Wider den Ökonomismus

Wider den Ökonomismus
Mit 12 las ich Lady Chatterley’s Lover, heraus geschmökert aus Tante Hannas teakenen Bücheregalen. Danach Balzacs Tolldreiste Geschichten, usw. usf. Ich gestehe es: die Details aus diesen damals wie heute „nicht ganz jugendfreien Büchern“ (so zumindest laut der wütenden Mutter eines 14-jährigen Mädchens aus der Nachbarschaft, welchem ich jene Beute nämlich überließ) sind mir heute immer noch präsenter als die Zwischentitel aus Lenins Was Tun? Doch Lenins Was Tun? als „bescheuerte Literatur“ vorzustellen, ist wenig originell. Lenins Was Tun? ist vielleicht schlechte Literatur im gewissen Sinne (Lenin selber entschuldigte sich dafür: „Der Entschuldigung wegen der Verspätung muß ich also noch die Entschuldigung wegen der riesigen Mängel in der literarischen Bearbeitung der Broschüre hinzufügen: ich mußte in größter Hast arbeiten und wurde überdies durch alle möglichen anderen Arbeiten aufgehalten…“ ( zitiert aus dem Vorwort), entnommen 13.12.2012) im Verhältnis zu eines Tschernyschewskijs Was Tun?, doch war es gerade dieses Werk, welches lt. Lenin eine „ganze Generation russischer Revolutionäre“ (siehe auch) mit hervorgebracht haben soll. Und somit schufen beide Was Tun? die Voraussetzung dafür, dass es so etwas wie eine russische sozialistische Revolution überhaupt gab. Und das wiederum ist der Stoff aus dem nicht nur die Geschichte gemacht ist, sondern eben auch die Literatur.

Mit Hilfe dieses Werks gelang es Lenin den Einfluss der bis dahin herrschenden kleinbürgerlichen und solchermaßen hauptsächlich terroristisch kämpfenden Bewegung der Sozialrevolutionäre zurück zu drängen. Den Sozialismus auch in Russland aus der Utopie zur Wissenschaft aufwachsen zu lassen. Schuf er doch die Voraussetzung dafür, dass in diesem Land nicht ein obskurer bäuerlicher „Urkommunismus“ weiter die Hirne der Revolutionäre vernebelte (welcher im Übrigen die gesamte russische sog. progressive Literatur bis dahin beherrschte, und der da glauben machten wollte, dass dieses Bauerntum gegen die aufsteigende Bourgeoisie das „Gemeindeeigentum“ an Grund und Boden behaupten könne, vgl. dazu auch Marxens Darstellungen im „Kapital“). Das Verhältnis von Spontaneität und Bewusstsein war und ist das tragende Thema des Leninismus. Ein Thema, das weit über den kleinbürgerlichen Ökonomismus (und Terrorismus) Russlands hinausreicht, denn ist der Kampf gegen den Trade-Unionismus und kleinbürgerlichen Terrorismus seitdem die ideologische Hauptfront innerhalb der Arbeiterbewegung selbst. Und das diesbezügliche Hauptwerk bleibt „Was Tun?“

Doch hören wir kurz aus dem Vorwort:

Ihr Hauptthema sollten die drei Fragen sein, die im Artikel Womit beginnen? (Lenin Bd. 5, S. 5-13, Dietzverlag) aufgeworfen worden sind. Und zwar: die Fragen nach dem Charakter und dem Hauptinhalt unserer politischen Agitation, nach unseren organisatorischen Aufgaben, nach dem Plan für den gleichzeitig und von verschiedenen Seiten in Angriff zu nehmenden Aufbau einer kampffähigen gesamtrussischen Organisation.“ (ebenda, S. 357 – 359)

@Volkher Braun: Marx-Engels Bde. 12-14 und Bd. 29 fehlen mir. Verkaufen Sie auch einzeln?

Kinderkrankheiten und Altersgebrechen
@Tyler Durden Volland: „@Devin08 ‚Den Sozialismus auch in Russland aus der Utopie zur Wissenschaft aufwachsen zu lassen.‘ Sie meinen den Satz ernst, gell?“

Auch wenn sich das manchmal so anhört, aber nur des Spaßes wegen, schreibe ich hier nicht! Aber ich weiß natürlich, worauf Sie anspielen. Doch auch in Bezug auf die mögliche Wiederholung einer „sowjetischen Geschichte“ gälte das, wovor Marx und Engels, in Anspielung auf eines Hegels Aphorismus‘, immer wieder gewarnt haben. Nämlich, dass, wenn die Geschichte sich wiederholt, dann als Farce. Ich rekurriere also nicht auf eine wie auch immer geartete sozialistische Geschichtsapologie, sondern auf den Wissenschaftlichen Sozialismus, der solange keine Geschichte ist, wie der Kapitalismus auch. Der sowjetische Sozialismus ist definitiv untergegangen, doch nicht der Wissenschaftliche Sozialismus. In einer Krise steckt dieser auch, wie auch die bürgerliche Wissenschaft. Dennoch ist der unmittelbare Zusammenhang wohl eher der zur Krise des bürgerlichen Staates. Denn wo der Sozialismus nicht nur Ergebnis der Krise des bürgerlichen Staates ist, sondern auch dessen unmittelbarer Ausdruck, da ist auch ein sozialistischer Staat von Beginn an in seiner Krise. Was des einen Kinderkrankheiten sind, sind des anderen Altersgebrechen. Die Dialektik meint es allerdings hin und wieder gut mit uns. Sieht es doch so aus, als ob ein siegreicher Kapitalismus die Altersgebrechen des von ihm zerstörten Sozialismus geerbt hat. Das macht Hoffnung.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2012/12/12/beinahe-schwul-kommunistisch-und-romantisch-wegen-suhrkamp

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2 Trackbacks

  • Von Ein Spiel mit gezinkten Karten am 28. Juli 2013 um 16:06 Uhr veröffentlicht

    […] Das ist – gelinde gesagt – die Fortsetzung der bürgerlichen Romantik, die den sog. linksradikalen Terrorismus vom Grunde her schon umweht. Es scheinen dies eh die einzigen Helden zu sein, die die Bourgeoisie […]

  • Von Bedauerlich am 10. September 2013 um 21:18 Uhr veröffentlicht

    […] ihrem ambivalenten Gefühl in Bezug auf ihr Subjektsein. Nicht der revolutionäre Aufstand, der Terrorismus bzw. Bonapartismus entspricht diesem. Ein Breivik führte das vor. Das dumpfe Gefühl, dass ihn […]

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