Erkämpft, ergaunert, erworben, ererbt…

Erkämpft, ergaunert, erworben, ererbt…
Ein Thema, das an Komplexität wohl kaum noch zu überbieten geht. Was aber festzustehen scheint, ist, dass Intelligenz sich definitiv nicht vererbt. Das heißt: zu Groß-Einstein gesellt sich selten Klein-Einstein, jedenfalls nicht per Vererbung. Da das aber auch umgekehrt gilt, d.h. da auch mangelnde Intelligenz nicht vererbt wird, können wir diesbezüglich eigentlich nur froh sein. Was sich aber „vererbt“, ist Sozialverhalten. Bedauerlicherweise, möchte man manchmal meinen. Und dies wiederum hat über einen längeren Zeitraum betrachtet, dann vielleicht gar Einfluss auf die sog. Epigene. Und die Fehlleistungen dort, können auf lange Sicht, auf sehr lange, gar genetische Folgen haben.

Bezogen auf die Klassenwirklichkeit der letzten 10000 Jahre zum Beispiel könnte das bedeuten, dass Klassenwidersprüche durchaus das Potential zu „Rassenwidersprüche“ haben. Vorausgesetzt aber, dass die Durchlässigkeit zwischen den Klassen nahezu Null wäre. Was ja Gottseidank nicht mal in Deutschland der Fall zu sein scheint (was sich an gewissen von Medien heraus gestellten „Lichtgestalten“ der letzten Jahre leicht nachvollziehen ließe).

Dennoch: dass intelligentere Menschen gleich die gesünderen sein sollen, was wohl nicht immer stimmt, wie mir allein schon eine kurze geistige Bilderschau all der von mir in den letzten Jahrzehnten kontaktierten Ärzte vergewärtigt, könnte auch daher kommen, dass gesünderes Leben entweder einen höheren (geistigen) und/oder auch einer höheren materiellen Aufwand erforderlich macht. Und beider Aufwand bedingt den Kampf um einen privilegierten Status, zumindest dies in den letzten 10000 Jahren von Klassengesellschaften. Und der Kampf hierfür (oder auch dagegen!) schult den Intellekt, wenn auch auf recht einseitige Weise. Daher womöglich auch die gegenläufige Tendenz – in Richtung mangelnder Intelligenz -, wenn die Akteure nämlich sich dessen nicht bewusst sind, wenn sie also ihre Privilegien für „gottgegeben“ halten z.B., anstatt erkämpft, ergaunert, erworben, ererbt…

Kurzum: Wir sollten uns die Geschichte der sozialen Auslese als Geschichte der Nichtdurchlässigkeit zwischen den Klassen vor Augen führen und dies wiederum als die Grundlage für die Frage der Vererbung/Übertragung/Vermittlung von Intelligenz. So wie der Mensch sich vor allem durch eine spezielle soziale Kompetenz von der übrigen belebten Natur abhebt, so ist auch seine Intelligenz im Wesentlichen eine soziale, bzw. emotionale. Alles andere ist davon abhängig. Was nützt z.B. das Sammeln von Wissen, wenn wir nicht mal wissen, in welcher Ecke unserer Bücherei wir es unterbringen sollen? Wir wissen das von bestimmten Autisten, die dann infolge gar als intelligenzvermindert erkannt werden. Selbst dann wenn sie gewisse außerordentliche Inselbegabungen vorweisen, gelten sie in sozialer Hinsicht in aller Regel „minderintelligent“.

Intelligenz oder Intelligenzunterschiede
@Sophia Amalie Antoinette Infinitesimalia
Ich zitiere Elsbeth Stern aus dem Zeit-Beitrag: „Mit seinem mehrfach wiederholten Satz »Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich« zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen.“ Und weiter: „Man muss deshalb nicht von der Vererbung von I n t e l l i g e n z , sondern von der Erblichkeit von Intelligenz u n t e r s c h i e d e n sprechen.“ (Hervorhebung von mir, H.B.)

Und ich möchte es mal so formulieren: Wie können wir uns sicher sein, dass sich Intelligenz vererbt, wenn wir gleichzeitig davon ausgehen, dass dies nicht zu 100 % geschieht?

Ich denke, die Frage so gestellt, lässt mich daran zweifeln, ob wir immer über dasselbe Thema reden. Meine Behauptung, dass „Intelligenz definitiv nicht erblich ist“, muss eben so verstanden werden, dass es d i e Intelligenz ist, die nicht erblich ist. Sollten wir allerdings im diesem Kontext von etwas anderem reden, dann bitte ich um Klarstellung.

