Beide sind sich ihres automatischen Subjektseins nicht bewusst

Beide sind sich ihres automatischen Subjektseins nicht bewusst
Auch wenn es anders scheinen mag, aber das Zitat aus dem Kommunistischen Manifest und die hier beschriebene Situation eines Arbeiteralltags haben wenig miteinander zu tun. Marx und Engels redeten hier von der befreiten Arbeit nicht von der geknechteten. Eine solche wäre dann für niemanden mehr eine Zumutung. Allerdings der Weg dorthin, der bleibt eine. Der Kampf um das tägliche Überleben und der für eine bessere Zukunft, eigentlich gehört es zusammen, doch die meisten scheitern schon beim Überlebenskampf. Und nur diesen bekommt man heute in aller Regel in der Fabrik zu sehen. Ich weiß wovon ich rede. Auch ich hatte da mal einen anderen Traum. Mein Jahr bei Opel Rüsselsheim hat mich nicht nur gesundheitlich geschändet, sondern auch ideologisch-theoretisch gefestigt. Der Kampf fürs Überleben mag in der Fabrik geführt werden, aber der für eine bessere Zukunft muss nach dort hinein getragen werden. Das war mir theoretisch nicht neu. Doch wie verzweifelt aktuell das immer noch ist, das erfuhr ich genau dort, wo ich doch zuvor immer noch auf anderes spekulierte.

Heute noch (bzw. mehr denn je) sind die meisten Opel-Arbeiter so beschränkt – man verzeihe mir diese Offenheit -, wie der Opel selber mittelmäßig. Beide darin Synonyme für eine gediegene Kleinbürgerlichkeit. Ob (deutscher) Facharbeiter, Vorarbeiter, Betriebsingenieur, resp. Werksmeister, sind das doch alles Prototypen aus dem marxschen Arsenal des „Automatischen Subjekts“. Und auch der zumeist ausländische eigentliche Arbeiter scheint sich hierin nicht wesentlich zu unterscheiden. Wenn auch der Einfluss des Marxismus auf große Teile der ausländischen Arbeiter damals (1975 ff.) noch erheblich schien. Auch mir gelang es ein einziges Mal mithilfe einer Handvoll ausländischer Kollegen die Bänder zum Stillstand zu bringen.

Das ist nicht die befreite Arbeiterklasse und noch weniger die sich zu befreien suchende. Es ist die objektiv bestochene, wie die subjektiv extrem gedemütigte. Eine, deren kleiner Luxus (die Abwesenheit von frühkapitalistischen Verhältnissen) sich aus den Extraprofiten speist, welche das Kapital auf den internationalen Märkten durch nach wie vor gnadenlose Ausbeutung presst. Auch die Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund hier ist längst Teil eben jener bestochenen Klasse und kaum noch Teil der extrem ausgebeuteten.

Bestechung ist aber das genaue Gegenteil von Befreiung. Und für eine nachwievor gedemütigte ausländische Klasse bedeutet dies doppelte Demütigung. Trotz der von mir sehr beachteten Unterschiede zwischen jenen deutschen Facharbeitern, resp. männlichen Vorgesetzten und den oft weiblichen subalternen Beschäftigten an den Bändern, schienen (ich rede jetzt in der Vergangenheit, da die diesbezügliche Gegenwart mir nicht mehr bekannt ist) sie sich doch in einem Punkt zu verstehen, und zwar auf dem Gebiet der sexuellen Anspielungen und „Belästigungen“ . Vielleicht war es die von Öl, Schweiß, Kleber und verbrannter Haut (ich war damals Punktschweißer und das Funkengestöber durch kaputte Elektroden verbrannte mir noch die Füße unter den Arbeitsschuhen) geschwängerte Luft, die auch und gerade die schwülen Fantasien so begünstigte. Es schien den Frauen zu gefallen, von den zumeist betrunkenen Vorarbeitern ständig „belästigt“ zu werden.

Vielleicht aber gab das den Frauen das Gefühl an diesem Ort nicht nur Subjekte der Arbeit sein zu dürfen, sondern eben auch noch solche ihrer Weiblichkeit. Dass sie beidemal diesbezüglich wohl eher Objekte als Subjekte waren, ließ sie ein, sich ihnen als „Zuarbeiter“ vorstellendes, Band, ebenso wenig durchschauen, wie das als „Andienung“ erscheinen wollende Gebalze jener Vorarbeiter. Nun ja, auch die bürgerliche Kleinfamilie vermittelt ihnen nicht die Erkenntnis bzgl. ihrer sexuellen Subalternität. Nur ein falsches Bewusstsein kann da vermittelt werden. – Hier wie dort.

Viele dieser Arbeiten werden heute von Maschinen gemacht, was die körperliche Belastung vielleicht erträglicher macht, dennoch aber die Lage insgesamt stupider. Und vielleicht sind die Frauen dort inzwischen doch so frigide, wie die Männer vielleicht infantil. Das geschlechts- wie lustlose automatische Subjekt, welches sich da widerstandslos in die Ausbeutungsmaschinerie einfügt, ist das doch des Kapitals sehnlichster Wunsch.

