Das Geheule einer Zombiemeute

Das Geheule einer Zombiemeute
@Teutobrecht/von Saage: Der Punkt ist nicht, ob man Eifer aufteilen kann, also für etwas Einem wie für etwas Vielem eifern kann, sondern welche Qualität der Eifer in dem einen wie in dem anderen Fall hat. Der Polytheismus war bis zur Meuterei eines Tutenchamun unbestritten, somit kein Grund mehr für Eifern, der Monotheismus war etwas bis dato Ungehöriges, nie da Gewesenes. Das allein erfordert schon etwas mehr Eifer. Aber vor allem steckte hinter dem Monotheismus bereits ein neues Gesellschaftsmodell, welches allerdings für Ägypten reichlich zu früh gekommen wäre. Daher verschwand der Monotheismus so schnell wie er gekommen war, bzw. überwinterte, bis ihn dann der Jude Moses aus dem Schlaf weckte.

Das Gesellschaftsmodell, das sich dahinter verbarg, ist das Patriarchat, dem die Ägypter erwiesenermaßen eben noch nicht anhingen. Die Königsfolge war immer noch matrilinear, wenn auch später schon, wie eben auch zu Tutenchamuns Zeit, patrilinear okkupierend verfälscht (Pharao konnte immer nur der Bruder einer Thronfolgerin: Weib, Tochter, Schwester werden, daher auch die in Ägypten weit verbreitete Bruder/Schwester, Vater/Tochter, Witwen-Vermählung (letzteres hält sich unter Erbrechtsgesichtspunkten als Praxis bis in neueste Zeit).

Erst die nomadisierenden, sprich: marodisierenden Indogermanen, also völkerwandernde Hirtenvölker, wie übrigens auch die Juden zur Zeit Abrahams folgende, schleppten dieses Gesellschaftsmodell ausgereift ein. Die Loslösung der griechischen Antike von der orientalischen, will heißen: die Geburt des Abendlandes, ist somit auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. Auch die Sklavengesellschaft der Griechen wurde damit eine völlig andere. Während die ägyptische Sklaverei auf der Versklavung unterworfener fremder Völker beruhte, und es neben dieser unbeschadet eine freie Bauernschaft gab (und tatsächlich waren es mehrheitlich freie Bauern, die sich mit dem Pyramidenbau für ihre Herren und Götter die Ehre gaben, also nicht aus religiösem Fanatismus, sondern aus hehrem Stolz), führte dieselbe Sklaverei in der griechischen Antike zur Versklavung auch der ehemals freien Bauern. Und wer da meint, die Griechen hätten doch auch dem Polytheismus gefrönt, verkennen den Unterschied zum Ägyptischen Pantheon.

Die Machtübernahme des Patriarchats haben die Griechen in den Mythos vom Sieg der Götter über die Titanen, oder auch des Sturzes der weiblichen (Erd-)Gottheiten (Gaja) durch die männlichen, der endlichen Dominanz eines (Sonnengottes) Apollon und einer (a-sexuell von Zeus gezeugten) Kriegs-, Wissenschafts- und Musegöttin Athene (welche den noch matrilinear konnotierten Kriegergott Ares/Mars mehr und mehr verdrängte) verpackt („Was dem Manne sein Orakel“). Es dürfte ein Leichtes gewesen sein, für die jüdischen Christen (einem römischen Paulus/Saulus), eben solche Griechen zu einem wahren monotheistischen Glauben (das Patriarchat war ihnen ja schon geläufig) zu bekehren, wie dann später auch die Römer.

Der ganze „Ehrgeiz“ kapriziert sich also darum, eine neue Weltordnung zu inthronisieren. Und darin liegt vielleicht die äußerliche Parallele zu dem heutigen Ringen. Doch das Patriarchat befindet sich in seiner ultimativen Krise und kämpft um sein Überleben, auch in der Form, dass sich die verschiedenen orthodoxen Strömungen gegenseitig auszulöschen suchen (wir Deutschen scheinen da wieder vorne bei). Und das wäre auch schon der Unterschied zu damals: Brüllte da noch der frisch geborene Eros der Griechen, seinen Geburtsschrei in die neue Welt, so hören wir heute doch nur das Geheule jener Zombies von einer „Hunnenmeute“, die da den Anschein zu erwecken suchen, als könnten sie noch ein reales Diadochengemetzel veranstalten.

