Seien wir intolerant, aber nicht lächerlich!

Seien wir intolerant, aber nicht lächerlich!
Die Ethik steht in einem gewissermaßen dialektischen Verhältnis zu der ihr zugrundeliegenden gesellschaftlichen Formation. Mich überrascht es nicht, dass bei indigenen Völkern u. U. ein (durch uns) nicht vermuteter Egoismus vorzufinden ist. Erklärt man sich die Ethik als das was sie nicht ist – nämlich anerkannte Norm –, dann begreifen wir es vielleicht. Möglicherweise ist sie nur Ausdruck des schlechten Gewissens ob der gesellschaftlich-üblichen Norm, ob der gesellschaftlichen Realität. Je schlimmer diese Realität, könnte man also schlussfolgern, desto „besser“ die ethischen Bedenken (dagegen). Und wo kranker Egoismus sich durchgesetzt hat, da kommt auch der sog. gesunde Egoismus nicht zum Zuge, denn dieser ist gleich mit desavouiert. Deswegen plädiert ja z.B. Slavoj Zizek für die „Intoleranz“ (Ein Plädoyer für die Intoleranz, Passagenverlag Wien, siehe auch: blog.herold-binsack.eu/die-illusion-ins-grenzenlose-getrieben). Und wo eine Gesellschaft nur noch „Gutmenschentum“ heuchelt, da herrscht in Wirklichkeit das Grauen der Gleichgültigkeit. Also der wahrhaft böse Egoismus.
Wenn wir also solche gesellschaftlich bedingte Deformationen bei gewissen indigenen Völkern nicht vorfinden, dann finden wir vermutlich auch gar keine Vorstellung von Egoismus vor. Egoismus ist dort identisch vielleicht mit Lebenswille, vielleicht aber auch nur mit gesundem Humor. Egoismus ist ja auch bei uns kein klar definierter Begriff, er subsistiert quasi nur – als philosophische Kategorie (meist in idealistischen Kontexten), oder als psychologische, welche irgendwie mit dem „Ich“ verbunden scheint (hier den „Lebenswillen“ antizipierend). Im Alltag regiert der Egoismus gewissermaßen begriffslos, als etwas Ausgeschlossenes, Imaginäres, denn Böses.
Daher würde ich, und dabei mich an Zizek anlehnen wollend, schlussfolgern: Gestehen wir uns ein, dass wir der Maßstab sind, doch tun wir das nicht im chauvinistischen Sinne, sondern selbstkritisch bescheiden. Denn auch wo wir Maßstab sind, sind wir nur ein kleiner. Seien wir „intolerant“, aber nicht lächerlich.

blogs.faz.net/deus/2013/07/15/wer-ist-der-masstab-wir-oder-der-rest-der-welt

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