Gefährlich wird es für Linke, die sich da nicht abgrenzen

Gefährlich wird es für Linke, die sich da nicht abgrenzen
@Don Alphonso: „Die Vorstellung, man könnte jetzt arrogante Medien und Wissenschaftler vorführen, ist für Konservative brandgefährlich.“ Das ist wohl richtig. Dennoch wird es getan. Der Mob wird, dieses Risiko voll in Kauf nehmend, gegen die Akademiker mobilisiert. Um Guttenberg zu retten, um diese Regierung zu retten, um diese gierige Seilschaft zu retten. Doch gefährlich wird es dann für eine Linke, die sich da drauf heben lässt. Für Linke nämlich, und nur für die, sind anti-intellektuelle Instinkte so unbrauchbar wie der Antisemitismus.

Die Feinheit in der Gemeinheit
@auch einer: Sie erkennen nicht die Feinheit in der Gemeinheit. Oh, das reimt sich („Die Gemeinheit in der Feinheit“, kann es ob des Mangels an Feinheit, nicht heißen). Also. In dem man nun so tut, als wäre es nur ein Problem der Akademiker, die sich da nämlich so aufregen, über das was der Guttenberg da gemacht hat, wo er doch so ein guter Verteidigungsminister sei, und ein Edelmann sowieso, wird der Mob in seinen Vorurteilen gegenüber der Intelligenz (endlich) bestätigt. Es darf doch mal gesagt sein! Nicht wahr? Oder wie es die Frau Kanzler ausdrückte: Ich hab ihn nicht als Doktor eingestellt (naja: sinngemäß)…Genau diese Ebene der Verteidigung ist eine im höchsten Maße reaktionäre, auch wenn dabei ein gewisses Klientel, nämlich das konservative, brüskiert wird.

Aber auch das wird in Kauf genommen. Denn die Konservativen gehen der Merkel-Regierung eh schon auf die Nerven. Recht geschieht ihnen also. Jetzt dürfen sie mal erleben, hier im Westen gar (!) was so eine richtige „Volks“demokratie ist. Eine zum Wohlfühlen. Und da der Gysi dem Guttenberg empfehlen wollte, sich wie ein Adliger (von früher) zu verhalten, in dieser Peinlichkeit, schlussfolgere ich, dass die Linke hier zum Wildern in einer falschen Ideologie verführt wird. Und genau das ist für mich als Linker unerträglich. Es gehört sich einfach nicht, als Linker da den „Wertkonservativen“ raus zu kehren. Das ist billig und es geht nach hinten los. In all meinen Beiträgen habe ich hervor gehoben, dass der Guttenberg nicht als Mann von Adel vorzuführen ist, sondern als Bourgeois. Als einer, der die Privilegien seiner Klasse sehr wohl nutzt, nur sind das nicht die Privilegien der Aristokratie. Es ist eine verquere Sicht auf die Geschichte, wenn man die Epochen durcheinander bringt.

Es ist eine Gunst der Stunde, auch und gerade für linke Kritik. Dennoch eine nicht ungefährliche. Wenn die Linke sich hier prinzipienlos verhält, wird sie nicht nur nichts erreichen, sondern den größten Schaden davon tragen. Die Herrschenden wissen das. Und sie spielen daher all ihre Trümpfe aus.

Wir müssen diese bürgerlich-bürokratische Seilschaft aufdecken, die da so skrupellos ihren eigenen Titel opfert – dem Ganzen wegen. Und das Ganze ist die bürgerliche Herrschaft (nicht nur in Form dieser Regierung!), die, die da vor aller Augen so in die Krise treibt. Die Legitimation der Macht (begründet auf dem alten Mythos um das Herrschaftswissen) wird zugunsten der Notwendigkeit der Erhaltung der Macht aufs Spiel gesetzt. Der Mythos wird entschleiert, dennoch wird das Herrschaftsverhältnis nicht in Frage gestellt, sondern nur neu „formuliert“. Zumal die Bürokratie auch ohne Doktor kann. Das wissen wir längst. Das ist reinstes Poker, übelster bürgerlicher Pragmatismus. Und zugleich die freche „Ideologie“ von Emporkömmlingen, Hochgedienten. Ministerialbürokraten, die da ihre gefüllten Fleischtöpfe verteidigen. Mit allen Mitteln.
Im Übrigen: Den (Wert-)Konservativen stinkt das natürlich, denn diese Frechlinge mausern sich auf ihre Kosten. Dennoch sind sie nicht in der Lage dem ernsthaft was entgegen zu setzen. Denn sie sind das Problem, nicht die Lösung.

