Gewordene Tatsache

Gewordene Tatsache
Zufall und Notwendigkeit, beides ist nicht zu trennen. Da aber auch der Zufall notwendig ist, stellt sich uns das alles als wahrscheinlich dar. Marx nannte diese Beziehung, anlehnend an Hegel, dialektisch, allerdings ging Hegel noch von einer geschlossenen Beziehung aus, einer solchen, die am Ende aufgeht, die Notwendigkeit siegen lässt, den Zufall beinahe eliminiert. Žižek nennt sie daher lieber eine „Parallaxe“, stark noch von der Spekulation um Kants „Ding an sich“ geprägt, denn er findet dazwischen eine Lücke, ein „Nichtsein“?, oder einfach nur den blinden Fleck, das was wir vielleicht als „Freiheit“ in der Notwendigkeit erkennen würden, den Bereich also, der immer unzählige Möglichkeiten offen lässt. Es ist das „Ganze“, das „niemals abgeschlossen“ sein wird, das zählt (vgl.: „Das Ganze, das niemals Abgeschlossene zählt“). Ein Ganzes, das nicht abgeschlossen ist? Ein Widerspruch, aber ein fruchtbarer, denn Grund für jedes Werden im Sein, wie jedes Werden im Denken. Ewa so schwer zu verstehen wie ein endliches Universum, das sich in Richtung unendlich ausdehnt.

Die Frage, die sich hier stellt: Ist das alles objektiv oder einfach nur eine Konstruktion in unserem Denken?
Beides wohl. Ein „Objektives“ gäbe es nicht, wäre es nicht erkennbar (das Kantsche Ding an sich bleibt daher ein Paradox, eines, das nicht erklärt, was ein unerkennbares Ding sei), doch kann es nur in Form einer Konstruktion, das Objektive gewissermaßen nachbauend, erkannt werden. Und da liegt sie schon, die Lücke, die Freiheit, die Möglichkeit, nennen wir es Zufall.

Denn das Objekt kann niemals völlig identisch sein mit der Konstruktion. Und daher (auch) ist die Konstruktion nicht abgeschlossen, unendlich erweiterbar, verbesserbar. Doch auch das Objekt entwickelt sich, entsprechend einer „inneren“ Logik, die allein auf Grund dessen, mit der des Konstrukts (mit der von außen zugeführten Logik) nicht völlig übereinstimmen kann. Selbst der Begriff des Algorithmus kann diese eben nur mathematisch, aber nicht systemisch, nicht systematisch, nicht intrinsisch, erfassen. Was bleibt ist die Lücke, sie ist objektiv wie subjektiv vorhanden. Und nicht nur in Folge einer Gegenständlichkeit des Dings für den Betrachter.

Freiheit ist daher machbar, aber weder als Notwendigkeit noch als Zufall, denn eher als Chance, welche weder die Notwendigkeit noch den Zufall zu ignorieren sucht.
Die Zins- und Zinseszinsspekulationen, die im Übrigen mit Auslöser der letzten Krise waren, sind eben nicht Ausdruck einer solchen Chancenwahrnehmung, sondern wohl eher der Versuch einer Manipulation (der Märkte nämlich) gewesen.

Wenn spekuliert wird, dass der durch Spekulation künstlich hoch gehaltene Wert einer Immobilie dauerhaft schneller steigt als durch Hypothekenzinsen dagegen gehalten wird, dann ist das nichts anderes als ein Zirkelschluss oder anders ausgedrückt: die Idee (die Illusion) von einem perpetuum mobile in Bezug auf Geldmachen. Diese Illusion konnte nur dort entstehen, wo das Geldmachen nicht verstanden wird, nämlich als Mehrwertabschöpfung, also als Abschöpfung von etwas, was i s t , und nicht was vielleicht sein wird.

Letztlich läuft diese Spekulation darauf hinaus, dass das was vielleicht mal sein wird, sich schneller darstellt, als das was ist.
Das aber ist eine direkte Folge eines durch Computersimulationen verwirrten Verstandes.
Die Bilder/das Konstrukt mögen ja schneller sein, doch die objektive Wirklichkeit ist trotz allen Werdens immer nur Sein, Gegenwart, wenn auch gestreckte, Endlichkeit, wenn auch in Richtung unendlich mögliche.
Die Wirklichkeit kommt zuerst, dann das Abbild. Das Sein bestimmt das Werden wie übrigens auch das Bewusstsein bzgl. eines solchen. Die Möglichkeit steht nicht außerhalb, sondern nur innerhalb von Notwendigkeit und Zufall. Sie ist keine neue Realität, keine „Hyperrealität“, sondern folgt der Realität, die, wenn sie ist, wie sie ist, keine Möglichkeit mehr enthält, sondern gewordene Tatsache ist.

Kritik erwünscht
@colorcraze: Danke, aber Sie dürfen mich verbessern. Das ist ein Thema, das nicht aufhört mich zu beschäftigen.

faz.net/blogs/deus/archive/2010/09/22/alles-zufall-ueber-wahrscheinlichkeiten

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2 Trackbacks

  • Von Die, die den Zombie zum Fetisch gemacht hat am 24. September 2010 um 21:51 Uhr veröffentlicht

    […] einem Dante gegen gesetzt, der da die Hölle als göttliche Komödie erkannt hatte. Dann kamen Hegel , Marx, Kant, um nur drei zu nennen, die da noch glaubten, dass die Geschichte noch gut ausginge. […]

  • Von Der wirkliche Zugang zur Welt am 6. Januar 2011 um 18:38 Uhr veröffentlicht

    […] Welt der Freiheit“ solchermaßen beschrieben sehen, in Aufhebung der noch dinglichen Welt der „Notwendigkeit“), eher diskret als kontinuierlich ist (die Quantenmechanik verleitet uns zu dieser Annahme), somit […]

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