Der Scholastik zugänglich
@Teutobrecht: Sie haben Recht, ich habe mich da vertan. Echnaton, nicht Tutenchamun, hieß der Ketzer (Namen sind nicht so mein Ding): Nichtsdestotrotz halte ich die Sache für richtig beschrieben. Demnach konnte der Sohn (so wie auch der Bruder, der Vater, der Onkel) nur Pharao werden, wenn er sich in die weibliche Erblinie einheiratet. Es war also immer die Frau (die Mutter/die Tochter/die Witwe), an die die Pharaowürde gebunden war. (Das ist so ähnlich wie bei der Kfz-Zulassung, du kannst Halter sein, aber nicht Führer eines Fahrzeugs, wenn du nicht selber einen Führerschein hast. Nur wäre hier der Führerschein ein weibliches Privileg.)

Und diese Würde war mehr noch auf das Wirken der Erdkräfte/der Mondkräfte (einem Fruchtbarkeitskult) als der Sonnenkräfte (einem Wachstumskult) bezogen. Ich beziehe mich diesbezüglich hauptsächlich auf Ernest Bornemann (Das Patriarchat), Freud ist mir diesbezüglich auch geläufig, doch ist der mir zu spekulativ, nicht genug bezogen auf die „sozialökonomische Basis“ (eben eines patriarchalischen jüdischen Hirtenvolkes). Die „Fruchtbarkeit“ bei den Hirtenvölkern kaprizierte sich beinahe ausschließlich auf das Wachstum der Herden, wo den Hirten schnell klar wurde, dass es da nicht nur eine weibliche, sondern eben auch eine männliche Erblinie gibt. Das und die Neigung fremdes Terrain (fremde Frauen, Sklaven) zu erobern, begünstigten bei Hirtenvölkern ganz generell das Patriarchat und die Königswürde, den Kriegerfürst (und damit den ersten Grundherren). Die Frauen waren anfänglich wohl noch geachtet, wegen ihrer Stärke, ihrer Zuverlässigkeit und ihrer Rolle bei der Kinderaufzucht (und vermutlich auch, da sie so nebenbei mithilfe ihrer kleinen Gärten zur Aufbesserung der einseitigen Ernährung beitrugen), aber das änderte sich schlagartig bei Sesshaftwerdung, wie eben bei den Griechen.

Das andere, also, wie intensiv man glauben kann oder nicht, wenn man den Glauben aufsplittert, halte ich für sekundär, vom Gemüt des Einzelnen viel zu sehr abhängig, um da zu einer Verallgemeinerung zu kommen. Viel wichtiger wäre mir da die Beziehung zwischen einem überirdischen Herrn und einem weltlichen (dem Patriarchen). Beides hängt eng zusammen und macht die Konzentration auch auf den „Einen“ aus. Die Sublimierung ist es, die Machtanhäufung ermöglicht, die ausschließliche Identifikation – ein Gott, ein Herr.

@von Saage: Ich glaube ehe, dass die antiken Griechen die geborenen Opportunisten waren, also somit auch in religiöser Hinsicht. Ein Sokrates spräche da für Alle. Weltlicher kann man nicht glauben. Ich glaube, dass die einzige Gottheit, an der ihnen wirklich was lag, EROS war. Er stand für ihre Vorstellung von Liebe wie auch Ordnung, vor allem aber für ihre Vorliebe für die geistige Beschäftigung. Und diese Vorliebe fürs Geistige wird als göttlich imaginiert, in Richtung „geistlich“ transzendiert.