Für die sich nach Befreiung wie nach Erhöhung („Aufhebung“) sehnende Arbeiterklasse, ist das eine so bittere wie notwendige Erfahrung. Denn nur so wird deutlich, dass das Wissen über die Notwendigkeit dieser „Aufhebung“, wie über den Weg dorthin, nur von außen kommen kann. Nur so kann auch die Bereitschaft wachsen, sich den Marxismus als Wissenschaft anzueignen. Bei Strafe des Erlöschens ihrer Sehnsüchte.

Und genau jener Antagonismus in den Sehnsüchten – hier das Streben nach vollständiger Unterordnung, dort das nach vollständiger Befreiung -, hält den Zustand solange aufrecht, wie er als solcher gerade noch zu ertragen ist. Und genau dieses gerade noch ertragen Wollen oder Können hält die Illusion aufrecht, dass dieser Zustand unabänderlich ist. Die Bürgerkinder mögen das als einen Event betrachten – das zeitweise Eintauchen in diese untere Gesellschaft -, doch genau darin bleibt ihr Horizont ebenso beschränkt wie der eines bewusstlosen Lohnarbeiters. Beide sind sich ihres automatischen Subjektseins nämlich nicht bewusst.

Subjektivistische Gegenwart?
@Plindos: An Ihrem Einwand erkenne ich, dass mein Beitrag wohl nicht lang genug war. Eine „subjektivistische Gegenwart“! Keine „sozialistische, merkelistische, europäisch-juncker‘sche, habermas’sche, sloterdijk’sche…“ Ich ahne es: schwebt ihnen da gar ihre persönliche Robinsonade vor? Und wer ist da nun der Philanthrop? Ihr Wunsch nach Einsamkeit, nach ungebrochener Identität, nach Freiheit von all dem, was uns heute in unser Leben bindet, merken Sie es denn nicht? Das alles ist doch das Produkt erst in Folge der Herrschaft des Kapitals. Das spontane, geistig etwas reduzierte, Produkt eines Subjekts, das sich über seine Existenz nicht mehr zu erheben vermag. Dem jeder zuvor noch gehabte Wunsch nach Transzendenz – welcher allerdings immer einer nach einem subjektlosen Jenseits war – vergangen ist. Gott ist tot, verkündete einst Nietzsche. Und diese Botschaft, welche da der marxschen ähnlich scheinen will (nur sah Marx nie einen je „gelebt“ habenden Gott, es sei denn in der Fantasie der Menschen), doch ihr glattes Gegenteil ist, vermittelt die Sinnlosigkeit eines jeden Strebens, das sich von dem des Kapitals zu entfernen wünscht.

Wo der Wunsch nach Überhöhung einer sinnlos gewordenen Existenz als Philanthropie verkannt wird, hat das Kapital volle Arbeit geleistet.

„Subjektivistische Gegenwart“! Ja, das ist der Wunsch einer sich vor Deklassierung fürchtenden konservativen, führungslos gewordenen, Masse. Einer jenen, der ein Sloterdijk schon zu theoretisch ist, und ein Sarrazin vermutlich nicht praktisch genug. Ein vereintes Europa, das ist entweder unmöglich oder reaktionär. So zumindest war die diesbezügliche Meinung Lenins, schon vor fast hundert Jahren. Doch die, die da jetzt so lauthals schimpfen, über ein angeblich „sozialistisches Europa“, die haben diesen Lenin weder begriffen, noch sind sie fähig ihn folgerichtig zu kritisieren. Das was wir da gerade als Sozialismus erleben sollen oder wollen, das ist kollabierender Kapitalismus. Ein Kapitalismus, dessen Finanzkapital nach der unmittelbaren Macht greift. Nicht aber, weil es eine politische Vision hätte, und sei diese auch noch so krude – ich denke da an den Hitlerfaschismus -, nein, weil es ihm unmittelbare wirtschaftliche Notwendigkeit sein will.

Dessen Waffe scheint diesmal aber weniger die Gewalt einer marodierenden „SA“ zu sein als vielmehr – Gelddruckmaschinen. Scheint es doch so, als wolle das Finanzkapital den ganzen Rest des Kapitals (einschließlich dessen gesamter Kundschaft) einfach nur aufkaufen. Den Zyklus der Krisen dadurch unterbrechen, indem man die Krise also permanent macht.

Welche „subjektivistische Gegenwart“ soll einem dagegen schon schützen?

Alle machen sie Fehler
@Strammer Max: Sie wollen wissen wie ich über Proudhon denke? Bitte!.

@Don Carlos: Das habe ich mir doch gedacht. Man kratze ein wenig an des Kleinbürgers (Anti)Sozialismushybris und man findet den Spengler. Zu dumm sollen sie also sein, die Massen – für den Sozialismus. Soweit kommt man, wenn man den Marx nur querliest, wenn überhaupt. Das Allerwesentlichste ist die Verbindung zwischen Sozialismus als Wissenschaft und dem Proletariat als soziale Klasse. Das Kernstück dieser Verbindung ist die Rolle der Partei als Vorhut und Erzieher der Massen. Darüber hinaus werden dem Proletariat schon im Kapitalismus ständig neue – Bildungselemente – hinzu gefügt, was im Sozialismus dann planmäßig geschieht. – Natürlich, Sie ahnen es schon: aus allen Schichten der Gesellschaft, resp. aus den kleinbürgerlichen – vor allem.

