Die Freiheit des Anderen

Vorbemerkung:
Untenstehenden Beitrag, den ich als (bisher unveröffentlichten) Leserbrief an die Taunuszeitung (ich gehe nicht davon aus, dass er noch gedruckt wird, der Link zu dem Artikel ist jedenfalls nicht mehr aktiv, vgl. Printausgabe: „Bioprodukte für eine Sekte“, vom 18.04.09, Taunuszeitung/Frankfurter Neue Presse/Bad Homburg) gesendet habe, mag dem einen oder anderen Leser ein wenig paradox erscheinen, im Blog eines Marxisten. – Ich habe ihn nun auch als Leserbeitrag (samt dieser, d.h. für diesen Zweck leicht abgewandelte, Vorbemerkung) in der Die ZEIT veröffentlicht, um ihn, das heißt den Skandal, möglichst mit einem breiterem Publikum diskutieren zu können! Die Sabotagehaltung der Redaktion der Frankfurter Neuen Presse fruchtet nicht mehr, im Zeitalter des Internets.

Angesichts der nicht mehr zu übersehenden Tatsache, dass im postmodernen Kapitalismus nur noch ein Glaube genehm ist, nämlich der ans Kapital, ist das aber vielleicht gar nicht so abwegig.

Da ich keiner Glaubensgemeinschaft angehöre, kann ich also recht unbefangen damit umgehen. Das dem hier zugrunde liegende Vorkommnis, macht mich aber nervös. Kleinere Glaubensgemeinschaften werden von sog. Sektenbeauftragen der offiziellen Kirchen verfolgt. Und deren Praktiken – die mit oder auch ohne Erfolg – werden von jedem x-beliebigen kleinen Dorfpfarrer kritiklos übernommen. Gerüchte werden sozusagen kolportiert.
Dass sich ausgerechnet die Kirchen einen Sektenbeauftragten geben, ist ehe schon Treppenwitz genug, dass diese sich aber aufführen wie die Großinquisitoren im Mittelalter, entzieht sich nun doch meinem Humorverständnis.

Und die Auseinandersetzung damit, ist das eigentliche Thema. Religion ist für mich, um mal mit Marx zu reden, mit Feuerbach „dem Grunde nach erledigt“ (Thesen zu Feuerbach), aber offensichtlich wird zunehmend die Verfolgung der Gläubigen ein Anliegen für Marxisten.
Die offiziellen Kirchen – und die sind die Bannerträger nicht nur der vormodernen Klassengesellschaften, sondern auch des modernen wie postmodernen Kapitalismus – machen seit einiger Zeit einen enormen Wind um gewisse „Sekten“, religiöse Gruppen, die sich der Macht und dem Dogma jener Institutionen des geheiligten Kapitals zu entziehen wissen. In einer älteren Veröffentlichung des „Universellen Lebens“ wird da namentlich ein „Hus“ erwähnt, nachdem sich die mittelalterliche Glaubensgemeinschaft der Hussiten benannte, ein gläubiger Bauer und überzeugter Urchrist, auf den sich offenbar auch die Leute um das „Universelle Leben“ (und um die Verfolgung jener um das „Universelle Leben, d.h. um die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz geht es hier) berufen, dessen Anhänger während der Bauernkriege so bestialisch dahin gemordet wurden, unter frenetischem Beifall eines gewissen Luther übrigens (vgl. auch Zimmermann/deb-Verlag: Der deutsche Bauernkrieg. Wer weiß, welche Entwicklung die Gesellschaft genommen hätte, wenn dieser Krieg der Bauern nicht verloren gegangen wäre. – Kapitalismus wäre vielleicht gar nicht erst entstanden! Nach Marx kann übrigens die soziale Revolution des Proletariats nur siegen, wenn sie zusammen mit einer „Neuauflage eines Krieges der Bauern“ einhergeht, Lenin: Marx-Engels-Marxismus.)

