Zur Karikatur verballhornt

– oder auch: aus der Geschichte lernen, endlich siegen lernen!

Dass die FAZ diesen Leserbrief nicht sendet, war wohl zu erwarten, spreche ich doch hier den empfindlichsten Punkt in der deutschen Geschichte an, den wichtigsten Aspekt im Kampf um die soziale Revolution, die Beziehung zwischen Parlamentarismus und dem Klassenbewusstsein, sowie damit auch die Grundlüge aller sozialdemokratischen und revisionistischen Kritik an der Thälmannschen KPD, in Bezug auf diese Frage: Die KPD beging einen rechten und eben nicht linken Fehler im Zusammenhang mit der damaligen Wahl, indem sie nicht begriff, dass der Faschismus nicht mehr zu verhindern war, jedenfalls nicht mit demokratischen Mitteln, durch die Wahl des Präsidenten. Die Machtergreifung des Faschismus, die Wahl Hitlers war beschlossene Sache, seitens des deutschen Kapitals. Dies mit Hindenburg demokratisch zu legitimieren, war ihr natürlich ein Anliegen, aber es war keine Vorbedingung. Gleich welcher bürgerliche Kandidat da ins Rennen geschickt worden wäre, er wäre der Kandidat für Hitler gewesen.

Das bedeutet umgekehrt, dass gleich welcher Kandidat durch die sozialdemokratische Führung favorisiert worden wäre, er wäre ebenso der Kandidat des mit dem Faschismus schwangeren Bürgertums gewesen, denn diese Führung war längst Teil der bürgerlichen Klasse. Das hätte bedeutet, dass die Propaganda der Partei auf diesen Aspekt voll konzentriert gehörte und dass die taktischen Mittel auf eine Volksfront zu richten gewesen wären; gleich welchen Kandidaten die SPD ins Rennen geschickt hätte, die KPD hätte beruhigt auf einen eigenen verzichten können, wenn ihr im Gegenzug die Parteimassen der Sozialdemokratie auch nur einen Schritt näher gekommen, damit diese für ihre Propaganda und ihre revolutionäre Taktik empfänglicher geworden wären.

Dass die Wahl Thälmanns den Faschismus hätte verhindern können, daran glaubte wohl die KPD-Führung selbst nicht, so weit rechts stand sie definitiv nicht, aber vermutlich nicht wenige ihrer Anhänger, vor allem aber hofften das die breiten Massen, die antifaschistischen. Und genau die wurden durch die Kandidatur Thälmanns in ihren falschen Hoffnungen nur noch bestärkt, ja noch schlimmer, zur Wahl Hindenburgs geradezu ermutigt. Denn, wenn eine Wahl etwas bewirken soll, überhaupt im demokratischen Sinne eine Veränderung herbeiführen sollte, dann natürlich nur vermittelst des aussichtsreichsten Kandidaten, und genau das war die Grundlage für die Taktik der Sozialdemokratie und damit die Falle für eine KPD, die das nicht durchschaute, die Falle des Parlamentarismus überhaupt.

Eine revolutionäre Taktik hingegen benutzt den Parlamentarismus, um das politische Bewusstsein der breiten Massen zu heben, nicht um den bürgerlichen Lügen auch noch einen drauf zu setzen. Gegenüber den breiten Massen erweckte die KPD aber den Anschein, als glaubte sie, es stünde der Wahl eines Hitlers nur die Wahl Thälmanns entgegen, was natürlich völliger Unsinn gewesen wäre und somit die Massen sich klüger als die Partei verhielten, indem sie dann konsequent dem Wahlvorschlag der Sozialdemokratie folgten. Wer glaubt, das Kapital, bzw. den Faschismus mit friedlichen Mitteln schlagen zu können, wählt immer nur den einflussreichsten Kandidaten. Das ist die Logik der bürgerlichen Demokratie.

Wenn die KPD auf ihren Kandidaten verzichtet hätte und mit einer entsprechenden Propaganda ihre Anhänger und die breiten Massen dazu aufgefordert hätte, Hindenburg zu wählen, dann wäre wohl Hitler durch diese Wahl nicht zu verhindern gewesen, aber die Glaubwürdigkeit einer Partei hergestellt, die damit bewiesen hätte, dass ihr Antifaschismus ein überzeugender ist, und sie zu diesem Zweck jedes auch nur denkbare Opfer gebracht hätte. Damit hätte sie das Zustandekommen einer antifaschistischen Volksfront ermöglicht, die einzige Möglichkeit den Faschismus zu verhindern. Die Parole, dass wer Hindenburg wählt, Hitler wähle, wäre dadurch vielleicht nicht obsolet geworden, hätte aber eine andere taktische Wirkung gehabt. Denn die Massen hätten erkannt, dass gleich, was sie wählen, Hitler gewählt worden wäre. Denn die Bourgeoisie hat so entschieden!

Eine Volksfront hätte das also verhindern können, aber Thälmann war nicht der Kandidat dieser Volksfront, denn diese gab es noch nicht. Denn Massen fehlte die Erfahrung, dass sie notwendig ist, dass nämlich der bürgerlichen Demokratie ihre entgegen zu setzen ist, eine noch nicht sozialistische aber auch schon keine bürgerliche mehr. Die Volksfront wäre die Erfahrung gewesen, dass der Faschismus nur zu schlagen ist, wenn das Kapital geschlagen wird. Und genau diese Erfahrung wurde durch den Kandidaten der KPD irreversibel unmöglich gemacht. Denn das Kapital ist durch eine Wahl niemals zu schlagen, und damit erst recht nicht der Faschismus.

