Die gnadenlosesten Amazonen

Die gnadenlosesten Amazonen
Auch hierzu möchte ich den von mir bereits erwähnten Slavoj Zizek zitieren, und zwar im selben Kontext aus demselben Interview:

„Ich behaupte vielmehr, und das hat mir Ärger mit einigen Feministinnen eingehandelt, daß die dominante Struktur aktueller Subjektivität im Spätkapitalismus, um einmal altmodische marxistische Begriffe zu benutzen, bereits pervers ist. Insofern als die typische Form psychischer Ökonomie, die heute als immer vorherrschender erscheint, die sogenannte narzißtische Persönlichkeit, bereits eine perverse Struktur ist. Die väterliche Autorität ist heute also nicht mehr der Feind. Die Idee der Explosion multipler Perversionen beschreibt also nur etwas, was perfekt in die heutige spät-kapitalistische Ordnung passt.“

Wobei das Thema „Gleichberechtigung“ nicht obsolet ist, aber die Form der Behandlung. Der feministische Diskurs hat sich ebenso ins politische Abseits manövriert, wie der marxistische, nun ja: bis dato (ich für meinen Teil will das so nicht akzeptieren!). Alice Schwarzer ist heute das weibliche Gegenüber eines ehemals männlichen Alphatiers. Zu ihren (Geschlechts-)Genossinnen, zählen eben gar nicht mehr die in Lila gehüllten markanten Straßenkämpferinnen der 68er ff. Wird doch ein Impuls für deren Aktivität sicherlich gewesen sein, dass sie in ihr eine Inkarnation der legendären Sappho gesehen haben, wobei ihre für den männlichen Geschmack wenig charmante Erscheinung dem kein Abbruch getan hat. Schön musste sie nicht sein, sondern scharf – in der Sprache. Heute, wo sie selbst Teil des politisch-wirtschaftlichen Establishments ist, zählt sie doch zu ihrer Seilschaft eine Frau Merkel, eine Frau Christianssen, u.a. Größen aus der Wirtschaft.

Wie reaktionär ihre feministische Kleinbürgerrevolte nunmehr ist, sehe ich an ihrer heutigen politischen Affinität zu einem Sarrazin – und sei das auch noch so heftig und klug von ihr bestritten („Eine linke Kritik vergisst die Klassenfront nicht“). Trotz aller Scharfzüngigkeit, die ihr nicht verloren gegangen ist, im Alter muss man die eigenen Stärken noch mehr zu nutzen wissen, sind ihre Argumente inzwischen abgegriffen, durch patriarchalische Schützenhilfe quasi entwertet. Wenig originell dieser Rückgriff auf das Denken eines Absolutismus („Mit vergangenem Glanz prahlend“), dessen Radikalismus nur noch bei Konservativen Verzücken hervorruft.

Wo bleibt die Vision, die weit über den Begriff von Gleichberechtigung und Gendergerechtigkeit greift? Wo bleibt die soziale Utopie, die die wirtschaftlich, ergo: sozial konnotierte Ausbeutung und Unterdrückung anprangert? Wo werden die Migrantinnen als die unterste Schicht der ausgebeuteten Klasse erkannt und in ihrem Kampf um Freiheit, sprich auch: ökonomische Befreiung, gesehen? Wo bleibt die diesbezügliche (nicht nur aber doch weibliche) Solidarität?

Ich denke, dass der Feminismus die Falle des Kapitals selber ist, nämlich in Bezug auf die Antwort auf eine Besonderheit seiner Entwicklung, einer, die dem althergebrachten Patriarchat in Teilen zu widersprechen droht.
Ohne diesen Feminismus wäre es nur sehr schwer möglich, die potentielle Energie des Geschlechterkonflikts wirtschaftlich auszubeuten. Es genügt dem Kapital eben nicht, nur den Mann auszubeuten, bzw. die Frau nur indirekt als unbezahlte Reproduktionshilfe. Die Frau muss dem Mann „gleich gestellt“ sein, insofern sie durch ihre besonderen Fähigkeiten in subalternen Produktionszweigen den Mann nämlich dort verdrängt. Damit zerstört sie nicht nur die wirtschaftliche Existenz ganzer Familien, sondern schafft sich damit auch neue Absatzmärkte. Denn nur Frauen scheinen zu wissen, was Frauen mögen.

„Objektiv“ und auf lange Sicht betrachtet, mag das nicht so schlecht sein, wie es aussieht, denn es ist nicht nur eine wichtige Triebkraft für die Produktivität im Kapitalismus, was stören uns schon die Massen an Arbeitslosen heute?, sondern eben auch eine gigantische Maschinerie zwecks Emanzipation der Geschlechterbeziehung, und damit eine auf lange Sicht hinreichende Subversion wiederum gegen die kapitalistische Ausbeutung. Eine Krise, die im Kapitalismus so unvermeidlich wie subversiv ist, dennoch kommt es darauf an, wie man sich zu ihr verhält, welche Sprache man spricht, ob man sie nämlich als Reserve der Bourgeoisie in Kauf zu nehmen denkt, oder als eine für den Klassenkampf des Proletariats.

