Wie der gebogene Stachel eines Skorpions

Wie der gebogene Stachel eines Skorpions
@Don Alphonso: Ich wusste gar nicht, wie nahe einem eine ähnliche Erkältung bringen kann. Auch bei mir zu Hause geht es zu wie im Krieg, in dessen Lazarett: wechselnde Kranke auf wechselnden Betten. Ab heute hat die Tochter Fieber. Ich hoffe, dass es nicht die besagte Schweinegrippe ist.

Zur Sache:
Mafiakriege, Wirtshausschlägereien, das Engagement der Bayern bei der Hypo Alpe Adria – das alles muss nicht sein, wenn man nicht wie ein Mafioso vorgestellt wird.“ Ist das nun die Formulierung, die juristisch astreiner ist? Denn übersetzt heißt das doch offensichtlich: da man wie ein Mafioso vorgestellt wird, ist man auch einer? – Wunderbarer Dreh!

Und das, das könnte fast so von mir stammen: „Seitdem sollte man sich nicht wundern, wenn in unseren Vorkriegszeiten eben nicht mehr einfach ‚alles geht‘.“ – „Vorkriegszeiten“, das gefällt mir. Ihr Fieber muss heftig sein, oder ist es nur der Weltschmerz, der sie da so sehend macht?
Und stilistisch wieder beinahe der Alte: „man erlebte auch, wie dünn doch die zivilisatorische Kruste all derjenigen war, die 1913 noch über der Lektüre von Rilke, Mann, Maupassant und Galsworthy hingebungsvoll seufzten.“ Das dürfte jetzt ohne Fieber gesprochen sein, dennoch nicht weniger treffend.

Es ist in der Tat der 1. Weltkrieg, der den Paradigmenwechsel im Habitus, im Getue, im Ausdruck, ja in der ganzen Art zu herrschen, der Herrschenden schaffte. Allerdings vorbereitet war das wohl schon zum Jahrhundertwechsel. Genauer zum Ende des Kolonialismus hin. Die einstige Monopolmacht England verarmte am Reichtum ihrer Kolonien, will heißen: der englische Adel, der großgrundbesitzende verarmte an seinen eigenen billigen Importen, die Industriearbeiterklasse aß mehr und besser, aber immer weniger von den Produktionsstätten des eigenen Landes – die Lämmer aus Neuseeland waren billiger als die vom eigenen Land – und das machte die Konkurrenz gierig, hieß diese alle Schamhüllen fallen zu lassen. Führend hierbei die Nicht-Kolonialmächte Deutschland und die USA.

Und auch in der Literatur zeigte sich dieser Wandel und die definitiven Unterschiede. Ein Thomas Mann stand für den alten Weg, den europäischen, den des alten Nationalismus, der nach Kolonien lechzte, aber im Angesicht des Untergangs zum Verzicht bereit war. – Gezwungenermaßen ging er dann den Weg des Antifaschismus, des Demokraten wider Willen, wie ein Jünger hingegen, unbeirrt, aber raffiniert verpackt, den anderen Weg einschlug, den des protofaschistischen Ästheten, den, der wenigsten die eine „Revolution“ nicht zu verlieren hoffte, die der europäischen Romantik, und sei dies auch in Leugnung ihrer Wurzeln – der Aufklärung.

Ein Hemingway antizipierte den Neokolonialismus, die demokratische, deswegen aber nicht minder aggressive Fratze des pragmatisch gewordenen Kapitals. Demokratismus wie Faschismus kommen sich in seinen Schriften oft so nahe wie die Bürgerkriegsgegner in seinem antifaschistischen Epos „Wem die Stunde schlägt“. – Nehmen wir nur mal die Verherrlichung des Krieges, der Gewalt und der „Fiesta“ als generelle Beispiele für. Ja dieser Titel ist geradezu wegen seiner hypostasierenden Metaphorik eine, die Wirklichkeit soweit vorweg nehmende, geradezu magisch wirkende Glanzleistung. Wem die Stunde in diesem Krieg letztlich wirklich alles schlug, konnte Hemingway als Zeitzeuge noch nicht wissen, als Poet aber ahnen. Auch wenn der spanische Bürgerkrieg für seine Partei verloren ging, sein Land, die USA und sein Stil gingen als Sieger hervor. Denn auch der Zeitgeist wollte das so. Aber auch der Selbstmord dieses Hemingway könnte auch als Eingeständnis eines Genies gelten, das selbst die Bedingungen seines Endes zu bestimmen gedenkt. Die „Patientenverfügung“ als Metapher für den letzten Krieg der letzten Supermacht in nicht all zu ferner Zukunft.

