Die Zeit schätzen

Die Zeit schätzen
Ich würde es nicht als ein originäres Problem des Online-Aktivismus sehen. Politischer Aktivismus, gleich welchen Couleurs, ist nicht mehr cool, oder hipp, oder was auch immer. Was dem Aktivisten bleibt – Online oder nicht –, ist die Möglichkeit seine Aktivitäten nicht dem Tagesgeschehen zu unterwerfen. Es somit der Bewertung derer zu entziehen, deren Zeithorizont in etwa 3 Sekunden beträgt, um mal jenen berühmt-berüchtigten und in Singapur auf vermutlich lange Zeit einsitzenden (und darin liegt die Ironie eines solchen Wegsperrens: da lernt jemand wieder die Zeit zu schätzen, wenn auch sehr wahrscheinlich zunächst noch als Hassobjekt) Ex-Börsenmakler Nick Leeson zu zitieren. Solche Leute haben natürlich ein Problem mit der Zeit, wo sie doch die Nahezu-Lichtgeschwindigkeit des Datenverkehrs zum Gegner haben.

Doch genau das ist es, was wir alle lernen müssen, wieder lernen müssen: Zeit haben. Trotz aller anderslautenden Behauptungen, tickt die soziale Uhr immer noch erheblich langsamer als uns die Ökonomie glaubt aufzwingen zu können. Hier wirken andere Kräfte. Kräfte, die man vielleicht mit dem Beharrungsvermögen der Masse gleichsetzen darf. Und Bewegung gibt es nur ob des Antagonismus‘ der darin wirkt, ob des entgegengesetzten Beharrens zweier beinahe gleichstarker Kräfte. Und wer da glaubt, politische Bewegungen, progressive gar, aus dem Boden stampfen zu müssen, ohne das Kräftegleichgewicht, wenn auch nur geringfügig vielleicht, verändern zu müssen, der fällt automatisch der Kraft zu, die im gegebenen Moment die stärkere ist.

Die Piraten haben vor allem deswegen keine Zukunft, weil sie nie eine Gegenwart hatten. In den Fußstapfen der Liberalen erscheinen sie mal linksliberal, mal rechtsliberal; und es würde mich nicht wundern, wenn sie morgen schon Ultrarechte wären, so wie heute ultralinks, zum Teil. Es spiegelt sich darin die Metamorphose (oder auch Pseudometamorphose, von links aus betrachtet) all derer, die ähnlich wie sie glaubten, ohne klare politische Haltung, also ohne Bekenntnis zu sozialen, wirtschaftlichen und politischen Interessenlagen in der Gesellschaft, also ohne eine klare Haltung zu den Klassen in der Gesellschaft, „politische Geschäfte“ machen zu können. Ebenso wie die Liberalen das heutzutage machen. So gibt es nichts in-homogeneres als die „Internetgemeinde“. Es zeigt sich darin des Kapitals letzte Subjektbewegung. Und die Illusion ob derselbigen, stellt ebenso ein „notwendiges Phantasma“ (Marx) dar, wie alle warenförmigen Subjektbewegungen.

So erhoben die Piraten den Opportunismus zum Programm. Machten etwas zum Fetisch, wofür sich andere gelegentlich noch zu schämen bemühen. Die revolutionäre Kritik hingegen hat Zeit. Sie weiß, dass immer nur in wenigen Momenten der Geschichte überhaupt Geschichte von Bedeutung gemacht wird. Und dann erst wird es Zeit den Zeithorizont zu raffen, diesen Moment dann nämlich nicht zu verpassen. Wie kurz dieser Moment dann sein wird, erfahren wir früh genug; vermutlich wird er länger sein als 3 Sekunden. Doch er wird so kurz sein, dass man diesen, ohne eine klare politische Haltung zu haben, eine, die man vom Prinzip her auf Jahre oder Jahrzehnte durchzuhalten vermag, ohne sichtbare Erfolge, ganz sicher verpassen wird. Doch lange davor, werden Parteien wie die Piraten Geschichte geworden sein.

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