Die befreiende, die subversive, Option kommt ohne revolutionäres Klassenbewusstsein nämlich nicht an. Die Bewegung der Emanzipation verläuft dann nämlich in den bekannten kapitalistischen Aporien, immer im Kreis sozusagen: Die Subjekte werden „aufgespalten“ (hier zitiere ich gerne Roswitha Scholz: „Das Subjekt ist der Mann“, obwohl ich ihren pseudomarxistischen differenzfetischistischen Postfeminismus nicht teile) und gegeneinander ausgespielt!

Nur ärgerlich, dass sich die herrschende, eben immer noch männliche, Klasse nicht sonderlich damit beeilt, sich die Frauen „ins Bett zu holen, um sie zu fördern“ (wie hier so naiv gefordert). Denn sie bevorzugt es, sich die schönsten hieraus ins Bett zu holen, um sie für gewisse Dienstleistungen fitter zu machen.

Immer noch ist das auch der Königsweg für weibliche Karrieren.
Für eine Frau Schwarzer mag das Ärgernis wie Bestätigung zugleich sein, denn in der Tat: solche sexuelle Beziehungen sind letztlich Gewaltbeziehungen, beruhen sie doch auf der ökonomischen Macht der Männer, solcher Männer. Und natürlich sind genau diese Ausdruck der Klassengesellschaft, der patriarchal-kapitalistischen.
Aber sie möge doch bitte verstehen, dass weder die männlichen noch die weiblichen Subalternen in dieser Gesellschaft nicht all zu viel Mitgefühl für solche „Genossinnen“ haben.

Eine gewisse Erfahrung zeigt übrigens, und dies besonders dort, wo der weibliche Marsch durch die Führungseliten sehr erfolgreich verläuft, im Öffentlichen Dienst nämlich (ich weiß wovon ich rede!), dass solche Frauen, neben der Tatsache, dass sie nicht selten die schlechtesten Führungskräfte sind, die übelsten Unterdrücker und Ausbeuter, die gnadenlosesten „Amazonen“ gewissermaßen, abgeben.

Wer die Emanzipation der Frau am Klassenkampf des Proletariats vorbei organisieren möchte, sabotiert beides: die Befreiung der Frau wie die der Klasse. Innerhalb einer Ausbeutergesellschaft gibt es für Frauen, die nämlich per weiblichen Körper per se immer auch Ausbeutungsobjekt sind, keine Befreiung, ja keine Gleichberechtigung, denn letztere ist nur als Befreiung möglich. Denn auch der Weg zur sexuellen Befreiung folgt den Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes, muss die Aporien des Kapitals durchbrechen.

Letztendlich mögliche Horrorvision
@Muscat: Wie schon gesagt: die Rede ist vom Öffentlichen Dienst! Und auch in der Privatwirtschaft kommt es nicht selten vor, dass die Sekretärin via Bettgenossin des Chefs zur Chefassistentin aufsteigt, oder etwa nicht? Aber ob sie Chef wird, hängt wesentlich davon ab, welche Stellung sie selber innerhalb der herrschenden Klasse einnimmt. Aufsteigen von außen/von unten ist noch unwahrscheinlicher als bei ihren männlichen Kollegen. Männer schaffen es manchmal über einen führenden Wissenschaftlerposten bis in die oberste Etage zu klettern. Und Pisastudie hin oder her, wo die Jungens immer schlechter bei wegkommen, das wird ganz oben nichts ändern. Denn Wissenschaft hat weniger mit Wissen als mit -schaft zu tun – Seil-schaft. Daher auch das Bestreben einer Frau Schwarzer weibliche Seilschaften innerhalb der Herrschenden zu installieren. Solchen Konkurrenzklüngel haben die sozialen Intentionen einer Befreiungsbewegung der Frau schon lange nichts mehr abzugewinnen.

Das was einer Frau Schwarzer vorschwebt, ist ein matriarchaler Kapitalismus, eine Gynokratie im Gegensatz zur Androkratie. Sie spekuliert dabei auf die Tendenz des Patriarchats zu einer Gerontokratie. Ein wohlfeiles also denkbares Modell, eine Option aber nur für ein völlig kopflos, ergo: wirklich vergreistes Kapital. Kapital und Patriarchat sind aber janusköpfig, also ohne beide zu zerstören nicht trennbar.

