Aus Leiden Kampf machen

Nachtrag, 29. Juli 2014: Aus aktuellem Anlass war ich mal wieder auf der Suche des von mir hier genannten Blogs. Unter der am Textende verlinkten Adresse war das Blog nicht mehr zu finden. Die neue Adresse ist hier.

Fand da zufällig in einem mir bis dato nicht bekannten Blog eine lyrische Passage, bzgl. eines Herold Binsack, den man offenbar „zu viel gelesen“ habe.

Dazu habe ich zunächst folgende Frage an den Verfasser:

27. August 2010 um 21:05
Aus Leiden Kampf machen
Hallo, bin hier zufällig rein gestolpert und habe da folgende höchst interessante Bemerkung zu mir gelesen: „Aus Leiden mache ich Kampf. Zuviel Herold Binsack gelesen, gestern. Und der mutige Feudalprovokateur HM555 war der Einzige, der das richtige gefragt hat gestern, den Herold der marxistischen Orthodoxie, nämlich wie man ihm helfen könne, denn seine Schlussfolgerungen sind überlegenswert und er ist dennoch/deshalb verzweifelt.”
Bin natürlich jetzt sehr neugierig wie das zu verstehen ist und vor allem: Wo und was hat da HM555 genauer gesagt. Würde doch vielleicht gerne mal darauf eingehen. Ich ahne wohl, wie das gemeint ist, und dieser Gedanke reizt mich zur Erwiderung, doch möchte ich mich nicht vertun.
Grüße

