Der Stilbruch und das nette Geplauder

Der Stilbruch und das nette Geplauder
Apropos Hettche: Die FAZ-Redaktion hat mich kürzlich wieder mal gnadenlos zensiert, sodass mein Beitrag zu Hettche regelrecht im Sinn verkehrt wurde. Nämlich genau ab der Stelle, wo ich beginne, mich von einer konservativen Haltung zu verabschieden, wie eben auch von der eines Hettche, wird mein Text beendet. So konservativ, um nicht zu sagen: devot, wie ich da nämlich erscheine, und wie ich definitiv nämlich nicht bin, möchte ich besonders bei meinen konservativen Kritikern (die diesen Beitrag dann natürlich ins Grüne bewerteten) nicht in Erinnerung bleiben. Ich sende meinen Beitrag daher in der Hoffnung, dass möglichst viele von meinen Feinden unter der Leserschaft diesen lesen. Ich nehme es gerne in Kauf, dass ich dann dort nach rot abgestraft wird. Meinen empörten Protest hat die Redaktion weder beantwortet, noch gesendet.

Und was Hettche selber angeht, ich weiß natürlich nicht, inwieweit er auf die Kommentare zu seinem Artikel Einfluss nimmt (dass er die Leserbriefe hierzu bekommt, das nehme ich doch eigentlich an), aber wie kann man sich über das belanglose Plaudern in Blogs aufregen, aber die Fälschung der Ansichten seiner Kritiker (es mag natürlich gefallen, dass meine Kritik mit einer Streicheleinheit beginnt, welche sich dann am Ende als „Watschen“ herausstellt), nicht als Stilbruch geißeln.
Da ist mir Ihr nettes Geplauder doch allemal lieber, zumal des gelegentlichen Tiefgangs wegen (den die meisten so gar nicht bemerken).

Dafür stehen, was Literatur am wenigsten verträgt
Es macht Freude das zu lesen, denn jeden Satz kann ich unterschreiben, wenn ich auch vermutlich nicht jedes Wort so gewählt gesetzt hätte, wie er, wie Thomas Hettche. Und doch nützt es nichts, jedes Wort, ja jede Silbe scheint vor die Säue, so wie auch eines Frank Schirrmachers Klagen ob eines jenes Internets Wirkung auf des Menschen geistige Freiheit. Ein Klagen, das mir kommt, wie eben als unfreiwillige Bestätigung eines solchen, was ja einem Ralf Singer nicht so richtig gelingen möchte, „Menschen” nämlich, als “unfreies Wesen“; so zumindest will uns die letzte technische Revolution eingeredet haben – postrevolutionär.

Denn auch hier ist es so wie es ist, nicht so wie wir es uns wünschen. Des Menschen Teilhabe nämlich, gleich an welchem Gut, ist so sehr der unaufhörliche Lauf der Dinge, ist das Rad in der Geschichte, das nicht zum Stillstand zu bringen ist, dass es einem schon irgendwie paradox erscheinen möchte, darin so etwas wie „Freiheit“ zu vermuten. Tragisch nur, dass dies passiert, d.h. dass die Auflösung der so bewährten Arbeitsteilung begonnen hat, wo sie doch noch nicht so richtig passen will, nämlich in die gewählte Zeit.
Versucht die Klassengesellschaft, nämlich deren konservativer Geist, genau dieses doch zu unterbinden, also genau das, was diese Klassengesellschaft selber hervorbringt. Und zudem, kommt das alles daher als Subtext zu dieser Auflösung, die wir auch als Prekarisierung wahrzunehmen begonnen haben, eben auch jener Klassen.

Auflösung und doch keine, Klassengesellschaft und doch keine, Teilhabe und doch keine, Freiheit, die ich eben nicht meine. Das will mir das Drama sein, das ich beklagen möchte. Daher ist jede Kritik so revolutionär, wie eben auch konservativ, ein Umstand, der nicht nur den Konservativen Sorgen bereitet, denn offenbar erodierte, „prekarisierte“, diese Revolution, an die ich da gerade denke, schon vor dem ersten Gedanken an sie, schon lange vor dem heute und jetzt.