Und gibt es auch nur noch einen Linken…
@ThorHa: Entweder schreibe ich das so: „wertkonservativ“, bzw. so: („wert“-)konservativ. Die Wertkonservativen ohne Gänsefüsschen wären somit nicht wirklich konservativ, sondern im Prinzip vielleicht gar revolutionär. So zumindest würde das Zizek formulieren.

@Plindos: Ich selber bin ein Linker. Also spiele ich nicht „Blindekuh“, sondern rede u. U. gar von mir selber. Und gibt es da auch nur noch einen Linken auf dieser Welt, dann gibt es auch weiterhin die „Linke“ (nicht zu verwechseln mit: „Die Linke“). Und jeder, der sich für einen Linken hält, trägt die Verantwortung für die Linke insgesamt. Überhaupt wäre das der authentischste Beweis seiner linken Identität. Denn der Linke spricht immer im Interesse/im Auftrag/in der Verantwortung für die revolutionäre Klasse, von deren revolutionären Einheit er auszugehen hat. Was eben nicht heißen soll, dass ich für das pseudolinke, antirevolutionäre Geschwätz (Habermas…) anderer Linker dann verantwortlich bin (oder dies gar dulden müsse); denn diesbezüglich verpflichtet mich eben diese Verantwortung zur Kritik, was zugleich die Bedingung dafür ist, dass ich selber solches eben nicht verzapfe. Und Sloterdijk ist schon gar kein Linker. Auch das habe ich mehr als einmal dargestellt.

Auf die Vertiefung dieses Themas („den ganz anderen Film“) warte ich mit Spannung. Dann werde ich das auch näher begründen, was ich da gerade behaupte (wenn ich es nicht schon getan habe, siehe oben: „Gefährlich wird es für Linke, die sich nicht abgrenzen“).

Nur das vielleicht vorweg: Dass es die Linke nicht mehr gäbe, ist genauso kleinbürgerliches Wunschdenken, wie das bezüglich eines Klassenkampfes, der da verschwunden sei. Solange es den Kapitalismus gibt, gibt es den Klassenkampf, bleibt der Sozialismus der einzig mögliche Ausweg und damit auch eine sozialistische Theorie als Bedingung für die Bewegung eines revolutionären Subjekts (einer „Revolutionären Linken“). Denn als solche ist diese Bewegung die authentische Bewegung des revolutionären Proletariats selbst, einer Bewegung, die sich immer als eine weltweite verstanden hat und die sich weiterhin so versteht.

Vielleicht weil folgendes zutrifft
@HansMeier555: Ein Beitrag von mir, der auch nach 2-maligem Versuch, von der FAZ-Redaktion nicht freigeschaltet wurde. Vielleicht weil er zutrifft. Oder auch weil Herr Geyer solches sich nicht mehr leisten kann, nachdem ein Herr Bahner ihn wohl in seiner Stellung beerbt hat: „Die bevorzugte Option“.
Andererseits höre ich gerade, dass Guttenberg die Brocken schmeißt. Das Trommelfeuer war wohl nicht ganz umsonst.
Vielleicht ein „Sieg“ für die Massen.