Kein Kind von Traurigkeit
Hallo liebe Camelia Japonica (was ist das eigentlich für ein Name, ist das Ihr echter? – Sie müssen darauf natürlich nicht antworten!), danke für diese Antwort, ich weiß das zu schätzen. Und auch ich bin der Auffassung dass HansMeier555 ein ganz famoser Bursche ist. Er benutzt die Paradoxie derart konsequent, dass selbst ich, wo ich glaube, ihn zu durchschauen, manchmal zweifle.
Aber ich kenne das doch aus der Erziehung meiner kleinen Tochter. Sag ihr, tue das oder jenes nicht, und sie tut es garantiert, sage ich aber, tue das!, dann denkt sie nach: Hoppla, wenn er mir das anbietet, dann ist doch was faul.
Das ist auch keine schlechte Methode gegenüber Erwachsenen, die da anscheinend in der Entwicklung nicht weiter gekommen sind, und offenbar mehr auf die Rituale in Sprache wie auch im übrigen Leben setzen als auf eine moderne und offene Semantik.
Solche Leute sind leicht zu verwirren, mit schönen Worten und paradoxen Sprüchen. Sie denken dann, dass sie dabei sind, bei diesem ganz besonderen Event.
So merkt ein Großteil definitiv nicht, dass der Don sie eigentlich veräppelt, genauer: sie benutzt‚ so führt er sie vor, am praktischen Beispiel, die Herrschaften, die Klassenkampf betreiben, ihn aber partout nicht verstehen (wollen).
Für mich ist das eine gute Gelegenheit mal längere Textzusammenhänge los zu werden, auch Dinge, die die FAZ-Redaktion an anderer Stelle unterdrückt hat. Und es ist eine gute Möglichkeit meine theoretischen Annahmen zu erproben. Den Aufstand sozusagen zu inszenieren, bevor es ernst wird.
Ich weiß natürlich, dass das die Leute begreifen, selbst die, die eigentlich nichts begreifen. Das macht sie so wütend. Aber das ist gut so, denn Wut ist immer ein schlechter Ratgeber.
Ich persönlich bin niemals wütend, denn lieber amüsiert.
Doch das Thema ist ernst und ernst ist auch meine „Traurigkeit“. Das haben Sie und vermutlich auch HansMeier555 richtig erkannt. Diese Traurigkeit ist aber nur die melancholische Spiegelung des realen Dramas. Nicht unbedingt mein persönliches Drama, nicht ausschließlich, ja nicht mal hauptsächlich, obwohl ich natürlich weiß, dass der, der nicht leidet, nichts schafft. Nichts kreatives, jedenfalls.
Innerlich bin ich aufgeräumt und cool und wahrlich kein Kind von Traurigkeit. Traurig macht mich nur, wenn ich der Dummheit begegne, die ich nicht besiege. Ich agiere so als wäre morgen die Revolution, stelle mich aber darauf ein, dass das noch „5000 Jahre“ („Alles andere als ein Segen“) dauern kann. Die Dummheit ist womöglich noch stärker.
Letzteres beunruhigt mich nicht, denn weiß ich doch, dass schon ganz andere vor mir, und viel bedeutendere auf eine ebenso lange Wirkung ihrer Worte gesetzt haben. Nehmen wir nur mal den von mir so geschätzten Hafiz. 1000 Jahre hats gedauert, bis die Leute so weit sind, seine Worte überhaupt verstehen zu können. Geahnt, dass da mehr dahinter steckt als es schien, haben die Leute wohl damals schon, aber eben nicht wirklich gewusst. Denn hätten sie es gewusst, hätte er schon den ersten Ghasel (Vers) nicht überlebt.
Die äsopische Sprache mag ein Fluch sein, doch scheint sie auch ein Segen. Sie hilft uns Dinge zu sagen, die morgen nicht schon vergessen sind.
So sehe ich auch mein Wirken, gleich wo, unter dieser Devise: Schaffe was von Dauer. Sag grundsätzliches, dennoch nicht phrasenhaftes. Verpacke es so, dass es die widrigsten Umstände überlebt.
In diesem Sinne wirke ich wie ein „orthodoxer Marxist“, als der „Herold der marxistischen Orthodoxie“. Aber das ist so falsch wie die Vorstellung, dass Hafiz eigentlich ein Sufi war, oder gar ein Korangelehrter. Er benutzte das alles nur, um sich zu schützen. Der Sufismus, den er übrigens sogar offen kritisierte, war ihm dennoch der Körper, der ihm das Gift der Orthodoxie zu überleben half. Er bewegte sich mittendrin im Gedankengut der Zeit und doch war er ihr bedeutendster Aufklärer, gegen dieses Gedankengut.
Orthodox mag meine Methode sein, die dialektische, die eben marxistische. Aber ich bin sicher, lebte Marx heute noch, wäre er ein heftiger Gegner von jeglicher Orthodoxie, auch seiner marxistischen.
Stringent vielleicht, das war er und das versuche ich auch zu sein. Doch jede richtige Theorie wird beizeiten falsifiziert und damit weiter entwickelt. Manchmal gar völlig verworfen.
Ich denke nicht, dass die marxistische Theorie von Grund auf verworfen werden muss, aber sie muss komplett überarbeitet werden. Eine solche Niederlage, wie sie der Kommunismus erlitten hat, bleibt nicht ohne Folgen auch für die Theorie.
Doch bin ich deswegen kein „Schon-nicht-mehr-Marxist“, wie sich Robert Kurz zum Beispiel ausdrückt, und der dabei das wesentliche am Marxismus, die Lehre vom Klassenkampf und der Diktatur des Proletariats (vgl.: auch „Geplanter systematischer Völkermord, wahrlich kein sowjetisches Motiv“, oder: „Ekelhafte Arroganz“) über Bord wirft. Sowohl der Klassenkampf als auch die Diktatur des Proletariats müssen natürlich völlig neu begriffen und ganz anders beschrieben werden.
Ich habe bis jetzt nichts gefunden, was bei Marx vom Grundsatze her überholt ist, aber vieles, was einer neuen Semantik bedarf (was ja nichts anderes ist, als die Vorstellung einer neuen Perspektive aus einer neuen Zeit).
Seine Vorstellung zu den Geschlechtern, zur Liebe, zu der im Proletariat zum Beispiel. Marx konnte noch nicht wissen, dass das Patriarchat den Kapitalismus zu überleben hofft, wo doch das Kapital seinerseits sich bemüht das lästige Korsett endlich abzuwerfen. Der Januskopf dreht sich um sich selbst.
Die Rolle der Frau, auch und gerade der proletarischen ist heute eine ganz andere als zu Zeiten von Marx. Marx und auch Engels Vorstellung eines Vorbildes für die Geschlechterliebe im Proletariat kann heute eigentlich nur noch so verstanden werden, dass das Proletariat, das heißt der Kampf des Proletariats dafür die Voraussetzungen erst schafft, durch die Abschaffung der Klassen. Die Geschlechterliebe hat sich durch den sich historisch überlebten Kapitalismus vielleicht auch überlebt, zumindest müssen wir damit rechnen (vgl. auch meine „Philosophie des Patchwork“, oder auch Bornemann – Das Patriarchat -, der der Sache ziemlich nahe kommt). Denn je länger der Kapitalismus herrscht, je näher kommen wir wohl perspektivisch dem Sozialismus, aber dies nicht im Detail. Denn genau genommen, zerstört die Herrschaft des Kapitals zunehmend gerade die Dinge, die ihn am Anfang noch dem Sozialismus ähnlich sehen ließen. Die Vorstellung eines Lenin zum Beispiel, dass der Sozialismus quasi den Kapitalismus nur ökonomisch beerben müsse, er nahm da gerne das Beispiel der Deutschen Post, wird umso absurder, je weniger sich der moderne Kapitalismus selber ähnelt. Solche Erkenntnisse lassen mich schaudern, denn erstens habe auch ich Frau und Kind. Und ich liebe beide, soweit diese Liebe von mir überhaupt begriffen werden kann, und zweitens wünschte auch ich mir, dass der Kapitalismus endlich an seine „inneren Grenzen“ (Robert Kurz) stieße. Doch je weiter er sich entwickelt, desto ferner verhält er sich zu jeder sozialistischen Utopie. Der gemeinsame Ursprung von Kapital und Arbeit geht irreversibel verloren. Und der Sozialismus wird zunehmend zu etwas völlig neuem.
Nun ein Wort zu Ihnen. Ihr Blog gefällt mir sehr gut. Wahrheiten in Lyrik zu verpacken ist nicht einfach. In „Was dem Manne sein Orakel“ habe ich es mal versucht. Doch bin ich kein Lyriker, aber ich schätze sie, wenn ich auch weiß, dass auch sie ein Produkt des Patriarchats ist („Hafiz…“). Aber was ist nicht ein Produkt des Patriarchats? Die Theorie selber gar!
In diesem Sinne werden wir uns hoffentlich noch öfters begegnen. Ich werde jedenfalls nun aufmerksamer ihr Blog studieren. Es ist ein gute Therapie gegen all zu viel Melancholie, gegen zu viel Härte gegen sich selbst.

aqua.agenturquerulant.de/2010/05/ich-und-bla

geändert auf:
agenturquerulant.de/ich-und-bla/

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