@Helmholtz: Ich denke daher nicht, dass Sie es sich so einfach machen können. Verweisen Sie doch bitte auf eine einzige seriöse Stelle, die beweist, dass „Intelligenz“ erblich ist!

Chauvinistische Nabelschau
„In entwickelten Ländern mit allgemeiner Schulpflicht…“ Das ist in der Tat der schwächste Satz von Stern. Daher habe ich ihn auch nicht gebracht. Und in dieser Hinsicht ein völlig unnötig gewesener Kotau vor Sarrazin. Kein Wunder, dass er von Thorsten Haupt so interpretiert wird, nämlich als Rehabilitation von Sarrazin – durch die Hintertür. Dieser Satz beweist nur eines: nämlich die Nabelschau, die wir hier betreiben. Die „Allgemeine Schulpflicht“ hat mit der Genetik vermutlich noch weniger zu tun als die physikalischen Gesetze mit den biologischen. Ich würde nicht mit Ihnen hier streiten, wenn wir uns darüber unterhielten, welchen Einfluss u n s e r e Schulbildung auf u n s e r e Intelligenzentwicklung hat. Doch darum geht es hier ja eben gerade nicht.
Ich spüre hier den chauvinistischen Geist des Kolonialherren, der sich für die Krönung der Schöpfung hält. Machen wir uns doch nicht lächerlich.

Intelligenz und Intelligenzunterschied sind definitiv nicht ein- und dasselbe. Ich verstehe das so, dass lediglich ein gewisses Potential vererbt wird (welches sich aber nicht von ungefähr als ausgeglichen darstellt), wenn man so will, eine gewisse Struktur (die dann aber in dem Individuum aktiviert werden muss). Aber eben nicht das psychisch-soziale Phänomen – „Intelligenz“. Dieses Phänomen muss weitestgehend (nach-)erworben werden, durch das Individuum selbst.

Die Schulbildung, wie wir sie erfahren mögen, begünstigt nur eine gewisse Richtung in der Intelligenz, aber sie macht sie nicht aus.
Menschen ohne diese Schulbildung mögen vielleicht nicht die höhere Mathematik beherrschen, und auch gewisse Formen des Denkens werden ihnen nicht zugänglich sein – wie zum Beispiel das moderne abstrakte Denken (also wird auch ihre Sprache eine völlig andere sein) – , aber ich würde zu gerne wissen, wie sich der innere Atlas eines Buschnegers anfühlt, in dem zum Beispiel die Wasserstellen der Wüste markiert sind. Aber ich befürchte, dass uns für solche Untersuchungen die Werkzeuge fehlen. Denn ich glaube nicht, dass der IQ die dafür geeignete Messlatte wäre.

Auf der Jagd nach der Substanz des Lichtes!
Bei dieser Gelegenheit mal etwas leicht Abseitiges. All diese Diskussionen scheinen uns zurück führen zu wollen zu den alten theologisch konnotierten Debatten über die Substanz des Lichtes (des „heiligen Geistes“) im Verhältnis zu dessen Offenbarungen/“Emanationen“. Das von gewissen Teilnehmern hier immer wieder mal tendenziös ins Gespräch gebrachte Buch von Oswald Spengler „Der Untergang des Abendlandes“ sollte man vor diesem Hintergrund vielleicht doch mal lesen und vor allem verstehen.

Ob wir über Ahura Mazda oder über die Intelligenz reden. Immer reden wir über dieselbe Sache. Seit die ersten „Männerbünde“ („Phatries“/röm. – ein Aspekt in der Herausbildung der Geschichte, den Spengler völlig ignoriert) in vielleicht gar schon vorgeschichtlicher Zeit die Sonne als ihren Gott erblickten, den wahren Gott endlich, wie sie glaubten, haben sie ein Problem, nämlich dass diese Alleinheit eines Göttlichen im Widerspruch steht zu dem was sich da gerade herausgebildet hat: der erste „Klassengegensatz“ in der Geschichte, dem sie sich gerade vergewärtigten als den zwischen Mann und Weib („Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“ – Friedrich Engels- Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ – MEW Bd 21, S. 68; Dietz Verlag 1970, S. 76). Das Licht der Sonne befruchtet die Erde, dämmert es dem gerade zum Ackermann gewordenen Wildbeuter.