Die Massen wurden alleine gelassen, mit ihren Hoffnungen, mit ihren falschen, wie auch mit ihren berechtigten. Die Partei hätte sie dabei begleiten müssen, mit ihnen das zusammen durchleben müssen, den Abschied von der bürgerlichen Demokratie auf revolutionäre Weise, nämlich mit ihnen zusammen beschreiten sollen. Sie hätte die Erfahrungen mit den Massen teilen müssen, den falschen Hoffnung auf paradoxe Weise begegnen müssen, zumindest in diesem Punkt, denn der Faschismus war die ultimative Reaktion eines barbarisierten Kapitals, eben nicht Ausdruck von Stärke, aber auch nicht von Schwäche, denn Ausdruck von Brutalität und Mordgier. Aber die Massen waren nicht soweit, zu erkennen, dass nur sie das verhindern können. Nicht mit einem bürgerlichen oder gar aristokratischen Kandidaten, nicht mit einem proletarischen Aufstand – dieser war nicht herangereift -, aber sehr wohl mit der Schaffung einer Volksfront, einer antifaschistischen.

So war die Möglichkeit, dass dieses verzweifelte Kapital mit dem Faschismus die Massen schlägt, größer als die Möglichkeit die damit einhergehende Staatskrise in eine revolutionäre zu verwandeln. Die Fehler der KPD haben diese Möglichkeit letztlich Wirklichkeit werden lassen.
Die historische Chance wurde vertan, nicht nur für eine antifaschistische Volksfront, sondern auch für ein sozialistisches Deutschland, ja mehr noch für eine Emanzipationsbewegung breiter Massen.
Die Abhängigkeit von den Siegermächten, nach dem 2. Weltkrieg die Teilung in Ost und West, besiegelten dieses Schicksal, machten bis auf weiteres eine Umkehr unmöglich, denn bestärkten auch das deutsche Kapital darin, dass Betrug und Hinterlist immer noch am wirksamsten ist, will heißen: vermittelten den Massen, dass Opportunismus die einzig mögliche, die einzige wirkliche Politik ist, und damit letztlich eine jede Politik eine sozialdemokratische (man schaue sich nur an, wie mein entsprechender Beitrag zu diesem Link vom Publikum gewertet ist!).
Nun heißt es aber neu anfangen, will heißen: aus der Geschichte lernen, endlich siegen lernen.

Nachtrag: Nach dem 2. Versuch hat sie ihn endlich gesendet, die FAZ, einen Tag später, so scheint ihr gesichert, dass nicht mehr all zu Viele ihn lesen!

Zur Karikatur verballhornt
Die KPD hat auf Thälmann nicht verzichten wollen, weil die SPD den Hindenburg wollte. Die Parole der KPD hieß aber: „Wer Hindenburg wählt, wählt Hitler“. Bisher stritt man (im linken Lager) fruchtlos darüber, inwieweit das ein schwerer taktischer, sprich: auch linker, Fehler war. Aus propagandistischen Gründen einen aussichtslosen Kandidaten ins Rennen zu schicken, mag ehrenhaft, aber nicht klug sein, ergo: eine linke Kinderei. Dieser Propagandaerfolg (denn sie behielt Recht) kostete Thälmanns Leben, sowie das Leben von Hunderttausenden Parteimitgliedern, vor allem aber kostete es sie ihre historische Bedeutung. Die Chance, größere Teile der Anhängerschaft der SPD in eine antifaschistische Front einzubinden, wäre vermutlich größer gewesen, wenn Thälmann nicht ins Rennen geschickt worden wäre, somit Hitler vielleicht trotz Hindenburg nicht an die Macht gelangte. Dieser Fehler war mitnichten nur ein taktischer, denn er überschätzte die Bedeutung der Wahlen und unterschätzte die Rolle des Bewusstseins, war somit ein rechter, ein grundsätzlicher Fehler. Dadurch dass er daherkam wie ein linker Fehler, trieb er die Partei in Folge noch weiter nach rechts. Mit Dehms Vergleich wird solches aber nicht thematisiert, sondern zur Karikatur verballhornt.

faz.net/Bundespräsidentenwahl:Dehm muss sich scheem‘!, 03.07.2010

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3 Trackbacks

  • Von Große Irrtümer, die nur klein begriffen worden waren am 11. August 2010 um 00:20 Uhr veröffentlicht

    […] war, denn die Bourgeoisie, die herrschende Klasse, hatte anders entschieden (vgl. auch mein: Zur Karikatur verballhornt). Diesen Fehler teilte Heinrich Mann auch mit den Kommunisten, die damals auf Thälmann setzten, […]

  • Von Die revolutionäre Wahrheit am 5. Januar 2011 um 17:26 Uhr veröffentlicht

    […] Sozialistin, hatte da einen Weg vorgeschlagen, den selbst die Thälmannsche KPD, dann im Angesicht einer faschistischen Machtergreifung, noch zu gehen versuchte. Das kostete nicht nur Thälmann das Leben, sondern auch der Partei des Kommunismus selbst, und – […]

  • Von Wahrlich eine Wissenschaft – eine bürgerliche am 16. Februar 2011 um 20:35 Uhr veröffentlicht

    […] Doch eine „Anekdote der Geschichte“ @auxtroisglobes: Keine Frage, Sie sprechen mir aus der Seele. Trotzdem sehe ich mich als Marxist, was ich hier jetzt nicht näher ausführen möchte (siehe aber), lieber in der selbstkritischen Haltung, als in der des Opfers (einer Sozialdemokratie). Vielleicht nur das Eine: Die Opferhaltung (die Verinnerlichung des Opfer-Seins) führt nie zum Erfolg (zum Sieg/zur Korrektur von eigenen Fehlern), sondern nur zu weiteren Opfern/Verbrechen an Dritten/weiteren Fehlern (vgl. die längere Ausführung hier). […]

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