Worin besteht die Borderline-Struktur unserer aktuellen Gesellschaft?

Die Antwort an Johann Otto wurde von der FAZ bedauerlicherweise nicht freigeschaltet, und sogar aus mein.faz.net entfernt! Und das, obwohl sein Kommentar ob seiner Selbstentlarvung die theoretisch nicht einfach zu vermittelnde Problematik so wunderbar schnörkellos wie unerwartet auf den Punkt gebracht hat.
Ich empfehle die Lektüre in den FAZ-Kommentaren. Zu finden in den Antworten an meinen Kommentar.
Nachtrag: Nach dem 2. Posting wurde er freigeschaltet.

Worin besteht die Borderline-Struktur unserer aktuellen Gesellschaft?
Zunächst einmal: Es gibt keine „grundlose“ Gewalt, allenfalls sinnlos erscheinende Gewalt. Denn Gründe für Gewalt muss es geben, sonst gäbe es diese Gewalt nicht! Doch warum will diesen Jugendlichen nicht einleuchten, dass solche Gewalttaten nicht nur sozial geächtet sind, sondern auch sinnlos? Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bedarf es mehr als 1000 Zeichen. Doch in aller Kürze ein paar Gedanken: Die deutliche Zunahme von Borderline-Persönlichkeiten, sog. Ich-Gestörten, will mir kein Zufall sein. Ich denke, es gibt dazu einen entsprechenden gesellschaftlichen Hintergrund. Und während Frauen als Borderliner diagnostizierbar scheinen (vgl. den Buchtitel: Ich hasse dich, aber verlass mich nicht, letzter Zugriff: 09.09.2013), frage ich mich: wie viel – männliche – Borderliner finden sich unter den hier beschriebenen Gewalttätern? Und nun die Aufgabe an die Soziologie: Worin besteht die Borderline-Struktur unserer aktuellen Gesellschaft?

Ohne Aussicht auf Heilung
Guten Tag, Herr Schurich. Vielen Dank für die Zustimmung und Ihre Erklärung. Nicht ganz verkehrt, aber zu einseitig. Zu liberal, auch ein wenig konservativ. Entschuldigen Sie, ich weiß, dass ich Sie da treffe. Doch denke ich, dass wir viel zu viele in der „Tonne“ stecken lassen. Doch selbst ein Diogenes wird sich dort nur wohlgefühlt haben (eben nicht vereinsamt), weil er dies aus freien Stücken tat – und bewusst gegen die Gesellschaft gerichtet. „Die Tonne“, das ist die heutige Gesellschaft. Selbst die Grenzen zwischen den „Kristallpalästen“ und den Slums sind längst fließend, zudem zunehmend abhängig von ganz individuellen Perspektiven. Das Label macht’s. Sie kennen vielleicht meine Polemik gegen Sloterdijks rein affirmative Kristallpalastrezeption. So kommt es, dass auch zunehmend in besseren Kreisen, oder gerade dort, der Borderliner seinen Kopf gegen die Wand rammt. – Die Kristallwand, wegen mir. Und auch dort ohne Aussicht auf Heilung.

Der Täter macht sich selbst zum Opfer
@Christine Truebner: Diese Frage werde ich Herrn Negt stellen. Ich bin mir fast sicher, dass Herr Negt auf den Bericht über die Polizeigewalt im Gallus gegen eine Mutter mit ihrem Baby meine gestellte Frage dahingehend erweitern wird: „Worin begründen sich die Borderline-Strukturen dieses offenbar nicht mehr zu bezweifelnden Polizeistaates?“ In meiner Antwort an Herrn Schurich habe ich die heutige Gesellschaft mit der „Tonne“ Diogenes gleichgesetzt. Doch die Vorzeichen geändert. Diogenes lebte freiwillig darin, und dies auch nur weil er dies als die geeignete Plattform für einen Protest gegen die Gesellschaft hielt. Wir werden heute zunehmend zu Gefangenen dieser Gesellschaft – der NSA-Skandal macht’s mehr als deutlich. So fällt der individuelle Zwiespalt des womöglich Ich-Gestörten mit dem Zwiespalt, indem wir uns nun „alle“ befinden zusammen. Und wo der Täter sich selbst zum Opfer macht, da erkennen wir, dass die „Tonne“ ihre Eigenschaft als Plattform für den Protest verloren hat. Sie ward selbst der Grund des Protestes.

Verändern Sie Ihre Perspektive
@Johann Otto: Wenn ich das, was Sie da schreiben, beim Wort nehme, und ich tue das, dann zeigen Sie sich mir als genau den Typus, von dem ich sprach. Ich kenne Sie nicht, aber die Struktur Ihrer Selbstdarstellung, die sagt mir einiges. Ihre Wut richten Sie gegen sich selbst. Ja, das ist ein Symptom für den Borderliner! Denn Ihr Hass gegen den „linksliberalen Negt“, ich bin mir fast sicher, dass Sie gar nicht wissen, wovon Sie da reden, ist der Hass gegen das, was Sie nicht verstehen, nämlich die Quelle Ihres Hasses. Ihre Isoliertheit, gleich welchen Ursprungs, fällt zusammen, mit der Einsamkeit des (postmodernen) Subjekts. „Die Tonne“, in der Sie sich befinden, scheint mir das rechtsradikale Milieu zu sein. Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre. Und in der Tat: das ist keine geeignete, wenn auch Ihnen als eine solche angebotene Plattform des Protests. Die Toten, die Sie beklagen, das sind Sie selbst, ihre innere Leere. Daher Ihre nicht nur geheuchelte Sympathie für die Gemeuchelten. Verändern Sie Ihre Perspektive.

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Ein Trackback

  • Von Der unerkannte Borderliner am 31. Dezember 2013 um 13:22 Uhr veröffentlicht

    […] eine Krankheit erkennen, wo diese sozial honoriert wird? Zu unterscheiden wäre dann aber dort der „Ich-Gestörte“ von den übrigen paranoiden Typen. Zum Borderliner gehört auch der denunziatorische Typ. Schwer zu […]

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