Erworbene Göttlichkeit

Erworbene Göttlichkeit
Der wichtigste Unterschied zwischen Griechen und Römern in dieser Frage liegt meiner Meinung nach darin, dass die Griechen noch keine Vorstellung von einer a b s t r a k t e n Autorität hatten. Die Besonderheit des Subjekts/oder auch die einer Institution, an die Autorität delegiert ist, bzw. von der Autorität abgeleitet wird, war den Griechen unbekannt. Die Barbarei, das mythische Zeitalter, kannte noch kein Subjekt, welches wider seine Bestimmung, also kraft eigener Autorität, handeln könnte. Selbst die List eines Odysseus erscheint uns noch als Spiel der Götter. In der Ilias begegnen uns die wichtigsten Helden durchweg als Abkömmlinge von Göttern. Der „Völkerfürst Agamemnon“ war selbst für einen Achilleus – dieser ebenso zur Hälfte göttlichen Ursprungs – unangreifbar/unerschließbar/unkritisierbar war.

Dessen Entscheidungen musste er sich fügen. Die ihm gestohlene „Gespielin“ Briseis konnte er sich erst zurückholen, als Agamemnon sie seinen Leuten überlassen wollte, also dieser Herr sein Desinteresse an ihr zur Genüge demonstriert hatte, wohl auch um Achilleus zusätzlich zu demütigen. Das hat schon was von dem Kampf eines Wolfsrudels, wo der Alpharüde selber gesättigt ist, oder die Beute missachtet.

Der Fortschritt der römischen Zivilisation liegt ja gerade daran, dass Autorität von nun an von der Abstammung – der überpersönlichen Würde eines Kandidaten – getrennt gesehen werden kann. Was nicht etwa heißt, dass da schon Adel – Abstammung – bedeutungslos geworden wäre. Doch der Pfeil der Zeit nimmt da den ersten Anlauf. Denn wo ein Adel seine Würde verspielen, seine Autorität verlieren konnte, da ist ein Nero nicht weit. Obwohl gerade am Beispiel Nero die Rückkehr der griechischen Antike als Möglichkeit erscheint. Nero sah sich auch als Künstler (und nicht nur als Kaiser) gerne auf der griechischen Bühne. Spürte er doch die Bedingungslosigkeit der Bewunderung dort. Gottgleich als Künstler und erst als beides ein Kaiser. Das Volk liebte Nero, auch das römische, eben wegen dieser scheinbar so urdemokratischen, in Wahrheit der Magie verhaftete, Bühnenkultur. Das Volk hatte lieber einen göttlichen Künstler als einen autoritären Kaiser. Ich glaube, diese Vorliebe hat sich das Volk über die Jahrtausende bewahrt.

Erfuhr es doch, wie sich dann bürokratische – durch die Etikette der Macht verwöhnte – Herrscher nicht mehr zu legitimieren brauchen. Sie herrschen dank der Autorität der Etikette nicht auf Grund einer persönlichen oder göttlichen (überpersönlichen) Autorität. Hingegen „Göttlichkeit“ geradezu nach Legitimation ruft, auch und gerade in der Machtausübung. Das Problem nur hier: Wo die Zeit um ist, ist Göttlichkeit irreversibel verloren, nicht wieder rückrufbar. Das auch erfuhr das römische Volk.

Daher ist es als Fortschritt anzusehen, wenn die „Autorität“ als abstrakter Begriff gewonnen wird, selbst auf die Gefahr hin eben einer solchen Zweischneidigkeit. Denn genau die lässt eine recht bald wieder obsolet werden.

Wäre ein Nero nicht ermordet worden, dann wäre uns vielleicht die Autorität der römischen Antike in die westliche Zivilisation anders übermittelt worden. Nämlich als Begriff von einer Göttlichkeit, die sich der Kandidat erst auf der Bühne des irdischen Geschehens – also nachträglich – zu erwerben hätte. In etwa so, wie jener Sohn Gottes, der erst nach dessen Kreuzigung – an einem irdischen Holz – wahre Göttlichkeit erlangt. Eine Autorität/eine Göttlichkeit, die also erworben werden muss/kann, wo das eigene Leben der Mindesteinsatz ist.

Ein Spartakus wäre da vielleicht das Gegenstück für – aus den Reihen des Volkes, den Sklaven, den Ausgebeuteten. Ist doch gerade dieser der Archetypus für eine rein irdisch zu erwerbende Göttlichkeit, einer Autorität, die sich nur im sozialen Kampf des Volkes gegen Ausbeutung und Unterdrückung legitimiert.

Herr über Leben und Tod
Und das wovon die Politiker sowohl träumen als auch vermutlich alp-träumen, dürfte die patria potestas sein – jene Macht, die sich in unseren Tagen in mafiösen Strukturen festgesetzt hat. Die Geschichte scheint diesbezüglich aber eine Kapriole zu schlagen, wenn wir uns nämlich ansehen, wie die auctoritas im Kapital zur potestas, der patria potestas, eines kriminell gewordenen (Finanz-)Kapitals, verkommt.

Der Mord an Herrhausen und das bisherige tapfere Schweigen seiner Nachfolger – nur Ackermann hatte da kürzlich einen Anfall von merkwürdigem Humor, als er die wahren Mordauftraggeber indirekt eingestand (bei Maybrit Illner) -, machen deutlich, wie weit man da schon voran gekommen ist. „Real abstrahiert“, um mal mit Alfred Sohn-Bethel zu orakeln, könnte man auch zu folgendem Schluss kommen: Der Mord an der Konkurrenz ist die Fortsetzung jener mörderisch gewordenen Konkurrenz, einer Konkurrenz, die so unverstanden wie auch affirmativ aufgenommen nur von „unmittelbar gesellschaftlicher Natur“ sein kann. Da diese nicht einem „klugem Kopf“ entsprungen sein kann, somit Zeus als Schöpfer dafür nicht in Frage kommt (und auch Darwin dürfte nicht begriffen haben, welches gesellschaftliches Überlebensprinzip er da eigentlich abgekupfert hat), sondern „in der raumzeitlichen Sphäre zwischenmenschlichen Verkehrs“ enthalten ist, jener Verkehr aber nur ein abstrakter, da Kapitalverkehr, ist, bedeutet zwischenmenschlich leicht auch den Menschen negierend, diesen aufhebend, u.U. vernichtend. Herr über Leben und Tod, ja soweit sind wir wieder gekommen.

faz.net/blogs/antike/archive/2011/01/20/autoritaet-im-dreieck-eine-kritik

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