Und doch, noch gilt: wer liest heute schon Thomas Mann, vielleicht dann doch nur, aus nostalgischen Gründen, wegen der Buddenbrooks – vielleicht?
Und das stilisiert auch das Ende einer jenen alten europäischen quasi aristokratisch gewordenen Bourgeoisie, jedenfalls schon mal in Form ihrer literarischen Teile. Deutschland, das Land der „Dichter und Denker“, wurde nicht nur quasi neokolonial eingenommen – im politisch-geographischen Sinne -, sondern es übernahmen auch die Mac Donalds die Macht, nachdem die romantische Hülle von Disneyworld entfernt wurde. Und selbst unter den Gebildeten ist es schon üblich einen Upton Sinclair nicht mehr zu kennen, obwohl man einen Charles Dickens noch im Bücherregal stehen hat, und man einen Rimbaud (wenn nicht gar einen Villon) vielleicht noch auswendig gelernt hat. Die amerikanische Kultur kam niemals als revolutionäre ins Land, sondern von Anfang an als das zugespitzte Endstück der Konterrevolution, quasi wie der gebogene Stachel des Skorpions, trotz ihrer revolutionären Elemente im Gefolge.

Der Selbstmord eines Tucholsky– so überraschend wie schockierend er den damaligen Antifaschisten auch vorkommen musste – könnte auch in Vorahnung für solches gestanden haben. Nicht wegen des verloren gegangenen Antifaschismus vielleicht, sondern wegen des bald folgenden Niedergangs des deutschen Faschismus gar, welcher nicht nur seine historische Rolle halluzinierte, sondern diese auf eine traurig-komische Weise, nämlich als letzte „Trutzburg“ eben jener reaktionär gewordenen romantischen Verklärung einer solchen „Distanziertheit“ ja auch spielte.

Tucholsky war ein lebender Seismograph diesbezügliches. Und sein Revolutionarismus war immer noch mehr der bürgerlichen Aufklärung geschuldet, einem liberal-demokratisch agierenden europäischen Bürgertum also, als einer antifaschistischen Arbeiterklasse, bzw., und dies noch weniger: den demokratischen oder „sozialistischen“ Ambitionen von neokolonialen Supermächten, die da schon am Rande des Horizonts in Gestalt der USA bzw. der Sowjetunion aufzusteigen begannen.

Die Nazidiktatur war in Sieg wie Niederlage ein gleich gedoppelter Schwanengesang, nämlich der europäischen Bourgeoisie wie des europäischen Proletariats. Ausdruck eines bis dato gigantischen aber nun schmachvoll endeten und solchermaßen nur noch bedingt dramatisch wirkenden Klassenkampfes. Die Kommunisten waren in den KZs nicht nur gemordet, in physischer Hinsicht, sondern auch längst in geistiger, denn waren sie zuvor schon nicht mehr die Herren des Geschehens. Ähnliches galt für die europäischen Kriegsgegner der Nazis. Der 2. Weltkrieg wurde zum Troja des modernen Europas, auch die europäischen Sieger gingen mit ihnen unter, was überlebte rettete sich in die neue Welt, so wie einst Aeneas ins ferne Rom.

Der Sieg der USA im 1., wie dann definitiv im 2. Weltkrieg, ist nicht nur Ausdruck der Hegemonie dieser Klasse innerhalb des Kapitals, sondern auch der Sieg ihres Coca Cola-Imperiums und jener Monsantodynastie in Folge der von einer United Fruit Company in Südamerika eingeleiteten Epoche des neokolonialen US-Imperiums in kultureller Hinsicht.
Der „hässliche Amerikaner“ ist nicht nur wegen seiner grenzenlosen Macht solchermaßen gezeichnet, sondern auch und noch viel mehr wegen jener nicht minder grenzenlosen Unverschämtheit, also Distanzlosigkeit, eben gerade im Umgang mit seinen eigenen „Klassengenossen“, die nun mit dieser Macht Einzug hielt – am Hofe des Kapitals.

