Vor-bestimmt vom letzten Gläubigen

Vor-bestimmt vom letzten Gläubigen
„Und weil diese Frage von der politischen Richtung unabhängig ist, könnten wir sie mal auf einem ernsthafteren Level diskutieren, als bisher.“ Und das genau ist der Trugschluss. Die politische Richtung ist allesentscheidend. Allerdings nicht die parteipolitische. Das System selber, der Kapitalismus, ist e i n e politische Richtung. Die Ambivalenz des Systems ergibt sich nicht dank einer gewissen Richtungslosigkeit, sondern ob der Tatsache, dass „wir“ das System machen, das das „Wir“ wiederum bedingt. Die scheinbare Richtungslosigkeit steht somit nur für eine diesbezügliche Unbewusstheit. Die „bewussten“ Akteure dieses Systems sind aber weder die Parteipolitiker noch die Medienrepräsentanten. Meist sind jene unsichtbar, virtuell quasi, wie die Bewegung des (Finanz-)Kapitals selber. Wo wir zum Beispiel dann von „Bilderberger“ oder von „Rockefeller“ reden, meinen wir nicht wirklich echte Personen, sondern wir meinen die Institutionen, die diesen Namen tragen – oder auch nicht. Bewusstheit innerhalb eines solchen Systems reduziert sich dann in aller Regel auf Manipulation ob eines gewissen Wissens und einer gewissen Machtstellung hierbei und hierin. Die Manipulation ersetzt nicht die objektiven, spontanen, unbewussten Prozesse, sondern wirkt mittels derer, vermittelt deren Wirkung, verstärkt diese. Im Ganzen und Großen ist der Kapitalismus ein unbewusstes System, da ein System der Unbewusstheit, darin „quasi naturgesetzlich“, wie Marx sich ausdrückte. Und daher auch der genannte Trugschluss.

Die Richtung eignet man sich an, in dem Moment, wo man das System nicht oder nicht mehr bekämpft. So spontan der Kapitalismus immer wieder entsteht – außerhalb und innerhalb unseres „Bewusstseins“ (welches ja in Wahrheit gar keines ist) – so un-spontan, planmäßig, organisiert und bewusst muss der Widerstand dagegen sein. Daher muss die Philosophie des Antikapitalismus – des „Marxismus“ (wie ich ihn verstehe!) – als Wissenschaft begriffen werden.

Und die Richtung dieses Systems ist allen Prozessen vorausgesetzt. Die Teilung der Arbeit schreitet solange fort, wie diese Arbeit existiert, wie Lohnarbeit möglich und notwendig ist. Auch und gerade die geistige Arbeit unterliegt diesem Prozess. So erscheint uns die äußere Welt auch deshalb immer komplexer, weil die arbeitsteiligen Prozesse, während der Aneignung dieser Welt, jedem Einzelnen einen immer kleineren Anteil daraus belassen. In materialer wie in geistiger Hinsicht. So wie die Massen materiell verarmen, vergreisen die geistig Arbeitenden – vor ihrer Zeit. Selbst das Kapital scheint diesem Prozess zu unterliegen. So dass uns dessen Bewegung als rein virtuelle vorkommt. Das Finanzkapital wird als Bankkapital missverstanden. Als Dienstleister (am System). Die Macht dieses Kapitals, dessen produktive wie allesumgestaltende Funktion, verbirgt sich hinter einer Warenwelt, die uns bald nur noch als Bewegung von „Clouds“ begegnen wird.

So kann es kommen, dass, obwohl das Eigentum (an den Produktionsmitteln) noch existiert, das Eigentum an den Produkten abgelöst werden wird. Bald werden keine Waren mehr gekauft, sondern gemietet, geleast. Und während wir uns als Teilhaber von Produkten wähnen, verschwinden die Eigentümer hinter einer Wolke. Und obwohl wir uns als „Shareholder“ (auch am System) imaginieren, werden wir „die auf dem Olymp“ noch lange anbeten, auch wenn nicht wenige unter uns sie in die Hölle wünschen. Denn in Wahrheit sind sie sehr wohl mitten unter uns. In uns. Und so wie uns dann der Zugang zu den materialen Dingen, will heißen: zum produktiven Prozess des Dinglich-Gewordenen, verloren gegangen sein wird, so wird auch ein diesbezügliches Verständnis verschwunden sein.

Der Kapitalismus zur quasi Pantheologie mutiert. Verstärkt wird man an ihn glauben, statt über sein Ende etwas zu wissen. Doch wie soll dann dieser Glaube durch „Wissen“ überwunden werden? Wir sollten die diesbezügliche Illusion mehr fürchten als die Furcht vor der Illusion. Denn der Kapitalismus wird die „Richtung“ solange vor-bestimmen wie er selber „vorbestimmt“ sein wird – vom letzten Gläubigen.

faz.net/blogs/skurril/archive/2012/06/18/aufmerksamkeitsspanne-dreckmist

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