Vergleichen wir nicht doch Williams Christ Birnen mit Granatäpfeln?

Diese beiden Postings (19:16 und 19:32 gesendet) wurde von der FAZ einfach übergangen. Ganz offensichtlich will man das „Sozialsystem“ wie den Zynismus der Herrschenden nicht so aufgedeckt sehen. Starte einen 2. Versuch.

Vergleichen wir nicht doch Williams Christ Birnen mit Granatäpfeln? – 1. Teil
Der historische Teil ist unanfechtbar, aber das darf man auch von einer Soziologin erwarten. Doch zwei Sätze haben sich gewaschen. „Wer Sozialbetrug als „Verharren in Staatshilfe“ verniedlicht, der kann nicht ernsthaft davon ausgehen, dass die Aufforderung, dass sich Migranten an die geltenden Regeln halten müssen, durchgesetzt werden könnte.“ Zwischen Sozialbetrug, und „Verharren in Sozialhilfe“ mögen manchmal nur Nuancen liegen, doch sind sie eben nicht einfach zwei Seiten einer Medaille. Der sog. Sozialbetrug, der im Übrigen nur unterstellt werden kann, denn wäre er nachzuweisen, gäbe es ihn wohl nicht, kann nicht auf die Migrantenszene reduziert werden. Er ist übrigens quasi systemisch. Ein System, das nach der Devise funktioniert: Wir wissen, dass da niemand von leben kann, also unterstellen wir unterschlagene Nebeneinkünfte, ist geradezu faschistoid zynisch. Das besondere Drama daran aber ist, dass definitiv nur wenige die Chance haben dürften, zu solch notwendigen „Nebeneinkünften“: so leben die Arbeitsunfähigen, die Kranken, die Behinderten und die Alten unterhalb des Existenzminimums, welches nämlich nur, eben infolge dieses Systems, durch unterschlagene Einkünfte erreicht werden kann. Das ist nämlich billiger als alle ausreichend zu alimentieren.

Vergleichen wir nicht doch Williams Christ Birnen mit Granatäpfeln? – 2. Teil
Und der zweite Satz ist nicht weniger pikant: „Einmal davon abgesehen, dass die Muslime in Deutschland keine „Minderheit“ sind, sondern Teil dieser Gesellschaft und mit fast 3000 Gebetsstätten und ebenso vielen Vorbetern religiös so gut versorgt wie die Christen.“ Solch Ignoranz ist kaum zu überbieten. Wir wissen sehr wohl, dass die meisten Gebetshäuser in irgendwelchen Hinterhöfen untergebracht sind, und wir erleben permanent, welch rassistische Reflexe die Forderung nach offiziellen Moscheen unter gewissen Kreisen in Deutschland hervorruft. Für ein Land, das die Religionsfreiheit als offizielle Staatsdoktrin vertritt, halte ich es für eine Schande mit religiösen Minderheiten über die erlaubte Höhe ihrer Minarette zu streiten, denn sollen sie doch auf jedem Fall im Schatten der Kirchtürme verbleiben. Das mag nicht zu vergleichen sein, mit den Zuständen in der Türkei, und das tut es definitiv nicht. Ich selber habe das mehr als einmal, in dieser Zeitung (bzgl. des Umgangs mit Christen – Armenier, Griechen, Assyrer…) skandalisiert, und genau deswegen bin ich auch – als Linker – gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei). Aber bitte: „Vergleichen wir doch nicht Williams Christ Birnen mit Granatäpfeln!“

Vertane Chance
@Oerun: Man kann es als Fortschritt stehen lassen, dass Kurden neben Türken überhaupt als solche erwähnt werden. Diesbezüglich sei der konsequenten Haltung gerade türkischer Mitbürger, wie einer Frau Kelek, dank. Und es ist kein Zufall, dass anscheinend auf türkischer Seite sich weniger darüber aufgeregt wird, was sie über die „Sozialbetrüger per se“ = Migranten = Türken sagt, sondern eben darüber wie sie die völkermordende Türkei abwatscht. Und doch: Die historisch richtige Kritik wird durch ihre unerträglichen Statements zu den Sozialbetrügern nicht nur relativiert, sondern geradezu den Rechten, den Kemalisten, den Faschisten und verdeckten Islamisten, als Waffe in die Hand gespielt. Anstatt die Türken gegen diese Art der Beleidigung in Schutz zu nehmen und darauf aufgebaut jede Art von Nationalismus und Rassismus zu desavouieren, resp. den türkischen selbstredend, treibt sie die Beleidigten und Entehrten genau dorthin; und damit spielt sie das Spiel nicht nur der deutschen, sondern eben auch der türkischen Rechten. Es ist eben nicht nur ein Drama, dass gerade die Türken Opfer deutscher rassistischer Exzesse werden, sondern doch auch eine Chance, nämlich dahingehend, dass sie nun als Opfer vielleicht auch ihre diesbezüglichen eigenen Schandtaten neu bewerten.