So ist der Antiamerikanismus weniger ein Phänomen „linker Vorurteile“ oder gar Folge anti-imperialistischer Reflexe, sondern eben ein Abwehrprodukt des klassischen europäischen Bürgertums. Und soweit er die Linke erfasst hat, ist er dort nur Ausdruck einer fremden Klassenideologie.

Lüge und Distinktion schließen sich so wenig aus wie Faschismus und Demokratie, ja Pragmatismus und Liberalismus, und doch können sie zwei verschiedenen Epochen angehören.
Denn es kann eine Lüge auch ohne Distinktion daherkommen, nämlich als brutale Gewalt, als permanenter Übergriff, als Ausdruck absoluter Macht, als Merkmal einer omnipotent daher kommenden Aufsteigerklasse. Einer solchen, die, wie einst Rom, die Wahrheit so wenig zu kennen wie zu fürchten glaubt.
Und der Antiamerikanismus ist eben Ausdruck eines somit „gestörten Verhältnisses“ innerhalb der Herrschenden, resp. der herrschenden Kultur.

Ein frohes neues Jahr!
Ich hoffe, ihr lebt alle noch, oder ist jemandem eine Rakete auf den Balkon geschossen worden? Ich hatte gestern ehe schon den Eindruck, dass je schlechter die Aussichten, desto hoffnungsfroher die Böller. Dieses Paradox wird mir immer ein Rätsel bleiben.
Hatten hier in dieser Kleinstadt am Taunushang ein Feuerwerk, das ich so hier noch nie beobachtet hatte. Ich habe nur die Sektkorken knallen lassen, unseren Katzen zuliebe.

Distinktion ist obsolet
…, bzw. nur mittels permanenter Integration denkbar. Vielleicht ist es genau das, was an den Neureichen so stört, nämlich dass sie integriert werden (müssen) – in die „Altreichen“.
Schauen wir uns an, wie die Russen eingegliedert werden, nicht nur als kriminelle Mafia, bzw. Oligarchie, ins herrschende Kapital, sondern vor allem ihr „schönes Geschlecht“.
Eine schöne Russin, wer hat sie nicht? – der Geld hat! Das verläuft ähnlich den Integrationsbewegungen im Adel. Ohne die ständigen Zuflüsse (vor allem so vieler schöner Frauen „von unten“ – aus dem Bereich der sexuellen Dienstleistungen nämlich) wäre dieser längst ausgestorben, bzw., an hässlicher Inzucht krepiert.

Allerdings findet eine Integration nur dort statt, wo das Kapital davon auch als Kapital von profitiert, wo das nicht geht, da wird Distinktion geübt, da bleibt die „Dienstleistung“ Dienst. Nehmen wir das Beispiel der Polen. Solange diese hier sich als S u b-unternehmer gleich ob auf dem Bau oder als Dienstmagd anbieten, haben sie kaum eine Chance entsprechend „ihrer Leistung“ – ihrer „Unternehmung“ – anerkannt zu werden. Polenfeindlichkeit, trotz oder eben wegen dieser Leistungen ist in. Aber Russenfeindlichkeit? Es gibt die Kritik an den Oligarchen, aber an „den Russen“? Wie schlecht die Russen sich auch benehmen, sie werden nur dafür kritisiert – aber dies doch devot mit Respekt -, weil sie so brutale Geldmaschinen sind. Die Polen hingegen gelten als gemeine Diebe, gleich nach oder gar noch vor den „Zigeunern“.

Distinktion ist daher obsolet, soweit sie sich als Kultur (miss-)versteht (Groucho Marx mag man da gerne etwas anders lesen, er meint es vermutlich so, wie er es sagt, ästhetisch: I never forget a face…), denn sie ist Teil der Integrationsmaschinerie – des Kapitals, wie auch in die Arbeit.
Apropos Arbeit: Dort natürlich herrscht Distinktion in Reinkultur, da jeder Zuwachs an neuen Gliedern alle zusammen verarmen lässt, dort gibt es also auch einen „Klassenkampf von oben“ – relativ betrachtet). Und doch, oder eben ob dieser „Distinktion“ (hier nennt man diesen „Klassenkampf“ „Rassismus“) profitiert auch hier nur das Kapital, das so die Konkurrenz unter der Arbeit anwachsen lässt – und sogleich die Solidarität schwinden.