Die revolutionäre Tat des Don Quijote zu Guttenberg
Seine Rücktrittserklärung ist ein einzige Don Quijoterie. Wer hat denn dafür gesorgt, dass es „auf dem Rücken der Soldaten“ nur noch um seine Person ging? Mal abgesehen davon, dass in Bezug auf Afghanistan alles „auf dem Rücken der Soldaten“ geschieht. Er beleidigt die Massen, die ihn gestürzt haben. Die ihn quasi in einer Art revolutionären (wenn auch hauptsächlich medialen) Aktion zu Fall gebracht haben. Ein Umstand, der von der Presse übrigens mit keinem Wort erwähnt wird. Wenn Guttenberg nicht zu Fall gebracht worden wäre, wäre diese Regierung gestützt. Was im Übrigen noch kommen kann. Das ist noch nicht ausgestanden für sie. Und gerade diese Rücktrittserklärung bietet dafür die Angriffsfläche. Die Kritikermassen haben dieses Szenarium nicht gewollt. Sie wollten seine bedingungslose Abdankung, eine sofortige und eine ungeschönte Aufdeckung seiner Missetat. Was er in Don Quijote-Manier „tapfer“ zu ignorieren suchte. Ja, seine ganze Tapferkeit bestand vielleicht gerade darin, sich einer solchen „revolutionären Einsicht“ solange zu widersetzen, mit der Absicht, dem Rad der Geschichte die Macht seiner skurrilen Persönlichkeit, welche vielleicht seiner Herkunft geschuldet ist, aber auch im Besonderen, die „Solidarität“ der bürgerlichen Klasse, die er so schamlos zu nutzen wusste, entgegen zu stemmen. Dennoch ist es ihm fast gelungen, diese Regierung wie seine Klasse in „mühevoller Kleinarbeit“ irreversibel zu schädigen. Wenn das keiner revolutionären Tat gleichkommt, was dann?

Eine Schule für die Massen
@Vroni/Plindos: Mag sein, dass er die das „akademische Bürgertum“ beleidigt hat. Nicht wenige darunter hat er mit Sicherheit trefflich repräsentiert. Und die haben jetzt berechtigten Grund zur Sorge. Dennoch hat er vor allem die Massen beleidigt, deren guten wie deren schlechten Geschmack. Er hat vorgeführt, wie man sich benimmt, wenn man einer der ihren sein will. So bar jedes Titels (bis auf den Baron, aber der eignet sich auch für die Seifenoper. Den schlechten Geschmack beleidigt es dahingehend, dass da „Big Brother“ und Dschungelcamp getoppt wurden. Den guten Geschmack derer, die solche Auftritte, gleich von wem auch immer und mit welchem Format, schon gar nicht mögen. Diese Massen gibt es, nicht wenige, eben gerade gleich mit oder ohne Doktortitel.

Stichwort: Kathedersozialismus. Gerade im Interesse des unerbittlichen Kampfes gegen solche „Sozialisten“ – Gysi, Lafontaine… -, schreibe ich an. Rücke ich Prinzipien ins Licht, verteidige ich die grundlegenden Interessen der Massen, nicht deren naheliegenden. Widersetze ich mich jedes Opportunismus‘ und jeder Bequemlichkeit. Revolutionäre, die in solchem Geist aufwachsen, mögen nicht selten auch enttäuschen (darin widerlegt wie bestätigt zugleich die Praxis geradezu jede Theorie), dennoch sind sie auch darin, ja: gerade darin, eine Schule für die Massen.

Der Sozialismus ist leider nicht wesentlich besser, wenn nicht gar schlechter, als der Kapitalismus, den er abzulösen hat. Daher kann es nicht schaden, dem Kapitalismus, wo immer möglich, kräftig in den Hintern zu treten. Ihm die Flausen auszutreiben, solange es noch möglich und nötig ist. Eben im Interesse eines möglichst besseren, oder eben nicht gar so schlimmen, Sozialismus.

Und wie da Guttenberg abserviert wurde, wird wohl auf lange Zeit eine solcher Tritt in den Hintern der Herrschenden gewesen sein. Kosten wir ihn aus.

Das schmale Rinnsal der Geschichte
@Plindos: Vielleicht habe ich es immer noch nicht klar genug ausgedrückt. Die Rede ist nicht von den „revolutionären Massen“, sondern von einer „revolutionären Massenaktion“ Dazwischen liegt ein feiner Unterschied. Eine Massenaktion kann in ihrer Wirkung eine revolutionäre sein, obwohl die Massen selber alles andere als revolutionär sind, jedenfalls nicht subjektiv. In ihrer Mehrheit sind sie gar konservativ. Aber was will das schon heißen? Auch was Guttenberg da selber veranstaltet hat, kommt einer revolutionären Aktion näher als einer konterrevolutionären. Er und nur er hat es geschafft, was eine Generation von überzeugten Linken nicht schaffen konnte: die Demontage dieser bürgerlichen Regierung, eine Blamage des Finanzkapitals wie nie zuvor, damit eine Schwächung des kapitalistischen Systems, wie nicht erwartet. Und das alles nur, weil er ein unbelehrbarer Tropf ist, ein Don Quijote?

