlegt worden, aber auch nur dort; und hier wäre er einer unter vielen gewesen. Sein Wirken bliebe beschränkt. Im Osten hätte er nicht nur gefehlt, hier wäre er verfemt worden. (Stalin mochte Brecht nicht, und sicher auch vice versa, doch in dieser Hinsicht dürften sie einer Meinung gewesen sein; Stalin wusste, ob der Gefahr der Teilung Deutschlands – für das gesamte sozialistische System.)

Der sozialistische Realismus war für ihn immer ein „realistischer Sozialismus“, ein Sozialismus der Arbeiter, nicht der Bonzen. Einer, der den kleinen Schiebern die Kartoffeln belässt, damit die großen Schieber nicht allein das Geschäft machen (so eine seiner Forderungen an das gnadenlose SED-Nachkriegsregime). Brecht schrieb nicht nur im dialektischen Sinne; er lebte seine Dialektik auch. Lebe im Osten und schreibe so als schriebest du für ihn, ausschließlich für ihn! Indem du aber so schreibst, wie du schreibst (als der Geist, der ewig verneint) schreibst du viel mehr auch für den Westen. Und du bleibst dem Osten erhalten, als der freundliche Mann, der auch „böses“ sagt, zum Bösen dort wie hier. Er spiegelt ja nur den Westen (dem Ostbonzen den Ulenspiegel dabei vorspiegelnd). Brecht war die einzige Garantie (von links) für die Erhaltung eines dialektisch gespaltenen Gesamtdeutschlands. Ja, er war das damals einzig mögliche Gesamtdeutschland. Er war vielleicht für die SED das, was ein Gauweiler für die CSU ist. Ein verflucht kluger Querulant. Wozu sollte er den Biermann spielen? Wem hätte das genutzt? – Und wo ist Biermann gelandet? Vielleicht war Brecht ein Opportunist, in ganz persönlicher Hinsicht. Wer weiß das schon? Sein politisches wie künstlerisches Wirken wirkte dem Opportunismus aber entgegen. Und wäre das nicht eines Brechts Botschaft? Es kommt nicht darauf an, wer oder was du bist, sondern was du schaffst, wofür du schaffst, wofür du was auch immer bist!

So blieb die Idee der deutschen Einheit – im Kopf des Linken – nicht nur ein „faschistisches“ Projekt. Aber Brecht wäre nicht Brecht, wenn er sich nicht auch Gedanken gemacht hätte, wie es im Kopf eines Rechten aussieht – eines „Faschisten“.

blogs.faz.net/wost/2014/03/04/wie-mir-der-schnabel-gewachsen-ist

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