Der Zeitgeist wandert nach rechts, oder: Die verinnerlichte Apokalypse

Der Zeitgeist wandert nach rechts, oder: Die verinnerlichte Apokalypse
Auch wenn das genannte „traditionelle“ Medium als ein solches hiermit dezent in Frage gestellt ist, hätte ich mir doch gewünscht, dass wenigstens in knappen Worten dargestellt worden wäre, warum eben es nicht genügt ein solches Medium nur in Frage zu stellen. Denn für ein Sprachrohr einer intellektuell verbrämten „Neuen Rechte“ ist es eben kein Zufall „so hartnäckig an Spengler festzuhalten“, wie es im Übrigen auch kein Zufall ist, dass gerade die Dekadenztheorie von eben dieser Rechten sofort aufgegriffen wird, ist es doch ihre einzige Kritik am Kapital, dass diese nämlich dekadent sei.

Und es wirft natürlich ein bezeichnendes Licht auf die ideologische Verfasstheit eines Westerwelle. All das muss vielleicht der interviewte Historiker nicht zum Besten geben (der hat sich wacker geschlagen, das sehe ich auch so, obwohl ich mich natürlich frage, warum er diesem Blatt überhaupt die Ehre eines Interviews gibt), aber doch jeder Berichterstatter. Und eben weil ein Herr Westerwelle da so ungeniert über eine „spätrömische Dekadenz“ räsoniert, belegt dies nämlich auch, welchen Erfolg eben solche rechte Medien haben. Der Zeitgeist wandert nach rechts.

Zum Thema selbst: Ich sehe allerdings schon einen Zusammenhang zwischen der Uhr, die da abgelaufen war und eben den erfolgreichen Überfällen der „Barbaren“. Wenn diese Überfälle nicht gewesen wären, hätte sich dieses Rom schon noch halten können, nur war die spätrömische Militärpolitik, längst nicht mehr dieselbe. Und das wiederum formuliert der Historiker völlig richtig, wenn auch ein wenig orakelhaft, nämlich so: „Gesellschaften steigen auf und werden reich. Ab diesem Moment verändern sie sich. Etwa beginnen die Debatten um die Verteilung des Reichtums, was aber nur natürlich ist. Oben angekommen, haben sie zudem nur noch zu verlieren, weil auf jeden Aufstieg irgendwann der Abstieg folgt.“

Und genau das – nämlich ein orakelhaftes Verständnis bzgl. der „veränderten Umwelt“ – spiegelte im Übrigen die Philosophie jenes in die Geschichte eingegangenen Philosophenkaisers Marc Aurel am deutlichsten.
Der Stoizismus eines Marc Aurel antizipierte ahnungsvoll eine Zukunft, die man begrifflich (theoretisch) als eine solche noch gar nicht zu fassen vermocht hätte, also bekleidete man die Ahnungen in überlieferte Formen. Die Germanen waren wohl nicht zu schlagen, dass sie aber umgekehrt mal die Römer schlagen werden, in noch ferner Zukunft, war definitiv nicht zu ahnen. Doch die Philosophie Marc Aurels griff dem voraus, indem sie philosophisch weit zurück griff. Eines Aurels Visionen wären daher sehr gut auch als römische Kassandrarufe zu interpretieren, wenn man den magischen Aspekt, den die Trojerprinzessin noch verkörperte, ignorierte.

Der Spiegel Neros hingegen, im eigentlich nur arrogant geheuchelten, damit schon eher als „dekadent“ zu bezeichnenden Stoizismus eines Seneca wäre der Epoche der Mythengestalt einer Kassandra schon noch eher zuzuordnen, einer, die dem Lustgewinn am Morden absolut keine Ethik entgegen zu setzen gehabt hatte, da doch dies ein Bewusstsein voraus gesetzt hätte, ein Bewusstsein seiner Selbst, als menschliches Wesen.

Und was will uns das sagen bzgl. der Geburtswehen eines Vereinten Europas. Nun ja, zunächst mal, dass es sicherlich keine Geburtswehen sind, sondern vermutlich Untergangsbeschwerden und (darin einer Zeit Marc Aurels sehr ähnelnd) und darüber hinaus, dass konservative Geschichtsdeutung, eine solche, die da schon mal totgeglaubt war, eben genau dies zu bestätigen scheint. Man möchte, analog zum römischen Reich, die Zeit, die man da so ahnungsvoll erwartet, soweit wie möglich strecken, bzw. erträglicher machen. Man möchte gar nicht erst in die Zukunft schauen (heute kann man das, im Gegensatz zur Zeit Marc Aurels), sondern diese sich einem selbst gegenüber versöhnlicher stimmen. Eine solche Philosophie hat immer etwas beschwörendes, daher auch die Anklänge an die Magie der Vorzeit.

Und das Aufkommen eines Stoizismus, eines postmodernen gewissermaßen, ist da gar nicht so sehr ein Zufall. Ganz krass war mir dies übrigens aufgestoßen, als die Finanzkrise mit voller Wucht über uns rollte und auch in der FAZ (der Stoa entlehnte) Tipps abzurufen waren.

Die „Dekadenz“ wäre somit nicht Ursache, sondern eher Folge eines verinnerlichten da erst kommenden Untergangsszenariums. Heute nennt man das die „Apokalypse Now“ (vgl. auch Nachbemerkung zu Philosophus Mansisses, Gedanken, Thesen Reflexionen, anhand des Studiums der Texte Slavoj Žižeks, u. A).

faz.net/blogs/antike/archive/2010/07/01/provokationsverweigerung-spaetroemische-dekadenz-im-interview

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  • Von Am arabischen Wesen soll die Welt genesen! am 22. Juli 2010 um 15:12 Uhr veröffentlicht

    […] wenn wir uns die gegenwärtige Lage anschauen. Die Apokalypse ist eine von Menschen gemachte, wenn sie denn eine ist. Auf jeden Fall ist sie aber so was wie eine Neurose, oder marxistisch ausgedrückt: Ergebnis der […]

  • Von Untergang oder Überwindung am 1. September 2010 um 17:18 Uhr veröffentlicht

    […] Pseudowissenschaften). Überhaupt: der Vergleich Spengler-Marx ist starker Tobak. Während Spengler eine reaktionäre Vision im Angesicht der Krise der Moderne imaginierte, verwies Marx auf den […]

  • Von Gründerjahre und Dekadenz in Einem am 21. Dezember 2011 um 19:42 Uhr veröffentlicht

    […] vor allem wegen eines neu aufscheinenden Bedeutungshorizontes. Stehen sie nun für sterbende („spätrömische“) Gesellschaften oder etwa gar für etwas ganz Neues und dessen „(Ur-)Verbrechen“ […]

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