Die Distinktion des Lord Dahrendorf
@Schoenbauer: An der Diskussion dieses Dahrendorf-Beitrags war ich auch beteiligt. Aber schon damals habe ich mich über die Oberflächlichkeit, um nicht zu sagen: die billigen Tricks darin, geärgert. Vor allem – und dagegen habe ich zunächst polemisiert – wegen seiner darin so offen zur Schau getragenen affirmativen Ideologie – kapitalistischen Ideologie (vergleiche hierzu auch: „Die Sloterdijk-Debatte aus marxistischer Sicht“).

Mit Tricks glaubt da der Liberale unter den Marxisten Verwirrung zu stiften. So wie mit diesem hier: „Nehmen wir nur das kuriose hessische Beispiel in der Frage von Studiengebühren. Ein wirklicher Linker würde immer sagen: Wer studiert, wird wahrscheinlich im Laufe seines restlichen Lebens fünfzig Prozent mehr verdienen als jemand, der nicht studiert – daher gibt es keinen besonderen Grund, warum normale Steuerzahler aufkommen sollen für diese Reichen von morgen.“

Dahrendorf ist schlau, er setzt hier auf die Ressentiments gegen die Intellektuellen unterm Volk. Die Marxisten haben aber zur Intelligenz eine ganz andere Beziehung, eine recht komplexe (siehe auch „Schichtenorakel“) – zugegeben -, und doch aber im wesentlichen eine ganz klare. Ich fasse sie kurz: die Intelligenz liefert wichtige Bildungselemente auch für die Proletarierklasse, selbst auf die Gefahr hin, dass sie dieser Klasse, soweit sie dann gebildet ist, wieder schnell fremd werden kann. Ein klassenbewusstes Proletariat kämpft daher immer für den möglichst ungehinderten Zugang zu allen Bildungseinrichtungen. So ganz nebenbei sind nämlich Studiengebühren dafür bestimmt, den Abstand der Herrschenden, die „Distinktion“, über den Bildungssektor zu regeln, sprich: die Schranken bzgl. der „Durchlässigkeit“ möglichst zu erhalten. „Studiengebühren“ sind Eintrittsgebühren, bzw. Ausschlussgebühren.

„Klassenbewusstsein“, revolutionäres Klassenbewusstsein, ist zudem Bewusstsein auf höchstem Niveau, zu dem die höchstmögliche Bildung vonnöten sein wird.
Nicht von ungefähr haben revolutionäre Bewegungen auch immer ihre Bildungseinrichtungen am Anfang stehen.

Die Distinktion ist nur verbal
@Don Alphonso: Oh ja, man ist schockiert und fühlt sich beinahe wie „penetriert“ – von diesen Oligarchen, und doch scharwenzelt man um sie, wie um Dschingis Khan persönlich. Ganze Städte – Prunkstätten – können nicht mehr ohne sie. Baden Baden, Bad Homburg, um nur mal zwei zu nennen (was ist eigentlich mit dem Tegernsee?), bieten ihnen ihre schönsten Seiten – zum fairen Preis – aber doch wohlfeil. Die Distinktion ist hier nur verbal, und unter vorgehaltener Hand. Man wird sich an sie gewöhnen, wie über ein halbes Jahrtausend fast ganz Asien und dreiviertel von Europa an die Herrschaft eben jenes besagten Dschingis Khan.

„Levantinischer Elitedünger“?
@Don Alphonso: Hab ich das gerade richtig verstanden, Sie sind so etwas wie ein „Levantino“?

