Ein Raum der sinnlosen Geste, dennoch nicht unbeschrieben

Ein Raum der sinnlosen Geste, dennoch nicht unbeschrieben
Der gute Franz A. unterscheidet hier zu wenig zwischen dem, was Politik als solche darstellt/darstellen kann (als der sprichwörtliche Politikzirkus eben) und dem was sie bewirkt, diese Politik (in Bezug auf die Massen also, gleich wie unernst diese Politik betrieben wird). Und eben dieser Mangel an Unterscheidung offenbart seinen Klassenstandpunkt. Für das Bürgertum ist Politik nichts anderes als ein opportuner Broterwerb. Eine Bühne auf der man sich präsentiert. Als ein Marktplatz bürgerlichen Geschehens. Für die Massen stellt sich die Politik u. U. als Bedrohung dar, als erlittene Macht. Des Einen Spaß/Unernst ist somit des Anderen tödlicher Ernst.

Und natürlich wissen diese Politiker Bescheid ob dieser Janusköpfigkeit in ihrem Handeln, ob eben dieses Widerspruchs. Auch wenn sie sich über den Klassenwiderspruch dahinter vielleicht nicht vollständig im Klaren sind. So suchen sie den Zirkus zu erweitern. Präsentieren sich auf Twitter oder Facebook. Da mag es nicht nur das taktische Kalkül geben: Wie schaffe ich mir den nötigen Vorsprung – den vor der Konkurrenz? Da geht es auch um das lädierte Ich. Nirgendwo ist es deutlicher, wer das Sagen hat, bzw. wer eben nicht das Sagen hat. Kein bürgerlicher Politiker von Rang hat je die Hand gebissen, die ihn füttert. Der Staat, der Staat des Kapitals. Das Über-Ich ist ihnen geradezu auf der Nasenspitze zu sehen.

Tucholsky war es, der seinerzeit den Sozialdemokraten bescheinigen musste, damals als die Nazis den Sozialdemokraten nicht nur die Macht, sondern auch die letzten Illusionen nahmen, wie wenig sie doch an der Macht waren, von der sie glaubten, dass sie sie inne hätten. Waren sie doch nur „deren Regierung“.

Mag es noch so scheinen, als dass dem Parlament eine weitere Bühne genehmigt ist, oder gleich zweie davon, dort bei Twitter oder Facebook. Zeigt sich doch nur die Tiefe des dahinterliegenden Antagonismus’. Die Repräsentative Demokratie, also das, wovon die bürgerliche Klasse so überzeugt ist (wenigstens dann, wenn es ihr gut geht), dass es diese ist, die ihr die Herrschaft sichert, verträgt sich weder mit gleich welchen Formaten plebiszitärer Bühnen noch mit der eigentlichen Sphäre der Macht, der ökonomischen nämlich. Weder lässt sie sich – und dabei auf die sog. Mutter aller Demokratien, dem antiken griechischen Patriarchat, referierend – als Bühne eines tragischen Geschehens übersetzen (gleich mit oder ohne Twitter), noch mit der (bürgerlichen) Komödie (wegen mir auf Facebook) einfach identifizieren. Schmierentheater dann wohl schon eher. Eines Molières théâtre de la foire jedenfalls bleibt für die politische Kaste, dem wahren kleinen Bürgertum dieser Tage, unerreichbar. Nicht mehr einholbar, nicht mehr rückführbar.

Keinerlei tragische (machtpolitische ernstzunehmende) Potenz, keinerlei revolutionäre (volkskomödienhafte) Option. Einfach ein leerer Raum innerhalb des Geschehens des Kapitals. Ein Raum der sinnlosen Geste. Wie sinnlos, das sehen wir gerade am Fall der sog. Rettung des Euro. Dennoch als solcher nicht gänzlich unbeschrieben. Ein Widerspruch, der den leeren Raum zum eigentlich virtuellen macht. Etwas, was die Zeit ja ins Verständnis zu rücken scheint. Vielleicht daher auch das Twittern nun. Für das Bürgertum ist das Parlament der Raum, mit Hilfe dessen der Klassenkampf (vor – oder hinter – der Bühne, je nach Perspektive) zu kaschieren wäre. Nur wo selbst das „revolutionäre Subjekt“ (nennen wir es mal „das Proletariat“) diesen Klassenkampf selber nur in kaschierter Form auszutragen scheint (so lässt es den Mindestlohn für den Proletarier wie auch die Steuersenkungen für das Kleinbürgertum die Parteien des Klassenfeindes selber durchsetzen), gibt es für diese Bühne nicht mehr viel zu tun. Wo der bürgerlichen Klasse nun dank eben auch dieser Abwesenheit eines revolutionären Proletariats ja selbst der Sozialismus keine Angst mehr zu machen scheint (ich bin sicher, dass die EZB bald die übrigen Banken verstaatlichen, resp. deren Schulden zu den ihrigen addieren wird), geht doch einer eben solchen Bühne völlig der Sinn aus. Also nicht wie gewöhnlich nur „unsinnig“ des Bürgers Treiben ist, lehrt uns nun ein solch Treiben, sondern viel mehr wie wenig Sinn behaftet selbst das gemeingefährlichste Tun (wider den Euro-Absturz zum Beispiel) eben ist. Und da greift auch ein so brillanter Denker wie Franz Alt halt ins Leere. Passiv-affirmativ, diese seine Anekdote, wie eben auch die von ihm solchermaßen karikierte Bühne.

