Die wirklichen und die virtuellen Differenzierungen

Die wirklichen und die virtuellen Differenzierungen
Ein schön geschriebener Beitrag. Besonders jene Stellen:
„Das Studium der persönlichen Preisgabe digitaler Bekanntschaften ist nur eine scheinbare Annäherung an die Wirklichkeit ihrer Wesen…
Zu glauben, man tauche ein in eine Schar Besessener, in deren Mitte das eigene Tun besonnen und weise erscheint, dient an erster Stelle der Reduktion von eigener Unsicherheit und Zweifeln, die das Bad im Datenmeer in uns auslösen…
Wer sich täglich über Bekundungen entrüstet, hat scheinbar Gefallen an der Qual und verkennt die Möglichkeit, den Aus-Knopf zu drücken und selbst etwas zu initiieren, an dem er Freude hat.“
Doch bei dem folgenden Satz stutze ich jetzt:

„Das Social Web ist ein differenziertes Gesellschaftssystem, dessen Überlegenheit ist, vielfältige Diskussionsräume zu schaffen.“ Nun, wenn Sie geschrieben hätten, ein virtuelles Gesellschaftssystem, würde ich dem nicht widersprechen. So aber kann leicht der Eindruck entstehen, Sie meinen das so, wie Sie es formulieren.

Es ist ja genau der Punkt, dass wir das Gesellschaftssystem, das eigentliche, das reale, nicht aus den Augen verlieren dürfen, wenn wir ins virtuelle einsteigen. Denn genau darin, das heißt in dem Vergessen eben eines solchen, begründet sich die Hauptgefahr des Webs, insbesondere des Social Webs. Der wichtigste Grund vielleicht dafür, und Sie haben Ihn angedeutet („Wenn ich nicht ablassen kann, jede Zusammenkunft zu monieren und über andere zu spotten, ist das womöglich der Grund meines Besuchs“), warum Leute sogar süchtig werden können, auf das Web, ist die Beliebigkeit eben in den Differenzierungsmöglichkeiten.

Die wirklichen Differenzierungen – die Klassendifferenzierungen – sind immer noch (ja mehr denn je) erschreckend klar genug, in der wirklichen Welt, so dass es ein Bedürfnis werden könnte, diesen zu fliehen. Wenn Leute heute behaupten, dass selbst die Klassendifferenzierung zwischen Bourgeoisie und Proletariat nicht mehr klar zu erkennen sei („Es war da mal ein Sozialismus“), dann müssen das nicht unbedingt Jünger eines gewissen Herrn Erhardt sein, sie meinen nämlich nicht den ökonomischen Unterschied, sondern vermutlich den habituellen, von dem sie annehmen, dass dieser verschwunden, sprich: in Verbürgerlichung Aller entfleucht, sei. Dabei sind wir nur gleich im Angesicht Gottes, das heißt in unserem Glauben an die Suren aus der bürgerlichen Ideologie, nicht aber vor dem Kapital als solchen, dem waren Herren und Meister.

Auch wenn wir die Sprache der Bourgeoisie sprechen, heute, so bin i c h mir zumindest bewusst, dass ich dabei ein Proletarier geblieben bin. Und das im kruden Sinne des Wortes. Ein Bildungselement zwar (vgl.: „Waffen gegen sich selbst“), doch weiterhin ein Ausgebeuteter, ein gegen Lohn Arbeitender.

Das Web allerdings steigert meine „Konfliktfähigkeit“ und wird zur „treibenden Kraft“ auch zur Befriedigung meiner „Neugier“, da stimme ich Ihnen wieder vorbehaltlos zu.

Massenmacht gegen Kapitalsmacht
@Tom2010: ein interessanter Beitrag, und für sich genommen zunächst mal wohl nicht falsch. Doch denke ich, dass Klassen nicht entlang von Bildungsschranken aufgebaut sind, wenn auch solche, nämlich Schranken, durch Bildungsunterschiede stabilisiert werden. Die Verletzung solcher Klassenschranken, wären sie nur einer unterschiedlichen Bildung geschuldet, wäre tatsächlich relativ einfach.

Kapitalsschranken sind es! Großes Kapital macht große Gewinne (auch im Sinne von Einfluss nehmen – ganz wichtig, wenn es um Medien geht) erst möglich. Ich fange mit einem ganz großen Beispiel an: Bill Gates. Mag sein, dass er ein außerordentlich cleverer Bursche ist, doch das allein dürfte ihn so reich nicht gemacht haben. Ich vermute mal (wissen kann ich es leider nicht, da die meisten Dinge von Belang nicht wirklich öffentlich sind!), dass es seine Tätigkeit für diverse Dienste gewesen ist – Geheimdienste, Nasa, eben all diejenigen, die über unbegrenzte Mittel verfügen und damit den Hauptnutzen (vor allem den ersten Stunde) aus seinen Tätigkeiten gezogen haben und ihn damit erst reich gemacht haben durften. Und ohne eine neue Verschwörungstheorie zu bedienen, auch die diversen Aktivitäten von Google interessieren doch in erster Linie gewisse Dienste und darunter nicht zuletzt wohl die Wirtschaftspionage.

Und bei ganz Kleinen ende ich. Wer bestimmt darüber, wer mit seinem Blog Geld verdienen darf? Doch wohl nur der, der das Geld dafür hat! Und auch private Blogs, für die man sich interessiert, müssen in der Wirtschaft, in der ganz großen, Interesse wecken.

Um es kurz zu fassen: Es sind die alten Klassenschranken, die auch die Schranken im Internet sind. Will man daran was ändern, muss man sich dagegen organisieren. Macht aufbauen, Massenmacht gegen Kapitalsmacht. Dort wie hier.

Das geeigneterere Rüstzeug
@Schoenbauer/Tom2010: Es dürfte eine alte Diskussion sein, die wir hier führen. Und wenn ich auch von Bourdieu nicht so überzeugt bin, als Marxist vom Pseudomarxisten nämlich, muss man seine Studien zum Thema Sozialkapital schon ernst nehmen. Das Kapital wird eben nicht nur übertragen, im Sinne von vererbt, sondern eben auch im habituellen und sozialen Sinne. Es ist zudem ein Unterschied ob man von klein auf in der Welt der Unternehmen, des unternehmerischen Denkens aufwächst, die einem irgendwie immer alternativlos erscheinen muss, oder eben in der gewöhnlichen Welt von Verbrauchern (Lohnarbeitern und Konsumenten). Letztere können nur als Ausnahme ein sog. „Gespür“ für ein gutes Unternehmen haben, wenn sie nicht ganz und gar von der Konsum- und Arbeitswelt verschluckt sind. Daher kommt ja auch das Selbstverständnis des Bourgeois von Natur aus der Begabtere zu sein. Die „Begabung“, eine ganz bestimmte Begabung nämlich, wird ihm somit tatsächlich in die Wiege gelegt. Auf jeden Fall aber erhalten Bürgerkinder im Regelfall das geeigneterere Rüstzeug für die kapitalistische Welt, die ja wirklich die ihrige ist.

faz.net/blogs/deus/archive/2010/08/13/so-nah-und-doch-so-fern

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  • Von Wie sehr sie doch verwundbar sind am 1. Dezember 2013 um 17:27 Uhr veröffentlicht

    […] sicherer Milliardenaufträge. Von Beginn an – und natürlich von NSA/CIA und Pentagon. Bill Gates und all die anderen Superhelden. Wie sehr sie doch verwundbar […]

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