Was werde ich morgen noch sein?

„Die USA wird von 200 Familien regiert“
@HansMeier555: In den USA gibt es eine ziemlich straffe Regierung durch – und so habe ich das in deren Lobby gelesen: – etwa 200 Familien („Die USA wird von 200 Familien regiert“). Diese Familien sind sozusagen der gemeinsam gehütete Stammsitz des US-Kapitals. Ein Clinton gehört da genauso dazu wie ein Bush oder ein Kennedy, oder jetzt wohl auch ein Obama. Eine solche Identität von Machtinteressen hatten wir vielleicht zuletzt unter Schröder, und dessen „Hannoveranermafia“ (vgl.: „Mittelalterliche Jahrmarktsposse“), aber in Deutschland läuft das so nicht.

Ein wichtiger Grund dafür liegt vielleicht in der Spaltung der Herrschenden in Katholiken und Protestanten („Erneuerung Europas oder postwestfälische Glaubenskriege“), was ja letztlich auch auf eine Klassenspaltung hinausläuft. Liberale und Konservative, stehend für Bürgerliche und Aristokraten unter diesen – immer im unversöhnlichen Clinch. Dass das leider nicht unbedingt zum Vorteil der Unterdrückten ist, dieser Mangel an Bürgerlichkeit innerhalb der Herrschenden, sehen wir auch in Deutschland, denn auch diese werden in deren Händel reingezogen, anstatt sich um ihre Klasseninteressen zu kümmern.

Eine der Gründe vielleicht dafür, warum in den USA wohl eine homogene konservative Schicht herrscht, doch zugleich auch ein ständig rebellischer Geist in den subalternen Klassen, der latente Aufstand, eben nicht nur in den Slums. Der gewöhnliche US-Amerikaner mag so dumm sein und einen Bush wählen, oder wegen mir auch einen Obama für einen Roosevelt halten, doch ist er nicht so dumm, sich seine Bürgerrechte abluchsen zu lassen. Und sei das auch noch so teuer erkauft. Das geht so weit, dass ihm sogar die staatliche Sozialversicherungsangebote (die vielleicht die Lage der arbeitenden Klassen verbessern könnten) verdächtig erscheinen (das eigentliche Problem für Obamas Reformidee), und recht hat er: Denn waren die Bismarckschen Sozialgesetze nicht den Sozialistengesetzen gefolgt?

Was werde ich morgen noch sein?
Anschließend auch an das was Elbsegler vermutlich meinte, möchte ich auf den von mir schon oft bemühte Zizek verweisen. Slavoij Zizek beschäftigt sich ja nicht nur mit Philosophie, sondern auch mit Kunst und Dramaturgie, etc. p.p. Aus der Ecke kommend ist wohl ein Statement von ihm zu verstehen, wo er meint (ich zitiere jetzt ein wenig aus dem Gedächtnis, hatte darauf schon mal referiert), dass es heute nicht mehr subversiv sei pervers sein zu wollen. Denn das Kapital schafft es mit links, jede nur denkbare Perversion sofort zu vermarkten (vgl.: „Das Wunderkind von heute“). Oder anders ausgedrückt, mit meinen Worten: der dümmste Marktidiot mag sich vorkommen wie ein Revolutionär, wenn er neben seiner Ehefrau, seiner Tochter, vielleicht gar auch noch seinen Gärtner, dann aber auch noch seinen Hund v….t.

Das könnte bedeuten, und darauf zielte Zizek, dass sich nicht wenige Revolutionäre heute gezwungen sehen können, eben gegen diese Art von Modernität mit quasi konservativen Argumenten, mit einer nicht nur antiquierten Ethik also, sondern auch mit „Sozialromantik“ anzugehen. Und so deutet er auch an, dass Marx anfänglich gar ein ebensolcher (ganz sicherlich aufgeklärter) Konservativer gewesen sei (wie Kant vielleicht, was er so natürlich nicht sagte, denn Kant bildet eine seiner philosophischen Matrizen, vgl. auch: „Schon mehr Theorie als Mythos“), wie jeder anderer, der da im Angesicht der Beschleunigung des proletarischen Elends im Kapitalismus seiner Tage die Heilsarmee gar noch für das revolutionäre Subjekt gehalten haben wird.