Die Urchristen um das Universelle Leben setzen sich kritisch auseinander mit einer Gesellschaft, deren „gotteslästerlichen“ Umgang mit den Mitgeschöpfen sie besonders aufregt. Sie bewegen sich in der Tradition dieses Hus. Natürlich nicht außerhalb des Kapitalismus, das geht nicht mehr, aber in kritischer Distanz, so weit sie das können. Das ist ihr gutes Recht, und wenn man so will: auch ihre Pflicht. Nicht nur als Christen, wie ich meine, wenn auch, diese, ihre Auffassung, so nicht die meinige ist. Die „göttlichen Natur“, die, mal abgesehen davon, wie entstanden sie sein mag, längst eine von Menschen gemachte ist – da kommen wir nicht mehr drum herum – , lässt sich so nicht erhalten, noch lässt ein Kapital sich so abschaffen. Aber in Folge der Gnadenlosigkeit des Kapitals im Umgang mit Mensch, (und der auch von Menschen geschaffenen) Natur und insbesondere mit der wehrlosen Mit-Kreatur, den Tieren auf diesem Planeten, habe ich größten Respekt vor solchen Leuten. Zu ihrem Handeln und auch zu ihren Überzeugungen, habe ich überhaupt keine Berührungsprobleme.

Ob es nun „Christusbetriebe“ sind oder nicht, die da auf dem Markt ihre Produkte anbieten, spielt für mich, so besehen, überhaupt keine Rolle. Wichtig ist, dass ihre Produkte nicht nur die Natur schonen, sondern offenbar auch im Einklang stehen mit ihren Überzeugungen, und diese eben nicht nur Geschäftsprinzip sind. Teuer sind sie, die Produkte, das ist unbestritten, aber ich wüsste gerne den Preis, der auch bei konventionellen Produkten veranschlagt werden müsste, wären darin nicht die Natur (um vom Menschen gar nicht erst zu reden) so gnadenlos ausgebeutet. „Energieverschwendung“ (und auch die Ausbeutung des Lohnarbeiters lässt sich letztendlich auch als Energieverschwendung betrachten) ist nur ein Ausdruck dafür, dass der Natur mehr entnommen wird, als ihr zurück gegeben. Das ist quasi der „einbehaltene Mehrwert“ in Bezug auf die Natur, dem das Kapital sich so frech bedient, und natürlich damit auch den Preis drückt, wie den Preis für die Lohnarbeit des Menschen im Übrigen auch, wenn dessen die „kostenlose'“ Reproduktion durch die Liebesarbeit der Ehefrau mit ausgebeutet wird.
Täte sie das nicht, wäre ihre Produktionsweise längst als die unfähigste aller Zeiten erkannt und abgeschafft. So kann sie vorgeben den Hunger einer wachsenden Menschheit durch Ausbeutung nicht nur des Menschen, sondern eben auch dieser Natur, bekämpfen zu wollen. Was eine (Selbst)Täuschung, wo doch eben diese Natur und jene kostenlose Liebesarbeit die Grundlage für unsere Existenz sind, nicht die Produktivkräfte.

An diesem Punkt reibt sich nun das Kapital natürlich auch an den Christusbetrieben. Sie lassen sich nicht in ihre Marketingstrategie einbauen. Sie wirken schon gewisserweise antikapitalistisch, da sie dieses verlogene Prinzip aufzudecken drohen. Da man sich damit nicht auseinandersetzen möchte, will man ihnen billigerweise unterstellen, dass sie ihre Mitgläubigen versklaven. – Na klar, wenn sie nicht die Natur ausbeuten, irgendjemand müssen sie ja ausbeuten, so die Logik des Kapitals. Sie sind sozusagen eine unbillige Konkurrenz. So wohl auch der sehr erfolgreiche Marktstand meines Freundes D. Ich kenne D. seit ich nach O. gezogen bin – 2002 -, und ich schätze ihn als jemanden, der nicht nur nicht den hier unterstellten missionarischen Eifer an den Tag gelegt hat – er wirkt einfach qua seiner Persönlichkeit -, sondern auch als jemanden, von dem ich nicht glaube, dass man ihn versklaven könnte. – Was die Sklaverei angeht, die ist im Übrigen von den Kirchen bisher niemals wirklich bekämpft worden, woher nun diese späte Liebe zu den Sklaven. Oder sind es nur die Schäfchen, die „Sklaven“, die nicht in ihrem Mühlrad gedreht werden, denen gegenüber sie diese Krokodilstränen verschwenden? Wie auch immer: diese Kampagne ist durchschaubar und oberfaul. Kapital und Kirche versuchen wieder mal gemeinsam die Marktgesellschaft zu retten, und das tun sie, indem sie Konkurrenz sich vom Hals schaffen, die Konkurrenz auf dem Markt, wie die unter den Gläubigen. Ein klarer Pakt. Ein Pakt des Teufels, würden wahrscheinlich Gläubige sagen.
Das, und die gemeinsame Ablehnung all solcher opportunistischer Freunde der Sklaven, macht uns zu Freunden, obwohl er absolut kein Marxist ist, wie ich kein Glaubender.

