Sehr kryptisch

Sehr kryptisch
Was soll man davon halten? Es macht sich nicht bezahlt, Philosophie ohne eine klare ökonomische Theorie zu betreiben. Der ökonomische Wert ist in der Ware insofern enthalten, als die Ware „geronnene abstrakte Arbeit“ (Karl Marx) verkörpert. Doch ohne den Markt kann dieser Wert nicht realisiert werden. Ja es scheint sogar, als ob dieser Wert auf dem Markt erst entstünde. Und dieser Schein wird wohl auch dafür verantwortlich sein, einen Wert im „individuellen Raum“ ausgemacht zu haben. Doch ohne die Trennung des Produzenten vom Konsumenten, der Lohnarbeit vom Kapitalbesitz – mittels des Markts, also des Raums wo die „Individuen“ sich treffen -, hätten wir auch keine Vorstellung vom „Wert der Arbeitskraft“, also der Kraft, die die Werte, resp. Mehrwerte schafft. Der Begriff des individuellen Werts allerdings klingt insofern verdächtig, als er mehr oder weniger unreflektiert auf das „Hirn des Menschen als wichtigster Rohstoff der Zukunft“ Bezug zu nehmen scheint. Sehr kryptisch.

Nichts Neues im Westen
Der psychologisierende Begriff „Verlangen“ soll das marxsche „automatische Subjekt“, welches als solches mehr Objekt denn Subjekt ist, und was im Übrigen den bürgerlichen Euphemismus vom „Individuum“ konterkariert, in ein stets revolutionäres Subjekt umlügen. Und revolutionär ist natürlich jenes kapitalistische Subjekt, welches die „dezentralisierte Welt des Individuums“ Wert zu schöpfen weiß. Dass das Subjekt im aktuellen Kapitalismus schlechthin in seiner ultimativen Krise steckt, sein Verschwinden gar auf der Agenda steht, das wird als konservativer Kapitalismus imaginiert. Ein so netter Trick des immer frechen Neoliberalismus wie Selbstbetrug des kleinbürgerlichen Intellektuellen, welcher mehr ahnend als wissend diese Krise als seine ureigene erfährt. Anstatt aber seine „Prekarisierung“ als Aufruf zum (Klassen-)Kampf zu begreifen, sucht sich der Geistesarbeiter dem Kapital als d a s Subjekt des nunmehr wahrhaft produktiven Konsumenten anzubiedern. Nichts Neues also im Westen.

Der Satz vom Widerspruch
@Dr. Klein: Es ist nicht ganz so einfach. Automatismen sind überall vorhanden. Auch das marxsche „automatische Subjekt“ hebt darauf ab. Doch wir verwenden hier eine Metapher, die auf eine gewisse Stetigkeit abhebt. Wir wissen aber, dass die gesellschaftlichen Zusammenhänge, ähnlich den stofflichen, ständig brechen. Auch die Gesellschaft scheint irgendwie den Gesetzen der Thermodynamik zu folgen. Doch auch das ist nur eine Metapher. Es sind soziale Kräfte, die hier wirken – antagonistische –, keine natürlichen. Und jede Theorie, die den „Satz vom Widerspruch“ (Eberhard Conze, vgl.: Herbert Marcuse) ignoriert, scheitert. Und Frau Zuboff ignoriert, dass auch die als Technik in Gang gesetzten Kräfte jenen antagonistisch aufeinander bezogenen sozialen Kräften folgen. Und dieser Kampf spielt sich innerhalb von diesen sozialen Kräften ebenfalls geschaffenen ökonomischen Bahnen ab. Doch die Ökonomie wirkt als technische Kraft. Und technische Kräfte werden hinfällig, sobald sie den sozialen Kräften nicht mehr nutzen.

Massenatomisierung und Mangelwirtschaft
@van Hasselt: Wollten Sie nicht sagen: Massenatomisierung? Analog der aktuellen Kapitalbewegung, die auch als Virtualisierung diskutiert wird. Wie auch immer: Massenindividualisierung ist ein Widerspruch in sich, abgesehen davon, dass das „Individuum“ ein „Phantasma“ ist. Das „Subjekt“, was der treffendere Begriff ist, begreift sich nicht als Produkt der „gesellschaftlichen Arbeit des vergesellschafteten Menschen“ (Eduard Conze, vgl. Marcuse, s.o.). Daher auch die Illusion ob des Kapitalismus als natürlichste Gesellschaft aller Gesellschaften. So sei die Gier – eben dem „Verlangen“ gleichgesetzt – eine (natürliche/anthropologische) Konstante beider Entitäten. Doch gäbe es keine Gesellschaft, wenn Gier wie Verlangen nicht kompensiert worden wären. Und gerade die kapitalistische Gesellschaft treibt diesen Prozess auf die Spitze und bringt darin die ökonomische Bewegung zum Abschluss. Denn diese ist gleich das Aufsparen eines Verlangens, notwendig ob des bisherigen Mangels in allen (Klassen-)Gesellschaften.

faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/kapitalismus/protokoll-einer-zukunftsvision-das-system-versagt

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