Nur der Überlebenskampf der einen schafft den Reichtum für die anderen
@Schoenbauer: Ich kenne diese Debatte, habe auch bei der Wehler-Lektüre eine Weile mit kommentiert. Das Problem liegt schon im Begriff. „Leistungselite“ ist ein gleich doppelt falscher. Erstens verherrlicht er Taten, die eben keine als solche waren. Die Leistung erbrachten andere. Die, die gleich dem „Kruppstahl“ gehärtet wurden, waren das Proletariat. Mit einer der Gründe für übrigens, warum auch der Klassenkampf so hart geführt wurde – eben auch seitens dieses Proletariats. Wenn wir wissen wollen, wie hart, dann empfehle ich zum Beispiel die Lektüre „Nackt unter Wölfen“, aus der deutlich wird, wie stark das auch das Bewusstsein formte, die Härte im Denken. Die „Elite“ hingegen war zu keiner Zeit aus „Stahl“, selbst wenn sich sich unter „Stahlgewittern“ wähnte, denn auch dort wurde nur in den Schützengräben gestorben, nicht in den Offiziersstuben. Wenn man also schon so etwas ausmachen möchten wie Leute die das „Wirtschaftswunder“ vollbrachten, dann war das das wie immer geschundene Volk. Darüber hinaus lässt dieser Begriff die Klassengrenzen schwinden, insofern „Elite“ gleich gar nichts diesbezügliches aussagt. Eine „Entnazifizierung“ qua vollbrachtem „Wirtschaftswunder“ ist Wunschdenken.
Die Wirklichkeit ist viel banaler. Die Not, der Hunger, der Tod, all das waren ultimative Erlebnisse, die ultimatives Handeln mit sich brachten. Wer keine Angst vor dem Sterben mehr hat, leistet doppelt (und viele sterben dann auch in Folge dessen vor ihrer Zeit!). Das ist die ganze zynische, wenn nicht gar perverse, Devise des Kapitalismus überhaupt. Nur der Überlebenskampf der einen schafft Reichtum – für die anderen.

Magischer Realismus und PopArt
@Rosinante: Magischer Realismus ist für mich in der modernen Welt – zumindest positiv besehen – nicht mehr antizipierbar, es sei denn, man dichtet den Mythen der katholischen Kirche noch so etwas wie einen realen Bezug zur Volksseele an. Negativ betrachtet, würde ich die Mythenschrunden – die künstlichen Mythen – der Nazis dorthin verorten. Allerdings gibt es eine postmoderne „Wiederbelebung“ – wohl weniger als Kunst, jedenfalls aus meiner Sicht – in der sog. Popkultur und im Kommerz (der ja letztere ausbeutet!). Ich sehe dies aber als einen Ausdruck von Abwendung von der Realität an, insofern hier naive Träume als „Kundenwünsche“ in die Erwachsenenwelt hinüber gerettet werden. Nehmen wir stellvertretend das ganze Genre „Fantasie“ als Beispiel für. Angelegt war das aber auch schon zum Beispiel in der Musikszene der 80er des letzten Jahrhunderts, wie in „Stairways to Heaven“ („Magic Art“) von Led Zeppelin.

In noch weitgehend vormodernen Gesellschaften sieht das wieder ganz anders aus. So ist für mich der der positive Archetypus eines jenen magischen Realismus‘ die Literatur von Marquez. Realistisch sind die Geschichten, insofern sie aus der zum Teil schon modernen sozialen Wirklichkeit der zumeist indigenen Bevölkerung erzählen, welche aber ihre diesbezüglichen mythischen Erklärungsversuche noch nicht abgelegt haben.

Aber je weiter sich dort die Klassengesellschaft etabliert – auch und gerade unter den indigenen Völkern -, umso weniger wird er noch Bezug haben zur Realität.

Aus der Perspektive der Moderne gibt es keine aktuellere Kunstrichtung als den sozialistischen Realismus. Allerdings, auch hier müssen die apologetischen, sprich: die eigentlich kleinbürgerlichen, Elemente hinaus gesäubert werden. Inwieweit uns der magische Realismus (eines Marquez!) fruchtbare Elemente zuführen kann, hängt weitestgehend davon ab, ob und wie schnell sozialistische Elemente von dort aus eben die Verkrustungen in der modernen Welt abbauen helfen, also dem sozialistischen Ziel dienlich sein können. Umgekehrt erscheint mir das im Moment als weniger evident, obwohl der sozialistische Realismus thematisch wie kunsttheoretisch dem magischen Realismus weit überlegen ist. Aber solange der Sozialismus in Theorie und Praxis nicht vorankommt ist das selber nur „graue Theorie“.

Es ist für mich keine Überraschung, dass nach der Teilung des Expressionismus in einerseits sozialistischen Realismus und andererseits in alle nur denkbaren Spielarten der abstrakten Kunst sich die moderne Kunst nicht wirklich mehr weiter entwickelt, sondern von nun an in überlebten Kulturen wildert. Mit der Hinwendung zum Surrealismus kann man sogar erste Schritte in Richtung Reaktion beobachten – in Richtung „pseudomagischen, nämlich: gekünstelten, Realismus“, wie zum Beispiel den eines Dali. Alles was in den letzten Jahrzehnten folgte, ist, magisch oder nicht, realistisch oder abstrakt, letztlich Popkultur/Popkunst/“PopArt“ – kleinbürgerliche Kunst.