Der Konservative von heute kann der Revolutionär von morgen sein (leider gilt dies oft mehr in umgekehrter Richtung!).

Bedeutet das nun, dass man nicht mehr unterscheiden könne, zwischen beiden? Wohl nicht. Denn der Revolutionär entwickelt eine entsprechende Perspektive (vgl.: „Den neoliberalen Tagträumern, bzw. den konservativen Kassandrarufen zum Trotz“) für die nächste und fernere Zukunft, der Konservative klebt an seiner romantisch verklärten Sicht der Dinge, aus alten Tagen (siehe auch: „Der Stilbruch und das nette Geplauder“).

„Wertkonservative“ sind echte Konservative, alle anderen sind eigentlich nur Liberale, also jene, die sich pragmatisch verhalten, angesichts der Möglichkeiten im Kapitalismus, also angesichts auch dessen Janusköpfigkeit im Kontext seines eigenen „Fortschritts“.

Die Berührung zwischen Konservativen und Revolutionären liegt aber auch da, wo nur beide so etwas haben wie ein Wertesystem überhaupt. Das auch mag den Revolutionär in einer sich beschleunigenden Welt gar als Konservativer wirken lassen. Und er wird es auch sein, ein Konservativer, wenn er mit den Beschleunigungen nicht mithält, seine eigene Werte, Grundsätze und Theorien ebenso beschleunigt überprüft, incl. seiner gestern noch formulierten Sicht auf die Zukunft.

Somit gibt es auch für die Revolutionäre von heute keinerlei gültigen Echtheitszertifikaten mehr, etwa im Stile von „Marxist sein“, „Leninist sein“, „Trotzkist sein“, „Anarchist sein“. Heute gilt mehr denn je: was werde ich morgen noch sein? Heute Revolutionär sein, erfordert ein höheres Maß an Prinzipienfestigkeit als ein Konservativer je bereit sein wird zu haben und zugleich eine solche Flexibilität, dass selbst der pragmatischste Liberale davon überrascht sein muss (siehe auch: „Für ein Europa der Völker“).

Jeder Schritt des Kapitals über sich hinaus, ist einer zugunsten des Sozialismus
@Dunnhaupt: Zirkelschlüsse mögen ja modern sein, dennoch bleiben sie nicht nur semantischer Unsinn.
Im Kapitalismus beutet das Kapital die Lohnarbeit (Dritter) aus, die Formulierung von der „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“ ist rein abstrakt, denn fußt sie auch auf rein philosophischen Betrachtungsebenen. Und im Sozialismus, wo es ja noch Lohnarbeit gibt, wird das Arbeitsergebnis (welches nur rechnerisch noch „Mehrwert“ darstellt, denn auch der Markt ist kein „freier“ mehr), entsprechend dem immer noch bürgerlichen „Leistungsprinzip“ aufgeteilt, nach Abzug der Reproduktionskosten von Staat und Wirtschaft.
Teil dieser Reproduktionskosten ist der Unterhalt für die „Staatsdiener“, also für den Teil der Gesellschaft, der auch heute schon durch Steuermittel unterhalten wird.

Und während der Kampf um das Budget eben dieses Staatsapparats (und auch die Aufteilung desselbigen zwischen den subalternen Staatsdienern und dem Kader des bürgerlichen Staates) Teil des Klassenkampfes zwischen Lohnarbeit und Kapital ist, ist es das im übertragenen Sinne auch noch im Sozialismus. Und zwar vor allem deshalb, weil es immer noch das Leistungsprinzip gibt und damit eine auf Leistung begründete Ungleichheit unter den Bürgern. Und weil es dieses gibt, gibt es einen Klassenkampf zwecks Einschränkung dieses Leistungsprinzips, oder allgemeiner: des bürgerlichen Rechts.

