Nicht nur eine ästhetische Differenz

Nicht nur eine ästhetische Differenz
Die Frage ist doch, um mal den Metapher aufzunehmen: Zerbröselt der Euro oder wird er gerade deswegen zugrunde gehen, weil wir das Bröseln zu verhindern suchen? In der Tat, und da stimme ich den Intentionen so einiger Vorredner zu, sind die Strukturen im Süden und vielleicht auch Osten Europas andere als die im Zentrum, bzw. im Westen. Das ist definitiv nicht nur eine ästhetische Differenz, die da durchscheint, denn nur uns mag das Bröseln als besonders attraktiv erscheinen, da wir es unserer romantischen Perspektive unterordnen, ist doch dort das Bröseln lassen eher einer insgesamt gleichgültigen Haltung zum Altern zu verdanken als gar einer positiven Einstellung zu dessen „Schönheit“.

Die Schönheit des Alters (oder gar des Alterns) will mir doch einer all zu nordischen Welt angehören. Im Süden findet das Altern klimabedingt schneller statt. Alte Pflanzen, alte Gebäude und auch alte Menschen (wie auch alte Strukturen) bleiben daher womöglich nur über „ihre Zeit“ am Leben, weil man sich nicht die Mühe macht, sie vor ihrer Zeit zu „entsorgen“ (oder dem Blick der Öffentlichkeit zu entziehen). Die Mühe lohnt nicht. So findet man die alten Menschen in Spanien – ich war da gerade in Urlaub – immer noch auf den Straßen, manchmal an die Wand gelehnt, manchmal in Kaffeehäusern, hingegen bei uns nur noch in gewissen „Reservaten“, genannt auch Altenheime. Und alte Häuser werden bei uns von gewissen Nobilities, genannt Banken, Versicherungen und Anwaltskanzleien, der öffentlichen Nutzung entzogen, in Italien bleiben sie dem „Pöbel“ erhalten, wenn auch nur ob einer gewissen noblen Gleichgültigkeit wegen.

Lassen wir uns also nichts vormachen: Kulturgüter gibt es nur dort, wo sie dem Marktgeschehen dienlich sind, nicht wo sie quasi demokratische Bedürfnisse befriedigen. Die Besorgnis um die Kultur(denkmäler) ist die um den Erhalt der Substanz des Wertes. Doch wissen wir doch längst, dass der Wert keine wirkliche Substanz darstellt, es sein denn die gesellschaftlichen Konstrukte – Wert-Mehrwert-abstrakte Arbeit (Lohnarbeit)-Kapital – präsentieren sich als (materiales) Kulturgut und eben nicht als abstrakte ökonomische Kategorien. „Bröseln lassen“ entspricht daher in etwa der sog. „Arbeit sans Phrase“, wie Marx sich ausdrückte – in den „Grundrissen“ (zur politischen Ökonomie, vgl. MEW 42), wo die Arbeit, bevor diese als Wert(schöpfend) erfasst wurde, erstes Lebensbedürfnis war, Ausdruck des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur.
Und genau dieser Stoffwechsel zeigt sich eben auch im Zerfall (des Alten) und eben ganz und gar nicht in einer gewissen (perversen) Verwertung desselbigen.

Kulturerhaltung und dessen Zerfall sind ebenso verbunden wie jene „Arbeit sans Phrase“ mit der abstrakten Arbeit. Das Eine scheint durch das Andere, legitimiert sich ob dessen Gegenüber, so als wäre da was identisch (was nicht verschiedener sein kann). Was uns als besondere Ästhetik erscheinen will – der Charme des Zerfalls – ist nur der Illusion verdankt, die wir bei der Erhaltung erhalten. Die Illusion, bzw. das Phantasma, hier würden vergangene Werte (Substanz/Lebensgefühle) erhalten. Wo doch diese Werte erst geschaffen werden – durch den Einsatz „abstrakter Arbeit“ und deren Mehrwertgenerierung. Und wo ein Lebensgefühl doch nur als ein solchermaßen konserviertes erscheint.

Die „Arbeit sans Phrase“ mag Güter schaffen, dennoch keine Werte. Sie stellt das Bedürfnis nach Leben dar und schafft nicht erst ein solches, ist somit jeder Abstraktion hiervon über- oder untergeordnet (je nach Perspektive). Die abstrakte Arbeit mag Bedürfnisse wecken oder gar befriedigen, doch stellt sie selber kein Bedürfnis dar. Und so wie es offenbar ein reales Bedürfnis ist, das Alte zerfallen zu lassen, so ist es ein imaginäres Dasselbige zu erhalten.

Somit wäre die Gleichgültigkeit gegenüber dem Zerfall die ethisch gelungenere, die aktivere, Lebensauffassung – das wahrhaftere Erhalten, nämlich das eines Lebensbedürfnisses; und der eigentliche Nihilismus (die Zerstörung eben dieses Bedürfnisses) schlummert zwischen den hektischen Aktivitäten einer auf Erhaltung fixierten Moderne.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2011/10/25/das-ende-des-euro-in-einem-bild-und-einer-frage

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Ein Trackback

  • Von Ein billig erworbenes Glück – für das Kapital am 26. Dezember 2011 um 17:14 Uhr veröffentlicht

    […] zum Beispiel beim Sex vs. Nahrung). So ist die Voraussetzung der Lohnarbeit die „Arbeit sans Phrase“, wie Marx sich ausdrückte, um das zu kennzeichnen, was der Mensch leistet, ohne scheinbaren Zweck. […]

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