In der deutschen Geschichte steht solches nicht einsam da. Auch ein Bismarck hat die sozialistische Bewegung mehr gefördert, als alle damaligen Sozialisten zusammen das vermocht hätten. Allein durch seinen Übereifer. Nach den Sozialistengesetzen war die Sozialdemokratie, die damals noch eine revolutionäre war, definitiv stärker als zuvor. Dennoch reicht das nicht hin. Hinter jedem „Tropf“, hinter jedem Übereifer, steht die „Notwendigkeit“ Pate.

So wie es Bismarck damals nötig hatte, so hat ein Guttenberg es heute auch – nötig, bitter nötig. Deutschland musste damals im Affentempo die kapitalistische Entwicklung seiner Konkurrenten nachholen – bei Strafe des Untergangs -, vor allem musste es das englische Monopol brechen, mit Hilfe seines Intimfeindes gar – Frankreich (und das war Bismarcks „Eigenleistung“ zum Gang der Geschichte). Die sozialistische Bewegung drohte den Lauf der Geschichte zu verzögern. So sah er das jedenfalls. Sie schien ihm brandgefährlich. Dennoch war sie nicht aufzuhalten. Das aber hatte er nicht mehr zu bestimmen. Ja, er konnte das nicht mal erkennen. Dazu war zu reaktionär, zu sehr dünkelhaft. Heute hat Deutschland ein vergleichbares Problem. Entweder gelingt es Deutschland in Europa die Hauptmacht zu werden, oder es sinkt in die Bedeutungslosigkeit zurück. Solches veranlasst die Bourgeoisie zu nervösem Aktionismus. Und da vergreift man sich beim Kader u. U. sehr schnell. Nun Guttenberg ist kein Bismarck, das wäre er gern. Daher ist er vor seiner Zeit schon gescheitert. Ohne eine erkennbare „Eigenleistung“ hinterlassen zu haben. Außer der, dass er seiner eigenen Klasse und nicht dem Klassengegner am meisten geschadet hat. Bismarck wäre nicht amüsiert, über diesen verschwägerten Tropf.

Die Bourgeoisie ist sich hierbei selber der größte Feind. Sie kann gar nicht anders. Diesbezüglich hat sie tatsächlich keine Alternative.

Der Sozialismus lebt von solchen Taten (sonst hätte er nur hartes Brot zu beißen), von den alternativlos-objektiv revolutionären. Wenn es auch klar ist, dass er sich darauf nicht ausruhen kann. Nämlich damit noch lange keine Revolution geschafft ist. Dennoch ist das der letzte Beleg dafür, dass der Marxismus als Wissenschaft zu verstehen ist. Welcher auch und gerade Faktoren zu würdigen weiß, die er nicht selber verzapft hat.

Natürlich bleibt vielleicht die Antwort auf die Frage, warum Guttenberg? nicht wirklich beantwortbar. Denn welches Schicksal da eine solche Gelegenheit zur Wirklichkeit reifen lässt, lässt sich vielleicht im Nachhinein mal, in 50 bis 100 Jahren, beantworten. Guttenberg ist und bleibt ein Hasardeur, einer der nicht lange fackelt, der es versteht Gelegenheiten wahr zu nehmen. Das spülte ihn in das schmale Rinnsal einer solchen Geschichte. Dennoch war er dumm genug, um sich zu überschätzen, wodurch er beizeiten wieder ausgespült worden war. War die Bourgeoisie völlig überfordert mit ihm? Oder hatte sie wirklich keine Wahl? War ihr jedes Mittel recht, oder hat sie keine andere Mittel?

