Wehe dem, der sich nicht Türke nennt

Also das schlägt dem Fass den Boden aus. Nicht etwa, dass ich Herrn Lerch nicht schätzte (und vielleicht gilt das gar auch in die umgekehrte Richtung, hätte er sonst meinen Beitrag freigeschaltet?), doch was soll ich von dieser – geradezu paternalistisch daherkommenden – Zensur halten? Das ist doch keine gedankenlos dahingeschriebene Klassenarbeit. Jedes Wort in solchen Texten hat Gewicht und Sinn.

Wehe dem, der sich nicht Türke nennt„, wird umgetitelt in „Welch ein Glück, Türke zu sein“. Bzw. dann im Text in: „Welch ein Pech sich nicht Türke nennen zu können„. Und wo ich schreibe: „es sind religiöse Minderheiten“, wird das einer Vergangenheit ausschließlich angelastet, steht doch da jetzt: „es waren religiöse Minderheiten“, so als wären die erst in jüngster Zeit erfolgten Morde nicht passiert (siehe auch: 2010/06/armenier-fordern-aufklaerung-zum-padovese-mord). Und konsequent in diesem Sinne, wird meine sicherlich betrübliche Gewissheit, nämlich dass „weitere Opfer folgen werden“, einfach überhört, will heißen: gestrichen.

Dass Herr Lerch sich dessen nicht bewusst ist, nämlich, dass ihm mit dieser Ignoranz womöglich eine gewisse Mitverantwortung zukommt (im schrecklichen Fall der Fälle), will ich nicht annehmen. Ist er doch zu sehr Kenner der Materie. Doch hoffe ich nicht, dass er dafür dereinst einen „Ablass“ erwerben muss. Denn natürlich wünsche auch ich, und dies wahrlich aus ganzer Seele, dass eines Herrn Lechs gewagter diplomatischer Einsatz nicht völlig für die Katz war.

Wehe dem, der sich nicht Türke nennt
Ne mutlu Türk’üm diyene“. So steht es vor jeder Schule, jeder Behörde, jeder Kaserne und selbstredend auf allen nur denkbaren öffentlichen wie nichtöffentlichen Plätzen. So steht es aber auch vor den Gefängnissen der Türkei, was dann ganz besonders dort im umgekehrten Sinne bedeutet: Wehe dem, der sich nicht Türke nennt! Es sind nicht nur die Kurden, es sind all jene ethnischen oder nationalen Minderheiten, die seit Atatürk, genauer seit dem Lausanner Vertrag, in der Türkei gnadenlos verfolgt werden, und dies teilweise entgegen des Geistes dieses Vertrages. Es sind religiöse Minderheiten, die zum Teil eben auch ethnische Minderheiten sind, wie z.B. die orthodoxen Griechen, die christlichen Assyrer, und last not least, ja, es gibt sie noch dort: die Armenier. Eine „Kulturrevolution“ war das nicht, es sei denn, man misst diesen Begriff am chinesischen Beispiel. Dieser Kulturevolution fielen bisher nämlich ebenfalls Millionen zum Opfer. Und weitere Opfer werden folgen.

zensierter Text:
Welch ein Glück, Türke zu sein
„Ne mutlu Türk’üm diyene“. So steht es vor jeder Schule, jeder Behörde, jeder Kaserne und selbstredend auf allen nur denkbaren öffentlichen wie nichtöffentlichen Plätzen. So steht es aber auch vor den Gefängnissen der Türkei, was dann ganz besonders dort im umgekehrten Sinne bedeutet: „Welch ein Pech sich nicht Türke nennen zu können„. Es sind nicht nur die Kurden, es sind all jene ethnischen oder nationalen Minderheiten, die seit Atatürk, genauer seit dem Lausanner Vertrag, in der Türkei gnadenlos verfolgt wurden, und dies teilweise entgegen des Geistes dieses Vertrages. Es waren religiöse Minderheiten, die zum Teil eben auch ethnische Minderheiten sind, wie z.B. die orthodoxen Griechen, die christlichen Assyrer, und last not least, ja, es gibt sie noch dort: die Armenier. Eine „Kulturrevolution“ war das nicht, es sei denn, man misst diesen Begriff am chinesischen Beispiel. Dieser Kulturevolution fielen bisher nämlich ebenfalls Millionen zum Opfer.

faz.net/aktuell/politik/tuerkischer-nationalismus-nicht-erdogan-allein-03-11-11

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