Unabhängig davon, respektiere ich den Glauben der Menschen, das habe ich des Öfteren kund getan. Auch wenn eine Religion eben keine „biologisch notwendig falsche Entwicklung“ darstellt, wie Richard Dawkins zum Beispiel zu beweisen sucht. Die Religion ist nach Marx falsches Bewusstsein, gewissermaßen notwendig falsches, denn sie ist nicht nur Produkt der Klassengesellschaft, sondern auch ihr Spiegel, und sie wird demnach nur erst mit dem Verschwinden der Klassen obsolet. Solange, und da gibt es noch ganz andere „falsche Bewusstseine“, verdient sie den Respekt, den man unter Menschen, die unterschiedlichen Überzeugungen nachgehen, haben sollte. Im Übrigen ist natürlich auch eines Menschen „notwendig falsches Bewusstsein“ – was Dawkins vielleicht gar meint -, an eine gewisse Struktur in seinem Gehirn gebunden. An ein jenes „authentisches Selbst“, das gar keines ist, gar keines sein kann, an jenen blinden Fleck also, der zwischen dem Wirken neuronaler Prozesse und dem Produkt hiervon, dem menschlichen Geist, dem menschlichen Bewusstsein, entsteht. Die Gläubigen würden das wohl den Funken Gottes nennen; ich nenne das Energieübertragung, wie Änderung der Form der Energie, Übergang von Materie in Energie – den dialektischen Sprung. Der Bereich des Sprungs ist nicht erkennbar, daher ein „blinder Fleck“ für den Menschen, in dessen Selbstbetrachtung. Aber das wäre ein anderes Thema, denn dieses „falsche Bewusstsein“ ist nicht notwendig religiös.

Religion ist Privatsache, war einmal das Credo des Kapitals, nun wohl nicht mehr, denn Glauben, ja Gottesglauben, zumal er sich den Kirchen widersetzt, scheint subversiv.
Nun an dieser Stelle schließen sie auf, an die Reihen der Anderen, der auch Verfolgten, den Marxisten zum Beispiel. Und darin liegt meine besondere Solidarität begründet, die, die über eine, durch Freundschaft begründete, hinaus geht. Denn das macht uns zu Verbündeten.