Die Antwort bringt uns in die Nähe einer notwendigen Analyse, nämlich nach dem Zustand dieses Staates, dieser Gesellschaft, den Beziehungen zwischen ihren Klassen. Befinden wir uns am Rande einer politischen Krise, einer Systemkrise? Habe ich Recht, wenn ich behaupte, dass „Arabien“ uns bald eingeholt haben wird? Dass auch in Deutschland eine revolutionäre Situation schnell heran reifen kann? Die Bedingungen werden andere sein als in Arabien, aber für nicht Wenige, dann nicht weniger überraschend kommen.
Diese Fragen werden beantwortet. Beizeiten. Von den Massen selber. Die Theoretiker haben das nur zu formulieren.

Verschwörungen sind Teil des Systems, das sie bekämpfen
@ThorHa: Ergänzend zu Tillmann, möchte ich erwähnen, dass im Prinzip schon ein ganz ordinäres Kartell eine „Verschwörung“ darstellt. Eine gegen das System, das es hervor gebracht hat. Dennoch gibt es Kartelle, von deren Aufdeckung und Zerschlagung man hin und wieder was hört – Mühlenkartell, Kaffeekartell… Doch habe ich bis heute nicht gehört, dass man aufgeräumt hätte mit dem Ölkartell, dem Kartell der Petrochemie, dem Kartell der Gesundheitsindustrie, dem Energiekartell, usw., usf.

Was eine Verschwörung ist oder auch nicht, ist natürlich auch eine Definitionsfrage, eine Frage nach den Grenzen und Übergängen von Verschwörung in Politik – und zurück. Geheimdienste sind per se Verschwörungsinstrumentarien. Der älteste Geheimdienst der Welt war vermutlich das Orakel von Delphi. Ich habe darüber orakelt. Aber auch der Vatikan ist sowohl ein Kartell als auch eine verschworene Gemeinschaft, die Mafia ist das ebenso.

Wenn der Markt das wäre, was er verspricht, dann wären Verschwörungen in der Marktwelt eigentlich nicht möglich. Doch was dem Gesamtkapital heilig ist, ist dem einzelnen Kapitalisten in der Regel ein Ärgernis. Wie oft versucht der einzelne Kapitalist (versuchen einzelne Kapitalsgruppen) den Markt zu beherrschen, ihn auszuschalten. Seine Versuche, den Markt zu seinen Gunsten umzustimmen, ähneln dem Gebet des Gläubigen an den Erzengel Gabriel, der da diesen inständig bittet, sich doch auf seine Seite zu begeben.

Der Markt ist Fetisch und Hassobjekt in einem. Das lädt geradezu ein, ihn zu beschwören, ihn zu manipulieren, ihn zu vernichten.

Letztlich ist es die Art von Verschwörung, die dem Kapital mehr schadet als nützt. Daher auch die gelegentlichen Versuche, damit fertig zu werden. Dennoch: wo es Monopolmacht gibt, wo einzelne Unternehmen über eine größere Bilanzsumme verfügen als ganze Staatsapparate, wo Geheimdienste und Kirchenorganisationen über mehr „Geheimwissen“ verfügen, als Wikileaks je aufdecken könnte, da sind die Verschwörungen zu Hause. Die Finanzkrise 2008 wäre ein Beleg mehr dafür. Dennoch war diese im Wesentlichen keine Verschwörung, aber durchaus im Detail, in den Formen, in den Wirkungen, in den Behandlungen, und nicht zuletzt in den Folgen.
Verschwörungen sind Teil des Systems, das sie bekämpfen. Und sie verschwinden mit dem System, wenn dies untergeht. Mehr dazu auch hier.

Die Verschwörung und der historische Materialismus
@Colorcrace: Ich sagte ja, dass es eine Frage der Abgrenzung ist. Allerdings geht es mir darum, dieses Totschlagsargument von wegen: „alles nur Verschwörungstheorie“ zu entkräften. Also den Leuten was gegen zu halten, die so abgeklärt daher reden, wenn sie sich über Verschwörungstheorien entrüsten. Dazu muss man schon mal den Bogen größer spannen. Dennoch: den Vatikan als Verschwörung betrachtet zu haben, das wäre doch eng genug gefasst, oder?