Maß und Erfolg einer solchen Einschränkung ist nicht nur abhängig vom Stand der Produktivkräfte, sondern auch vom politischen Bewusstsein der Gesellschaft, welche im Übrigen die Produktivkräfte nicht einfach fort zu entwickeln hat, sondern eben sozialistisch umzugestalten (irgendwann auch: „Schwerter zu Pflugscharen“). Die, die sich in den Ritzen der alten Klassengesellschaft bequem gemacht haben, sowie auch Teile des neuen sozialistischen Kader, wie Teile der privilegierten Intelligenz, suchen einen Weg diese Einschränkung des bürgerlichen Rechts unter Verweis auf die „Rückständigkeit der Produktivkräfte“ zu verhindern. Sie sind nicht nur objektiv die „Agenten des Kapitals“ im Sozialismus, denn sind sie doch auch rein subjektiv an der Aufrechterhaltung eben dieser Rückständigkeit interessiert: denn darin begründen sich ihre Privilegien.

Aber der Teil der Gesellschaft, der produktive Teil, der, der für den Fortschritt der Produktivkräfte zuständig sein wird, ist im hohen Maße daran interessiert, dass das Bewusstsein der Gesellschaft immer auf das höchste Niveau zugetrieben wird, auf das Niveau eben auch der fortschrittlichsten Produktivkräften selber. (Darin begründete übrigens Marx die Rolle der führenden Kraft des modernen Industrieproletariats, was womöglich gegenwärtig neu zu formulieren wäre!)

Zwischen diesen Kräften, die dem Kampf zwischen Kapital und Lohnarbeit entsprechen, gibt es auch im Sozialismus eben auch echten Klassenkampf, der sich innerhalb der sozialistischen Bewegung auch als ein Kampf zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Linie darstellt.

Und solange dieser Kampf nicht abgeschlossen, der Kommunismus also noch Wirklichkeit ist, existiert weiterhin die Gefahr der „Ausbeutung des Menschen durch den Menschen“. Diese existiert solange, wie es Klassen und Klassenkampf gibt. Solange nämlich, wie die Umgestaltung der Gesellschaft noch nicht – und dies womöglich auch im wirklich umfänglichen, nämlich planetarischen Sinne – ein Niveau in den Produktivkräften, und das heißt auch: auf völlig neuer technischer wie sozialer Grundlage, erreicht hätte, wo das bürgerliche Recht, das Leistungsprinzip, dann obsolet geworden wäre, und zwar definitiv.

Um es mal ganz plastisch auszudrücken: Solange auch eine sozialistische Gesellschaft, den Großteil ihrer modernsten Produktivkräfte dem Bau von Atombomben opfern muss, rein aus dem Grund, um sich zu verteidigen, sind wir noch weit weg von solch einer Gesellschaft.
Und genau genommen ist daran auch die erste sozialistische Welle gescheitert. Nämlich an der Notwendigkeit die kapitalistische Form der Entwicklung der Produktivkräfte zu kopieren, mit dieser mit zu halten!

Aber ich möchte mal folgende Prophezeiung wagen: Während der Kapitalismus an den gerade sehr aktuell gewordenen Herausforderungen, nämlich eine neue technische, sprich: den Planeten nicht zerstörende, Grundlage zu schaffen, scheitern könnte, ist das für den Sozialismus zugleich die ultimative Chance (wie eben auch eines solchen absoluten Notwendigkeit). Während das Kapital nämlich an der Erhaltung gewisser auch rückschrittlicher Formen der Produktivkräfte substantiell interessiert ist, denn nur dort wird noch ein einkömmliches Maß an Mehrwert produziert und damit die Möglichkeit der Erhaltung der Ausbeutung der Lohnarbeit, lebt der Sozialismus geradezu davon, dass das Kapital sich hierbei übernimmt. Jede Krise zeigt dem Kapital (den herrschenden Kapitalisten) wie sinnlos ein jegliches reaktionäres Sinnen doch ist. Der Widerspruch zwischen der Notwendigkeit von Ausbeutung (und Erhaltung!, auch schon ein Widerspruch in sich) der Natur steht nämlich der Notwendigkeit der Erhaltung der Ausbeutung des Menschen antagonistisch entgegen. Entweder wird die Natur zerstört oder der Mensch (wenn nicht gar beide). Dieser Widerspruch könnte sich als der aktuellste Grundwiderspruch im globalen Kapitalismus noch beweisen.