Andererseits, wenn es gelingt den sozialistischen Realismus von seinen kleinbürgerlichen Verkrustungen zu befreien, was natürlich die Befreiung des Klassenkampfes von denselbigen voraussetzt, kann dieser einen enormen Formenreichtum entfalten, so formenreich wie eben auch in den Möglichkeiten einer sozialistischen Entwicklung, wenn diese gewollt sind.

Teleologischer Kniff
@Rosinante: Da mögen Sie recht haben, aber nur soweit eben „Utopie“. Aber der Sozialismus ist bekanntlich durch Marx von der Utopie zur Wissenschaft transformiert worden, und als solche ist er nicht mehr teleologisch. Marx analysiert den Sozialismus als eine wohl im Kapitalismus angelegte aber nicht zwingend notwendige Entwicklung. Denn auch die Barbarei ist möglich.
Und doch möchte ich Ihnen auf eine bestimmte Weise entgegen kommen: Die Theorie selber kann magische Effekte vortäuschen, insofern sie nämlich das Objekt der Überlegung erst als ein solches in die Welt setzt – in die Zukunft projiziert – und dadurch – und das ist die magische Komponente – nicht so sehr diese Zukunft ermöglicht – diese bleibt Vision – , als aus jener Zukunft heraus auf die Gegenwart revolutionär einwirkt (vgl.: „Philosophus mansisses“).

Ich nehme an, dass Sie das als Utopie bezeichen. Dem Dialektiker unter den Materialisten ist das aber nicht fremd, nur einem mechanisch verstandenen Materialismus, bzw. einem vulgären Marxisten, käme das „spanisch“ vor. Utopie wäre das aber nur, wenn eine solchermaßen an den Horizont gemalte „Vision“ sich nicht aus den inneren Bedingungen eines Dings – jetzt werde ich mal philosophisch -, sondern aus äußeren, also mehr oder weniger sekundären, Umständen, ergäbe.

Nehmen wir den Untergang des Römischen Reiches. Die Vorstellung, dass es unter den Schlägen der Alemannen, bzw. Vandalen, zugrunde ging, ist üblich, und doch waren das nur äußere Umstände, Umstände, die also nicht in der inneren Realität der römischen Gesellschaft geschuldet waren. Hätte jemand den Römern, sagen wir 100 Jahre vor ihrem Ende, vorausgesagt, dass sie eines Tages von den „Barbaren“ erobert werden würden, hätten man denjenigen gekreuzigt. Aber, dass sie an inneren Gebrechen laborieren, die ihnen vielleicht mal das Genick brechen, nämlich weil sie zur Heilung derer nicht nur immer wieder die Gesellschaft durchmischten, sondern weil sie ständig an ihrem „Recht“ feilten, war mit Sicherheit auch immer wieder Gegenstand der heftigsten Klassenauseinandersetzungen. Aber nur ein Philosoph, wie jener unter den Kaisern – wie Marc Aurel – ahnte vielleicht, dass solches unvermeidlich, ja teleologisch, gerichtet ist.

Die Stoa eines Marc Aurel, war vordergründig betrachtet, die Resignation eines gealterten Mannes, die Theorie eines ganz persönlichen Gescheitert-seins. Ihre Vision darin aber war, dass man diese Gefahr überwinden könne, durch Selbstdisziplin. Durch diese Theorie schuf sich die Antike die Gelassenheit das Unvermeidliche zu Ertragen, und damit ermöglichte sie, dass es unvermeidlich wurde, aber zugleich, und das war das „teleologische“ daran, verschaffte es den Römern ihren Zugang zu einer Zukunft die zugleich die Bedingung für ihr Ende war, Ohne diese Theorie wäre dies alles so nicht möglich geworden und doch war diese Theorie die damals einzig mögliche.

