Die Allegorie auf die „Dunklen Jahrhunderte“

Die Allegorie auf die „Dunklen Jahrhunderte“
Für mich ist Atlantis auch eine Allegorie auf eine Zeit vor den sog. „Dunklen Jahrhunderten“. Dunkel war die Zeit, in der die Griechen, dank ihrer Unfähigkeit, die vorgefundene Ökonomie auszubeuten – eine vermutlich schon hochstehende bronzezeitliche Agrar- und Keramikkultur – sich zu reinen Kriegerkleinstaaten zurück entwickelten. Darin dem heutigen Afghanistan, dem Sudan oder Somalia nicht unähnlich. Die Verwendung des Fleisches ihrer Rindviehherden, dürfte das einzige gewesen sein, was als Kultur ihnen noch bekannt war.

Eine allgemeine Zeit der Plünderungen und Bürgerkriege. Eine Ära, in der auch die Bevölkerung rapide zurück ging. Eine Epoche zwischen 1200 und 800 vor unserer Zeitrechnung. Stellvertretend für die ganze Literatur, die sich damit beschäftigt, verweise ich auf Bornemanns „Das Patriarchat“ (vgl. unten „Hafiz…“), worin Bornemann nachwies, wie selbst eine Siegerkultur, eine historisch betrachtet, womöglich gar „fortschrittliche“ (eine, die zumindest alle Optionen dahingehend in sich trug), sich in eine Verliererkultur zu wandeln vermag, nämlich dann, wenn sie das Volk verachtet.

Die Intellektuellen der klassischen Zeit erinnerten vermutlich sich daran nicht gerne, sowenig wie wohl unsere heutigen Geistesarbeiter darauf eine Anspielung vertragen. Ist doch die Analogie darin, nämlich zur Barbarisierung des Kapitals, zu böse. Daher vielleicht der Mythos um Atlantis oder auch um Troja. Jene Vorstellungen, die da verschiedenen Klasseninteressen gar entspringen. Doch mehr Nebel als Bewusstsein darüber. Wie schon bereits erwähnt, das Bewusstsein (seiner selbst) dürfte sich ehe erst nach Troja entwickelt haben, auch vielleicht deshalb, weil man das davor all zu gerne verdrängt hätte.

So besehen wäre die Philosophie der klassischen Zeit ein Beleg für nicht nur die Entstehung einer ganz neuen Geistigkeit in jener Zeit, einer solchen, die erst möglich wurde, durch die Verachtung der gemeinen Sorge um das tägliche Überleben, sondern eben auch für die Herausbildung eines Bewusstseins hiervon selbst. Allerdings eines notwendig verkehrten. Die Intelligenz, immer schon Teil oder Wurmfortsatz der Herrschenden, betrachtet sich nur selbst, betreibt Nabelschau und wähnt sich dabei im Besitz des reinen Wissens, des wahren Mensch-Seins: „Spieglein, Spieglein an der Wand,…“
Nur ein Sokrates scheint die Größe gehabt zu haben, ein solches Wissen zu hinterfragen.

Der Beginn des Übergangs von der Barbarei in Richtung Zivilisation schälte sich mehr quälend als verheißend hier heraus. Die vermutlich künstliche Verlängerung der historischen Barbarei durch die Barbarei der Klassenunterdrückung, machte selbst die dann gewonnene „Zivilisation“ zu einer höchst fragwürdigen, einer, die Sprache wie Schriftkultur wohl nun definitiv beherrschte – das römische Recht war trotz seines aristokratischen Gehalts, im Wesen schon ein modern-bürgerliches, wie die Lyrik eben eine patriarchal-demokratische („Hafiz – die Homoerotik – der Nihilismus“), doch gerade dahingehend mehr Versprechen als Wahrheit. Ein Versprechen, in dem die Hoffnung des Volkes auf persönliches Glück nur zuletzt stirbt, bzw. dann in der kapitalistischen Kultur die Verfassungen schönt. War doch der Preis dieser erworbenen Zivilisation die allgemeine Sprachlosigkeit im gemeinen Volk – ob dessen viehischen Unterdrückung wie längst auch schon selbst-verinnerlichten Bedeutungslosigkeit.

Mag sein, dass Platon, quasi als Kulturkritiker seiner Zeit, auch seiner Zeit dahingehend voraus war, als er historisch quasi, aktuelle Beobachtungen hier hat einfließen lassen. Die Pervertierung von Politik, damals schon erkennbar, kaum dass sie geboren war, aufs Korn nehmend. Sein „Idealer Staat“ ist aber diesbezüglich mehr Apologie der herrschenden Zustände, eben der Privilegien seiner Klasse, als Vision bzgl. der Überwindung eben solcher. Die Autokannibalisierung von Kultur, ein erkennbares Ärgernis schon, kaum dass Kultur selber gewonnen war. So entstand der Eindruck – der bis heute fortwirkt -, dass Kultur und Klassengesellschaft identisch sind – für die einen zum Zwecke der Verteidigung der Klassengesellschaft, für die anderen zum Zwecke der Negierung von Kultur.

Das soll uns nicht wundern, denn dank auch der scheinbaren Verewigung von Kulturlosigkeit in den unteren Klassen – nicht nur ein Sarrazin kann sich da zum Bestseller auswachsen, meinte doch gar auch ein Brecht, dass erst das Fressen käme, dann die Kultur, dürften sich irreale Sehnsüchte noch mal verstärken. Auf der einen Seite nach der Geschichtlichkeit eines Troja – auf Seiten jener Herrschenden, die auf der Suche nach dem verlorenen Sinn für Herrschaft sind, gerade ein Odysseus will sie darin wohl ewig bestärken, auf der anderen Seite nach der Wiedergeburt eines Atlantis, auf Seiten eines Volkes, dem das Elend der eigenen Bedeutungslosigkeit so langsam zum vollen Bewusstsein wird.

Ein seltsames Bewusstsein, das wir da erlangt haben. Ein ewig falsches, ein falsch dramatisches, aber – episch betrachtet – leider auch zutreffendes. Es wird Zeit, dass wir uns von der einen wie der anderen Hoffnung trennen. Die Geschichte nicht immer nur neu schreiben, sondern endlich auch neu machen. Und ein solches Bewusstsein endlich abstreifen, wie eine Schlange ihre alte und somit zu eng gewordene Haut.

faz.net/blogs/antike/archive/2011/01/12/das-richtige-format-ein-neues-buch-zu-atlantis

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3 Trackbacks

  • Von List, nicht Frechheit! am 20. Januar 2011 um 14:49 Uhr veröffentlicht

    […] aller Heldentaten. List, nicht Frechheit verhilft zum Sieg – wenn überhaupt. Das wissen wir seit Odysseus – und seit Reich-Ranicki. Auch dieser war vor allem […]

  • Von Spiegelverkehrtes Denken am 24. Januar 2011 um 16:53 Uhr veröffentlicht

    […] seinesgleichen in der Geschichte zu suchen hätte. Eine Vorstellung in etwa gäben uns davon die „dunklen Jahrhunderte“ vor der klassischen Zeit im antiken […]

  • Von Patriarchalische Einfalt am 11. Februar 2011 um 19:42 Uhr veröffentlicht

    […] nun auf eine Historische Epoche vor dem Patriarchat, matristische Zeit genannt, wie bei Bornemann , oder etwa nicht? Beginnen wir nun endlich die Geschichte neu zu begreifen und insbesondere da die […]

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