Nun ja, dass das keine einfache Verbindung darstellt, dürfte jedem klar sein. Versucht doch dieser Kleinbürger permanent, und dies mithilfe eben seiner Intellektuellen, die Führung zu übernehmen, will heißen: die Deutungshoheit darüber, was Sozialismus ist. Was ihm nicht selten gelingt. Am Ende kommt dann sowas bei raus, wie ein Proudhon – siehe oben -, oder eben wie ein Spengler, dessen „national-sozialistische“ Tendenz kaum mehr weg zu reden ist. Oder auch einfach nur ein sozialdemokratisches Parteiprogramm, das vom „Volksstaat“ begeistert ist.

Und auch die DDR ist letztlich eher das geworden, was Marx und Engels noch in der Kritik am Gothaer Programm zu verhindern suchten. Die von der Nomenklatura verinnerlichte antifaschistische Hybris hat diese Nomenklatura vergessen lassen, dass der Sozialismus mehr ist als „Enteignung“ von Großkapital und Großgrundbesitz. Die Eigentumsfrage mag die erste sein, die der Sozialismus anzugehen hat, definitiv aber nicht die letzte. Denn gleich ob privates oder gesellschaftliches Eigentum vorherrscht, sind doch die Menschen über Jahrhunderte vom Kapital und dessen Wert(e)vorstellung geprägt.

Gelingt es im Sozialismus nicht, diese auch mit zu überwinden, wird – über das bürgerliche Recht – der Kapitalismus wieder durch die Hintertür eingeschmuggelt. Doch hören wir was Marx selber zum Sozialismus als Übergangsperiode zu sagen gehabt hatte: „Womit wir es hier zu tun haben“ (bei der Erörterung des Programms der Arbeiterpartei) „ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage ENTWICKELT hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft HERVORGEHT; die also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.“ (Marx – „Die erste Phase der kommunistischen Gesellschaft“, aus: Kritik des Gothaer Programms, S. 135 ff., zitiert nach Lenin: Staat und Revolution, LW, Bd. 25, S. 93 – 507, siehe auch: .mlwerke.de/)

@Plindos: Sorry, beinahe hätte ich Sie überlesen! Nun ja, die Kronstädter Geschichte ist die Lieblingsgeschichte all derer, die den Sozialismus von Grund auf nicht mögen. Und dass die Anarchisten und Kommunisten immer wieder aneinander geraten, ist (war?) ebenso tragisch wie offenbar unvermeidbar. Der Marxismus ist nicht weniger im Kampf gegen den Proudhonismus (siehe meinen obigen Beitrag) und Bakunismus entstanden wie der Leninismus gegen den reformistischen Sozialdemokratismus. Diese Auseinandersetzungen sind bedingt durch Klassenkämpfe innerhalb wie außerhalb jener Szenen. Insbesondere in Russland konnte der Bolschewismus nicht Fuß fassen, ohne den kleinbürgerlichen Sozialismus in all seinen Spielarten geschlagen zu haben. Die gemeinsame Wurzel sowohl des russischen kleinbürgerlichen Sozialismus wie des reformistischen Sozialdemokratismus war der Ökonomismus. Dass dieser Ökonomismus weiter reicht, nämlich bis heute und bis hierher, möchte ich hiermit belegt haben).

Und auch wenn ich jetzt nicht über die stalinschen Exzesse im Kampf gegen das Kulakentum räsonieren möchte (das habe ich an anderer Stelle zur Genüge getan, wie zum Beispiel hier), so sei doch erwähnt, dass auch dieser Kampf (in seinem Wesen, nicht in all seinen Schattierungen!) eine Fortsetzung hiervon ist. In Russland war die Frage wer-wen? die entscheidende – das Proletariat das Kleinbürgertum, oder umgekehrt.

Dass letzten Endes doch das Kleinbürgertum siegte, lag wohl nicht nur an der rückständigen ökonomischen Grundlage, sondern vor allem wohl an der nicht enden wollenden Kette an politischen Fehlentscheidungen hierbei. Unter anderem auch an den Stalins.

Die Frage, die vielleicht noch bleibt, wäre die nach den Möglichkeiten solches zukünftig zu vermeiden. Nun ja, die Möglichkeit besteht. Vorausgesetzt man räsoniert nicht nur darüber.

Die schonungslose und solchermaßen selbstkritische Aufarbeitung der Geschichte der sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung ist dafür wohl die erste Voraussetzung. Das ist für mich auch ein Grund mit für, dass ich keine „sozialistischen Säulenheilige“ kenne. Alle machen sie Fehler.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2011/06/17/reiche-kinder-in-die-produktion

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