Das kemalistische Türkentum und der nationalistische Islam – Teil 1
@Aydin: Ich neige dazu Ihnen in einigen Punkten Recht zu geben, doch in einem Punkt so nicht, nämlich wenn Sie sagen: „Dieser (der Laizismus) ist so tief in der türkischen Gesellschaft verwurzelt, dass er quasi nicht zu abschaffen ist.“ Ich habe vor einiger Zeit ein Buch, ein sehr altes, zu lesen bekommen, das mich noch einmal zu diesem Thema hat nachdenken lassen: Der Fremdling von Yakub Kadri. Ich muss vorneweg sagen, dass ich es dem eigentlich konservativen Kadri anrechne, dass er dieses Thema für seine Kreise (er war ein bürgerlicher Intellektueller, ein glühender Anhänger Mustapha Kemals) doch auf sehr selbstkritische und vor allem auch emphatische Weise aufzuarbeiten verstand. Er war dem Volk näher als vermutlich je einer vor oder nach ihm aus seiner Klasse dies gewesen sein dürfte. Die Not dieses Volkes, zu dieser Zeit, das im Übrigen lange Zeit mit der bolschewistischen Revolution im benachbarten Russland schwanger ging, und was ein „Atatürk“ vor allem auszutreiben wusste (u.a. durch Meuchelmord), ist auch mir durch ihn erstmals so richtig bewusst geworden. Es handelt von der Fremdheit innerhalb der „Türken“, damals zwischen den einfachen Bauern und dem Bürgertum, welches sich gerade anschickte, die Türkei zu schaffen.

Das kemalistische Türkentum und der nationalistische Islam – Teil 2
Erschreckend deutlich geworden ist mir so nebenbei, dass nicht nur der türkische Nationalismus im wahrsten Sinne des Wortes, im Blut der unterjochten Völker, Nationen, Ethnien und religiösen Minderheiten erst geschaffen worden ist, sondern, dass auch ohne dies vermutlich eine Türkische Nation nie entstanden wäre. Denn, und so zitiert Kadri einen seiner Protagonisten: „Türken, was ist das, wir sind Moslems.“ Erst die Kriegsgeschehen, die Massaker, nicht nur die erlittenen, denn solche waren diesem Leid geprüften Volk nicht neu, sondern die selbst verübten, an den jeweils „Fremden“, machte dies Volk zu Türken. Und ich denke, dass ein Erdogan versucht ist, auf den Grundlagen eines solch strategisch-heimtückisch herbei geführten Türkentums (im Bewusstsein dieser einfachen Leute, die mit den Haustieren wie Haustiere lebten“, so Kadri), einen nicht minder grausamen türkischen Islam zu kreieren, einen, den die Völker, das türkische Volk, nicht mehr „abschaffen“ können. Nicht der Laizismus, denn der Nationalismus ist es, der nunmehr derart verwachsen ist, da mit dem noch heißen Blut der Völker in die Geschichte eingeschrieben, dass er sich nur noch mit seinesgleichen verträgt, einem sehr wohl sehr politischen nationalistischen Islam.

faz.net/Bundespräsident: Wulffs Republik der Gläubigen, Necla Kelek, 21.10.2010

www.pdf24.org    Sende Artikel als PDF   
Dieser Beitrag wurde in Aktuelles, Krise des Kapitals veröffentlicht. Ein Lesezeichen auf das Permalink. setzen. Kommentieren oder einen Trackback hinterlassen: Trackback-URL.

3 Trackbacks

  • Von Eine linke Kritik vergisst die Klassenfront niemals am 8. November 2010 um 20:49 Uhr veröffentlicht

    […] sachlich, fachlich und hoch aktuell auseinandergesetzt (Kemalismus, Islamismus, Konservativismus, Rassismus, Feminismus, und auch mit der Art von Kommunismus, auf den Sie hier anspielen/hinter der Mauer), […]

  • Von Es wird bald „zurück geschossen“ am 31. Januar 2011 um 19:45 Uhr veröffentlicht

    […] die Erben der Osmanen in eine sunnitisch-wahabitische regionale Staatengemeinschaft einzufangen. „Atatürk“ dreht sich gerade mal wieder im […]

  • Von Islamisten wie Kemalisten – beides undemokratische Gesellen am 12. September 2013 um 23:44 Uhr veröffentlicht

    […] ob Muslime, Christen, Juden oder Atheisten, sympathisierten mit der bolschewistischen Revolution. Und die Zugehörigkeit zum Glauben lag tiefer als die zur „Nation”. Der „Vater der Türken“ wollte das politische Potential dieser Bewegung nicht deren Prinzipien […]

Einen Kommentar hinterlassen

Sie müssen angemeldet sein, um zu kommentieren.