Die Freiheit der anderen!
Ich glaube nicht, jedenfalls nicht so ohne weiteres, was mir von Dritten erzählt wird, schon gar nicht, wenn deren Erzählung von weiterem Hörensagen stammt. So habe ein „Pfarrer Schrick“ von „sogenannten Christusbetrieben in und um Würzburg gehört“, und genau dieses Hörensagen ist die Grundlage für einen Artikel auf der ersten Seite der lokalen Taunuszeitung. Und ich will schon gar nicht glauben, was ich gerade hier lese. In Verruf gebracht wird ein bis dahin erfolgreicher (und auch unbescholtener) Stand, der Bioprodukte absetzt. Produkte, die gut sind, gesund, bisher keiner „Kreatur“ geschadet haben. Weil angeblich, mit den Einnahmen aus diesen Produkten, die „Sekte Universelles Leben“ finanziert werde. Mein Gott, die Kühe werden‘s überleben, die dadurch nicht geschlachteten, denke ich gerade. Nun geht es mir ehe nicht um die Evidenz der letzten Behauptung, darüber wurde gestritten, außergerichtlich, wie vor Gericht. Und wie das Leben so spielt, mal mit, mal gegen diese „Sekte“. Manchmal musste ihnen Entschädigung gezahlt werden, manchmal wurde ihnen der Stand entzogen. Deutsche Gerechtigkeit ist nicht so leicht zu durchschauen. Die Presse weiß es zu berichten, das Internet auch. Wenn das der Punkt ist, dann sage ich nur eins: ab sofort ergeht meinem Kind das Verbot von Filmen mit Tom Cruise (na ja, sie ist ehe noch zu jung für), oder, ich würde niemals meine vielleicht bald pflegebedürftige Mutter in eine Einrichtung von „Sunrise“ unterbringen; auch kein Grund zum Jammern, die sind ehe zu teuer, und meine Mutter hat keinen „goldenen Löffel“ abzugeben, vielleicht ein wenig Tafelsilber. Warum: ja sind denn die nicht „gefährliche Sektenmitglieder“, nämlich die von den Scientologen? Nur merkwürdig, dass das offenbar außer mir niemanden stört. Die Stadt Oberursel hat kürzlich erst eine Seniorenanlage von ihnen erhalten, und ist offenbar ganz glücklich darüber, trotz der Missverständnisse über das Kleingedruckte, wie gerade so durchsickert, und in Königstein residieren sie geradezu provokant am Ortseingangskreisel. Wann übernehmen sie Deutschland? Ganz Europa in den Händen einer Sekte! Ich sehe schon die Schlagzeilen vor meinem geistigen Auge. Und meine Amex kündige ich auch sofort, die Finanzkrise ist die beste Gelegenheit für. Endlich zwinge ich sie in die Knie, diese Sekten, denke ich, und zu viel Gebühren haben sie ehe schon immer kassiert. Oh je, und wie war das mit gewissen anderen Sekten, die wirklich Schaden anrichten, zum Beispiel mit jener Milchsekte in Bayern, von deren Millionen, die sie vom europ. Topf abgegriffen hat, gar die NPD profitieren soll? – alles Gerüchte, ich weiß! Dafür durften dann ein paar Arbeitsplätze vernichtet werden, kein schlechter Tausch, damit die NPD wieder etwas Material für ihre demagogischen Feldzüge erhält. – Sie sehen schon, ich füge dem etwas hinzu, mal sehen, wann dieses Gerücht in die nächste Runde geht! Und welcher Sekte nütze ich gerade über den Browser, den ich benutze, oder den Server, für den ich sogar bezahle? Wer weiß, zu welcher Bill Gates gehört!?
Eins weiß ich: aus der ganz großen Sekte bin ich ausgetreten, schon lange, der katholischen nämlich, meiner Heimatsekte, in die man dort hinein geboren wird, wo ich aufgewachsen bin, im verträumten Spessart; und dafür wurde ich hart bestraft, da ich nämlich auf deren begehrten Arbeitsplätze, von Anfang an meines Berufslebens, verzichten durfte – „Einlass nur für Sektenmitglieder“, hieß es natürlich nicht.
Religion sei Privatsache – hört man demgegenüber immer wieder. Nun das glaube ich schon lange nicht mehr. Aber dass es wieder heißt: „steinigt sie“, das ist mir doch ein Rätsel, wie es dazu kommen konnte? Und ist es nicht gerade ein christlicher Mythos, dass die Juden einst den Heiland ans Kreuz geschlagen hätten, weil er ein Sektenmitglied sei?

Paradox der Gedanke, dass die Religion nun als Substanz von Gewissensfreiheit, verteidigt werden muss, von einem Linken, von mir, denn diese „Freiheit ist nicht nur die Freiheit der anderen“, wie schon Rosa Luxemburg meinte, und wofür sie vermutlich gemeuchelt worden ist, von gewissen Anderen, sondern offenbar auch die Voraussetzung der Freiheit eines Marxisten – wahrlich Paradox! Aber jetzt begreife ich sie, die Rosa.

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