Und je mehr die dann männliche Gesellschaft dieser Erkenntnis folgt, desto mehr formt sie den männlich-göttlichen Geist. Einen Geist, den sie einer Substanz intuitiv entgegensetzen (bzw. den sie selber zur Substanz erhöhen). Und damit ein abstraktes Bewusstsein. Eines, das den Unterschied zwischen Erscheinung und Wesen, zwischen konkret und allgemein, in dem All-Einen also einen Widerspruch und darin eben ein „Ich“ erkennt. Was sich dann bis hin zu jenem denkwürdigen Satz eines Descartes „Ich denke, also bin ich“ kaprizierte.

In dem Maße aber wie hier ein Geist der Substanz entgegen gesetzt wird, schaffen sich diese Männerbünde einen „reinen Geist“. Einen Geist, den sie dennoch als Substanz verstanden wissen wollen. Mystik wird zur Religion, Magie zu Bewusstsein. Doch falsches Bewusstsein, da es eine Substanz des Geistes nicht gibt. Aber gleich ob Ahura Mazda mit der Stimme Zarathustras spricht, oder Wolf Singer vielleicht mit der eines Thorsten Haupt: die Botschaft ist stets metaphysisch.

Der Geist hat keine Substanz, sowenig wie die Photonen Masse haben, das wissen wir zwischenzeitlich. Also verlagern wir, schlau wie wir sind, die Debatte auf das Phänomen der Intelligenz, einer Funktion des Geistes, einer vielleicht nur letztlich psychisch zu begreifenden. Doch wo ein Geist nicht über uns kommt/nicht in uns einfährt, bzw. sich in uns offenbart, da kann auch einer Intelligenz kein besseres Schicksal beschieden sein. Vielleicht sollten wir Intelligenz als das begreifen, was die Hormone für den Stoffwechsel sind: dessen eigenes Abfallprodukt. Produkt eines Stoffwechsels von besonderer Art. Abfallprodukt nicht eines individuellen denn gesellschaftlichen Stoffwechsels. Geist lässt sich vielleicht damit als den Widerhall sozialer Beziehungen definieren und Intelligenz als dessen Rhythmus.

Und natürlich: je komplexer diese Beziehungen, je vielstimmiger das „Konzert“ desto höher die Anforderungen an den Rhythmus, welcher die Aufrechterhaltung des Taktes garantiert. Die Intelligenz ist der ausgelagerte Taktstock! Der dennoch verinnerlichte. Die Komplexität zeigt sich nicht nur an einem Verhalten zur äußeren Umwelt, sondern auch zur inneren. Intelligent ist der, der den Takt(stock) so verinnerlicht hat, dass es so wirkt, als folgte der Taktstock dieser – und eben nicht umgekehrt.

Doch gleich ob wir dem Takt im Weltall nachjagen, oder den Wasserläufen unterm Sand der Wüste – beides trainiert den Geist, lässt Intelligenz verinnerlichen. Schafft die Illusion von einem Geist, der diesem vorauseilt. Oder wie Kant sagen würde: der apriori gegeben wäre. Oder thomasisch gesprochen: der ein Potential darstellte, außerhalb des Seins. Eine Sphäre der Engel also. (Prä-)Substanz gewissermaßen.

Ich bleibe dabei: Intelligenz lässt sich weder vererben noch messen. Man kann sie beobachten und einordnen, sie also relativ in Beziehung setzen zur jeweilig spezifischen „Umwelt“, in der sie sich zu behaupten hat. Was sich damit aber vermutlich nur „vererbt“ (in die Erinnerung eingräbt), sind die Strukturen, die den spezifischen Anforderungen folgen. Strukturen sind aber gleich den Pfaden den man folgen kann oder auch nicht. Der „wache Geist“ (Spengler) kann wählen, ja eigene Pfade einschlagen und somit neue markieren. Den Takt tatsächlich neu vorgeben. Und das vielleicht ist das wichtigste Merkmal von Intelligenz überhaupt. So ist zum Beispiel bekannt, dass die Ureinwohner Australiens, die sog. „Aborigenes“, den Anforderungen einer universitären Ausbildung voll gewachsen sind. Warum wohl?