Ich gehe sogar soweit und behaupte, dass schon bei Einführung der Klassengesellschaft, der ersten, die da schon „zusammenfiel“ mit der „Unterdrückung der Frau“ (Engels, Über den Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“) – dem Patriarchat -, eine gute Portion Verschwörung mit dabei gewesen sein muss.

Der Mythos um die Übernahme des Orakels von Delphi durch den Gott Apollon („Was dem Manne sein Orakel“), will heißen: die Erbeutung dieses Orakels von der Muttergöttin Gaia – ursprünglich war Delphi ein weibliches Orakel -, indem „man(n)“ (er/dessen Priester?) deren Schlange/den Drachen „Phythia“ erschlug (wir kennen da so eine ähnliche Geschichte, die mit Sigfried dem Drachentöter), lässt eine solche Deutung durchaus zu.

Die Installation des Patriarchats erscheint vor diesem Hintergrund als eine Art Palastrevolte der Götter. Wir wissen natürlich, dass es so nicht gewesen ist. Dennoch offenbart der Mythos eine solche Intention. Wie die Sklaverei in die Gesellschaft dennoch kam, d.h. wie die erste Gesellschaft auf der Sklaverei aufgebaut werden konnte, können wir uns auch so vorstellen, dass ab irgendeinem Moment die Kriegsbeute nicht mehr einfach nur erschlagen, sondern versklavt wurde, die Männer zum Sklavendienst, die Frauen fürs Bett. Fertig wäre beides: Klassengesellschaft und Patriarchat. Aber das dürfte so einfach nicht gewesen sein. Solange Frau die Hüterin der Weisheit war, die Besitzerin des magischen Wissens über die Fruchtbarkeit, solange hätte Mann nicht gewagt, sie derart zu entwürdigen. Dieser Schleier musste erst gelüftet sein. Mann musste also wissen, dass Fruchtbarkeit ein mehr oder weniger natürlicher Vorgang und eben kein mythisches Orakel ist. Der Mann musste sich gewissermaßen erst emanzipieren, musste Teil haben am Wissen der Zeit, um der Frau die Stirn zu bieten. (Kommt einem irgendwie bekannt vor, oder?)

Dennoch: mächtig gewordene Männerbünde (Die „Phatries“/die männlichen Gegenstücke zur weiblichen „Gens“, also antike Clans – nachzulesen bei Bornemann: „Das Patriarchat“) waren dann die Drahtzieher. Die Frau musste „entmachtet“ werden. Im Sinne von hintergangen/umgangen/getäuscht/missbraucht/benutzt, wenn es sein musste: erschlagen, denn so was wie eine Macht, eine weibliche gar, eine politische gewissermaßen, gab es nicht unter der „Gens“.

Also wieder wäre da das Element der Verschwörung. Denn mit der Unterdrückung wurde die „Macht“ ins Leben gerufen. Nicht nur ein gewaltsamer Akt ist dies, auch ein Akt, der eine gehörige Portion Dreistigkeit erfordert. Nur Verschwörer bringen diese Dreistigkeit auf. Da sie sich sicher wähnen, unbeobachtet, unverletzbar. Ja selbst beseitigt wurde die Verschwörung manchmal durch eine Verschwörung, wie wir am Mord Cäsars nachvollziehen können. Eine gerade zu öffentlich demonstrierte Verschwörung. Und die ist historisch belegt.

Wer das Element der Verschwörung komplett zu ignorieren sucht, der heiligt die Geschichte mehr als diese es verdient hätte. Denn dass die Menschen ihre Geschichte manchmal doch so machen, wie in schlechten Filmen dargestellt, das widerspricht natürlich unserem ach so „aufgeklärten“ Geist. Nur vergessen wir bitte nicht: wir mögen ja aufgeklärt sein, nur die Zeit, in der wir leben, hält sich nicht daran. Dennoch machen wir diese „schlechten Filme“ natürlich nicht voraussetzungslos, quasi gegen die Zeit gerichtet, sondern auf einer historischen Bühne und somit auch von dieser begrenzt. Und das reicht mir für mein historisch-materialistisches Weltbild. Ich muss es nicht idealisieren.

http://faz-community.faz.net/blogs/stuetzen/archive/2011/02/26/guttenberg-kohl-und-andere-bei-dante.aspx

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