Der Multikulturalismus war immer schon geheuchelt

Der Multikulturalismus war immer schon geheuchelt
Da die Linke vor lauter Empörung schweigt, sprechen die Rechten Empörendes. Das eigentlich Empörende an der Tat Breiviks ist das sanfte Bett der Heuchelei in das sie fallen darf. Der Spießbürger leugnet seine eigene (gesellschaftliche) Beteiligung. Selbst die Eltern erkennen keine Verantwortung. Sie „verstehen ihn einfach nicht“. So das einhellige Gejammer der ganzen Gesellschaft. Der kann nur verrückt sein. Das Pathologische am Normalen misst sich auch am Ausmaß seiner Tarnung. Sicher: Kaum einer unter uns (Zuspätgeborenen) würde (heute noch) Juden vergasen. Und wir würden vermutlich selber erschrecken, wenn wir unser klammheimliches Frommen plötzlich laut hörten. Die Multikulturelle Gesellschaft sei schuld! Das liegt so empörend knapp neben der Wahrheit, wie jener „Korrekten“ geheuchelten Empörung neben solch Empörendem. Denn der Multikulturalismus war immer schon geheuchelt.

Verinnerlichte Monstrosität
@Ralf Vorbaum: Ich stimme Ihrer Kritik zu, obwohl sie mir nicht ausreichend erscheint. Denn dieser Ästhetizismus ist wiederum selber monströs. Er verweist auf die Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft hin zur faschistischen Barbarei. Die vermutlich gemeinste Provokation der Nazis in Deutschland war ihr Spruch über den KZ-Toren: Arbeit macht frei. Dennoch war das nicht nur Provokation, so kommt es nur den Provozierten vor, denn Ausdruck von verinnerlichter Monstrosität – seitens der „Provokateure“. Die Provokation ist hier nicht mehr Stilmittel, sondern das Vermittelte selber. Es wäre ein Fehler, und genau darauf zielt eine solche Provokation beim Kritiker, nur die Dekadenz im Stil zu kritisieren. Denn damit verbliebe sie als Kunststil/Kunstmittel erlaubt, gerechtfertigt. Denn vergessen wir nicht, dass gerade die faschistische Kunst die „Dekadenz“ zu kritisieren vorgibt. Wir dürfen dem Faschismus in Kunst und Politik nicht erlauben, sich in dieser Nische einzunisten.

Objektive Dekadenz
@Ralf Vorbaum: Richtig. Doch diese „Dekadenz“ umfasst nicht nur die herrschende Klasse allein, also die Klasse, die an der Fortexistenz dieser Gesellschaft auch ein subjektives Interesse hat, sondern alle Klassen und Schichten der Gesellschaft. Daher ist ja auch ein revolutionärer Klassenkampf so wichtig, welche da eine Gegentendenz zu immer wieder eröffnet. Wenn wir uns die Klassenauseinandersetzungen der Gegenwart betrachten, kommen wir nicht umhin, eine gewisse Dekadenz auch und gerade bei den Ausgebeuteten zu bemerken. Wo Sie ihren Status zu erhalten suchen, werden sie dekadent. Die Kritik seitens des Faschismus daran wäre dennoch demagogisch, denn von rein zynischer Natur. Ein Breivik ist in gleich doppelter Hinsicht das zynisch auszuschlachtende Objekt/Subjekt. Aus dessen Eigenschaft z.B. als verheucheltes Produkt eben jener immer schon geheuchelten Multikultur schmiedet der faschistische Zynismus seine Waffen. Die objektive Dekadenz eben in der Mitte der Gesellschaft schafft die subjektive.

faz.net/aktuell/feuilleton/gespraech-mit-richard-millet-was-breivik-uns-sagen-wollte

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Ein Trackback

  • Von Wo die Breiviks hinter jedem Strauch lauern am 19. Dezember 2012 um 23:09 Uhr veröffentlicht

    […] Variante. Allerdings sollte uns das nicht in falsche Sicherheit wiegen lassen, denn die Breiviks lauern hinter jedem […]

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