Des Kleinbürgers Hals in des Kapitals Garrotte

Des Kleinbürgers Hals in des Kapitals Garrotte
„Über die Verhältnisse zu leben“, das ist die Bedingung für die Existenz des Finanzkapitals, einem Kapital, das den Mehrwert nicht mehr direkt aus der Produktion von Gütern und Dienstleistungen zu erwirtschaften sucht, sondern aus den Schulden, die eine solche Produktion, sozusagen im Nachtrab (als Nebenwirkung) erzwingt. Man führt Kriege, damit durch den Wiederaufbau ein Hype erzeugt wird, der indirekt das Konsumklima verbessern soll, einen Konsum, den die Leute sich nicht wirklich leisten können, es sei denn, in der Hoffnung auf bessere Zeiten – durch Kreditaufnahmen.

So geschehen auch mit der Abwrackprämie u.a. Dingen (HansMeier555 erwähnte es). Nun scheint die Wirtschaft in Schwung gebracht, der Export – der äußere Markt angekurbelt -, sodass man glaubt, es sich leisten zu können, den inneren Markt wieder abzuwürgen (den Produzenten und heimischen Kunden auf Diät zu setzen). Denn: wir haben ja über unsere Verhältnisse gelebt! Über die Hinterhältigkeit einer solchen Taktik will ich selber nicht reden, ich verweise da stellvertretend auf jenen wundervollen Beitrag in den Tagesthemen, habe ihn auch der FAZ-Leserschaft, vermutlich ohne Erfolg (denn auch dort plappert man gedankenlos die bürgerlichen Aporien nach) vorgestellt ((„Ganz sicher wird (dieser Staat) unter seinen Möglichkeiten regiert“)).

Der Markt schafft ein perfektes perpetuum mobile, so zumindest stellt sich die offizielle Ideologie dar. Dass dem mitnichten so ist, erfahren wir immer wieder spätestens in den periodisch eintretenden Krisen, so wie jetzt wieder mal. Und doch erfüllt diese ideologische Annahme ihren Zweck, denn sie ermöglicht dem Kapital den Zugriff auf Profite, nämlich die Maximalprofite, solchen, die anders nicht mehr einzuheimsen wären. Dass das zu Lasten der übrigen Marktteilnehmer geht, also des Gesamtkapitals, muss nicht sonderlich erwähnt werden, aber doch vielleicht, dass das natürlich den Klassenkampf anheizt, denn dieser ist die unterste Lage in diesem Geschehen.

Alle Marktteilnehmer, auch die wirtschaftlichen Verlierer – gerade die -, suchen ihren Schaden wiederum nach unten abzuwälzen – auf den Produzenten von Gütern und Dienstleistungen, den Lohnarbeiter und Massenkonsumenten. Stimmen die Einnahmen nicht mehr, werden die Ausgaben gekürzt. Dieser Logik folgt auch die Regierung getreu einem Kapital, dem die Innovation, nämlich die Vermehrung des volkswirtschaftlich erwirtschafteten Reichtums nicht mehr gelingen mag, sodass der relative Reichtum (der nur deswegen im Verhältnis zum Absoluten steigt, weil letzterer in seinen Möglichkeiten verhindert wird, substanziell besehen – zerstört wird) der Reichen zu schützen ist.

Der Produzent (der Lohnarbeiter), der ja auch der innere Marktkunde ist, soll diese Güter und Dienstleistungen möglichst billig herstellen, damit der Anteil am Mehrwert, um den die Kapitalisten sich balgen, zunehmen kann. So wird erstens der innere Markt, die eine Möglichkeit der Verwertung des Werts, abgewürgt und zugleich der Wert der Arbeit, der abstrakte, welcher nicht nur den Wert der Ware bestimmt, sondern sich auch im Lohn ausdrückt, gedrosselt. Die Werte schrumpfen, das relative Kapital nimmt zu, was dann die perfekte Grundlage für die nächste zu platzende Blase wäre. Erhöhung des Profits auf Kosten der Massen ist somit gesamtwirtschaftlich betrachtet Selbstmord auf Raten, Autokannibalismus, wie Robert Kurz zu sagen pflegt. In diesem Sinne lebt das Kapital – auch das, welches sich auf einem Berg von Silberkannen sicher fühlt, und schon über 50 ist – ständig über seine Verhältnisse. Es begreift es nur nicht.