Solange der Menschheit ein wesentlicher Teil eben jener fortschrittlichen Produktivkräfte, die eben nicht infolge der Verwüstungen des Kapitals, durch wirtschaftliche und politische Krisen, Kriege und Revolution und Umweltkatastrophen auf lange Zeit verloren gegangen wären, verbleiben, kann der Sozialismus aus einem solch sterbenden Kapitalismus seine Vorteile ziehen. Der Sozialismus ist daher an der Erhaltung einer lebbaren und zu bewirtschaftenden Natur ebenso interessiert, wie an der Erhaltung der physischen wie geistigen Kräfte der Lohnarbeiter. In Bezug auf die Erhaltung der Klasse als solche ist der Sozialismus nur bedingt interessiert. Denn die Abschaffung der Klassen ist ja sein eigentliches Anliegen. So liegt ihm nur an der Erhaltung, bzw. Schaffung einer revolutionären Lohnarbeiterklasse, ganz im Gegensatz zu den Interessen des Kapitals, nämlich nur eine ausbeutbare zu konservieren. Auch hierum wird aktuell ein harter Klassenkampf geführt.

Jeder Schritt, der ein Kapital über sich (für sich gesehen: sinnloser Weise) hinaus zu wachsen „verführt“ (könnte man beinahe sagen), ist einer in Richtung des Sozialismus, dennoch aber auch in Richtung der möglichen Barbarei.

Nur zum Beispiel: Die normale Entwicklung in der menschlichen Population, wie sie zum Beispiel durch die Pest in Europa, welche ja bekanntlich die Hälfte aller Menschen in Europa hinweg gerafft hatte, für gut 200 Jahren unterbrochen war (man muss sich nur vorstellen, wie viele Menschen erst gar nicht geboren wurden, infolge einer solchen Massenvernichtung!), dürfte bei einer Wiederholung eines solchen Dramas, nicht vielleicht durch die Pest, aber eben durch andere endogene wie exogene Faktoren, vielleicht dann die Hälfte der Weltbevölkerung hinweg raffen. Wenn wir dann vielleicht wieder hunderte von Jahren benötigen, um das aufzuholen, könnte uns das den gesamten Fortschritt der letzten 500 Jahren kosten, wenn nicht mehr.

Auf den Trümmern der kapitalistischen Moderne
@Mindcleaner Ldt. CIO: Wer redet denn hier von „menschlichem Fortschritt“? Die Rede ist seit Marx von ökonomischem Fortschritt. Aber selbst Marx wäre damit überfordert gewesen, darin auch eine Kritik des kapitalistischen Fortschritts, wie er sich im 21. Jhdt. darstellt, eingeschlossen zu sehen. Nur auf den Trümmern der kapitalistischen Moderne kann ein Sozialismus heute noch entstehen. Das lehrte uns spätestens der Niedergang des sog. realen Sozialismus. Die Weiterentwicklung eines kapitalistischen Fortschritts führt entweder nach dort, oder gleich in die Barbarei. Und genau diese wird wohl auch ein so kluger Kopf wie Schopenhauer gemeint haben.

Die marxistische Dialektik, der historische und dialektische Materialismus entwirft aber ein völlig neues Bild vom Fortschritt.

Lenin formulierte das mal in einer anderen Situation als „1 Schritt vor und 2 Schritte zurück“. Adorno verstieg sich gar zur negativen Dialektik, insofern er wohl auch eines Schopenhauers aber noch mehr eines Spenglers Kulturpessimismus (was in Folge aber des deutschen Faschismus schon eine gewisse Berechtigung hatte) marxistisch umzuformulieren suchte.

In der Tat: Mit Marx ist ein solcher Kulturpessimismus nicht zu machen. Doch eine Fortschrittsontologie auch nicht.

Es ist durchaus möglich, dass sich der Fortschritt erst über die Barbarei vollzieht, wenn dann noch überhaupt.

Aber selbst die pessimistischste Annahme darf nicht zur nihilistisch anmutenden Selbstzerstörung führen, wie sie sehr wohl schon bei Schopenhauer, aber mehr noch bei Nietzsche angelegt ist.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2010/09/13/rechts-von-der-union-in-den-schlangengruben

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