Mit den überkommenen theoretischen Mitteln, aber auf der Grundlage einer heran gereiften sozialen Klassenrealität, erarbeitet die römische Sklavenhaltergesellschaft eine Philosophie, die eben wegen dieser Klassenrealität zur revolutionären Theorie wird, welche sich dann auch erst später, nach ihrem eigenen Untergang, in den „Verfassungen“ des Mittelalters wieder findet. Das römische Reich überlebt sich somit – nicht in jenem „1000-jährigen Reich deutscher Nation“ – nämlich als römisches Recht. Ein solches Recht wiederum untergräbt erst recht die gegebene Gesellschaft, sorgt nachhaltig für ihren Untergang, schafft nämlich den Bedarf erst nach dessen Realisierung. Einem Römer der damaligen Zeit wäre das – wenn es ihm bewusst geworden wäre – als Magie vorgekommen, und doch ist das nichts anderes als die bekannte Dialektik zwischen Basis und Überbau, jener teleologische Kniff, der auch dem Sozialismus so aneignet.

Das Römische Recht, die Magna Carta und der Kapitalismus
@Schoenbauer: die römische Produktionsweise war ja nicht nur eine mit Sklaven, sondern auch eine mit Soldaten. Der römische Soldat war der ideale Selbstversorger – sogar sein täglich Brot backte er sich selbst. – Wir können dieses Brot heute noch auf der Saalburg kaufen, nach ja, zumindest ein solches nach jenem Rezept.

Diese Produktionsweise war der Kern der „Revolution“ im Innern, aber dies eben nur an den Rändern des Reiches, wo die Soldaten ihren täglichen Dienst taten. Das war auch der tiefere Grund für den Zerfall dieses Riesenreiches von seinen Rändern aus. Die Vandalen fielen da nur über reife Früchte her. Selbst eine chinesische Mauer hätte da nichts genutzt.

Wenn man die Beziehung zwischen einem gewöhnlichen Legionär und seinem Centurion betrachtet – ökonomisch betrachtet -, kommt einem der Gedanke, dass das schon die Keimform der nächsten Produktionsweise enthält: die Leibeigenschaft. Der Leibeigene ernährt seinen Herrn, indem er für sich arbeitet, das ist die Umkehrung der Sklavenhaltergesellschaft, wo der Sklave für den Herrn arbeitet und sich dadurch ernährt. Das revolutionäre eben an dieser Soldatenwirtschaft geht sogar noch darüber hinaus: soweit man noch die Warenproduktion (die einfache: die W-G-W-Beziehung) hinzu denken möchte, kommt einem so etwas wie die amerikanische Pionierwirtschaft in den Sinn. Das Geld hier wie dort spielte im ökonomischen Verkehr nur eine untergeordnete Rolle, insofern diese wie jene in der Hauptsache Selbstversorger waren, aber es trägt zur Klassendifferenzierung bei – schafft im Ferneren die Bourgeoisie und dann auch ein Proletariat, und dann den Mehrwert (auf der Grundlage der dann G-W-G-Beziehung).

Die römische Produktionsweise, die, die nicht mehr auf nur Sklavenarbeit beruht, enthält den Keim aller von da aus denkbaren weiteren Produktionsweisen. Das römische Recht geht auf jeden Fall über die feudale Produktionsweise hinaus, denn es stellt ein Zivilrecht dar, was es ja im Feudalismus nicht bedarf (im Gegenteil, insoweit ein solches geschaffen, untergräbt es den Feudalismus – siehe England nach der – Magna Carta -, welche ja letztlich über den Englischen Bürgerkrieg die Grundlage für die konstitutionelle Monarchie legte, einschließlich der Rechte der Bürger) und damit so etwas wie ein Subjekt, wenn auch zunächst noch ein rein juristisches.

Ich bin überzeugt, dass der Kapitalismus Europas ohne das Römische Recht (bzw. dann das „englische“) nicht denkbar ist. Entweder hätte uns das Mittelalter noch mal 1000 Jahre beglückt, oder aber, es wäre direkt in eine Art Kopie der asiatischen Produktionsweise übergegangen, zum Beispiel auf der Grundlage der germanischen Gentilgesellschaft und des germanischen Gemeineigentums an Grund und Boden.
Die klassenlose Gesellschaft wäre dann wohl auch denkbar geworden, aber eben auf ganz andere Weise entwickelt. Vorstellbar ist auch, dass selbst noch im Verlauf des deutschen Bauernkrieges eine andere Richtung möglich war – zumindest auf dem Kontinent. Das aber ist jetzt Spekulation, weil natürlich England, mit seinem „Zivilrecht“ schon nicht mehr wegzudenken gewesen wäre.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2009/12/30/hilfreiche-sekundaeruntugenden-iii-nicht-vorgestellt-werden

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