Die Quasinatürlichkeit ist das Fremde
Ich persönlich bin nicht vom Reduktionismus überzeugt, also einer Weltanschauung, die alles auf das Eine zurückzuführen wünscht. Richtig: Die Natur ist uns nicht fremd, fremd ist uns eine „Quasinatur“ (vgl. Marx zur Quasinatürlichkeit der bürgerlichen politischen Ökonomie). Quasinatürlich, da sich den Naturgesetzen mehr oder weniger blind zu unterwerfen suchend. Daher alles Bewusstsein des bürgerlichen Subjekts als Phantasma – notwendiges Phantasma.
Diesen Horizont überschreiten wir nicht, nicht als bürgerliches Subjekt. Diesbezüglich teile ich nicht Ihren Optimismus. Mein Optimismus ist von anderer Natur.

Meine Hoffnung besteht darin, dass die herrschende Klasse an ihrem Entropieprojekt letztlich scheitert. Dass es ihr nicht gelingt, das „perpetuum mobile“ zu schaffen (diesbezüglich hoffe ich auf die Wirksamkeit Ihres Reduktionismus’, welche ich aber nicht der Natur, sondern eben dem Klassengeschehen zuordne) also eben das, was ich hier so kritisch darstelle, ein „Subjekt“, das keinen Mehrwert schafft, sondern Mehrwert ist.

Aller Klassenkampf wird sich letztlich um diese Frage kaprizieren. Und damit das Schicksal der Klassengesellschaft hoffentlich besiegeln.
Aus demselben Grunde glaube ich auch, und das obwohl ich ein wahrlich politischer Mensch bin, an so etwas wie an eine Ontologie der Politik. Mag sein, dass ab einer bestimmten Stufe der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft die Politik sich als unvermeidbar erwies, so scheinbar „unvermeidbar“ wie die Klassen im Kontext der Herausbildung des Bronzezeitalters. Welche diesbezügliche Kapriole auch immer dafür verantwortlich zu machen wäre, die Gene ist es nicht.

Von „Natur“ aus trägt der Homo Sapiens in sich kein anderes „Prinzip“ als das des Stoffwechsels mit dieser Natur. Sollte er diesem Stoffwechsel schaden, dürfte er dieser Natur nicht gewachsen sein. Nur in einem diesbezüglichen Nützlichkeitsbestreben liegt wohl seine ganze Daseinsberechtigung. Das anthropische Prinzip, sollte es denn überhaupt gelten, darf wirklich nicht so verstanden werden, dass die Natur nur aus einem einzigen Grund existiert, nämlich um dem Menschen zu nützen. Man sollte sich wirklich jenes aporetischen Widerspruchs vergewissern, innerhalb dessen sich das Denken im Kapital bewegt: Einerseits feiert sich das Kapital als „natürliche“ (daher „alternativlose“) Ökonomie, andererseits will sie glauben machen, dass sie mittels derselbigen die Natur zu überlisten verstünde.

Richtig: Die Marxisten glauben auch nicht daran, dass die Naturgesetze alles sind. Dennoch sind sie nicht hintergehbar. Nur in diesem Sinne sind die Marxisten „Reduktionisten“. „Alternativlos“ wäre vor diesem Hintergrund nur eine Ökonomie, die die Naturgesetze voll beachtet, und eben nicht sich diesen blind unterwirft. Die Naturgesetze verstehen heißt auch die Nicht-Naturgesetze scharf von diesen zu trennen.

Und eine zukünftige menschliche Gesellschaft, wenn es eine solche denn gibt, kann und muss sich von der Quasinaturgesetzlichkeit der Ökonomie der Klassengesellschaft befreien. Dies geschieht aber nicht, indem sie die Naturgesetze dort wo sie eben wirken, ignoriert, bzw. diesen welche hinzu dichtet (wie die „Politik“), sondern indem sie die Gesellschaft selber soweit organisiert, dass diese als Ganze (mehr als alle ihrer Teile, dennoch unbedingt alle ihre Teile) diesen Gesetzen gegenüber bewusst handelt. Und das setzt unbedingt voraus, dass die Klassenspaltung überwunden wird (dem Kapital schwant dies im Angesicht der Erkenntnis, dass das menschliche Gehirn der zukünftig wichtigste Rohstoff – Schirrmacher – sein wird, denn nämlich was tun mit diesem in Klassen geteilten Rohstoff?). Die Emanzipation der Gesellschaft von der Natur ist daher zunächst die der Emanzipation von ihrer Quasinatur, von der Klassengesellschaft, von jener sog. „selbstverschuldeten (und eben nicht ontologisch bedingten) Unmündigkeit“ (Marx) also.