Revolution nicht als das, was der Mensch durchsetzt, sondern als das, was zu verhindern, ihm nicht gelingt. Einen nicht weniger dialektischen Materialismus, ja einen grauenhafteren Determinismus, konnten selbst die verbohrtesten Feinde, einem jungen Marx, und im völligen Missverständnis dessen, wofür er da zu wirken begann, nicht unterstellt haben, denn genau dieser hätte sich hiervon angewidert abgewendet.
Die Freiheit liegt in der Entscheidung, nicht in der Notwendigkeit einer solchen, und somit nur noch in einer Hinwendung zu ihr. Und sei es auch zu dem Preis der Selbstverleugnung, ja der Selbstvernichtung.

Eine solche Dialektik hätte was religiöses, ja eigentlich christliches, ich gestehe es, dennoch nichts metaphysisches. Denn nicht wenige Revolutionäre wurden da “ans Kreuz” geschlagen, aber ihre Botschaft damit auch. Höher konnte man sie nicht hängen, jene Botschaften!
Literatur sollte daher für etwas stehen, was sie selber offenbar am wenigsten verträgt, in ihren Kunstformen, in ihrem eigenen “lebenden” Organismus: Freiheit – die der anderen. “Grenzen setzen und diese überschreiten”, das ist kein Freiheitsrecht, nicht für die Literatur, sondern eine Botschaft an die Massen, nämlich, dass diese endlich “der Teilhabe” sich bemächtigen, die Grenze überschreiten.
Die Tendenz zur Teilhabe, auch in der Form als „Lebensteilnahme“, drückt schon eine solche Freiheit aus, die, welche die letzte technische Revolution so nicht nur nicht zu unterdrücken vermocht hat, sondern höchstselbst erst schuf.

Die Literatur mag sterben, muss sterben, aber nur um sich zuvor in einer höheren Sphäre verwirklicht zu haben, in einer nicht mehr literarischen, nicht unähnlich darin dem Schicksal jener Philosophie, die sich schon seit einiger Zeit in den Formen der Physik darzustellen hat. Und einer solchen bedarf es dann wohl auch nicht mehr, es sei denn in der Zukunft, wo die Literatur dann als unverzichtbares Hilfsmittel bei der Spurensuche des Menschen, bei Erforschung seiner Geschichte, seiner ganzen „Vorgeschichte“ (Marx), erkannt werden könnte, und wo diese Literatur auch als einstmals einzig allgemeingültige Form der Freiheit, wenn auch als Privileg weniger, und solchermaßen sie überhöhend, gedeutet wird.“ (faz.net/Internet-Debatte: Wenn Literatur sich im Netz verfängt, Von Thomas Hettche,09.04.2010)

Online-Beitrag war bereits gekürzt
@Der Tiger: Ich habe speziell für die Online-Version – und um diese geht es nur, vorläufig – eine gekürzte Fassung (Sie wissen ja: mit 1200 Zeichen maximal) abgesandt, ein Tag nach dem Leserbrief an die Printabteilung (zunächst war Hettches Artikel gar nicht Online. Es gab also keinen Grund diesen Beitrag noch einmal zu kürzen, es sei denn mit der Absicht ihn zu fälschen.

faz.net/blogs/stuetzen/archive/2010/04/19/besuch-bei-analphabeten-und-zauseln

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2 Trackbacks

  • Von Was werde ich morgen noch sein? am 15. September 2010 um 16:04 Uhr veröffentlicht

    […] Bedeutet das nun, dass man nicht mehr unterscheiden könne, zwischen beiden? Wohl nicht. Denn der Revolutionär entwickelt eine entsprechende Perspektive (vgl.: „Den neoliberalen Tagträumern, bzw. den konservativen Kassandrarufen zum Trotz“) für die nächste und fernere Zukunft, der Konservative klebt an seiner romantisch verklärten Sicht der Dinge, aus alten Tagen (siehe auch: „Der Stilbruch und das nette Geplauder“). […]

  • Von Das vor uns liegende, kann erst beschrieben werden, wenn es hinter uns liegt am 18. März 2011 um 23:42 Uhr veröffentlicht

    […] schon öfters gefordert. Nicht selten wurde ich dann gekürzt, zensiert, somit verfälscht. Von Ihrer Zeitung gar, Herr Schirrmacher! Ich erlaube es mir daher, mich auf Sie zu berufen, nämlich wo Sie da fordern: „Dabei könnte sie […]

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