Geistig wird Geistlich, sinnlich wird sinnend = reiner Sinn. Eros wird zum Fetisch – zum christlichen Gott -, und das ist der Pfeil der Zeit, der dann auch den Idealismus gebar. Der Glaube an den Weihnachtsmann hingegen macht die Rolle rückwärts. Angenommene, längst zum Fetisch gewordene Glaubensinhalte wollen sich materialisieren, suchen einen Anker im Sinnlichen.
Das ist nicht griechisch, sondern eher schon römisch. Jüdisch-christlich-katholisch. Einer Gnosis, einer immer noch philosophisch – geistig/rational – konnotierten Theologie, noch völlig fremd. Einer neuen Revolution, einer neuen Wendung in der Geschichte, noch harrend. Das Geistliche musste sich gelöst haben vom Geistigen, musste reiner Selbstzweck werden, reine Form, der Scholastik zugänglich.

Teil haben an der Göttlichkeit des Geistes
@Darwin rules: Ich bin dafür Darwin diesbezüglich etwas zu korrigieren. Das was ich in der Natur (auch des Menschen) vermuten möchte, ist zunächst einmal (Selbst)Erhaltung, also Existenzkampf, des Weiteren fällt mir bei dem Thema „Eros“ ein, dass da noch so was ist wie
(Selbst)Befriedigung, d.h., die Existenz möchte lustvoll gelebt sein. Zumindest gilt dies für die Arten, die die eine oder andere Spielart der sexuellen Fortpflanzung gewählt haben.

Aber wenn es stimmt, dass Pflanzen unter Berührung besser gedeihen (wie Menschenkinder ja auch), verwiese das darauf, dass das Lustprinzip beinahe das wichtigere wäre, also dass das Erhaltungsprinzip nur der Lust wegen existiert. Wo keine Lust, da nur Frust, da lauert der Tod.

Und wo es die trickreiche Natur so eingerichtet hat, dass diese beiden Prinzipien an die Fortpflanzungsoption gekoppelt sind, scheint sich eine höhere Entwicklungsmöglichkeit, eine intelligentere, angedockt zu haben. Vielleicht weil so die Auslese sich genetisch noch mal verbessert, da aus Selbstbefriedigung (nicht auf Penetration ausseiende Lustbefriedigung also – in Reinkultur noch bei der kleinkindlichen Libido beobachtbar) gegenseitige, also penetrierende Befriedigung, ergo: erfolgreichere Fortpflanzung, wird.

Die Vorstellung von der „Fortpflanzung der Art“ wäre somit ein erster und somit noch weitestgehend ideologisch geprägter Reflex auf ein intelligibles Phänomen. „Die Art“ hat begriffen, dass es ihre Art ist, die sich da so fortpflanzt, und dass es ihr nützt, wenn sie diesen Vorgang hyperstasiert, wodurch die Fortpflanzung noch einmal optimiert werden soll. Man schafft einen Kult um die Fruchtbarkeit, in dieser göttliches ahnen wollend (hier wird „Eros“ zum Gott, später zum Fetisch). Ist doch Göttlichkeit des Menschen eigentliche Sehnsucht, ihm die wahre Lust. Und letzteres öffnet das Tor zu jeglichem geistigen Streben, zur Vergöttlichung des Geistes.

Und das wäre auch der unbezahlten Geistesarbeit Lohn – Teil zu haben an der Göttlichkeit des Geistes!

@Schoenbauer: Danke für die Hinweise. Ich werde der Sache nachgehen. Mit „Wachstum“ (im Gegensatz zur Fruchtbarkeit) meine ich natürlich nicht das Wachstum in der „pränatalen“ Phase, welches in „matristischer Zeit“ als weibliches Geheimnis um die Fruchtbarkeit verstanden wurde, sondern in der „postnatalen“ Zeit, welches dann auch schon „väterliche“ Zuneigung, den Einfluss der Sonne, erforderlich macht. Der ganze Übergang vom Mond zum Sonnenkult dreht sich genau um diese Unterscheidung. Übrigens waren es keltische Druiden, die Mond- und Sonnenkulte zusammenführten. Was sie wohl eine Zeit lang zu den klügsten Mystikern ihrer Zeit hat werden lassen und das keltische Patriarchat nicht so heftig hat regieren lassen.

Ich schau auch noch mal bei Bornemann nach, vielleicht finde ich ein paar deftige Stellen.

faz.net/blogs/deus/archive/2010/10/13/was-mit-medien-das-digitale-lumpenproletariat

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