Wenn die Massen die Semantik verkehren

Dass die FAZ diesen Beitrag in zwei Teilen nicht bereit ist zu senden, nach zweimaligem Versuch, ist schon ein kleiner Skandal. Was genau stört sie hier? Ist es die Häresie, die ich vertrete, oder die ich hier benenne? Allein diese Antwort hätte ich gerne. Versuche es ein drittes Mal.

Wenn die Massen die Semantik verkehren – 1. Teil
Diese Darstellung ist so nett wie affirmativ. Es fehlt ihr die kritisch-selbstkritische Distanz auch zum Symbolismus einer jeden Religion. Nach meinem Verständnis war auch einem Hafiz Glaube „reine Form“, wie der Koran das damals einzig mögliche „Thema“ dazu (vgl. mein: „Die Suche nach der reinen Form“ – Hafiz-Tolstoi-Gorki). Mag sein, dass auch der Islam entmythologisiert ist, dies erschließt sich aber nur dem, der ihn kritisch zu lesen vermag. Es gab keine sog. Massenaufklärung, eine, die im Volk Wurzel geschlagen hätte. Der Koran bleibt eine Schrift für Gelehrte, und damit eine Quelle für „Missbrauch“. Somit ist eigentlich nicht der Koran, oder das was ein Hafiz, ein Goethe, oder sonst wer, darunter verstand, das Thema, nicht in diesem Kontext, sondern das was an Ideologie, unter Bezugnahme auf diesen Koran oder auch nicht, in den Massen sich verbreitet, und warum es dies tut. Es geht um die Auseinandersetzung mit einem sich islamisch inspiriert sehen wollenden bäuerlichen „Terrorismus“. Einem, dem es gleich ist, was Dschihad wirklich meint. Es geht nicht wirklich um die ideologisch-theologische Debatte, sondern um die dahinter sich verbergende soziale.

Wenn die Massen die Semantik verkehren – 2. Teil
Als ein Münzer die Bibel damals gegen die Herrschenden auslegte, mochte man ihn darin verstehen oder auch nicht, in der sozialen Frage, in der „Bauernfrage“ war er eindeutig, war er rationalistischer Revolutionär. Schließlich ist es gerade solchen sozialen Bewegungen zu verdanken, dass die Herrschenden sich endlich zu einer Aufklärung bemüßigten. Die bürgerlichen Revolutionen wären ohne die münzersche Häresie nie zustande gekommen, als solche, denn auch als Abwehr gegen den Versuch die Bibel als Anleitung zum revolutionären Handeln zu verstehen. Erst der luthersche Protestantismus schaffte es wieder, den Symbolismus von „heiligen Kriegen“ – auch der Kreuzzug war eine diesbezügliche „Missdeutung“ -, eben in dem Sinne hervor zu kehren, wie es den Herrschenden recht ist: Als „Krieg gegen das Ego“. Nett gesagt, Frau Hübsch. Doch was ist, wenn die Herrschenden, durch das Vorbild ihres eigenen Verhaltens, diesen Symbolismus zur leeren Abstraktion verkommen lassen? Dann verkehren die Massen die Semantik!

faz.net/Debatte um Goethes „Divan“: Auf mancherlei Weise angenehm, 20.01.2011

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