Nicht die Kreativen – die Patente – zählen

Nicht die Kreativen – die Patente – zählen
„Kunst entsteht erst im Teilen, erst in der Rezeption.“ Ein wahres Wort, gelassen gesagt. Zeigt sich doch darin das gesellschaftliche Wesen nicht nur von Kunst, sondern vom Menschen schlechthin und darin das wahrhaft künstliche Wesen eines Menschen. Und auch ich kann an dieser Stelle nur wiederholen, was ich bei diesen und anderen Gelegenheiten gewohnt bin zu sagen: Auch und gerade im Kontext des Streites um das „geistige Eigentum“ zeigt sich die Warengesellschaft an ihre Grenzen gekommen. Die Vergesellschaftung, wie sie schon Marx vor 150 Jahren beschrieb, offenbart erst im Informationszeitalter ihr grandioses Ausmaß neben ihrer wie gehabt bürgerlich-banalen Seite. Grandios: Endlich sind die Klassen obsolet, denn die Arbeitsteilung wird sich erledigen. Banal: dieses kleinbürgerlich-intellektualistische Gezänk um das bisschen geistigen Eigentums, das da jeder von uns noch geltend machen könnte. Das Gemeineigentum an Gedanken geht dem Gemeineigentum an den Produktionsmitteln voraus. Das ist die banale wie zugleich absurde Wahrheit. Banal, da es jeder längst weiß, absurd, weil es niemand glauben will. Denn: das Gemeineigentum erscheint unter kapitalistischen Verhältnissen nicht in seiner angemessenen Form. Denn wo das Großkapital „sozialisiert“ wird in Wahrheit der im Marktgeschehen Unterlegene expropriiert.

Denn zeigt sich doch gerade darin die aktuelle Parodie auf die ideologischen Grundlagen des Kapitals: In dem Maße wie der geistige Arbeiter zum Lohnarbeiter – zur wichtigsten Produktivkraft geworden ist – zeigt sich das Eigentum des geistigen Arbeiters (des vormaligen Kleinbürgers) nur einer neuen Eigentumsform zugeführt. Was dem Kleinbürger nämlich nicht einleuchten will, ist die schlichte Tatsache, dass auch diesmal nur der (vormals) Ausbeutende ausgebeutet wird. Hinter all dem steht ein neuerlicher Formwechsel in der Kapitalbewegung. Weniger die Produktion von Gütern als das Wissen um die Produktion von Gütern schafft Kapital. Nicht die Kreativen versammelt das Kapital um sich (was im Übrigen auch die „bürgerliche Demokratie“ obsolet werden lässt), sondern nur deren enteigneten „Patente“.

Doch während der Kapitalismus noch als alternativlos gefeiert wird, brechen seine Grundlagen unter ihm zusammen. Der Markt weicht der Transfergesellschaft, das Eigentum an Produktionsmitteln der Managermacht (auch hierin nur die Eigentumsformen revolutionierend). Das Kapital selber wird zunehmend zu einer sozialen Kategorie. Vom Fluss eines solchen, denn weniger von dessen Anhäufung, hängt der Zusammenhalt dieser nunmehr prekären (auch im Sinne von „alt“ geworden) Klassengesellschaft ab.

„Wissen ist Macht“ war gestern, denn heute ist Wissen im Prinzip ohne alle Macht. Wo ein Wissen jedem zugänglich wird, bliebe als einzige Schranke die Bildung. Der Kampf um die Bildung würde zum Klassenkampf – schlechthin. Gewisse Studentenaufstände, z.B. gegen Studiengebühren, mögen das bezeugen. Die Mächtigen haben das begriffen, also beginnen sie den Zugang zum Wissen zu regeln. So suchen sie nach Wegen, den Zugang der Massen zur Information zu verteuern. Damit zugleich sich eine Quelle des Profits erschließend. Denn die Bildung verweigern, hieße den Klassenkampf nicht nur schüren, sondern die geistige Substanz jener „Produktivkraft“ schädigen. Den Wissenden/den Zahlenden/den Konsumierenden soll die Macht bleiben, wie den Unwissenden den sinnlos gewordenen Kampf darum.

Stellvertreter für Urheberrechte
@lutz-breunig: Es ist Ihnen hoffentlich nicht entgangen, dass „Patente“ von mir in Anführungszeichen gesetzt worden ist, somit als Stellvertreter für jede Art von „Urheberrecht“.

Im Reich der Freiheit
@lutz-breunig: Ich hatte nie eine „Verkaufsausstellung“. Sie reden vermutlich von der Ausstellung in den Räumen meines Arbeitgebers „Am Grünhof“. Es freut mich, dass sie in meiner Website geschmökert haben. Die Künstler dieser Ausstellung haben keinen Cent verdient. Was auch gar nicht das Ziel war.
Es war ihnen eine Ehre, ihren Kollegen und Kolleginnen eine Freude bereitet zu haben. Vor allem aber ging es darum, aufzuzeigen, dass auch Verwaltungsmenschen zu mehr befähigt sind, als sie vielleicht unmittelbar gelernt haben. Das war eine Werbeveranstaltung zugunsten der Kreativität in jedem von uns. Und es war ein Versuch dem üblichen Stress der „arbeitsteiligen“ Gesellschaft zu begegnen.
Sie verstünden mich dennoch falsch, wenn Sie glaubten, dass ich dafür plädierte, dass Künstler, oder Geistesarbeiter, aus ihren Kunstwerken/Geistesprodukten keine Einnahmen erzielen sollten.
Sie sollten sich nur zunehmend über diesen von mir vorgebrachten (antagonistischen) Widerspruch Gedanken machen. Sie sollten begreifen, dass es für sie diesbezüglich innerhalb der Warengesellschaft keine Zukunft gibt. Außerhalb dieser Warengesellschaft gibt es diese Zukunft sehr wohl noch. Doch immer weniger im Rahmen der durch die Klassengesellschaft hervorgebrachten Arbeitsteilung. In dem Maße wie die Klassengesellschaft überwunden wird, fällt auch die Arbeitsteilung – und vice versa.
Einhergehend mit dem Übergang vom „Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ (Marx) werden die Menschen zu dem werden, was sie im Prinzip schon von Anfang gewesen sind: geistige, will heißen: kreative, Wesen.
Die dann nicht mehr durch Arbeitsteilung und Ausbeutung belastete Arbeit wird dann zum ersten Lebensbedürfnis geworden sein.

faz.net/blogs/deus/archive/2012/05/29/wer-sind-die-kuenstler-de

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