Da es Hinweise für gibt, dass sich die Geschlechtsdifferenzierung von uns Menschen abflacht (Bornemann geht da in seinem „Patriarchat“ darauf ein), bzw. das männliche Y-Chromosom, dank zunehmender Unfruchtbarkeit, untergeht (Byron Sykes), könnte ich mir auch eine androgyne Herrschaft, eine hermaphroditische, vorstellen. Und genau dort könnte auch die biotechnische Revolution ansetzen.

Das allerdings dürfte mit einer gesellschaftlichen Veränderung zusammen fallen, die selbst im Kommunismus der Marxisten noch keine Beschreibung findet, außer in dem noch sehr unbestimmten Paradiktum: Kommunismus oder Barbarei. Ist es denkbar, dass es eine kapitalistische Weiterentwicklung gibt, eine ohne das Subjekt? Und wäre das das Ende der Geschichte? Sämtliche dementsprechenden Kategorien – Mehrwert, Profit, ja Lohnarbeit und damit „Kapital“ selber, müssten neu formuliert werden. Denn klassenlos müsste eine solche Gesellschaft per se nicht sein, bzw. wird sie auch ganz sicher nicht. Solange nämlich für einen Markt produziert wird, sind Klassendifferenzierungen, oder dann gar „rassische“ Auseinanderentwicklungen/Artteilungen, „unvermeidbar“.

Die herrschende Aristokratie fände sich dann in einer gottähnlichen Position wieder (im Kollektiv als das „Superhirn“, welches dann endlich auch Superhirnen wie Hawking die Last abnähme; noch hadert die Bourgeoisie mit einem solchen Schicksal, wie man an der hysterischen Polemik gegen Hawking sehen kann). Die Unterdrückten wären all die, die einem solchen Superhirn zu dienen hätten – auf welche Weise und womit auch immer (als Genpool für das genetisch arme „Superhirn“, als Informations-/Energiequelle (Matrix), oder als Maschinenmensch (Borg), welche das Superhirn mit der äußeren Welt verbindet.
Es ist eine Horrorvision, die dann möglich sein wird, wenn die Revolution eines Noch-Subjekts letztendlich verschlafen wird.

Wer sich in Gefahr begibt…
@donnalaura: Ironie mag ja charmant sein, aber sie macht alleine noch kein Argument. Im Übrigen haben Sie die von Ihnen gewählten und solchermaßen auf Aphorismen verkürzten Argumente entweder nicht verstanden, was davon kommen mag, dass man/frau sich die Vorlagen für die eigene Polemik billig zusammen glaubt, oder bewusst verdreht. So geht die „Revolution“ nicht „von den Hermaphroditen aus“, wo steht solches von mir? Wenn Sie sich nicht ernsthaft damit beschäftigen wollen, dann sagen Sie doch einfach mal, wie die Welt der Damen dann nach Ihrer Sicht aussieht? Aber Vorsicht: wer sich in Gefahr begibt, den könnten die eigenen Aphorismen unter sich beerdigen.

@Donna Laura: Welche „Eier“?

faz.net/blogs/deus/archive/2010/11/14/er-sie-es-beisst-nicht-der-neue-feminismus-im-netz

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5 Trackbacks

  • Von „Es gibt keinen politisch-korrekten Sex“ am 17. November 2010 um 19:41 Uhr veröffentlicht

    […] sondern von Gerechtigkeit, kann es einem schnell ergehen, wie mir zum Beispiel (vgl.: „Die gnadenlosesten Amazonen“, meine letzte Frage an die genannte Dame, nämlich von welchen „Eiern“ hier eigentlich die Rede […]

  • Von „Famulus heißt Haussklave“ am 18. November 2010 um 22:30 Uhr veröffentlicht

    […] die Gesamtheit der einem Mann gehörenden Sklaven“ (Die Familie). Dieser Familie wurde dann die unterjochte Frau hinzu gefügt, und fertig war sie, die familia patriachalis. Also: die ernsthafte […]

  • Von Herren und Sklaven am 22. November 2010 um 19:47 Uhr veröffentlicht

    […] Absurdum der patriarchalischen, ergo: frauenunterdrückenden Männerwelt stehen mag, so steht eine Schwarzer ganz sicherlich für die Logik einer solchen. Definitiv ist die „Penetration“ im Patriarchat […]

  • Von Cui Bono? am 10. Dezember 2010 um 11:03 Uhr veröffentlicht

    […] nur die Frage, wer den Joker wirklich zieht – die Alice, meine ich. Meines Wissens gehört die Merkel zur Seilschaft der Schwarzer, nicht die […]

  • Von Das Patriarchat und die sekundären sexuellen Merkmale der Frau am 6. Januar 2011 um 18:36 Uhr veröffentlicht

    […] Revolution zum Motor einer solchen Entwicklung vielleicht mal werden könnte, zumal sich die Befreiung der Frau wie auch die von Klassen als langwieriger herausstellen sollte als gedacht, würde einen Bornemann nicht verwundert […]

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