Das Standardmodell wackelt

Repressiver „Blogwart“:
Das ist nun das 2. Blog in der FAZ, das meine Beiträge nicht freischaltet. Und interessanterweise ist es jedesmal eine Frau, die da so repressiv handelt.
Nachtrag: Nun ja! Da hat jemand lange gebraucht, um sich zu entscheiden, meinen Beitrag doch noch freizuschalten. Doch sehen Sie selber…

Das Standardmodell wackelt
Die Beziehung zwischen einer politischen Revolution und einer im wissenschaftlichen Denken ist genau genommen enger als man denkt. Nur dürfen wir die politischen Revolutionen nicht aus dem Gesamtkontext reißen, in dem auch das wissenschaftliche Denken revolutioniert wird. So ist Einsteins spezielle Relativitätstheorie nicht nur nicht von dem ihm dann folgenden Nuklearzeitalter zu trennen, auch wenn Einstein genau diese Beziehung verabscheute, sondern mehr noch auch nicht von der eitlen Hoffnung des Kapitals, dem tendenziellen Fall der Profitrate, wie Marx einem prosperierenden Kapital prognostizierte, das 2. Gesetz der Thermodynamik, nämlich das der Entropiezunahme, entgegen zu setzen.

Während Marx aber damit die ökonomischen Einsichten in die Bedingungen der kapitalistischen Verwertung des Werts revolutionierte, welche nämlich der „Ausbeutung der Arbeit“ (allerdings der „abstrakten Arbeit“) auch und gerade im Kapitalismus keine günstige Prognose offerierte, so erhofft sich das auf die Entropie schielende Bürgertum eine systemimmanente Lösung. Das perpetuum mobile muss gefunden werden. Also die Möglichkeit Arbeitsenergie unter möglichst geringem (oder gar keinem) Verlust quasi unendlich frei zu setzen. Ein Proletariat welches sich widerstandslos ausbeuten lässt, gewissermaßen. Dahinter steht natürlich das 1. Gesetz der Thermodynamik Pate, welches da weissagt, dass Energie nicht verschwindet, sondern nur jeweils seine Form ändert.

Das Missverständnis das sich darin zeigt, resultiert allerdings daraus, dass wie gesagt „abstrakte Arbeit“, welche ein gesellschaftliches Konstrukt ist, also eine Art gesellschaftliche Übereinkunft, verwechselt wird mit der dinglichen Verstoffwechslung selbst in Natur und Gesellschaft, mit der Umwandlung von Materie in Energie und umgekehrt. Eine gesellschaftliche Übereinkunft kann jederzeit gelöst werden. Die Klassenkräfte haben darüber zu entscheiden. Nicht physikalische.

Die Wissenschaft, die sich diesem Forschungsauftrag offenbar widerstandslos unterworfen hat (so scheint der Wissenschaftler der einzige zu sein, der sich widerstandslos ausbeuten lässt!), kann diesem Missverständnis nur entkommen, wenn sie das eigene Denken revolutioniert. Also den Standpunkt, hier: den Klassenstandpunkt, radikal wechselt. Wenn sie sich nicht mehr der eitlen Hoffnung hingibt, der bürgerlichen Klasse bei ihren Ausbeutungszielen behilflich sein zu können. Das hieße aber, dass sie jene Krise des bürgerlichen Denkens endlich erkennt. Eine Krise, die gleichermaßen mit Einstein sich schon zeigte. Und die sich mittlerweile auch als Krise des bürgerlichen Wissenschaftsbetrieb selber darstellt. Macht die Wissenschaft ungebrochen weiter, wird sie sich am Ende selber erledigen. Auch hiervon erleben wir gerade die gar nicht mehr all zu ersten Anfänge. Die Wissenschaft wird quasi industriell ausgebeutet. Der Wissenschaftler als der intellektuelle Proletarier. Vielleicht bringt das dem Wissenschaftler den proletarischen Klassenstandpunkt näher.

