Offenbarung oder Selbsterkenntnis

Offenbarung oder Selbsterkenntnis
@Franke: Erstaunt wären die von Ihnen erwähnten „Zuwanderer“ vielleicht nur, wenn sie plötzlich erkannten, wie viel Islam bereits in Platon steckte, resp. im Spätplatonismus eines Plotin. Ich bin erstaunt darüber, dass jemand, der sich über den „überlinken Zeitgeist“ echauffiert, so wenig von dem Lehrer aller Konservativen zu lernen versteht. So hat zum Beispiel Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“ die „magische Seele“ bei Plotin verortet gesehen („Probleme der arabischen Kultur“). Ein Phänomen, welches er dann in der christlichen „Gnosis“ wiederfindet. (Mit ein Grund für, vielleicht, warum der islamische Schriftsteller – Kermani – diese Gnosis so gut zu verstehen vermag.)

Als Marxist habe ich wenig Verständnis mit Philosophien, die mit „völkischem“ oder „rassischem“ liebäugeln, aber Spengler, der diesbezüglich in aller Regel überinterpretiert wird, wird besonders dort ganz und gar ignoriert, wo er das Besondere eben nicht abendländischer Kulturen (er nennt es Seelen) hervorhebt. Und diesbezüglich macht es einen Unterschied, ob man dem Islam „großzügig“ zugesteht, dass er den Platon geplündert hat, oder ob man zu erkennen vermag, wie über Platon der „östlichen Seele“ eine westliche Sprache verpasst wurde, bzw. wie das passierte, was Spengler als „Pseudomorphose“ charakterisierte. Das ist in diesem Zusammenhang auch deswegen so wichtig, weil ein gewisser, nämlich aktueller, antimodernistischer Geist unter den (westlichen) Konservativen scheints so viel Verwirrung angestiftet hat, dass selbst ein Spengler ihnen nicht mehr genügt.

Es wäre schon ein Treppenwitz, wenn sich hinter der ach so gekränkten konservativen Seele (welche ja auch das Produkt der von Spengler erwähnten Pseudomorphose wäre) jene laut Spengler seit der Gotik unterjochten „magischen Seele“ verbirgt. Von diesen „Unterjochten“ soll wohl ein „Spinoza gegen Leibniz“ (Spengler) erneut in Stellung gebracht werden. Dies erklärte natürlich auch jenen selbsthasserischen Hass auf den Islam; denn auch Spinoza dürfte es nicht bewusst gewesen sein, wie „magisch“ seine „Seele“, wie arabisch (jüdisch?) sein Denken war.

Erhoffen sich also unsere Konservativen eine Renaissance quasi in Gefolgschaft „Apokalyptischer Reiter“? Dies erklärte die Weltuntergangsstimmung in diesen Kreisen, welche einem „linken Zeitgeist“ natürlich diametral entgegen gesetzt bleibt. Die Auseinandersetzung, wie sie sich auch am Fall Sarrazin deutlich zeigt, spitzt sich daher so allmählich auf die Frage zu: Wollen wir Offenbarung oder Selbsterkenntnis, Erlösung oder Befreiung? Soll die „nächste Welle“ in Form des jüngsten Gerichts kommen oder als Revolution?

faz.net/blogs/antike/archive/2012/01/12/ohne-kanon-das-lexikon-der-geisteswissenschaften

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