Technisches Wissen
@Helmholtz: Sorry, aber ich habe Ihren letzten Beitrag erst gelesen, nachdem ich meinen letzten abgeschickt habe. Ich bezweifle nicht, was Sie da zum Thema „Varianz“ schreiben. Und ganz sicherlich fehlt mir dazu das Fachwissen. Nur wer das hier als eine reine Fachdiskussion führen möchte, führt das Thema schon in die Irre. Es entsteht der Eindruck als gäbe es eine einzige und solchermaßen noch in sich geschlossene Fachmeinung. Und dabei wird schon übersehen, dass die Frage der Intelligenz nicht ausschließlich aus der Perspektive e i n e r Fachrichtung beantwortet werden kann. Woran scheitert ein Wolf Singer? Eben an dem Versuch die vermutlich nur philosophisch oder psychologisch zu beschreibende „Freiheit“ naturwissenschaftlich zu klären. Und wer die Frage der Messbarkeit von Intelligenz nicht im sozialphilosophischen, sozialhistorischen, sozialpsychologischen, und wegen mir auch anthropologischen, Kontext zu beantworten sucht – scheitert ebenso.
Ich formuliere es mal so: Sie können Intelligenz vielleicht an nichtintelligenten Wesen messen (dann aber ob der Ermangelung einer solchen, wie z.B. bei „künstlichen Intelligenzen“), aber eben nicht an intelligenten Wesen.
Und genau genommen haben Sie Ihre Antwort selber schon relativiert, wenn Sie schreiben: „Unsere Intelligenztests fragen das ab, was es uns ermöglicht, uns in unserer heutigen Welt schnell zurechtzufinden…“ In der Tat. Und genau deshalb haben sie für mich im philosophischen Diskurs auch keinen Platz. Und im Übrigen denke ich, dass Sie damit die „Wissenschaft“ genau auf das reduzieren, was sie tatsächlich zu sein scheint: technisches Wissen – anwendbares.

Völlig verschiedene Wege der Intelligenzentwicklung
@Helmholtz: Zunächst danke ich Ihnen, dass Sie wieder mit mir streiten. Dennoch: so einfach möchte ich es Ihnen nicht machen. Ich bestreite ja nicht die Möglichkeit auch an dieses Thema naturwissenschaftlich heranzugehen. Nur sollte man klären, was daran mit naturwissenschaftlichen Methoden und was eben nicht damit zu klären geht. Das ist im Übrigen dieselbe Differenzierung die ich einem Wolf Singer empfehlen würde, bevor dieser anfängt über angepasste und nicht angepasste (ergo: „kranke“) Hirnfunktionen zu fabulieren.

Wenn wir uns mit den Themen Hirn-Geist-Bewusstsein-Gefühl-Intelligenz … auseinandersetzen, sollten wir uns schon im Klaren darüber sein, dass wir beim Hirn noch über Substanz reden, aber ab Geist eben schon nicht mehr. Zum Teil beschäftigen wir uns auch damit, was wir selber da hinein interpretieren („schwurbeln“, wie Sie sagen würden).

In Bezug auf die Aborigenes haben Sie natürlich Recht. Nicht jeder schafft das. Doch was ich zu beweisen suchte, ist dabei zu kurz gekommen. Es ging mir einzig und allein um die Feststellung, dass es völlig verschiedene Wege der Intelligenzentwicklung gibt, die dennoch vergleichbar gemacht werden können, also auf einer bestimmten Stufe gar zusammen geführt.

Doch behaupte ich, dass die IQ-Messung, die dafür nicht geeignete Methode ist. Im Gegenteil: deren völlige Ignorierung wäre wohl besser.
Ich möchte diese These an einem Beispiel belegen. Es gibt in der „Autismusforschung“ im Zusammenhang mit der Untersuchung des frühkindlichen Autismus (ich weiß wovon ich rede, denn bei meinem Kind wurde eine sog. „Störung im autistischen Spektrum“ diagnostiziert, allerdings nachdem wir, d.h. die Eltern, massiv, das heißt über Jahre hinweg, die Untersuchung eingefordert hatten, den Fachärzten wollte das nämlich nicht einleuchten) Erkenntnisse, die zu bestätigen scheinen, was die Eltern solcher Kinder schon länger glauben bemerkt zu haben, nämlich dass die üblichen Intelligenztests versagen. Die Ergebnisse sind schlichtweg unbrauchbar. Da die Intelligenz dieser Kinder, die besondere u. U., damit nicht mehr hinreichend abgebildet („gemessen“) wird. Hier zumindest scheint sich die „Nichtmessbarkeit von Intelligenz“ zu erweisen. Und wenn ich Wissenschaftlichkeit richtig verstehe, dann wären damit ganz grundsätzlich solche Tests in Frage gestellt. Die Eltern wissen es besser: Das Kind ist intelligent, aber anders.