Aus der Perspektive eines nicht-göttlichen Wesens
Ich gebe zu, dass die Umkehrung des Reduktionismus einen gewissen Reiz hat. Doch sehe ich auch darin nur Reduktionismus. Vom Standpunkt der Entropiezunahme ist das organische Leben dem nicht-organischen gegenüber an Komplexität reicher, zugleich aber auch dem „Wärmetod“ einen weiteren Schritt näher. Aus dem Innenraum eines sich solchermaßen auf sein schließliches Ende zubewegenden Kosmos’ stellt sich das solchermaßen eben dialektisch (widersprüchlich) dar. Aus einer noch von Kant vielleicht angenommenen „göttlichen Perspektive“ (zu der der Mensch nach Kant ja keinen Zugriff hat), könnte sich das als komplexer erweisen, was dem Ende so weit wie möglich entfernt läge. Also das dem organischen Leben zum Beispiel Vorausgehende. Aber wie gesagt, diese Perspektive kann ein nicht-göttliches Wesen nicht einnehmen. Aus des Menschen Blickwinkel ist das was hinter ihm liegt, bzw. was ihm zugrunde liegt, das weniger Komplexe. Die Natur ist dem Menschen perspektivisch unter-geordnet. Das Missverständnis der Moderne kommt daher, dass diese Perspektive gesellschaftlich, analog der Klassenstruktur nämlich, missgedeutet wird. Nämlich hierarchisch. Denn aus dieser Perspektive, und ich glaube, Sie so zu verstehen, wäre die Natur dem Menschen nämlich über-geordnet, denn er wäre in diese eingebettet, von ihr umfasst. Und das was um-fasst, kann auch als umfassender verstanden werden. Was allerdings nicht zwingend notwendig ist. Denn wer will schon behaupten, dass ein steinernes Haus, das dem Menschen Raum gibt, „umfassender“ (im Sinne von komplexer) strukturiert ist als der Mensch selber?

Auch aus diesem Grund polemisiere ich gegen unsere Klassenborniertheit. Gegen den Versuch Natur und Gesellschaft auf e i n e n , nämlich basalen Begriff zu bekommen, polemisiere ich gegen jeglichen „Reduktionismus“ (gegen jeglichen Naturalismus im Übrigen auch). So versuche ich die Perspektiven ständig zu verschieben. Denn jede neu entdeckte Komplexität ist diesem Mehr an Perspektiven in etwa gleich zu setzen. Im Übrigen ist es diese Komplexität in des Menschen Perspektive, welche wir nicht einfach in die Natur hineindeuten dürfen. (Ganz im Gegenteil: Die Natur würde sich bedanken dafür. Wäre sie auch nur halbwegs so komplex wie des Menschen Denken, wäre sie wohl nicht überlebensfähig.)
So ist es vermutlich ihre Einfachheit, die einem solchermaßen komplexen Denken (die Tätigkeit des Gehirns selber scheint ja ebenfalls auf einfachen Mechanismen zu beruhen), immer wieder das Gefühl gibt, dass es ständig mit komplexen Systemen zu tun hat. Die Differenz zwischen Geistesarbeit und Produkt dieser Arbeit ist das komplexe Gebilde.

Die Dialektik ist nur insofern eine der Natur selber (und das wäre jetzt vielleicht auch m e i n e Kritik an Engels „Dialektik der Natur“), als eben der Mensch (der a u c h Teil der Natur ist) diese zugleich ihm über- wie untergeordnet ist, er sich somit als Teil des Ganzen, wie auch als eine bestimmte Perspektive eben auf dieses Ganze erkennt. (Wie gesagt: der göttliche Blick ist ihm nicht möglich.) Der objektive Aspekt der Dialektik ergibt sich somit vor allem auch aus der solchermaßen nicht hintergehbaren (also notwendig zu objektivierenden) perspektivischen Beschränktheit eines Subjekts. (Eine der Gründe vielleicht warum eine stramm positivistisch denkende bürgerliche Naturwissenschaft die Dialektik nicht zu erkennen vermag.)
Und in diesem Sinne möchte ich mit Feuerbach schließen, der da schon meinte: „Das Bewusstsein des Gegenstands ist das Selbstbewusstsein des Menschen“ (Das Wesen des Christentums).

faz.net/blogs/deus/archive/2011/11/06/zwischen-beschaeftigungstherapie-und-politik

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  • Von Verlieren die Reichen wieder mal nur ihr Gesicht? am 3. April 2013 um 23:52 Uhr veröffentlicht

    […] Klasse, und damit meine ich jetzt wirklich die „herrschende“, nicht die „regierende“ (Tucholsky), desto korrupter wie doppelmoralischer wird sie sein. „Korrupt“, da von einem diesbezüglichen […]

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