Nicht von ungefähr gab es jene Kritik an einem Machs Relativismus‘ und Agnostizismus‘ durch den marxistischen Revolutionär und Theoretiker Lenin, in dessen historischen Schrift „Materialismus und Empiriokritizismus“ (verfasst 1909, nach der ersten gescheiterten bürgerlichen russischen Revolution 1905), die im Übrigen auch Einstein nicht unbeeindruckt gelassen haben dürfte. War Einstein anfänglich noch von Mach überzeugt, distanzierte er sich schließlich von dessen absoluten Relativismus.

Die Frage, die sich seit dem stellt, ist: welche Klasse hat ein objektives Interesse an einer wissenschaftlichen Revolution. Einer solchen, die nahezu alle Kategorien des bürgerlichen Denkens einer kritischen Überprüfung unterzöge.

Für die Marxisten ist das das Proletariat, weil nur dessen Befreiung mit der Befreiung der Arbeit selbst einhergeht. Der „abstrakten“, wie auch der konkret-dinglichen. Während die Befreiung von der konkret-dinglichen noch von der Bourgeoisie selbst geleistet wird (unter katastrophalen Begleitumständen, wir sind gerade Zeuge hiervon) – ich beziehe mich hier auf Jeremy Rifkins „Das Ende der Arbeit“ -, wird die abstrakte Arbeit erst dann befreit sein, wenn die Klasse der Kapitalisten historisch abtritt, die Bühne der Geschichte verlässt. Ihr Klassenstandpunkt historisch obsolet geworden ist.

Hingegen wird sich genau in diesem Spannungsfeld von Niedergang der Arbeit und Erhaltung der abstrakten Arbeit nicht nur die ganze Epoche des Übergangs der einen Gesellschaft zur anderen vollzielen, als „politische Revolution“ (von gigantischen Ausmaßen), sondern auch das Kraftfeld für eine wissenschaftliche Revolution, die diesem entspricht, selber schaffen.

Und wenn ich mir da die aktuellen Geschehnisse, eben nicht nur in Arabien anschaue, würde ich sagen: das Standardmodell wackelt!

faz.net/blogs/planckton/archive/2011/02/25/kritik-der-reinen-physik-1-der-geist-der-revolution

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3 Trackbacks

  • Von Damit der ganze Mist nicht wieder von vorne beginnt am 18. März 2011 um 23:18 Uhr veröffentlicht

    […] revolutionäre Kritik der politischen Ökonomie kann dem Verhältnis nachgehen, welches z. B. das 2. Gesetz der Thermodynamik zum sog. „tendenziellen Fall der Profitrate“ haben könnte. Dass solche Diskussionen geführt […]

  • Von Die Frau und das archimedische Prinzip des Mannes am 31. März 2011 um 17:28 Uhr veröffentlicht

    […] die evolutionär sich vor-stellende, wie die nach neuen Potentialen suchende (Stichwort: Entropiezunahme) noch keinen Raum. Sollte Frau dort die Macht übernehmen (wollen), dann sollte sie nicht als Klon […]

  • Von Noch nie in der Geschichte hat es Sinn gemacht, sich was vor zu machen! am 6. Dezember 2012 um 03:32 Uhr veröffentlicht

    […] Die Krise äußert sich im Besonderen dahingehend, dass „geistiges Eigentum“ obsolet wird, und zwar durchaus im Kontext der Krise, in der Eigentum überhaupt in Frage gestellt wird. Die letzte Bankenkrise stellte das System des Kapitalismus so sehr in Frage, dass der bürgerlichen Klasse kein Aufwand zu groß war, um z.B. verstaatlichte Banken ins Privateigentum zurück zu führen. Die Krise des Wissensgeschäfts , welche eigentlich schon mit der 2. Industriellen Revolution Anfang des letzten Jahrhunderts begann, sich aber erst in der 3. Industriellen Revolution als solche auch in der Realwirtschaft zeigte, spiegelt die Krise des Kapitals nicht nur wider, sondern zeigt sich in der Form der äußersten Zuspitzung dieser Krise. Sie stellt nämlich die („ältere“) Arbeitsteilung, also die Teilung, die Klassen immer wieder hervorbringt, schlechthin zur Disposition. […]

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