Ich bin überzeugt davon, dass das mehr als ein nebensächliches Indiz dafür ist, dass wir in der Frage der Intelligenzforschung unsere Werkzeuge (und unsere „Ideologie“ im Besonderen, siehe meinen Hinweis auf die „theologischen“ Wurzeln unseres Denkens) überprüfen müssen.
Wie gesagt: ich lehne diese Werkzeuge nicht ab, aber ich möchte sie kritischer sehen.

Wo Intelligenz eine Waffe ist
„Erkenntnis“ ist nicht selten das, was wir vorher schon als Glaube in uns trugen. In aller Regel attestiert dann unsere Erkenntnisfähigkeit lediglich eine gewisse semantische Befähigung. Die Fähigkeit alles zu beweisen. Im Öffentlichen Dienst lernt man zum Beispiel, dass alles erlaubt sei, wenn die Begründung stimmt.
Und da hier nur Leute Karriere machen, die genau das (nur) zu beherrschen scheinen, spricht viel dafür, dass darin ein Beleg für Intelligenz versteckt ist.

Ich nehme mich davon nicht aus. Aber hin und wieder treibt mich echte Neugier, gepaart dann mit einer gewissen Demut (ob der diesbezüglichen Ahnungen). Wenn ich dann mal Argumente benutze, die nicht die üblichen sind, nicht die meinigen, dann erlebe ich u. U. folgendes (man verfolge den Disput):
 
Der Konservative fühlt sich durch „konservative Argumente“ nicht als Konservativer überführt, sondern diesbezüglich nur vom Falschen. So greift er eben nicht die blamierten konservativen Argumente an, sondern nur den „falschen Konservativen“. Entlarvt dessen Argumente als konservativ, indem er die angegriffenen eigenen in Pseudokritik kleidet.

Nicht die Erkenntnis scheint das Thema, sondern die Ideologie, die diese trägt, bzw. der Träger, der diese trägt.

Und wenn ich für einen Moment einen Standpunkt einnehme, der eine (angreifbare) Betroffenheit offenbart (Autismus meines Kindes), wird mir dies wohl zugestanden, dennoch nicht die „falsche Ideologie“. Betroffene Eltern sind per se nicht imstande Autismus zu diagnostizieren, sind per se falsche Ideologen, so der implizite Vorwurf. Dass Betroffenheit auch ein Motiv für Fachlichkeit sein könnte, kommt erst gar nicht in Betracht.
Doch macht nicht jede Ideologie gleichermaßen betroffen? Und sind wir deswegen grundsätzlich zur Erkenntnis unfähig, nur weil wir Träger von Ideologie sind, Betroffene also?

Ich denke, wir sind nur dann zur Erkenntnis unfähig, wenn der ideologische Standpunkt rein affirmativ eingenommen wird. Wenn dieser Standpunkt nur den Glauben (den Gläubigen) sichert.

Denn darin sehe ich das größte Hindernis für Intelligenz. Denn diese ist für mich die Fähigkeit sich selbst in Frage zu stellen.

Zum Thema daher noch einmal ein Versuch.
Als Marxist halte ich mich für einen grundsätzlich wissenschaftlich denkenden Menschen. Ich bestreite daher auch nicht, dass da was ist, was mit der Intelligenz vererbt zu werden scheint. Doch was genau ist das? Diese Antwort sehe ich in keinerlei wissenschaftlichem Diskurs zureichend begründet.
Besser wäre es daher alle gängigen Begründungen zu hinterfragen. Ideologien, Betroffenheiten, Rechtfertigungen anzuerkennen, ja sogar „Glauben“. Denn auch Glauben ist Rechtfertigung – Selbstvergewisserung. Und all dies zusammen und noch viel mehr fällt mit Intelligenz zusammen. Und wenn dem so ist, erkläre mir bitte einer wie Betroffenheiten, Ideologien, Rechtfertigungen… vererbt werden!

Vermutlich sind wir noch nicht soweit Intelligenz auf diese Weise infrage zu stellen. Unsere Rechtfertigungen als Teil der „Wahrheit“ zuzugestehen. Denn täten wir das, käme uns die aktuelle Klassengesellschaft (die auch auf einer gewissen „Arbeitsteilung“/Klassenteilung zwischen „Intelligenten“ und „Nichtintelligenten“ beruht) plötzlich sehr lächerlich vor und damit womöglich unsere eigene Position. Die Intelligenz stünde nackt da. Und wo Intelligenz eine Waffe ist (eine gegen die Kritik), kann die Kritik dieser Waffe nicht als „Waffe der Kritik“ kommen. Das ist die Tragik.