Ein solcher Kampf um den jeweilig höchsten Anteil am relativen Wert, am Mehrwert, verzehrt den gesellschaftlich geschaffenen Gesamtreichtum (will heißen: zerstört in letzter Instanz die Existenzbedingungen der Massen, die an diesem Mehrwert nur in Form von Lohn Teil haben, also bestenfalls nur ihre Reproduktion auf immer niedrigerer Grundlage gesichert sehen), anstatt diesen zu mehren (die Blasen vermitteln allerdings den gegenteiligen Eindruck, so als würde die Summe aller Werte zunehmen, bzw. der Lebensstandard der Massen sich stetig bessern).

Da zunehmend erkennbar wird, dass die Blasen die ganze Wirklichkeit sind, wird er nicht mehr lange nur von oben geführt werden. Von den Aporien wie auch von dem immer notwendig seienden Klassenkampf scheint die Physikerin noch weniger eine Ahnung zu haben als der Bourgeois. Rechnen kann sie vielleicht, aber die Zahlen sind getürkt, die Algorithmen ideologisch begründet. So macht sie die Rechnung ohne den Wirt.

Das nun aber ist des Kleinbürgers Schicksal. So strampelt er sich, gehetzt von den Marktkräften, bzw. von den ihm immer fremd bleiben werdenden Klassen, um sich selber drehend, bis ihm die, von der Bourgeoisie verliehenen, Ratskette, zur würgenden Garrotte geworden ist. Frau Merkels Halsschmuck möchte ich wirklich nicht tragen.

Oh ja, die Marxisten, die den Marx nicht verstehen,
das ist so neu nicht, und in aller Regel nicht besser begründet als Ihre Ausfälle hier, @FS/Spezialmarke: „Halbwahrheiten“/“Telefonbuch“! Ja dann bitte, bringen Sie doch die „ganzen Wahrheiten“ und diese gleich in den „richtigen Zusammenhang“ einer richtigen Theorie. Wer von den Leuten weiß schon, was im Kapital zum Beispiel steht, ich wäre Ihnen dankbar für jede Unterstützung diesbezüglich. Oder sind Sie auch so faule Kritiker, die glauben, weil die Leute ehe nichts verstehen, sie können sich auch die Lektüre sparen? Mir verraten Sie hier Ihre charmante Hoffnung, dass ich mich durch solche oberkluge Bemerkungen einschüchtern ließe, mehr nicht vorerst. Bitte füllen Sie nicht nur die Reihen derer, die sich (besonders wieder in diesen Tagen, anlässlich des nicht enden wollenden Krisenkaters, bzw. der Neuwahlen zum Bundespräsidenten) mit kaum noch zu überbietenden Hasstiraden gegen Linke, nämlich gerade hier in der FAZ, nur zu profilieren suchen (siehe auch unten, das Beispiel, in meiner Antwort an Zerlina).

@Zerlina: Oh, bitte, es gibt da die erste offiziöse (eigentlich indirekte) und als solche superdemagogische Reaktion der FAZ zu diesem Beitrag, nicht zu dem meinigen, mich zitiert man vielleicht mal vor den Innenminister, aber ganz sicherlich nicht in FAZ-Artikeln, obwohl ich schon Stichworte in Beiträgen gefunden habe, die direkt von mir sein könnten (wenn sie es nicht gar waren), was ich bzgl. einer FAZ als Fortschritt betrachte.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2010/06/08/ueber-verhaeltnisse-leben-oder-frau-merkel-kam-nur-bis-ottobrunn

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3 Trackbacks

  • Von Die Schamlosigkeit macht den Unterschied am 27. September 2010 um 12:48 Uhr veröffentlicht

    […] ist nur die eine Seite der Bilanz. Und jetzt argumentiere ich mal so wie die Herrschaften auf dem Höhepunkt der Finanzkrise das selber getan haben: Da Sozialhilfeempfänger dieses Geld eins zu eins ausgeben werden, gleich […]

  • Von Schlagt endlich Krach! am 7. Februar 2011 um 17:52 Uhr veröffentlicht

    […] die den “systemischen” Bankern ohne Bedenken nachgeworfen worden sind. – Und die Abwrackprämie ist auch nicht vergessen. Es wird Zeit, dass die Hartz-IV-Empfänger die Würde zeigen, die diese […]

  • Von Euphemistische Semantik versus Wolfssprache am 6. April 2011 um 20:52 Uhr veröffentlicht

    […] der Völkerfreundschaft dient, und schon gar nicht einer „Volksdemokratie“, als vielmehr der Stabilisierung des Konsumklimas. Und nichts anderes gilt bzgl. der Abwehr der Katastrophe in Japan. Dass die unmittelbaren […]

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