„Autismus ist ausgeschlossen“
@Gabriele: Danke für diese Worte. Es ist übrigens eine Tochter. Bei meinem Sohn (aus erster Ehe) wurde mit 2 Jahren frühkindlicher Grauer Star festgestellt. Zuerst bemerkt hatte das damals die Tagesmutter, bei der er tagsüber untergebracht war und wo er „über jeden Stein stolperte“. Wir wurden den Verdacht nie los, dass das eine Folge der ersten großen radioaktiven Wolke aus Tschernobyl war. Diese ging damals auch über Istanbul nieder. Und unser Sohn war damals mit seiner Mutter in Istanbul. Kein Arzt, kein Fachmann, hat diese Vorstellung von uns aufnehmen wollen. Eltern beobachten sehr genau. Und wenn sie dennoch daneben liegen können, liegt das vor allem an der Fachwelt, die diesen Eltern nicht die geeignete Unterstützung zukommen lässt. Ihre Beobachtungen also ignoriert.

Und so war es eben auch bei unserer Tochter. Noch Monate bevor Autismus festgestellt wurde – durch die Kinder- und Jugendpsychiatrie Frankfurt – hatte ich ein Interview zu diesem Thema mit der FAZ. (Der in diesem Artikel vermerkte Intelligenzquotient von 50 % ist natürlich Blödsinn. Den las die Redakteurin aus einem der Untersuchungsberichte heraus, die zu einer Zeit erstellt wurden, als diese Störung noch gar nicht erkannt war. Und damit auch nicht bekannt, dass die besondere Wahrnehmung solcher Kinder die üblichen Verfahren zur Intelligenzmessung unbrauchbar machen)

So wie ich die Dinge damals beschrieb, lag mir die Diagnose schon fast im Munde, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Und als ich dem zuständigen Kinderarzt dann die diesbezügliche fachärztliche Bestätigung mitteilte, bekam ich von ihm die wohl aufmuntert gemeinte Antwort: Wenn ihre Tochter autistisch ist, dann bin ich es auch. Sie sehen, Fachmann oder nicht, Arzt oder nicht, die „emotionale“ (ideologische) Ebene der Betrachtung ist nie auszuschließen.

Nach der Lektüre eines Artikels in der FAZ), in dem mir zum ersten Mal der Begriff „autistische Spektrumsstörung“ zu Bewusstsein gelangte, fiel der Hammer. Dieser Begriff änderte alles. Das bis dato geläufige Vollbild des „Autismus“ blockierte die Erkenntnis. Darüber hinaus habe ich festgestellt, dass besonders Fachleute einen bemerkenswerten Widerstand gegen die Fortschritte in der wissenschaftlichen Forschung aufbringen. Ganz offensichtlich ist da die Verteidigung des eigenen Weltbildes wichtiger als die fachliche Neugier, bzw. das Wohl der Patienten. Also auch hier wiederum Ideologie versus Erkenntnis. Interessegeleitete Erkenntnissuche.

Und ja: wir können uns gut verstehen, auch weil das Interesse der Eltern von solchen Kindern, das der Kinder ist – und kein anderes.
Das laute und zum Teil affektierte Verhalten von Autisten ist übrigens ein wichtiges Symptom der Störung. Obwohl sie außerordentlich gut hören, scheinen sie mit der eigenen Stimme die Überreizung niederschreien zu wollen. Obwohl das Kind laut sein kann, müssen wir darauf mit extrem leiser Stimme reagieren. Das diszipliniert einem sehr, was im Übrigen eine wichtige Voraussetzung auch für einen „wissenschaftlichen“ (empirischen) Umgang mit der Thematik ist.

Meine Vorstellung vom Wert rein theoretischer Erkenntnis hat sich eh gewandelt. So hatte meine Frau, die sich mit der Thematik theoretisch überhaupt nicht befasst hat, den Autismusverdacht schon viel früher als ich. Ihre Beobachtung war zutreffender. So traute sie den Fachärzten, die da immer wieder behaupteten, dass „Autismus ausgeschlossen“ sei, von Anfang an nicht.

faz.net/blogs/deus/archive/2012/01/11/vom-verstehen-des-verstandes-was-wir-alles-nicht-ueber-intelligenz-wissen

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